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01. November 2013 Lesezeit: ~7 Minuten

Straßenfotografie und Präsenz

Mit der Geburt meines Sohnes fing ich an, zu fotografieren. Ich kaufte eine billige Kamera und der Verkäufer legte den Film ein. Voller Enthusiasmus machte ich Bilder, bis der Zähler bei 36 angekommen war. Zurück im Laden wurde klar, dass der Film nicht richtig eingelegt war. Also keine Bilder von meinem Nachfahren.

Von da an legte ich den Film selbst ein. Machte Fotos von meiner Familie und die Kodak-Aktien gingen in die Höhe. Die gleiche Firma wollte mir durch Beispielfotos den Weg zur Fotografie zeigen. Also machte ich Fotos von Sonnenblumen, Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen.

Recht schnell entdeckte ich, dass die Fotos meiner Familie viel interessanter waren.

© Peter Kool

Meine Frau malte und zeichnete an der Kunstakademie. Sie wies mich darauf hin, dass dort auch Fotografie unterrichtet wurde und so war ich wieder einmal fünf Jahre lang in der Schule.

Dort entdeckte ich berühmte Fotografen und war fasziniert von deren Arbeit. So wollte ich auch fotografieren und es fühlte (und fühlt) sich gut an, kreativ zu sein.

Ich wanderte durch die Straßen und erkannte, dass es nicht so einfach ist, ein gutes Foto zu machen. Das Leben auf den Straßen sieht so gewöhnlich aus – doch um ein gutes Foto zu machen, muss man in der Lage sein, das Ungewöhnliche vom Gewöhnlichen zu trennen.

 

Ein gutes Bild

Es gibt keine Regeln, wie man ein gutes Bild macht, es muss nur auf irgendeine Art berühren.

Ein gutes Foto sollte eine Art Erstaunen bewirken, was bei dem einen anders ausfällt als beim anderen. Das hat mit elektrischen Verbindingen im Gehirn zu tun, die durch Lebenserfahrungen wachsen. Und dann gibt es Menschen, die neue Sprossen mögen und solche, die nicht.

Fotos entstehen auf unterschiedlichsten Wegen. Man kann durch die eigene Präsenz eine Situation beeinflussen, aber auch ganz unbeachtet ein Foto machen.

Zum Beispiel wollte ich ein Foto von einem Mann mit schwarzem Auge und Augenklappe machen. Zur gleichen Zeit sah ich ein Mädchen die Straße überqueren und fand es interessant, sie auch im Bild zu haben.

© Peter Kool

Im gleichen Moment, in dem ich abdrückte, machte der Herr eine „Erdbeere mit Senf“-Miene und weil das Mädchen merkte, dass sie fotografiert wurde, machte sie eine schüchterne Geste und berührte ihr Auge. Meine Anwesenheit hatte also Auswirkungen.

Im Gegensatz dazu waren da mal diese vorbeiziehende Wolke, die mich komplett ignorierte und die Reste eines Baumes, die keinen einzigen hölzernen Muskel regten, als ich das Foto machte. Zwei alltägliche Dinge, die schon außergewöhnlich wirken, wenn man sie verbindet.

© Peter Kool

Die Wolke und der Baum könnten natürlich auch Menschen sein, die mich ignorieren und gar nicht wahrnehmen, während ich sie fotografiere.

~

Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte, die ist aber nicht wichtig. Mein einziges Ziel ist es, dieses eine Bild zu machen, das dem Auge gefällt. Um das zu erreichen, ist Glück ein wichtiger Faktor in der Straßenfotografie.

Im Gegensatz zu Malern, Schriftstellern oder Musikern muss ein Fotograf das Glück haben, diese Situationen zu erleben und er muss jedes Mal seine Kreativität daraufhin anpassen.

Ich interessiere mich jedoch nicht ausschließlich für die Straßenfotografie; ich mag viele Fotogenres. Ein gutes Portrait zu machen ist ebenfalls herausfordernd. Und die schönsten Fotos kann man von der Familie oder Freunden machen.

© Peter Kool

Wenn man Du sie hunderte Male fotografierst, ignorieren sie Dich irgendwann und denken „die Pappnase macht schon wieder ein Foto“. Dann kannst Du einen Treffer landen.

Ich bewundere Fotografen, die für ein Magazin arbeiten und es schaffen, jede Woche immer wieder gute Portraits abzuliefern. Im Kontext eines früheren Projektes ging ich zu bekannten Leuten im Ort (wie dem Bürgermeister und dem Pfarrer) und fragte sie, ob ich sie fotografieren dürfte. Und das war gar nicht so einfach.

