25. Februar 2013 Lesezeit: ~10 Minuten

Niemand ist eine Insel

„Sie mussten erkennen, dass die Werte der Welt, in der wir leben, und die Menschen, mit denen wir uns umgeben, entscheidende Auswirkungen darauf haben, wer wir sind.“ – Malcom Gladwell

Eine sehr populäre Theorie unter Fotografierenden ist, dass das zentrale Element, um das sich alles dreht, gänzlich eigene Ideen sind. Ich möchte diese Theorie in Frage stellen. Und zu Beginn sei mir ein persönlicher Einstieg erlaubt.

Ich habe jahrelang versucht, eigene Ideen zu entwickeln. Mein Ding zu machen mit der Fotografie. Bilder zu gestalten, auf die noch niemand vor mir gekommen ist. Und es fühlte sich so an: Puh, naja. Zwar hatte ich ein paar Ideen, aber mit ein bisschen Recherche wurde mir schnell klar: Martin, da war schon jemand vor Dir schlau. Na toll.

Immer wieder dachte ich daran, wie schön es doch wäre, einen Fotostil zu entwickeln, der noch nie in dieser Form dagewesen war. Etwas zu erschaffen, was keiner vorher je gedacht und auf diese Weise umgesetzt hatte.

Jedoch wurde ich immer und immer wieder enttäuscht. Denn ich merkte, dass ich nichts schaffen konnte, was nur aus mir selbst heraus entstehen konnte. Ein wenig gefrustet, ließ ich nach einer Weile die Idee vom Streben nach dem Unikum eine Weile liegen. Das wiederum fühlte sich ganz gut an.

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Doch lassen wir mal die lieben Gefühle beiseite. Heute glaube ich nicht mehr an das Geschichtchen mit der ganz eigenen Idee. Ich halte das Bemühen darum – zumindest für mich selbst – für Zeitverschwendung. Warum?

Weil wir keine unbeeinflussbaren Individuen sind. Und das, obwohl wir in einer Gesellschaft leben, die das Individuum und seine Genialität schier vergöttert.

Wir lieben es, wenn Daniel Craig, Uma Thurman oder Bruce Willis (für die Braveheart-Freunde: Mel Gibson) gegen die Bösen kämpfen. Sie sind die Helden, ganz allein. Sie schaffen es, ganze Armeen mit ihrem Einfallsreichtum, ihrer Disziplin und ihren heldenhaften Überzeugungen in Bann zu ziehen.

Was hat das mit der Fotografie zu tun? An dieser Stelle möchte ich gern eine Ebene tiefer gehen und einen kleinen Sprung in die Philosophie wagen. Der aus aus Slowenien stammende Slavoj Žižek nennt Kino „ein pädagogisches Institut“. Wenn wir eine Gesellschaft verstehen wollen, „müssen Sie nur ihre Filme ansehen.“ Es zeige ihre Struktur in Reinform.

Diese Struktur umgibt auch uns, die der Fotografie anhängig geworden sind. Sie beeinflusst unsere Wünsche, unseren Willen und die Art und Weise, wie wir an Dinge herangehen.

Das geheimnisvolle Genie

Ein weiterer Mythos, der dem Ganzen zugrunde liegt, ist die Redewendung „vom Tellerwäscher zum Millionär“, die wir aus dem Amerikanischen importiert haben. Dahinter steckt, wie jeder weiß, die Idealvorstellung, dass es jeder Arme schaffen kann, reich zu werden – und die Medien sind voll von überbordenden Heldentaten. Und auch hier lohnt ein Blick hinter Kinokulissen und Metaphern, mit denen nicht gespielt wird.

Einer (meistens ist es ein Mann) ist glorreicher als alle anderen. Er schafft das Undenk-, das Unfassbare. Gepriesen seist Du, einzelner Mann, der Du es schafftest, was keiner auch nur zu denken wagte!

Zurück auf den Boden der Tatsachen. Von solchen Ideologien umgeben sind auch wir, die Fotografen, die wir uns nicht selten auch als Künstler identifizieren. Die Fotografie als solche hat auch diesen Zweig, diesen Strang um das geheimnisvolle Genie. Und wer will nicht ein Genie sein?

Groß, bekannt, ein Star werden. Und: Mit unserer ganz eignen Idee. Mit unserem Stil. Wir, die Helden. Applaus, Applaus. Gepriesen.. ach, lassen wir das.

Zwar würde ich nicht mit den Rekreationisten sagen, dass alles ein Remix oder – das langsam einstaubte Wort – ein Mashup ist. Ich glaube nicht, wie Austin Kleon in „Steal like an Artist“ konstatiert, dass wir „nur die Summe unserer Einflüsse“, der „Remix unserer Mütter und Väter“ wären. Im Gegenteil, ich glaube, dass Kreativität das ist, was wir aus unseren Einflüssen machen.

Aber zu glauben, dass wir aus uns heraus die allergeilsten Fotos der Welt machen werden, ist Irrsinn. Uns theoretisch von unseren Einflüssen loszusagen, wirkt kontrakorrektiv, denn in diesen leben wir und können nicht ohne sie.

Vom Vor- und Sehnsuchtsbild

Der Idee des ganz und gar Eigenen liegt auch zugrunde, dass der oder die Agierende einerseits etwas schafft, was vorher nie in dieser Form dagewesen war, andererseits aber (und vor allem) keinerlei Ähnlichkeit mit Werken anderer aufweist.

Hierzu ZEIT-Redakteur Hanno Rauterberg in seinem Artikel „Schöner Klauen“:

Das ganze System der ästhetischen Produktion, das System der Kunsthochschulen, des Kunstmarkts, der Kunstmuseen, basiert auf der Vorstellung, dass Künstler etwas zu bieten haben, was andere nicht bieten.

Dass die Künstler also doch etwas Besonderes sind, eigensinnig, eigenständig, originell. Diese Vorstellung entwickelte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert auch aus einem antiaristokratischen Impuls heraus.

Der Adel war durch seine Abkunft legitimiert, die Künstler hingegen setzten sich über alle Traditionen hinweg, wollten Abgrenzung, nicht Nachfolge. Sie waren ihre eigenen Urheber, selbstbestimmt, aus sich selbst schöpfend. Als solche, als autonome Subjekte, konnten sie zum Vor- und Sehnsuchtsbild der Bürger avancieren.

