17. April 2013 Lesezeit: ~13 Minuten

Die stille Stadt

Dieses Interview ruht seit Ende November in meiner Manteltasche. Nun finde ich die Zeit, das Gespräch aufzuschreiben und fühle mich just in dem Moment wieder an diesen Ort, mit all seinen Geräuschen und Gerüchen, zurückversetzt.

Wir befinden uns in Berlin, es ist noch Herbst. Die Gehwege sind leergefegt und ich eile zum Treffpunkt, einem Cafe in Friedrichshain. Extra für diesen Termin habe ich mir ein Diktiergerät gekauft. Ich treffe Thomas Graichen, Fotograf, und Ann-Christin Kumm, Geschichtenerzählerin.

Im Café ist noch keiner der beiden. Ich wähle den Platz nahe der Tür. Ich habe vor mir ein kleines helles Buch mit dem Titel „Die stille Stadt“ liegen, das ich nun schon in- und auswendig kenne.

Immer wieder spähe ich zur Tür.

Und da kommen sie, vielleicht zwei bis vier Teeschlucke voneinander entfernt, durch die Tür gestolpert. Erst Ann-Christin, mit Regentropfen im Haar und dann Thomas. Nach einer herzlichen Begrüßung, Lachen und Aufwärmen an der Heizung stelle ich die erste Frage.

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aus: Die stille Stadt

Ihr habt zusammen das Buch „Die stille Stadt“ herausgebracht, mit Bildern von Dir, Thomas, und drei Kurzgeschichten von Dir, Ann-Christin. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Ann-Christin: Es begann mit einem Gespräch über die Selbstzweifel der kunstschaffenden Menschen. Wir redeten darüber, dass man so seine Zweifel hat und ob das, was man macht, eigentlich Sinn ergibt. Und ob man das der Öffentlichkeit preisgeben möchte. Thomas fragte: „Darf ich das mal sehen oder hören, was Du schreibst?“

Thomas: Du bist dann vorbeigekommen, hast einen Stapel Zettel dabei gehabt und ich war der Zuhörer.

Ann-Christin: Und Thomas‘ Idee war, meine Geschichten mit seinen Fotografien zu kombinieren.

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aus: Die stille Stadt

Und Thomas, Du wusstest schon, welche Fotos Du dafür auswählen würdest?

Thomas: Ja, ich hatte sie im Hinterkopf. Sie sind im langen, kalten und schneereichen Winter 2010/2011 entstanden. In den Kurzgeschichten war etwas, von dem ich dachte, es könnte passen. Es war sehr stimmungsvoll und ich hatte die Idee, weil die Geschichten und Bilder sich nicht explizit gegenseitig illustrieren, dass die Bilder damit eine Art Kulisse bilden und einen Raum schaffen, in dem die Geschichten leben könnten.

Ann-Christin: Ich wollte allerdings keine schon bereits existierenden Texte verwenden, sondern es sollten eigene Geschichten sein, die in der stillen Stadt verortet sind, aber wiederum völlig eigenständig existieren.

Die erste Geschichte, die fertig war, war das Vogelmädchen. Ab dann wusste ich, in welche Richtung es gehen wird.

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aus: Die stille Stadt

Wie habt Ihr die Bilder und Geschichten dann zusammen gebracht, so dass sie miteinander funktionieren?

Thomas: Die Bilder existierten schon und da es ein herausragender Winter war, konnte ich danach nicht einfach weitermachen. Es gab diese Stimmung nicht mehr. Ich hatte die Bilder Ann-Christin in der Anfangsphase gezeigt und fand es gut, es sich so von da an selbst entwickeln zu lassen. Ich fand es schön, dass die Texte eigenständig waren und eine sanfte Verbindung zu den Bildern existierte. Das war auch meine Idee: Es eher lose zu koppeln.

Ann-Christin: Ich habe die Bildauswahl abgegeben. Habe gesagt: „Du bist der Fotograf, Du entscheidest das.“ Wir haben dann nur hin- und hergemailt und ich habe meine Meinung kund getan, wo die ausgewählten Bilder dann letztendlich stehen sollen. Uns war klar, dass es eben keine Illustration sein soll.

Thomas: Peter Gebert, der für das Layout des Buches verantwortlich ist, hat dabei dann auch noch einige Ideen im Bezug auf das Zusammenspiel von Bildern und Texten mit eingebracht, die wir gemeinsam diskutiert und zum Teil auch übernommen haben.