 

Film und digital

Früher fotografierte ich auf Film und entwickelte die Fotos in der Dunkelkammer, jedoch bin ich froh darüber, dass uns schlaue Köpfe die digitale Fotografie gaben.

Von den Chemikalien bekam ich Ekzeme, ich fluchte oft über das versaute Papier und hatte weniger Zeit für das Fotografieren an sich. Um meine Ziele zu erreichen, ziehe ich ein Auto dem eleganten Pferd und der Eisenbahn vor. Ich bin mir recht sicher, dass es auch Leute gab, die froh waren, als die Glasplatten-Zeit vorbei war.

Wie auch immer, das Konzept ist immer noch das gleiche: Eine Linse und eine empfindliche Platte. Ich hoffe, dass wir in naher Zukunft Bilder speichern können, die auf unserer Netzhaut reflektiert werden. Das wäre mal revolutionär.

© Peter Kool

 

Internet und Ausstellungen

Eine andere fantastische Revolution ist die Ankunft des Internets. Fotos können mit Menschen in aller Welt geteilt werden, hunderte Leute können Deine Fotos ansehen und Du kannst täglich neue Juwelen entdecken, wenn Du willst.

Das Gegenteil davon ist, eine lokale Ausstellung zu besuchen. Ich bin immer allein in diesen Galerien, außer an Eröffnungsabenden. Das muss irgendwie mit den freien Getränken zusammenhängen.

Jedoch gibt es Wege, die Bilder zurück in die Öffentlichkeit zu bringen. Beispielsweise war in einem Antwerpener Fußgänger-Tunnel eine Ausstellung, während eine Straße umgebaut wurde. Dort wurden Fotos vom Leben vor hundert Jahren in der selben Straße gezeigt.

Städte sollten mehr in diese Dinge investieren, was für die Straßenfotografie generell gut wäre.

Gut wäre es auch, wenn ich nicht immer diese Zitronenblicke beim Fotografieren bekäme. Meine Frau meint, dass das von meinen haarigen Beinen kommt, die unter der Regenjacke zu sehen sind.

Kein Witz: Kürzlich wurde ich in Antwerpen von einem Typen angeschrieben und als Pädophiler beschimpft. Glücklicherweise passieren mir auch noch angenehmere Dinge.

© Peter Kool

 

Unterwegs

Antwerpen ist die nächste Stadt für mich und einmal die Woche gehe ich dort auf Fotojagd. Jedoch verkrampft mein Auslösefinger oft, weil ich hunderte Male ein und dieselbe Straße ablaufe. Als ob es nichts mehr zu fotografieren gäbe.

Deswegen gehe ich öfter mal woanders hin, um neue Inspirationen zu finden. Meistens in Nachbarländer wie Frankreich, Deutschland oder Spanien. Oder ich besuche Touristen-Plätze wie Benidorm in Spanien. Ein verrückter, lebendiger Ort, an dem ich nicht der Einzige mit einer Kamera bin. Was es für mich ein wenig angenehmer macht.

Jedoch bin ich meistens aus einer Unruhe heraus ziellos unterwegs. Ich kann nicht lange an einem Platz bleiben. Und ich hoffe, meine Knochen schaffen es, in den nächsten Jahren mit dem Kopf mitzuhalten.

Say cheese!!!

Dieser Artikel wurde von Martin Gommel aus dem Englischen übersetzt.

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15 Kommentare

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  1. du hast 5 Jahre lang an der Kunstakademie Fotografie studiert? Kannst Du über die zeit nicht mal einen eigenen Artikel verfassen? Es würde mich brennend interessieren, was die unterrichten, wie die unterrichten, ob die sich auf gute Technik konzentriert haben oder darauf, dass das Foto „Kunst“ war, ob jeder seine Bilder präsentieren musste und sie dann in der Gruppe zerrissen wurden…. weißt du die Kunstakademien sind so heilige hallen, in die normalbürger nie rein kommen, von daher würde es mich interessieren, was dort ab geht…
    das wäre schön… danke!

    • Hi Julia, sorry for answering in English.
      The acamdy I went to was an evening / weekend school and very accessible for everyone.
      The first year there were lessons in technique, but the main thing was of course the photo itself.
      The teachers were giving guidance by commenting the photos and also let you discover the photography of known photographers. We went into the field each week to take photos.
      By way of exam there were assignments each year.
      For the rest there was a lot of talking about photography and the meaning of life :-)

  2. Blogartikel dazu: Die wichtigsten Fotos 2013 › kwerfeldein - Fotografie Magazin