Sie waren ihre eigenen Urheber, selbstbestimmt, aus sich selbst schöpfend. Klingt eigentlich gut. Leider zu gut, oder gar: falsch.

Evelyin Finger zitiert in ihrem Artikel Wie genial muss es denn sein? den Historiker Dirk van Laak: „Es gebe, sagt Dirk van Laak, in der modernen Gesellschaft ein irres Bedürfnis, überrascht zu werden. Dahinter würden sich Abgeklärtheit und Abgestumpftheit verbergen.“

Diesem Bedürfnis begegnen wir in Kommentarform regelmäßig. Wo? Hier, in diesem Magazin. Es ist keine Seltenheit, dass Kommentatoren enttäuscht um ihre verlorene Zeit leicht beleidigt der Redaktion vorwerfen, das hiesig gezeigte wäre nun „auch keine Neuheit“ mehr. Und wäre deshalb besser in der Tonne gelandet.

Schnarchopoparch! Gar keine noch nie dargebotene Bruce-Willis-Action! Ich will sofort mein Geld zurück!

Der Beginn

Jedoch schauen wir alle auch Fotos von anderen an und bauen auf dem auf, was Fotografen vor uns geleistet haben. Fotografen, die uns mit ihren Bildern inspirieren. Dazu bewegen, mal etwas Ähnliches zu probieren.

Das geht – zu Ende gedacht – soweit zurück bis zum Beginn, als wir unser erstes Foto machten.

Irgendetwas bewegt uns dazu, ein Bild zu machen. Vielleicht, weil es eine Familientradition ist und schon unsere Eltern fotografierten. Oder weil unsere Eltern dem Musischen nahe waren. Vielleicht auch, weil wir an der Wand der Freundin so tolle Abzüge sahen und dachten: Das will ich auch. (Das sind Beispiele, die es in eintausend Abwandlungen gibt, bitte keine wörtliche Auslegung.)

Und dann beginnen wir, zu fotografieren.

Und mit der Fotografiererei werden wir ganz – unerwartet – sensibel und empfänglich für die Werke anderer Fotografen. Schauen uns deren Bilder an, lassen uns davon inspirieren und versuchen, den Look, das Gefühl oder etwas anderes von dem, was wir da sehen, irgendwie auch in unseren Fotos zu finden.

Und merken: Wir sind umgeben von Inspirationen. Wir wollen und wir können uns davon nicht trennen.

Albert Einstein soll einmal gesagt haben: Das Geheimnis der Kreativität ist es, seine Quellen verstecken zu wissen. Womit Herr Einstein auch unterstreicht, dass jeder seine Quellen hat. Doch die wenigsten können oder wollen das zugeben. Sie sehen sich lieber im Lichte der eignen Genialität.

Jedoch: Niemand ist eine Insel.

Und selbst, wenn wir eines tun, was so ganz eigen erscheint, wenn wir von vielen Fotografen Vorgemachtes umkehren, es brechen, es umdrehen, verkrümmen oder in andere Kontexte setzen: Wir beziehen uns damit dennoch ständig auf sie.

Diametrale Inspiration

Der Familientherapeut Hellinger (er ist nicht zu Unrecht umstritten) sagte einmal „Hass bindet auch“ und erklärte an anderer Stelle, dass wir gerade dann, wenn wir sagen, wir wollten nicht so werden wie unsere Eltern, so werden wie sie. Und dass dieser Drang des „Andersseins“ immer wieder auf sie zurückführt.

Natürlich hassen wir nicht die Fotos anderer (obwohl…). Doch selbst oder insbesondere eine Abneigung gegen einen bestimmten Stil hat eine Zuneigung zu einem anderen Stil zur Folge und ist somit inspiriert von – ? Dem, was zu Beginn nicht gemocht wurde.

Zum Schluss übergebe ich das Wort nochmals an den oben zitierten Malcom Gladwell*:

Kein Eishockeystar, kein Bill Joy, kein Robert Oppenheimer und kein anderer Überflieger kann aus der Höhe seines Erfolges herabblicken und ehrlich von sich behaupten: „Das habe ich nur mir zu verdanken“.

Oberflächlich betrachtet scheinen Staranwälte, Mathematikgenies und Softwaremilliardäre einer anderen Welt anzugehören als wir. Doch das stimmt nicht. Sie sind das Produkt ihrer Geschichte, ihrer Gesellschaft sowie der Chancen, die sie hatten und der kulturellen Traditionen, die sie geerbt haben.

Ihr Erfolg hat nichts Übermenschliches oder Geheimnisvolles an sich. Er ist das Ergebnis von bestimmten Vorteilen und ererbten Traditionen, er ist zu einem Teil verdient, zu einem anderen nicht, einiges haben sie sich selbst erworben, anderes ist ihnen in den Schoß gefallen – doch all das hat entschieden dazu beigetragen, sie zu dem zu machen, was sie sind.

Die Überflieger sind am Ende eben alles andere als Überflieger.

Übrigens: Dieser Artikel wurde inspiriert von der Beschäftigung mit systemischer Familientherapie, Emergenter Theologie, einem Artikel, den ich vor einem halben Jahr gelesen und den Link (dummerweise) nicht gespeichert habe, meinem Freund Daniel Ehniss und vielen kleinen Dingen, die mich zum Nachdenken gebracht haben.

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54 Kommentare

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Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Ein sehr schöner Artikel, dessen Aussage ich aus dem Blickwinkel bestätigen kann: Ich sitze gerade an meiner Dissertation (Informatik bzw. Mathematik) und weiß wie sehr meine „Ideen“ doch nur die Rekombination der Ideen anderer sind. Viele der Aussagen des Artikels kann man unverändert auf die Forschung übertragen.

    Das Zitat wir seien „nur die Summe unserer Einflüsse“ erinnert mich an eine weitere Aussage von Aristoteles, die der Beginn der Theorie der Emergenz bezeichnet werden kann: “The whole is greater than the sum of its parts.” („Das Ganze ist mehr/größer als die Summe seiner Teile.“) Denn gerade in der Interaktion mit anderen Forschern und Künstlern und der Rekombination von bereits bekannten entsteht oft das (vermeintlich) Neue.

    Vieles Bekannte erscheint neu, weil es in anderen Kontext gesetzt wird oder im Licht des aktuellen Zeitgeist erscheint.

