26. Februar 2013 Lesezeit: ~3 Minuten

Sweet Home Chicago

Noch nie habe ich so gefroren und mich gleichzeitig so wohl gefühlt. Wie jedes Jahr bin ich im Winter wieder in Chicago unterwegs. Windy City, Chi-Town, Heart of America, Second Home. Für mich ist keine Stadt der USA so einladend und mit Heimatgefühlen verbunden wie die große Stadt am See.

Kalte Winter sind mir nicht fremd, doch die Winter in Chicago sind eine Art Lotterie. Im späten November kann man noch mit einem eiskalten Kaffee am Millenium Park sitzen und die Sonne genießen, um einen Tag später zu bemerken, dass man vielleicht doch den Polarparka hätte einpacken sollen.

Dieser Tag ist anders, er ist einfach perfekt. Kühl aber nicht kalt, sonnendurchflutete Straßenschluchten und schattige Hinterhöfe. Und so wandere ich ohne Ziel durch das Herz von Chicago-Downtown, dem Stadtteil mit den weltbekannten, überirdischen Subways – The Loop.

Chicago © Christian Hamann

Chicago © Christian Hamann

Chicago hat diesen unbeschreiblichen Charme. Patina wohin man schaut. Flugrost an den Trassen der Subway, vergilbte Schilder als Zeugen der alten Zeit von Schlachthöfen, Al Capone und den Filmerinnerungen an die Blues Brothers.

In Gedanken versunken wandere ich also über die South Wabash Avenue in Richtung Norden und stromere durch die vielen namenlosen Verbindungsgassen. Das Sonnenlicht als Kompass und die Kamera immer in der Hand.

Verlaufen kann man sich eigentlich gar nicht und wenn man doch mal Hilfe braucht: Chicagoer sind absolute Lokalpatrioten und helfen mit einem Lächeln und ein paar guten Tipps.

Chicago © Christian Hamann

Chicago © Christian Hamann

Innerhalb der Loop befindet sich das Finanzzentrum der Stadt. Banken und Börsen neben Starbucks und Shoppingmall. Ein buntes Treiben um mich herum und gleichzeitig so surreal. Alles hetzt von Termin zu Termin, während ich ohne Ziel einfach nur die Stadt in mich aufzusaugen versuche.

Nach vielen Blocks und Gassen schmerzen die Füsse und der Magen knurrt. Ich springe in die Subway und lasse mich einmal um den Stadtteil fahren.

Chicago © Christian Hamann

Jetzt habe ich ein Ziel: Das alte Exchequer, Stammlokal von Al Capone mit der weltbekannten Deep Dish Pizza. Im Exchequer scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wären da nicht Bilder von Michael Jordans großen Siegen mit den Bulls an der Wand, man würde sich in der Zeit zurückversetzt fühlen und Big Al jeden Moment erwarten.

Chicago © Christian Hamann

Und so sitze ich zum Abschluss meines freien Tages in dem alten Schuppen, trinke ein Bier, esse meine Pizza, gehe meine Bilder auf der Kamera durch und staune, wohin mich meine Füße an diesem perfekten Wintertag in Chicago trugen.

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19 Kommentare

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  1. Sehr schöne Geschichte, die es wirklich, auch dank der Bilder, geschafft hat mich für eine Weile in meiner Phantasie nach Chicago zu bringen. Danke dafür. Ich war bereits selbst mehrmals in den USA und bin immer wieder fasziniert von dem Land. Dank Dir habe ich nun ein neues Reiseziel: Chicago.

    Deine schwarz weiß Bilder sind faszinierend und Atemberaubend. Besonders beeindruckt hat mich Bild 2 und 4. Zu viele Worte, die in meinem Kopf rum geistern um das zu beschreiben was ich alles empfinde. Daher einfach nur kurz und knapp: Weltklasse!

    Micha

  2. Oh ja, was für eine Stadt! Ich konnte selbst schon einige Monate dort verbringen. Freundlich, sauber, viel Kultur.
    Man sollte aber auch die Chance nutzen, sich außerhalb des Loops umzusehen. Old Town, River North bieten tolle Ansichten und spelunkige Bars, eine Fahrt am Lake entlang die Sheridan Road nacH Norden hat abwechselungsreiche Architektur und kleine Parks zu bieten – am besten bis Evanston (Universität und Baha’i Temple).
    Das Museum of Contemporary Photography (http://www.mocp.org/ , 600 South Michigan Ave, kostenlos) ist immer einen Besuch wert!

    Danke für die Erinnerungen und den Wunsch, direkt ein Ticket zu buchen.

    Gruß Michael

  3. Als „Landei“ wirken diese Städte befremdend, aber sie habe einen unglaublichen fotografischen Reiz. Ich würde in Chicago auch gerne mal durch die Gassen und Straßen laufen – natürlich mit einer Kamera. Sehr schöne Impressionen die in SW gut kommen.

  4. schöne Geschichte, genauso mag ich es auch am liebsten wenn ich eine Stadt erkunde. Herumspazieren und von den Eindrücken leiten lassen, ohne starren Plan.
    Du hast da ganz starke Bilder mitgebracht, diese Szenen vermitteln einen sehr intensiven Eindruck von Chicago. Fotografisch ist mein Favourite das Vorletzte, das Gegenlicht und dazu die Silhouette der Frau, genau der richtige Moment wie wenn du ihr gesagt hättest „bitte da hinstellen.“

    ciao Markus

  5. Wow, ein schöner Artikel und wirklich eindrucksvolle Bilder! Meine Favoriten sind (ohne Teaser gerechnet) die 1, 2 & 4 – richtig klasse!! Ich hab schon lange kein (mich) so ansprechendes schwarz-weiß mehr gesehen, Daumen hoch! :)

  6. Am Ende der Artikels habe ich mich bisschen geärgert, dass es nicht weiterging. Man könnte daraus eine Art Fotobuchgeschichts-Band machen, wunderbar geschrieben und mit den ausdrucksstarken Bildern eine Klasse Kombo! Vielleicht sollte man das beliebte Reiseziel New York auf Chicago umändern. :)

  7. Bis auf das dritte und letzte Bild, sind die Aufnahmen wirklich sehr gut gelungen. So stelle ich mir schwarz/weiß Aufnahmen vor. Chicago steht auch schon etwas länger auf meiner Liste, den Laden werde ich mir sicherlich merken und wenn ich dann mal irgendwann in Chicago bin, werde ich auch mal so eine Pizza essen :)

    Schöne Grüße

  8. Habe ein Jahr in Chicago gelebt und bin durch Deine Bilder in nostalgische Stimmung gekommen. Abgesehen von diesem persönlichen Moment gefallen mir die Komposition und die s/w-Umsetzung sehr gut!

  9. Blogartikel dazu: Wochenrückblick #32 » ÜberSee-Mädchen