27. Juni 2013 Lesezeit: ~5 Minuten

Wer liest den Aushangfahrplan?

Wer liest heute eigentlich noch den Fahrplan? Nicht im Netz mit dem Smartphone, auch nicht die Digitalanzeige. Nein. Den guten, alten, gelben oder weißen Aushangfahrplan, wie er schon jahrelang an Bahnhöfen hängt. Dieser Frage bin ich im Juni eine Woche lang im Rahmen einer kleinen Fotoreportage mit dem iPhone nachgegangen und bekam viele Antworten, die ich mit bis dato unveröffentlichen Aufnahmen zeigen möchte.

Wenn ich mit der Bahn längere Strecken fahre, schaue ich zuvor im Netz alle Fahrzeiten nach und bin bestens informiert, wohin ich wann muss, sollte ich mal umsteigen müssen. Oft habe ich sogar das Ticket auf dem Smartphone und muss nicht einmal Papier mit mir herumtragen. So genügt ein Blick auf meinen Apfelapparat für alles. Ich habe auch kein Fahrtenbuch oder Heftchen mit den Abfahrtzeiten.

Jedoch ist das erst seit ein paar Jahren so. Davor verließ ich mich auf mein Gedächtnis oder studierte vor Fahrtantritt das Fahrtenheftchen zu Hause. Vor Ort ging ich dann auf den gelben Plänen alles noch einmal durch und vergewisserte mich bei Umstiegen nochmals vor Ort. So viel zu meiner bisherigen Erfahrung.

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Zu Projektbeginn musste ich mich daran gewöhnen, dass in Karlsruhe vergleichsweise kaum jemand die aushängenden gelben oder weißen Fahrpläne liest. Gemessen daran, wie viele Leute die Digitalanzeigen nutzen oder schon informiert sind, interessiert sich heutzutage nur ein kleiner Prozentsatz für die Aushangfahrpläne. Dazu kommt, dass der geneigte Reisende mit der Zeit den Plan auswendig im Kopf hat, insbesondere, wenn sich die Ankunftszeiten in einer kontinuierlichen Taktfrequenz befinden und somit leicht zu merken sind.

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

So musste ich oft lange Zeit warten, bis sich irgendjemand zu den Plänen bequemte, um sich die Zeiten etwas genauer anzusehen. An einem kleineren Bahnhof in Karlsruhe-Durlach stand ich geschlagene 20 Minuten und wartete vergeblich. Somit entschied ich mich, nur noch am Hauptbahnhof Karlsruhe zu fotografieren. Dieser ist stets mit vielen Reisenden und Reisegruppen gefüllt, was mir die Durchführung des Projektes ermöglichte.

Dort fiel mir sofort auf, dass es fast keine jungen Menschen zu den Plänen verschlägt. Hauptsächlich alte Leute, Reisende mit viel Gepäck oder Menschen aus anderen Kulturen hielten sich vor den Bannern auf. Einige nur kurz, andere geschlagene 30 Minuten. Was mir wiederum die Zeit gab, um die Menschen beim Studieren aufzunehmen.

Wer liest den Fahrplan? © Martin GommelWer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Je länger ich drüber nachdachte und fotografierte, desto interessanter fand ich die Pläne. Sie sind in großer Schrift gesetzt, verleihen einen sofortigen Überblick über Abfahrtszeiten und sind zig Mal größer als die kleinen Smartphones, die nur einen kleinen Ausschnitt aller Fahrtzeiten anzeigen.

Außerdem liefern sie eine ganze Menge Zusatzinformationen: Zugnummer, Fahrtrichtung, Verkehrstage, Zugart und mit den weißen Aushangplänen auch die (planmäßige) Ankunftszeit. Die beigefügten Symbole und Fußnoten werden in einer Legende erklärt und zeigen beispielsweise tagesbezogene Abweichungen des Planes oder Reservierpflichten an.

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Wer liest den Fahrplan? © Martin Gommel

Aushangfahrpläne auf Papier haben aber auch Nachteile: Fallen einmal Züge aus, so ist dies nicht erkennbar und die Flexibilität liegt gleich bei null. Zusatzblätter hängen eigentlich immer daneben, wobei diese meiner Beobachtung nach nicht registriert werden. Gibt es beispielsweise eine Verspätung oder gar einen Gleiswechsel, können Nichtsahnende (oder Schwerhörige, die die Bahnhofdurchsagen nicht registrieren), gut und gern den Zug verpassen.