    Mir macht Dein Artikel, als Hobby-Fotograf, aber auch als Forscher, Mut und hilft mir die Enttäuschung zu verstehen, die ich manchmal verspüre wenn meine „genialen“ Ideen schon jemand anders hatte.

    Und weil wir schon so viele intelligente Zitate hatten (die wahrscheinlich auch vor den zitierten Personen im Umlauf bzw. bekannt waren):

    „If I have seen further it is by standing on ye sholders of Giants.“
    („Wenn es mir gelang weiter zu sehen, dann nur weil ich auf den Schultern von Giganten stand.“) von Isaac Newton

    Christopher

  2. Vollinhaltliche Zustimmung – vor allem das der Srang des Anderssein-Wollens von der immerwährenden Abnabelungsstreben von den Eltern grösstenteils stammt. Gerade auch diese Actionfilme weisen oft eine ältere Vater- oder seltener Mutterfigur auf als unterschwellige Gegenspieler.

    Ich denke ein wenig legt sich dieses Streben wenn man selbst bewusst Vater/Mutter wird. Aber in Kunstmarkt und Konsum werden wir stets wieder gerne darauf zurückgeworfen.

  3. Wir sind alle nur die Summe unserer Erfahrungen, unserer Eindrücke, wie wir sie verarbeiten, interpretieren und was wir daraus machen. Da kann durchaus etwas “ Überraschendes “ draus entstehen, das die Umwelt beeindruckt. Vor dem digitalen Zeitalter konnte man auch etwas “ Besonderes “ machen und es zu einer gewissen Bekanntheit schaffen – wenn die Quellen des “ Originals “ im Verborgenen blieben.
    Mit dem Internet begegnen einem nun an jeder Ecke und gefühlt stark gehäuft die Ergebnisse von Matschaugenportraits dank des Offenblendwahnsinns, Langzeitbelichtungen in Farbe und n&b ehemals verschwiegener Meeresbuchten, samtige Wasserfälle, mehr oder ( meistens ) weniger überlegter Strassenknipsereien, Modellbahnlandschaften, bis über alle Grenzen des guten Geschmacks hinaus plastifizierte Mädchen, knallige Farben oder auch nur einzelne ( seltenst gezielt eingesetzt, meistens nur noch der verzweifelte Schrei nach “ Guck doch einfach hin ! DAS ist das Hauptelement ! “ ) und – brandneu und toooootales must für den geneigten Hipster und Poser: echtes Polaroïd – möglichst grösser als 10×10 cm -, Wetplate und Grossformat. Jeder Bereich für sich und als Unikat genommen schlimmstenfalls “ nett „, im Grossen und Ganzen schön anzuschauen. In der Masse einfach nur noch zum Würgen.
    Da wird es schon schwieriger – und eventuell auch frustrierender – sich mit einer “ eigenen Sache “ aus der Masse abzuheben.
    Das wird nichts werden mit Fragen à la “ Wie bekomme ich diesen Bildstil hin ? „, “ Welches plugin oder preset brauche ich dafür oder dafür ? „, sondern mit eigener Hirneskraft, wie es gemacht worden sein könnte und eigene Weiterentwicklung in die Richtung, wie solche “ Effekte “ für eigene ( Bild- ) Aussagen verwendet werden könnten. Oder eben auch nicht. Dann kann er sich entwickeln, der eigene Stil, die eigene “ unverwechselbare “ Bildsprache.
    Das Rad wurde vor 3 000 Jahren entwickelt. Es braucht nicht neu erfunden werden, die Sache funktioniert. Funktioniert gut. Und trotzdem benötigte die geniale Menschheit weitere 2 775 Jahre, bis irgendwer auf die Idee kam, das mal unter einen Koffer zu bauen und zu gucken, was passiert. Es geht also. Nur ist der Grat verflixt schmal zwischen einem MQssenprodukt und was “ richtig Gutem „.

    Die beste Bemerkung, die ich mal erhalten habe : “ Wir waren mit 12 anderen Fotografen an ein und derselben Stelle. Warum, verflixt, sehen deine Bilder so verdammt anders aus ? “

    H
    btw : Ms Thurman heisst Uma mit Vornamen. Mit ohne “ r “ ;)

  4. Ich kenne keinen Fotografen der so denkt, wie du es unterstellst (z.B.: „Sie sehen sich lieber im Lichte der eignen Genialität“). Hast du dafür Belege oder wie kommst du darauf? Oder gehst du von dir selbst aus und schließt auf die Allgemeinheit? Von daher ist für mich schon deine Grundannahme für diesen Artikel erstmal eine Behauptung, die von dir als Tatsache verkauft wird.

    Dass niemand ohne Inspirationen oder andere Quellen lernen und arbeiten kann (und will), halte ich für eine Binsenweisheit und ich kenne keine Fotografen oder Künstler die das bestreiten würden.

    Und die Dame heißt Uma Thurman, nicht Urma ;)

    • Ich habe relativ viel mit unterschiedlichsten Fotografen zu tun (wir bekommen zahlreiche Anfragen, die wir u.A. aus diesem Grunde ablehnen), lese Interviews in Magazinen usw – und ja, auch, wenn es nicht wie eine Definition ausgesprochen wird, sehen sich einige (nicht: alle) Fotografen gern im Lichte der eigenen Genialität. Diese Haltung hat viele Gesichter, die erst erkannt werden, wenn zwischen den Zeilen gelesen wird. Wenn Du es plakativer willst: diejenigen, die dem Internet distanzierter ggü. stehen („Da könnte ja jemand meine Ideen klauen! Ich zeige keine Fotos!“ oder: „Ich sage keinem, wie ich dieses Foto gemacht habe und auch nicht woher die Idee kam!“ oder) zeigen diese Attitüde besonders bezeichnend, sind aber nur eins von vielen Beispielen.

    • Über Aussagen wie “ lieber mal den Deckel auf dem Objektiv lassen, und einfach nur spazieren gehen“, wenn man nichts Neues/Eigenes liefern kann, stolpert man immer mal wieder. Auch und vor allem hier.
      Siehe –> http://kwerfeldein.de/2013/02/09/kwerfeldein-diskutiert-uber-kopie-inspiration-und-idee/

      Von daher mag die Hauptaussage auf einer nicht verifizierten oder belegten These basieren, aber ganz so abwegig ist der Auslöser nicht.

