27. Juli 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Tschüß, Schlafzimmerwand

Wenn man umzieht, dann gibt es Dinge, die man vermissen wird. Man weiß es schon ganz genau, noch bevor man die ersten Kisten packt. Es kann die große Süd-Terrasse sein oder der Blick auf den alten Tannenbaum, der so viele Vögel und Fledermäuse beherbergt. In meinem Fall ist es die schön beleuchtete Schlafzimmerwand.

Für einen Nicht-Fotografen klingt das sicher verrückt. Aber meine Schlafzimmerwand kann was. Das Licht fällt so perfekt durch die große Terrassentür auf diese leichte Raufasertapete, dass kein Studiolicht mithalten kann. Durch dieses Licht, das so perfekt ausleuchtet, habe ich in dieser Wohnung meine Liebe für ganz einfache Portraits gefunden.

Leyla © Katja KemnitzLena © Katja Kemnitz

Vor vier Jahren, kurz nach dem Einzug, entdeckte ich das Potenzial meiner Wand zum ersten Mal. Ich suchte einen einfachen, neutralen Hintergrund für Passbildaufnahmen. Und da war sie und auf meine Passbilder folgten noch am selben Tag einige Selbstportraits.

Seitdem nutze ich mein Schlafzimmer als Ministudio mit natürlichem Licht. Ich weiß nicht, wieviele Modelle schon auf der Bettkante saßen oder mit dem Blick in meine Kamera vor der Terrassentür standen.

Sara © Katja Kemnitz

Dabei ist der Bildausschnitt immer sehr knapp durch die etwa zwei Meter freie Fläche zwischen Wandende und Tür. Die Portraits sind daher immer sehr nah, aber langweilig wird es nie, denn jedes Modell bringt einen anderen Ausdruck, einen anderen Blick mit ins Foto. Manchmal nutze ich auch kleine Accessoires und die meisten meiner Modelle haben ein Händchen für schöne Frisuren.

Für meine Schlafzimmerbilder nutze ich meist mein 50 mm und spiele mit Schärfe und Unschärfe. Mit Blenden von f/1.8 bis hin zu sehr geschlossenen Werten habe ich hier schon experimentiert. Ich mag bei diesen Bildern vor allem die Reduktion auf das Gesicht.

Durch den neutralen Hintergrund lenkt nichts vom Modell ab. Wenn ich am Ende eines Shootings die Bilder am Computer aussortiere, merke ich, wie viel auch nur die kleinsten Variationen der Mimik die Wirkung des Bildes verändern.

Eva © Katja KemnitzKathi © Katja Kemnitz

Auch muss ich diese Fotos kaum nachbearbeiten. Je nach Tages- und Jahreszeit verändern sich die Farben, die das Licht in den Hintergrund zaubert. Ein klein wenig helfe ich dann oft doch nach, aber lasse mich von diesen zufälligen Gegebenheiten inspirieren.

Innerhalb der letzten vier Jahre sind in meinem Schlafzimmer viele meiner Lieblingsbilder entstanden und ein klein wenig Wehmut ist beim Gedanken, sie nun bald nicht mehr zur Verfügung zu haben, dabei. In der neuen Wohnung wird es keine so schöne helle Wand geben. Aber vielleicht erwartet mich ja etwas Neues, vielleicht fordert es mich, öfter rauszugehen oder doch mit Studiolicht zu experimentieren. Ich bin gespannt.

Mach’s gut, Schlafzimmerwand. Schön war’s mit dir.

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7 Kommentare

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  1. Wow, ich ziehe heute um und habe sehr ähnliche Gedanken.

    Abgesehen von den nicht-fotografischen Dingen, die ich vermissen werde, sind es die hohen Decken und diese schöne leere helle Wand, die immer wie eine leere Leinwand gewirkt hat. Immer wenn ich sie angeschaut habe, war es, als ob ich sie mit meinen Gedanken und Ideen füllen müsste.

    Ich finde es schön, wie man sich auch an kleinen oder scheinbar belanglosen Dingen erfreuen kann.

  2. Das zeigt mal wieder, dass man keine 15.000€ teure Studioblitzanlage, etliche Lichtformer und so weiter braucht um sehr ansprechende Portraits zu machen.

    Ich mag diese reduzierte Art!

  3. Dann viel Erfolg beim Umzug.
    Die Weiße Wand hat sicherlich gute dienste geleistet. Der Vorteil von Studiolich ist, das die ergebnisse reproduzierbar sind. Ausserdem kannst du dann auch im Winter zu jeder Tageszeit fotografieren. Ich bin auch ein Freund von natürlichem Licht, aber 100 % reproduzierbar sind Fotografien unter solche bedingungen nicht.

    lg
    Stephan

  4. Blogartikel dazu: Wochenrückblick #51 » ÜberSee-Mädchen

  5. Blogartikel dazu: Redakteurin Katja Kemnitz stellt ihr Equipment vor. › kwerfeldein - Fotografie Magazin | Fotocommunity