Einige Reisende benutzten kein Smartphone oder Handy, hatten Hütchen auf dem Kopf, feine Blusen an, waren mit dem Hund als Partner unterwegs und sahen oft auf ihre Armbanduhr, die stets im Wechsel zum Planlesen überprüft wurde. Es waren Menschen, die sich die Zeit nahmen, sich einen Überblick zu verschaffen und dem genauen Studium der Pläne auch Erstere gaben.

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Von technisch-fotografischer Seite sprechen die Fotos eine recht deutliche Sprache. Da die Möglichkeiten des iPhones vergleichsweise begrenzt sind, versuchte ich mich an verschiedenen Perspektiven und interessanten Situationen. Dabei war es mir nicht wichtig, möglichst beeindruckende Aufnahmen zu erstellen, sondern relativ nüchtern zu dokumentieren, was passiert. Kein großes Tamtam, sondern zeigen, was ist. Das war die Devise.

Da ich nicht von der anderen Seite durch den Plan fotografieren konnte, haben die Fotos eines gemeinsam: Die meisten Leute sind von hinten zu sehen und Gesichter recht selten – bis auf eine Ausnahme, die auch in dieser Serie aus dem Rahmen fällt, da sie eine situationskomische Sprache spricht.

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Für mich war es jedenfalls eine wunderbare Zeit, mich einmal diesem Phänomen über längere Zeit zu widmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es die gelben und weißen Fahrpläne in naher Zukunft nicht mehr geben wird. Also wollte ich sie festhalten und ich bin gespannt, wie es mir in 30 Jahren gehen wird, wenn ich zurück auf diese Bilder sehen werde.

Jedoch bin ich mir der Ausschnitthaftigkeit meines Projektes bewusst. Mittlerweile habe ich mitbekommen, dass das Verhalten der Leute an anderen Bahnhöfen sehr von dem in Karlsruhe abweicht – was in der Natur das Sache liegt.

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25 Kommentare

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  1. Huhu.

    Sehr schön das. Vor allem das immer wiederkehrende Gelb in der Serie. Was ja logisch ist, wenn man eine Serie mit Fahrplänen fotografiert ;)
    Von daher fällt für mich die „Ausnahme“ irgendwie aus dem Rahmen. Aber egal…

    Bahnhöfe sind irgendwie toll. Viel toller als Flughäfen.

  2. Eine Interessante unaufgeregte Serie, mag ich. Simpel und doch nicht einfach. Diese Unaufgeregtheit gefällt mir total.

    Musste etwas grinsen den wenn ich in Deutschland unterwegs bin suche diese Tafeln auf um mich bei der Wagenstandanzeiger zu Informieren wo ich mein Platz finden werde. Liegt auch daran das hier nie ein Platz reserviere ;-)

  3. Eine schöne Serie! Da ich ja selbst viel unterwegs bin und das fast ausschließlich mit der Bahn, sind mir diese Bilder sehr vertraut. :)

    Meine eigene Herangehensweise auf Reisen ist, die Fahrten mit der Bahn App am iPhone zu suchen, am Bahnhof dann am Automaten das Ticket zu ziehen und dazu die Zugverbindungen auszudrucken. So habe ich das Schwarz auf Weiß in der Hand. Sollte sich doch noch etwas ändern kann ich immer noch mein Handy zu Hilfe nehmen oder auch mal nachfragen.

    Allerdings sehe ich an so gut wie jedem Bahnhof mindestens ein zwei Personen die auf diese Pläne schauen da man hier, wie du schon erwähnt hast Martin, einfach eine Gesamtübersicht hat. Und als mir neulich mein iPhone auf einer Reise kaputt ging, war ich doch recht froh diese Pläne zu haben. :)

  4. Hallo Martin,
    schöne Serie-mitten aus dem Leben.
    Ich frag mich nur wie Du das mit dem Release der Leute,die Du fotografierst, regelst?
    Die Leute auf den Fotos machen den Eindruck,als wenn sie nicht wüssten,daß sie fotografiert werden.
    Gruss
    Hermann

  5. Zitat: „Ich kann mir gut vorstellen, dass es die gelben und weißen Fahrpläne in naher Zukunft nicht mehr geben wird. Also wollte ich sie festhalten und ich bin gespannt, wie es mir in 30 Jahren gehen wird, wenn ich zurück auf diese Bilder sehen werde.“

    Genau das ist es, was mich an der Street Fotografie fasziniert und warum darauf nicht zwangsläufig immer Menschen zu sehen sein müssen. Es ist Dokumentation des Lebens, der Stadt in der man lebt. Es sind vielleicht keine Bilder für hier und jetzt, aber für die Zeit wo ich nicht mehr bin, oder schon zu alt bin, eine Kamera zu halten die unter 1/16.000 Sekunde liegt und 12x VibrationsReduction weil ich schon so scheppert :)