      • @ Dela: Zwischen ” lieber mal den Deckel auf dem Objektiv lassen, und einfach nur spazieren gehen” und „“Sie sehen sich lieber im Lichte der eignen Genialität” besteht aber ein klitzekleiner Unterschied :)

        @ Martin: Wenn ihr hier so viel mit Fotografen und Kommentaren dieser Art zu tun habt, dann scheint ihr das ja irgendwie anzuziehen. Ganz ehrlich und nichts für ungut: Wenn du dein „iphone-Projekt“ über Monate penibel dokumentierst und jeden kleinsten Schritt der Öffentlichkeit mitteilst (bis hin zur Farbe deiner Kleidung), dann wirkt das auf mich auch ziemlich aufgeblasen und wichtigtuerisch.

        Ich habe auch täglich mit verschiedensten Fotografen zu tun, aber für ein unantastbares Genie hält sich keiner. Und ein paar arrogante Deppen gibt´s ja nun in jeder Kunstrichtung und auch in jedem anderen Beruf, das ist nicht Foto-spezifisch.

  5. ich denke, der gedanke, einen eigenen stil zu erschaffen, wird uns im sharingvergleich mit anderen auferlegt. wir verbringen mehr zeit damit denn je, das werk anderer zu betrachten und uns damit zu vergleichen. weil wir bindungen schaffen wollen, und uns auf der anderen seite von allen anderen abgrenzen. meist machen wir das, damit wir uns in dieser umgebung behaupten koennen, in der wir unsere fotografie an den mann bringen wollen. und weil alle unter staendiger beobachtung stehen, werden sie darauf getrimmt, moeglichst schnell zu erkennen, was sie besonderes haben und wie sie das zu geld machen koennen.
    die entwicklung des wirklich eigenen stils funktioniert aber anders. viel langsamer, behutsamer. und es geht dabei nicht darum herauszufinden, welche lightroompresets man zur wiedererkennung kombinieren muss, sondern darum, herauszufinden, was in einem selbst steckt. und was man der welt zu sagen und zu geben hat. wenn man das klar hat, kann es losgehen mit der kommunikation. und dann ist es auch kein widerspruch oder problem mehr, von wem man beeinflusst wurde auf seinem weg.

  6. Hey Martin,

    wenn du eine Idee hast, die ganz allein von dir kommt, und von deren Genialität du maßlos überzeugt bist, warum suchst du _bevor_ du sie umgesetzt hast nach Ähnlichem und setzt sie nicht erst um und vergleichst dann das Resultat mit eventuell bereits Vorhandenem?

    Und FÜR WEN willst du etwas komplett Neues schaffen, wenn nicht für dich selbst? Ist es nicht etwas komplett Neues für DICH wenn du vorher nichts von Anderem wusstest?

    Gruß

  7. Hallo Martin,
    ich halte das sogar für absolut selbstverständlich. Keine Idee ist neu sondern ein Schritt in der Evolution, so sehe ich das. Es gibt keine neuen Stil sondern nur Weiterentwicklung. Auch wenn mansch einer es glauben mag aber Microsoft hat die Fenstertechnik oder die Grafische Oberfläche nicht erfunden, das gab es in der UNIX Welt schon lange. Es würde nur weiterentwickelt. Das hat die UNIX Welt nicht lange auf sich sitzen lassen und auch wieder weiterentwickelt, und so weiter usw. Ping Pong. Die ersten Autos wahren auch mehr eine Kutsche als ein Auto wie wir es kennen. Genauso denke ich ist es mit allem egal ob Malerei, Fotografie usw. jeder Zeit hat ihre Eigenart.

    Ich finde das übrigens nicht schlecht. Anders wie Berufsfotografen fotografiere ich aus Spaß an der Sache, also warum sollte ich nicht irgendwelchen Vorbildern nacheifern. Evtl. gebe ich der Sache dann mal meine eigene ganz persönliche Note, aber dann ohne es zu merken oder gar zu wollen.

    Gruß
    Oli

  8. Wow, erst mal vielen Dank für diesen wundervollen Artikel! Sowas regt immer sehr zum Denken an, das mag ich.

    Ich kann dir in deinen Gedankengängen nur vollkommen zustimmen. Wir alle wachsen mit der Ideologie „vom Tellerwäscher zum Millionär“ auf, die sich bei näherem Betrachten einfach als falsch herausstellt, auch wenn sie – wie von dir genannt – endlos in Medien, etc. propagiert wird. Viele können noch so hart arbeiten, sie werden einfach nie die gewünschte Popularität bzw. den gewünschten Wohlstand erreichen.
    Im Grunde ist das auch ein Umwälzen und Abladen der Schuld an der eigenen Situation auf die Person selbst: „Es könnte dir ja besser gehen, würdest du dich nur mehr anstrengen.“ Ja, sowas hören Leute, die in Armut leben und einfach so gut wie keine Perspektive (mehr) haben, gerne, nicht unbedingt nur auf „Dritte-Welt-Länder“ (Ich hasse dieses Wort) bezogen. Die Mentalität der „kompletten Selbstschuld“ („Nur du alleine bist Schuld an deiner Lage“) ist eigentlich das Nonplusultra des Egoismus, der in unserer Gesellschaft leider vorherrscht.
    Genauso verhält es sich dann auch mit den „eigenen“ Ideen und dem Wunsch eben solche komplett alleine zu entwickeln und umzusetzen. Dass das nicht möglich ist, wird gerne ausgeblendet. Denn wirklich alles kann/hat Einfluss auf die eigene Kreativität haben und fließt unterbewusst auch in diese ein. Sich selbst nicht eingestehen zu können, dass all das nie von einem selbst und alleinig kommt, ist eigentlich mehr oder weniger eine Projektion dieses Egoismus‘ auf das eigene Schaffen.
    Wie ich vor kurzem hier auch schon mal geschrieben hab: Alles ist eine Inspiration, ist eine Inspiration, ist eine Inspiration…
    Keiner hat und wird jemals seine Position, bei egal was, nur durch sich selbst erreicht haben, im Hintergrund steht immer noch viel, viel mehr, seien das andere Menschen und deren Einflüsse, bestimmte Begebenheiten, Zufälle oder anderes.

    • Definitiv. Und wenn wir schon dabei sind, ist auch die Position „Talent oder keines“ als Dreh-und-Angelpunkt interessant zu betrachten. Diese versperrt meiner Meinung nach zusätzlich die Sichtweise, die eigene Persönlichkeit im Zusammenspiel mit anderen sehen zu können und ggf. zuzulassen.

