27. August 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Die Sterblichkeit der Dinge

Die Menschen auf seinen Bildern sind manchmal seltsam verzerrt, als hätte gerade eben noch im Bild die Erde gebebt und ein gewaltiger Ascheregen fiel auf sie nieder, verdunkelte ihre Gesichter oder tauchte sie sogar in absolute Schwärze.

Ich denke wieder an Pompeii, wenn ich die Bilder von Arslan Ahmedov sehe. An die stillen Körper, die gerade noch schützend ihre Arme umeinander legten. An Menschen, die dem Endgültigen entgegen blickten und deren Konturen mit jedem Windhauch mehr und mehr verschwanden. Mich hatte das damals zutiefst berührt.

Persephone © Arslan Ahmedov

Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit.*

Dieses Zitat von Susan Sontag beschreibt, so Arslan Ahmedov, am besten die psychologische Essenz des fotografischen Mediums, besonders im Bezug auf Menschen.

In seinen Bildern versucht er, archetypische Charaktere oder Erinnerungen an jemanden zu erzeugen. Wenn wir an Menschen denken, die wir lange nicht mehr gesehen haben, so löscht die Zeit die Konturen jener Person langsam aus, sagt er. In unserem Kopf wird die Person zu einer unscharfen Erinnerung ihrer selbst.

Paloma Negra © Arslan Ahmedov

Wenn er Menschen portraitiert, dann ist das sein persönliches Ringen mit dem Tod, aber vor allem mit der Zeit, so sagt er. Mit der Fotografie kann er eine Idee oder einen Teil der Persönlichkeit eines anderen sichtbar machen und festhalten und zwar für mehr als nur eine Sekunde.

Ich versuche, die Gegenwärtigkeit und Energie, nicht Erscheinung und Form einer Person vor der Kamera einzufangen.

Und so ist mein Vergleich zu Anfang mit den Toten von Pompeii vielleicht gar nicht so abwegig, wenn ich seinen Worten glauben schenke.

Mother and Daughter © Arslan Ahmedov

Manchmal ziehe ich es vor, die Persönlichkeit zu verstecken, um den Geist der Leute zu zeigen, aber wenn ich das tue, verschwindet sie nicht völlig, ich ziehe nur eine Haube darüber, denn ohne die Aura, den Charakter einer Person käme ich nicht aus.

Er spricht aus, was ich selbst oft denke. Dass der Mensch nicht einfach nur Objekt ist, sondern sich auf einem Bild immer wesentlich mehr abspielt.

Egal ob nun das wahre Wesen einer Person abgelichtet werden will oder eben ein angedachtes oder interpretiertes Gefühl aus der Situation heraus, in der sich Fotograf und Portraitierte befinden.

Danae Ne Dort Pas © Arslan Ahmedov

Arslan Ahmedov ist ein bulgarischer Fotograf, der in Sofia wohnt und arbeitet. Er fotografiert seit 2006 und hat an einigen Gruppenausstellungen in Bulgarien, Brasilien und der Türkei teilgenommen. Seine Arbeiten kannst Du in seinem Flickr-Stream bewundern, wozu ich Dich nun auch inständig dränge.

* aus Susan Sontag: „Über Fotografie.“ Aus dem Amerikanischen von Mark W. Rien und Gertrud Baruch. München/Wien 1989. S. 9-28.

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9 Kommentare

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  1. Einfach nur großartig. dieses zerfließen, unscharf werden, zerfransen … da denke ich unweigerlich an Roland Barthes Worte, an den „unheimlichen Beigeschmack, der jeder Photographie eigen ist, die Wiederkehr des Toten“. Danke für die Vorstellung, wahnsinnig gute Bilder.

  2. Sehr ausdruckstarke Portaitarbeiten.
    (und gut geschriebener Artikel, den Vergleich mit Pompeij
    finde ich sehr gut)

    Wisst ihr vielleicht genaueres wie Arslan Ahmedov die Fotos erzeugt?
    Also wie seine Arbeitsweise ist? (Digital mit texturen, nassbild ect…)
    Das würde mich jedenfalls interessieren.

    lg
    Stephan

  3. Blogartikel dazu: Portraitfotografie 6 Inspirationen | Portrait Foto Kunst