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aus der Serie: entrance to paradise

Fotos können Geschichten erzählen, Geschichten erzeugen Bilder …

Ann-Christin: Mir fiel auch auf, dass Fotografie und Kurzgeschichten viel gemeinsam haben, weil sie beide einen Moment festhalten, nicht wie bei einem Roman, in dem eine lange Handlung entwickelt wird.

Ein Bild oder eine Kurzgeschichte, das ist ein völlig subjektiver Blickwinkel: Kommt jetzt die Laterne mit ins Bild, kommt der Satz rein oder nicht, was gebe ich von meinen Figuren preis und was nicht? Und jeder kann etwas ganz anderes wahrnehmen. Deswegen passt das auch so gut zusammen.

„Ich gehe zu Fuß, mit knirschenden Schritten, ich mag die Jahreszeit. Ich mag es, wenn alles zugedeckt ist. Das hat sie nie verstehen wollen. Ich will deine Verstecktheiten nicht, sagte sie. Schrie sie. Warum sagst du nicht einfach, was in dir vorgeht. Einfach, dachte ich. Wenn überhaupt ein Wort nicht auf uns zutrifft, dann: Einfach.

aus: Die stille Stadt, Ann-Christin-Kumm

Die stille Seite der Stadt …

Ann-Christin: Die Bilder von Thomas haben etwas tief Einsames, Verlassenes. Die Bilder sind menschenlos.

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aus der Serie: entrance to paradise

Thomas: Ja, und das passt ja auch wieder zu den Geschichten. Die Menschen darin sind ja auch verlassen.

Ann-Christin: Deswegen finde ich es wichtig, von verlassen zu reden und nicht von leer – da ist klar, da geht es um Menschen, aber die sind gerade nicht da, sie sind nicht fassbar.

Deswegen passen sie auch so zum Übergang von Winter zu Frühling. Man sieht eine verlassene Bushaltestelle und weiß, da kommt gleich ein Bus und Menschen steigen aus; oder man schaut auf einen zugefrorenen See und weiß, wenn der Frühling kommt, dann ist die Eisschicht weg.

Thomas: Ich versuche ein anderes Bild der Stadt zu finden, die Rückseite, nicht die spektakuläre, sondern eine sehr stille Seite. Ich gehe sehr viel durch die Stadt und nehme dabei viel wahr. Ich sehe einfach nur und versuche, diese Orte oder Dinge festzuhalten, an denen die Leute in der Hektik des Alltags vorübergehen.

Hast Du Deine Kamera immer dabei, Thomas?

Ich hab zwar fast immer eine dabei, aber ich benutze sie oft nicht. Ich bin nicht der typische Straßenfotograf. Ich fotografiere auch sehr wenig, weil ich die meisten Bilder schon gar nicht mehr mache. Wenn ich etwas sehe, sortiere ich schon stark aus, bevor ich den Auslöser drücke oder eben nicht drücke.

Ansonsten nehme ich unterwegs das Mobiltelefon als ein Art Notizbuch für Orte, um später noch einmal wiederzukommen. Das Telefon als Kamera selbst ist für mich übrigens kein adäquates Medium. Ich gehe dann ein andermal gezielt los, muss Zeit haben, in der Stimmung sein, eine Idee haben. Ich brauche meistens sehr lange, bis ich ein erstes Foto mache und wenn ich es gemacht habe, dann komme ich oft in einen Fluss, ergründe den Ort Stück für Stück.

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aus der Serie: entrance to paradise

Machst Du das auch so mit Geschichten, Ann-Christin?

Ich überlege gerade, ob es da eine Verbindung gibt. Ich habe auch ein Notizbuch, in dem ich mir Sätze aufschreibe, die ich vielleicht mal verwenden will. Geschichten bilden immer auch ein Stück der Wirklichkeit ab, das ist wie bei einem Bild.

Oft denke ich aber, was ich mache ist nicht gut, da schlage ich wieder den Bogen zum Anfang unseres Gesprächs. Was ich mache, ist schon so oft gemacht worden, dass es nicht den Aufwand wert ist, das überhaupt zu machen.

Was überwiegt dann, dass Du es doch machst?

Das Bedürfnis, etwas zu verarbeiten oder auszudrücken. So wie Du ein Grundthema hast, Thomas, habe ich ja auch ein Grundthema. Es geht immer um Beziehungen und Kommunikation.