  9. Ich glaube, der Faktor ‚Spaß‘ kommt ein wenig zu kurz bei der Geschichte. Bei allem Ernst, mit dem die ‚Künstler‘ sich der Fotografie widmen – vielleicht kommt der Erfolg von ganz alleine, wenn man einfach mal nicht ‚krampfhaft‘ versucht, besonders kreativ oder gar ein Genie zu sein und etwas besonderes zu schaffen, sondern einfach mal die Seele baumeln läßt und den Auslöser drückt, wenn einem danach ist?! Dazu braucht es ja eigentlich keine besondere Inspiration und auch keine sonstigen Einflüsse von außen.

  10. Jeder steht auf den Schultern seiner Vorgänger. Das habe ich in den Vorlesungen über moderne Architekturgeschichte schon sehr früh in meinem Studium gelernt. Und es wurde dort auch erfreulich unverkrampft mit diesem Fakt umgegangen. Je ‚freier‘ die Kunstsparte, desto größer scheint jedoch die Hemmung zu sein, sich und anderen dies einzugestehen. Und außerdem scheint es mir eine Rolle zu spielen, dass gerade auch Amateure (ich mag dieses Wort: Liebhaber) und self-made-Leute hier größere Hemmungen haben als akademisch ausgebildete Künstler. Das kann aber auch täuschen, ich habe da keinen Beleg dafür.

    Es ist eine große Wohltat, sich das klar zu machen. Etwas eigenes entsteht selten aus einer Kopfgeburt, es entsteht aus dem Tun. Es ist absolut erlaubt, sich Vorbilder zu nehmen, über Ihr Tun und Lassen Nachzudenken, Ihre Techniken einzuüben. Der eigene Input entsteht dann aus der eigenen Lebenswirklichkeit. Der eigenenen Sozialisierung. Dem eigenen Hinzufügen und Weglassen. Man steht ja nicht nur auf den Schultern eines Vorbilds. Es ist immer eine Gruppe von Vorbildern. Eine dynamische Gruppe, die sich mit dem eigenen Voranschreiten kontinuierlich verändert.

    Es ist gut, ein Plädoyer für das sich-bewusst-machen seiner Vorbilder abzugeben. Es ist gut, die Scheu abzulegen, Vorbilder zu haben.

  11. Hallo,
    sehr gelungener Artikel, bin gerade ebenfalls auf der Suche nach meinem Stil und verbringe somit viel Zeit mir fremde Bilder anzusehen. Wenn ich etwas finde, was mit gefällt, fällt es in der Regel auch gar nicht so schwer aus der Vorlage eine eigene Idee zu entwickeln.
    Die eigene, einzigartige Idee einfach so aus dem Hinterkopf zu zaubern – das halte ich für schlicht unmöglich. Irgendwo kommen Ideen immer her.

  12. Ein kleiner Nachtrag noch: Die Fotografie ist ein Reproduktionsmedium par excellence.
    Diese reproduzierende Dimension ist nicht nur technischer Qualität, sondern auch geistiger/ mentaler!

  13. zum thema individualität hat auch schon krischnamurti etwas schönes geäußert, was in der heutigen gesellschaft vergessen wurde..

    >> Solange wir nicht zu dieser Qualität von Beziehung finden, scheint mir, dass wir bei unserem Versuch, theoretisch oder technologisch Ordnung in der Welt zu schaffen, zwangsläufig nicht nur diese Trennungen zwischen Mensch und Mensch erzeugen, sondern auch unfähig sein werden, Korruption zu verhindern. Korruption entspringt einem Mangel an Beziehung; ich glaube, das ist die Wurzel der Korruption. Beziehungen, so wie wir sie jetzt kennen, sind die Fortsetzung der Trennung zwischen Individuen. Der Ursprung des Begriffs Individuum liegt in dem Wort «unteilbar». Ein Mensch, der innerlich nicht gespalten, nicht zersplittert ist, ist wirklich ein Individuum. Doch die meisten von uns sind keine Individuen, wir denken, wir seien es, und deshalb stellt sich das Individuum gegen die Gemeinschaft. Man muss die Bedeutung dieses Wortes «Individualität» nicht nur im Sinne des Wörterbuchs verstehen, sondern auf einer tiefen Ebene, wo es absolut keine Spaltung gibt. Das bedeutet vollkommene Harmonie zwischen Geist, Herz und physischem Organismus. Nur darin existiert eine Individualität. <<

    http://www.krishnamurti.ch/Rede.html

  14. Der Artikel ist wie aus meiner Seele geschrieben …
    Dazu ist mir folgendes Zitat eingefallen:
    »Sehen, was jeder sieht,
    und denken, was noch niemand gedacht hat.«
    Albert von Szent-Györgyi
    Ungarischer Nobelpreisträger für Medizin (Vitamin C)

  15. Hallo Simon, ich denke, genausowenig, wie Fotoumsetzungen NUR von uns kommen, kommen sie NUR von anderen. Wir sind ja nicht nur das Ergebnis unserer Umstände, sondern auch das, was wir draus machen. Somit ist da für mich schon noch Kapazität für eigenes, dies aber wohl wissend im Kontext äußerer Einflüsse. Sag ich jetzt mal so. ;)

    • Ja klar, sehe ich auch so. ;)
      Ich habe es vielleicht ein bisschen extrem formuliert. :D Ich meine natürlich nicht, dass wir NUR ein Produkt von Einflüssen sind.
      Eigentlich ist dieses Spannungsfeld Individualität / Umfeld sehr interessant und elementar, um Kunst zu verstehen – meiner Meinung nach. Wenn jeder nur in eigenen Sphären rumschwirren würde, könnte ja niemand einen wirklichen Zugang zu etwas finden. Warum beschäftigt sich z.B. der Studiengang „Kunstgeschichte“, den man im europäisch-amerikanischen Raum belegen kann, größtenteils mit der Kunst des eigenen Kulturkreises? Weil man die Entstehung der Kunst aus diesen Räumen soziokulturell besser untersuchen und nachvollziehen kann als z.B. afrikanische Kunst, die einem anderen Kreis entspringt, aber mit der man nicht so vertraut ist –wenn gleich das nichts über die Qualität aussagt!
      Ich bin aber auch der Meinung, dass die Individualität sich ihrer „Quellen“ bedienen kann um Kunst zu „produzieren“. Gäbe es die Individualität nicht, wäre ja alle Kunst im Prinzip gleich. Relativ furchtbar, finde ich! ;)

  16. Abgesehen von der dokumentarischen Fotografie, bei der der eigene kreative Einfluss durch viele Einflüsse begrenzt ist, finden sich dokumentarische Elemente auch in den meisten anderen Fotografien wieder. Im allgemeinen wird ja gerne nach einer „Bildaussage“ gesucht (manchmal auch verkrampft). Wurde nicht schon alles einmal gesagt?