  6. Ich fände es schade, wenn die Aushänge dasselbe Schicksal haben wie die (ebenfalls gelben) Telefonzellen. Aber auch die sind ja immer noch nicht ganz verschwunden, obwohl fast jeder mit einem Smartphone unterwegs ist.
    Vor allem für den Rückweg von kurzen Tagesausflügen finde ich die Papierauskunft unersetzlich. Das geht doch viel schneller, als erst auf seinem Smartphone rum zu tippen.
    Aber wer weiß… jedenfalls toll, dass du das festgehalten hast, wirklich, und noch dazu in einer so schönen Serie. Vor allem im letzten Block gefallen mir das erste und das unterste Bild. Ich hätte nie gedacht, dass diese Beleuchtung der Fahrpläne so gut für Fotos geeignet ist.

  7. Super Bericht. Ich merke gerade, dass ich noch nie groß über die Pläne und mein-, sowie das Verhalten anderer Menschen damit nachgedacht habe.

    Ich bin 24 Jahre jung und eine der wenigen Personen, die kein Smartphone besitzen. Ich schaue meistens zuhause im Internet nach und schreibe mir die Verbindung dann auf. Auf die Pläne schaue ich eigentlich nur, wenn ich mal ganz unvorbereitet, spontan reise oder sich etwas ändert.
    Was ich heufiger nutze sind die Pläne wor der Zug mit welchem Wagon hält. Sehr praktisch die Dinger.

    Ich glaube nicht, dass die Pläne so schnell verschwinden werden. Was ist zum Beispiel wenn dein Handy mal keinen Saft mehr hat? Und auch in vielen Jahren wird es noch Menschen geben, welche sich kein Smartphone leisten können.

    So oder so: schöne Serie.

  8. Hi Martin,

    eine herrliche Serie :) In unserem Zeitalter erwartet man ja tatsächlich, dass man an den Bahnhöfen auf diese urzeitlichen Tafeln verzichten könnte, aber du beweist wohl hier ganz dezent das Gegenteil, ABER es zeigt auch, dass die Pläne wohl doch eher von den Menschen gelesen werden, die zum großen Teil vermutlich nicht mit einem iPhone bewaffnet die Reise starten, so wie ich :)
    Bei der letzten Bahnfahrt vor einigen Monaten habe ich von der Busfahrt zum Bahnhof und zum Flughafen alles mit dem iPhone rausgesucht, der Blick auf einen solchen Plan ist dann nur noch rein „sicherheitshalber“ :)

    Grüße Poli

  9. Eine echt tolle Idee und schön umgesetzt. Wirkt so richtig „aus dem Leben“. Und ja, es scheinen hier vor allem die Menschen zu sein, die man klischeehaft auch da vermuten würde……..obwohl ich gestehen muss, dass ich selbst auch gern diese Pläne betrachte. Bin 24 und ohne Smartphone. Meistens zwar hab ich mir die Fahrzeiten vorher vom Internet rausgesucht und auf einem Zettel notiert oder weiß sie auswendig, aber bei längeren Wartezeiten am Bahnhof sind sie manchmal eine interessante Lektüre ;)
    Oder natürlich, wenn man spontan wohin oder wo weg fahren will. Gerade an kleineren Bahnhöfen raue ich der Zuverlässigkeit der digitalen Anzeigen oft nicht.

  10. Interessantes Projekt und schöne Bilder.

    Deine Aussagen zum Zusatznutzen (Zugnummer, woherkommt der Zug, …) hat mich überrascht. Bei uns in der Schweiz bietet die SBB ein App an, welches dir diese Infos liefert – inkl. Verspätungen, Position des Zuges u.v.m. Einzig die Wagenanordung (Nummern & Klassen) fehlen. Die Wagennummer ist in der Schweiz nicht so relevant, da man i.d.R. nicht reservieren muss. Die Aufteilung nach Klassen wird in grossen Bahnhöfen auf der Digitalanzeige dargestellt.

  11. Die Fahrpläne bleiben uns glaube ich noch ein wenig erhalten. Ich arbeite in der Firma, wo wir die Software zur Erstellung der Aushängefahrpläne, Faltblätter und ehemals Kursbücher programmieren. Und auch die Fahrplanauskunft im Web und bislang hab ich nichts gehört, dass die Bahn darauf verzichten wird. Aber sofern das Geld da ist werden sie vielleicht irgendwann mal etwas flexibler, es gibt da einige ganze interessante Ansätze.