Meine Figuren reden so, wie ich finde, dass sie nicht miteinander reden sollten. Die Geschichten und auch die Figuren sind so lakonisch. Oft isoliert. Sie interagieren mit anderen, sind aber eigentlich isoliert.

Das klingt jetzt so traurig.

lacht

Ich schreibe gern über die Gedankenwelt der Figuren.

Ich habe gar nicht so viel mit Orten zu tun in meinen Geschichten und denke, dass es deswegen so gut mit den Bildern von Thomas zusammenpasst.

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aus der Serie: entrance to paradise

Thomas: Mit den Bildern werden die Orte in Deinen Geschichten dann auch konkreter.

Ann-Christin: Die Orte werden zwar kurz umrissen. Aber beim Schreiben denke ich dann, das passiert in einem Jugendstilgebäude und die Leser und Leserinnen bringen es mit einem Hochhaus in Verbindung.

Ich bleibe daher gerne unkonkret. Ich beschreibe auch meine Figuren nicht so ausführlich.

Thomas: Das verbindet uns dann auch wieder. Ich will nicht alles vorgeben. Ich will eigentlich eher den Leuten einen Impuls geben. Dann sollen die sich da selbst reinfinden. Es soll klar eine Richtung vorgegeben sein, aber eben nicht die Antwort.

Ann-Christin: Die Rezipienten sollen gefälligst ihren eigenen Kopf verwenden und nicht nur konsumieren.

Das ist ein schöner Satz, den lassen wir jetzt erst einmal wirken.

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aus der Serie: absence | presence

Gibt man mit Worten mehr preis als mit einem Bild?

Thomas: Man kann auch in Bildern sehr viel preisgeben.

Ann-Christin: Man gibt ja in beiden Fällen einen subjektiven Blick preis. Ich habe auch nicht Angst davor, dass jemand weiß, wer ich bin. Ich habe da eher in die Richtung Angst, dass es schlecht bewertet wird. Eher in die Richtung: Es ist nichts Besonderes. Wie bei Dir, Thomas, wenn Du sagst, Du machst ein Bild nicht, weil es das ja eh schon gibt. Aber irgendwie ist die Motivation doch da, trotzdem was zu machen. Wie ein Musiker, der trotzdem wieder was schreibt obwohl alle Akkorde, die es gibt, schon verarbeitet wurden.

Thomas: Ich glaube ja auch, dass die Erstellung des Buches ein neuer Prozess war – quasi einen Dialog zu haben.

Ann-Christin: Ja, und die Balance zu finden, zwischen „es ist ein Gemeinschaftsprojekt“ und „es ist meine Geschichte“. Ich habe die Zusammenarbeit als sehr konstruktiv gesehen und bin Thomas auch dankbar für die Idee, zusammen ein Buch zu machen.

Thomas: Wir wollten es im letzten Winter fertig bekommen und es hat nicht geklappt. Aber als es trotzdem ein Jahr später mit genau der gleichen Energie weiterging, zeigte sich, dass es nicht nur eine fixe Idee war, sondern dass alle drei Beteiligten voll und ganz dabei waren. Und nun ist das Buch da.

Ann-Christin: Das war auch ein großartiger Moment, das Buch in den Händen zu halten. Eben war es noch eine Spinnerei von „wir könnten mal und sollten mal“, und dann ist es plötzlich da. Also, ein gefühltes Plötzlich.

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aus der Serie: absence | presence

Fotografie soll anfassbar sein?

Thomas: Für mich hat Fotografie immer etwas Haptisches. Bilder an der Wand, in Büchern.

Ann-Christin: Eine Veröffentlichung exisitiert nur, wenn ein anderer noch mit darüber entschieden hat. Ich könnte meine Texte jetzt auch in einem Webblog veröffentlichen, aber das wäre für mich dann nicht wirklich veröffentlicht. Ich brauche noch ein Gegenüber, der das freigibt. Deswegen war die Erstellung des Buchs auch so wichtig für mich.

Thomas: Das ist ja auch bei einer Ausstellung so. Es sind einfach mehrere Leute daran beteiligt und der Prozess, wie etwas entsteht, ist gut. Man erarbeitet sich dabei auch etwas. Beim Fotografieren ist es genauso: Wenn ich im Fluss bin, dann bin ich ganz dabei und vergesse alles um mich herum. Das hast Du beim Schreiben bestimmt auch?

Ann-Christin: Ja, geht mir genauso. Ich muss aber immer diesen Moment überwinden, der davor kommt, bevor ich da sitze und schreibe. Ich denke oft: Dann mach ich das halt morgen. Und dann mache ich es doch nicht.