    „Das Bild soll eine Geschichte erzählen.“

    Ich vertrete die These, dass diese Geschichte, die EIN Bild erzählen soll, sich im Kopf des Betrachters abspielt, und sie wird in der Regel nur zum Teil – oder überhaupt nicht – den Gedanken des Fotografen gerecht. Wer von beiden ist den nun das wahre Genie, der, der das Bild gemacht hat, oder der, der aus einem – vielleicht sogar belanglosen – Bild heraus für sich eine spannende Geschichte ziehen kann?

  17. Martin, du schreibst: „zu glauben, dass wir aus uns heraus die allergeilsten Fotos der Welt machen werden, ist Irrsinn.“ Wer sagt denn sowas? Du kannst nicht ernsthaft behaupten, dass das eine verbreitete Meinung unter Fotografen ist!?

    Falls doch, empfehle ich dir den Blick von fehlgeleiteten Möchtegern-Fotokünstlern abzuwenden (ein großer Teil eurer Leserschaft vielleicht?) und auf den fotografischen Alltag in Deutschland zu schauen. Da geht es zu 99% um Handwerk, und nicht um Genie oder so einen Quatsch.

    Übrigens sollte es zum (journalistischen) Standard gehören, dass man seine Thesen und Behauptungen auch mit Fakten unterfüttert. Mit gefühltem Wissen kann ich so ziemlich jeden Unsinn in die Welt setzen.

    • Hallo Chris. Das mit den 99% glaube ich nicht. Aber ich stimme Dir zu, nächstes Mal werde ich schauen, dass ich die Grundprämisse etwas besser untermauere, damit es nicht nur um meinen Eindruck, sondern auch um (von außen) Nachvollziehbares geht. Da muss ich noch dazulerenen.

  18. von m zu m,

    jetzt muss ich mal ein grundsätzliches lob loswerden. ich mag dein denken – deine mischung aus fotografie und leben. auch deinen mut zu altem und neuen.
    ich selbst – zeitungsmacher, stockfotograf und hobbykunsthandwerker – ständig auf der suche nach neuen aufgaben und ideen, zerbreche mir ständig den kopf was man neues machen kann. manchmal direkt krankhaft. kaum geschrieben, fotografiert oder gebastelt steht man bei näherer recherche vor der realität, dass man wohl nicht zu den nachkommen leonardo vinci’s zählt. aber was solls. in allen lebensbereichen ist es gut gute vorbilder zu haben. nur dadurch kann man sich weiterentwickeln. ob man diese verheimlicht oder nicht, das liegt am eigenen ziel.
    ein ist aber klar: wer kein interesse an anderen werken zeigt, der verwandelt sich zur insel.

  19. Feiner Artikel.

    „Ich glaube nicht, wie Austin Kleon in „Steal like an Artist“ konstatiert, dass wir „nur die Summe unserer Einflüsse“, der „Remix unserer Mütter und Väter“ wären. Im Gegenteil, ich glaube, dass Kreativität das ist, was wir aus unseren Einflüssen machen.“ – Das lässt sich auch ganz kurz mit einem Goethe-Zitat sagen: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“

    Ich glaube weder, dass ich das Rad immer wieder neu erfinden muss, noch dass ich das kann. Und ich finde den Gedanken, mit etwas nicht die Erste zu sein, auch nicht sonderlich erschreckend. Warum auch?

  20. Bisserl Psychologie lesen und man weiß das sowieso, ebenso das wir nicht so viel entscheiden wir wir denken das wir entscheiden. Unser Gehirn ist gut darin uns zu täuschen und das in so vielen Fällen das man sich auch gerne die Frage stellen darf, wie oft man doch letzt endlich wirklich selbst richtig nachgedacht hat.

    Und wir stellen das dar, geben das wieder, was die Umwelt um uns zu bieten hat. Das prägt unseren Charakter, unser sein.

  21. spannende Diskussion!
    Grundvorraussetzungen um irgendetwas künstlerisches zu machen, ist für mich Freiheit und Lust. Die Freiheit, die sagt „alles ist möglich“ und es auch zulässt, dass da „Kopieranteile“ in den Schöpfungen ist. ich mein wir sind teil einer gesellschaft und zu behaupten, ich wäre unabhängig von Einflüssen und alles käme aus mir, ist irrsinnig, da sind wir uns alle einig, hoffe ich. wenn also jemand streetfotografie mit seinem Phone macht, dann darf ich das auch. Vielleicht habe ich eine ganz andere Ader, auf Leute zuzugehen und sie zu fotografieren, der Look ist am Ende bestimmt anders. ich selbst zum Beispiel gehe als Malerin geziehlt in Ausstellungen um mich inspirieren zu lassen. Wenn ich z. B. dann sehe, mensch, Malen auf Tischdecken hat was, dann werde ich vielleicht bei Oma alte Bettlacken herauskramen, um sie zu übermalen. ich finde man darf sich nicht frusten lassen von einem „das gabs schon“ . Einfach weiter machen. Sich die Lust nicht rauben lassen.
    und damit komm ich zur zweiten Vorraussetzung für künstlerisches Arbeiten: Lust. Ich muss richtig Bock haben auf mein Thema und mein Material. Wenn ich mir die Lust rauben lasse durch ein „das gabs doch schon“, dann macht das Arbeiten keinen sinn. Demletzt hatte ich die Idee, Seifenblasen einzufärben, dann geben die beim Aufplatzen auf Papier interessante farbige Kreise und Flecke. Ich dachte erst, auja ich bin die erste die das erfunden hat und wollt schon mit ganz großen Seifenblasen experiemntiern. Bis ich in einer Kunstzeitschrift ein Bild von einem Künstler gefunden habe, der mit riesigen Seifenblasen ein Bild gemalt hat, was auch einiges wert war. Ja, er war der erste und hat abkassiert. Ich könnte jetzt frustriert zu Hause sitzen und das bunte Seifenblasenwasser wegschmeißen, doch ich habe damit experimentiert. Einfach weils tierisch Spaß gemacht hat. Das Ergebnis kann ich zwar keinem zeigen (weils mir einfach nciht gelungen ist), aber ich hatte meine Freude.
    Für mich ist letztlich wichtig: Frei sein und Spaß haben, dann entstehen auch immer wieder tolle sachen. mit jedem Bild einen Volltreffer zu landen, puh, das ist ein riesen Druck und ich glaub das gelingt auch den hochrangigen Künstlern nicht, oder?

  22. Hallo Martin, hallo Redaktion,

    danke für diesen Artikel. Das ist eine Richtung, in die sich kwerfeldein.de stärker entwickeln sollte.
    Mir fallen beim ersten lesen schon einige Missverständnisse auf, über die es sich zu diskutieren lohnt. Damit ist mein Kommentar also keine Kritik daran, dass dieser Artikel so veröffentlicht wurde. Ich erlaube mir vielmehr, damit umzugehen und darüber zu diskutieren.

    Zunächst lassen sich im Artikel verschiedene Behauptungen (Annahmen/Prämissen) finden, die nicht als solche sondern vielmehr als feststehende Wahrheiten (Schlüsse, Konklusionen) präsentiert werden (möglicherweise ist das beim Schreiben gar nicht so klar gewesen). Ohne jetzt inhaltlich auf die einzelnen Beispiele einzugehen, kann das kaum sauber funktionieren, wenn man, wie die Einleitung ausgibt, eine „Theorie in Frage stellen“ möchte. Insbesondere wenn das Problem der begrenzten Einflüsse, aus denen wir „nur“ schöpfen können angesprochen wird, ist ein ewig altes philosophisches Problem der Willensfreiheit berührt. Dazu haben schon (ganz) andere sehr Brauchbares geschrieben.

    Einen besonderen Punkt würde ich trotzdem gern konkret ansprechen, den ich für das wesentliche Missverständnis des Artikels halte: „Das Eigene“.

    Was ist mit „Etwas Eigenes“ gemeint?
    Sehr vereinfacht lässt sich beispielhaft sagen, dass jeder Musiker natürlich nur die Akkorde verwenden kann, die nunmal zur Verfügung stehen (Abwandlungen, Verminderungen usw. sollen für unser Beispiel keine Rolle spielen). Ein a-moll lässt sich aber beispielsweise durch ewiges, nahezu endlos wiederholtes spielen auf dem Instrument derart verinnerlichen, dass es unverwechselbar einzigartig klingt und von Hörern zweifelsfrei einem Spielenden zugeordnet werden kann, obwohl es dieselben Töne enthält wie das a-moll jedes beliebigen anderen Spielenden. Es wird durch die intensive und kleinteilige Auseinandersetzung (endlos wiederholtes spielen) mit diesem Akkord derart verinnerlicht dass es zu einem Teil des Spielenden wird. Es wird zu etwas Eigenem. Obwohl es noch immer aus den Tönen besteht, die ein a-moll bilden.

    Die Frage, ob es etwas Eigenes geben kann, kann also nur beantwortet werden, wenn vorher klar ist, was genau „etwas Eigenes“ bedeutet.

    Um mit den Empiristen zu sprechen: Natürlich kann man nur wollen, was es gibt. Frei zu wollen heißt, sich entscheiden zu können, etwas zu tun oder nicht zu tun. Dem Willen eine weitere „Überprüfungsebene“ zuzuordnen, die hinterfragt, was freier Wille ist, bzw. wann der Wille frei ist, eröffnet ein neues Problemfeld. Es ist nicht identisch mit dem Problem des freien Willens.

    Danke nochmal dafür, dass es auch mal um Gedanken und Ideen geht, die nicht mit dem Vergleichen der eigenen Leistung zu tun haben.

    • Da wird es spannend, denn die Frage ob der Empirist in der Lage ist zu erkennen, was sich aktueller Methodiken entzieht, lässt sich, ohne sehr große Fässer aufzumachen, nicht einfach beantworten. Einsteigend dazu vielleicht Godehard Brüntrup : „Das Leib Seele Problem“ und Roth/Pauen „Freiheit, Schuld und Verantwortung“.

      Davon ab, der erste Schritt hin zu der Möglichkeit, eigenes entwickeln zu können , ist – so denke ich – das Aussteigen aus der Feedback-Spirale der Online-Welt und ein Hin zur Beschäftigung mit sich selbst. Nur so lässt sich das Was und Warum der eigenen Intention klären. Das Feedback der anonymen Masse – ohne Kenntnis der ästhetischen und inhaltlichen Kriterien ihrer Beurteilungen – hilft nicht weiter und bremst – im schlimmsten Falle – die eigene Entwicklung aus. Eben dann wenn der Gedanke über erhaltenes Feedback oder die Ablehnung und das konsequente Arbeiten gegen die gerade aktuell akzeptierende Rezeption der Masse die eigene Arbeit und Schauen beherrscht . Das Wissen oder der Versuch dieses zu erlangen, schafft die Freiheit, die gebraucht wird um sich zu entwickeln.

      Die Frage darf nicht lauten: „Gab es das schon?“, sondern muss sich auf das Selbst und die damit einhergehende Intentionen beziehen. Der Schritt vom Epigonententum hin zur Einzigartigkeit wird sich im besten Falle von alleine vollziehen oder es wird sich die Erkenntnis einstellen, dass es für die angestrebte Einzígartigkeit nicht reicht, was dann auch nicht weiter schlimm ist, denn das Ergebnis wird immer die Kreation des eigenen Selbst bleiben und damit nicht fremdgesteuert.

  23. Ich finde, dass Fotografen von den Menschen inspieriert sind, die vorbei laufen. Von den anderen Arbeiten inspieriert sind, die veroffentlicht werden. Von den anderen Kuensten, von der Politik, von aktuellen Trends, von allem und von allen. Sogar die Art, wie wir Dinge oder Menschen sehen, die Perspektive, die wir anwenden, die Bearbeitung oder sogar die Komposition die wir waehlen, von den Sachen gepraegt sind, womit wir staendig in Kontakt kommen. Will man seinen Weg finden, koennte man eventuell versuchen, sich selbst treu zu bleiben, das zu machen, was einem wirklich Spass und Sinn macht. Und dann sich erlauben, Fehler zu machen, sich nicht anzupassen, manchmal frei zu sein und mit seinen Aengsten (nicht gemocht zu werden – in der Arbeit) klar zu kommen.