Thomas: Ich glaube, alles hat einfach auch seine Zeit.

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aus der Serie: absence | presence

Ann-Christin, fotografierst Du auch?

Ich finde das spannend, aber es ist nicht mein Medium. Ich habe nicht den Zugang, den ich gern hätte und benutze das lieber, um bestimmte Momente für mich festzuhalten.

Thomas: Ich glaube, man hat nur eine bestimmte Energie, um bestimmte Sachen richtig gut zu machen. Daher konzentriere ich mich inzwischen lieber auf wenige Sachen; versuche, sie wirklich gut zu machen und mit Tiefe auszufüllen. Andere Dinge, die ich auch gern machen würde, lasse ich dann eher und erfreue mich daran, dass sie andere richtig gut können. Dies so zu sehen, entspannt unglaublich.

Vielen Dank für das mutmachende Gespräch, vielleicht selbst einmal solch ein Gemeinschaftsprojekt zu wagen und danke für Eure Zeit und Eure Gedanken.

Das Taschenbuch „Die Stille Stadt“ mit drei Kurzgeschichten von Ann-Christin Kumm und 13 Fotografien von Thomas Graichen ist für 9,50€ hier oder direkt in der aff Galerie in Berlin zu erwerben.

Und wer noch mehr über den Fotografen Thomas Graichen erfahren möchte, der schaut sich am besten seine Webseite in aller Ruhe an.

alle Fotos © Thomas Graichen

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10 Kommentare

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  1. „Stine“ (Bild 8/10) gefällt mir richtig gut!
    Und: ja, der Artikel spricht mich an. Aber die Bilder, insbesondere die ersten 4-5, untermauern doch sehr das Gefühl des Herbstes, als das Interview geführt wurde, und sie wollen so gar nicht zu der Gefühlswelt passen, die im Moment gerade so in mir aufkeimt, mit Beginn des Frühlings, der Sonne und den sommerlichen Temperaturen. Aber das nur am Rande.

    • Fanden wir auch. Aber dann fand ich auch, dass im Text noch etwas anderes aufkeimt als „nur“ die Vorstellung der melancholischen Winterstille. Nämlich auch, wie solch ein Projekt gedeiht mit all den Fragen, die sich ein jeder im einzelnen stellt.

      Und hoffen wir, dass wir den Winter nun erstmal überwunden haben. In mir ruft auch alles nach Frühling, tanzen und im Biergarten sitzen.

  2. Eine ganz wunderbares Interview und
    viele „stille und reduzierte“ Bilder – gefällt mir.
    Auch die beispielhafte Kurzgeschichte ist gelungen.

    Zunächst hatte ich ein wenig Zweifel, was den Serien-
    charakter der Bilder anbelangt: ab Bild 5 gibt es doch
    einen starken Bruch in der Darstellung – bis ich dann
    gemerkt habe, dass es tatsächlich andere Serien SIND.
    Die Bilder jeder Serie ergeben für sich ein kohärentes
    Ganzes, sehr schön.

  3. Die Serien „entrance to paradise“ und mehr noch „die stille Stadt“ begeistern mich völlig.
    Die Bilder zeigen, wie ganz banale, eigentlich potthäßliche, fast beleidigenden Orte ( die Architekten und Städtebauer nennen das gerne „Unorte“) nur durch die Art ( art) der Abbildung, durch den Bildausschnitt und die hier geringfügige Verfremdung durch den Entzug von Farbe, Figuren, Tageszeit und Wetter zu regelrechten Bühnen werden, zu weihe- und würdevollen Orten, die plötzlich so etwas wie meditative Kraft entwickeln und eine gebieterische Stille, die auf den Betrachter einwirkt. Die Orte sind gar nichts und alles entsteht nur durch den Fotographen.
    Genau das ist es, was nach meinem Geschmack bei den Lofotenbildern gefehlt hat und was ich hier nun in Reinkultur zu sehen bekomme.
    Große Klasse !

    Andreas V.

  4. Beeindruckend!
    Gerade die Serie „entrance to paradise“ ruft in mir das Gefühl hervor, schonmal an den orten gewesen zu sein, sie schon gesehen zu haben. Allerdings nicht als Fotografien (und nicht als „Wiederholung“) sondern wie aus einem Traum gerissen.
    Immer wieder faszinierend, welche Wirkung gute Fotografien haben können.
    Hut ab!