  24. Wenn wir den Anspruch verfolgen, etwas wirklich komplett Neues in der Fotografie einbringen zu wollen, leben wir alle wahrscheinlich ca. 80 Jahre zu spät.
    Meiner Meinung nach wurden alle wichtigen Stilrichtungen und fotografischen Mittel zwischen 1840 – 1930 entwickelt und zur Anwendung gebracht.
    …..Durch die Vergleichbarkeit der Fotos und die schiere Menge, die jeden Tag erzeugt werden, ist es so schwerer einen „eigenen“ Stil zu finden.
    Es ist weiter oben schon erwähnt worden. Es macht möglicherweise mehr Sinn, seinen fotografischen Blick zu schärfen und die Welt so zu zeigen, wie man sie wahrnimmt.
    Ich finde, dass ist auch die stärke von Fotografie und der Grund warum ich nicht male oder schreibe.

  25. Wir sind selbst die Quelle, C.G. Jung nannte es, kollektives Unbewusste. Die vermeintliche wirkliche Welt, die Gedanken, Vorstellungen und Inspiration und der nächtliche Traum sind „Träume“, zeitweiliger Vorstellungen des Selbst. In beiden Fällen scheint sich das Selbst zu vergessen und glaubt , ein Körper und ein Einzelwesen zu sein, das scheinbar eigene Vorstellungen und Ideen hat. Das dabei jeweils empfundene Ich ist also nur eine Vorstellung. Wobei dieses nicht abwertend gemeint ist, denn nur mit einem empfundenen Ich kann das Selbst Welten erleben und Erfahrungen machen. Ohne Vorstellung gibt es keine Welt.

    Wir wähnen uns frei, weil wir die Motive nicht kennen, die uns zum Handeln treiben. Aber unser Wille ist nur der Zeiger auf dem Zifferblatt, der die Stunden angibt und das Schlagwerk in Bewegung setzt … Über unsere Handlungen können wir nicht Herr sein, weil wir nicht Herr über unser Wesen sind. … Die moralische Welt kann daher nicht die Welt der Freiheit sein, aber sie ist die des Herzens.

    Zum Thema freier Wille: Richard David Precht im Gespräch mit Thomas Metzinger:
    http://www.youtube.com/watch?v=BXJU_srHqA0

  26. Naja, es gibt ja wohl einen Grund, wieso in Kunstakademienvon anno dunnemals das Studium damit begonnen wurde, erst einmal die alten Meister zu kopieren, bis sie einem aus den Ohren herauskamen. Damals, etwa bis Anfang 20. Jh., war es auch übliche Praxis, sich in Künstlerwerkstätten um einen Meister herum zusammenzuschließen – damals hat keiner geglaubt, dass man ohne Einflüsse von außen kreativ arbeiten könne.

    Und die Sache mit den antiaristokratischen Impulsen heraus verhielt sich ein wenig anders als hier dargestellt: der Adel als Geldquelle für den Künstler – in Form des Mäzenatentums – fiel weg, weswegen Künstler in zunehmendem Maße gezwungen waren, sich den Gesetzen des Marktes und der Masse zu beugen, was bedeutete: man musste originell sein, wenn man gefallen und auffallen wollte.

    Ansonsten: die Suche nach DER EINEN Idee ist in der Tat ziemlich fruchtlos, da stimme ich dir zu… also: entspannen und einfach sein Ding machen.

  27. Wenn niemand eine insel ist, was ist dann mit dem ganzen wasser? Und die kontinente erst, was tut sich da noch?

    ein inspirierender artikel, um einbisschen zu reflektieren, was einen bewegt und antreibt und ob’s nur für einen sprint oder für einen dauerlauf reicht.

    wenn „ma’s nicht mehr darennt’s“, dann wird’s halt zeit das hamsterrad zu verlassen, und sich ein neues zu suchen :-) ?

  28. Um der Diskussion noch einen andere Richtung zu geben: vielleicht liegt die besondere Leistung nicht darin, etwas im luftleeren Raum neu zu erfinden zu wollen, sondern den Mut und das Durchhaltevermögen zu haben, eine Idee gegen den Strom und die aktuelle Zeitgeist-Massenmeinung zu vertreten.

    Bei den ganzen Malerei-Stilen war es ja auch nicht so, dass noch nie jemand so etwas schon mal gemalt hat. Die Besonderheit war doch, dass die großen Meister ihren Stil gegen das, was damals allgemein als „gutes Bild“ galt, vertraten, und so die (Remix)-Idee groß machten, oder?

  29. Sehr schöner Artikel. Ich habe mich im Rahmen meiner Diplomarbeit „Es war schon mal…“ mit dem gleichen Thema beschäftigt. Essenz ist, dass der menschliche Geist überhaupt nicht in der Lage ist, vollkommen neue Dinge zu erfinden. Alles ist eine Kombination aus bereits Bekanntem.

    Somit ist Kreativität an Rezeption und Erkenntnis gebunden. Beispiel: Wenn Du einen Menschen in einem vollkommen weißen und isolierten Raum aufziehen würdest und Du gibst ihm einen Bleistift und ein Blatt Papier, dann würde dieser Mensch niemals auf die Idee kommen, ein Auto, einen Baum, ein Haus oder überhaupt irgendwas zu zeichnen, was er in seinem isolierten Leben niemals kennengelernt hat. Wie denn auch? Er weiß ja nicht um deren Existenz.

    Es ist also für die Kreativität im allgemeinen (also nicht nur für Fotografen) unverzichtbar, sich umzuschauen und zu inspirieren. Das fängt beim scharfen Beobachten der alltäglichen Umwelt an und hört noch lange nicht dabei auf, sich Werke von Kollegen anzusehen und bewusst zu analysieren. Auch unbewusste Rezeption erweitert unseren Pool, aus dem wir unsere Kreativität schöpfen.

    Aber woher auch immer unsere Sammlung von Eindrücken stammt – wir brauchen sie. Denn nur so sind wir in der Lage, durch neue Kombination der Dinge (scheinbar) Neues zu schaffen und damit zu überraschen und begeistern.