Cover und Umschlag des Buches Leidenschaft Aktfotografie von Corwin von Kuhwede, Verlag Rheinwerk
21. März 2016 Lesezeit: ~9 Minuten

Rezension Leidenschaft Aktfotografie

Bereits in seinem Gastartikel bei uns hat Corwin von Kuhwede seine Sicht auf die Aktfotografie angerissen und die ausführliche Darstellung in seinem Buch „Leidenschaft Aktfotografie“ angekündigt. Dieses ist jetzt im Verlag Rheinwerk erschienen und ich habe einen ausführlichen Blick darauf geworfen.

Sehr schnell wird schon einmal klar, was dieses Buch nicht ist: Es ist kein Bildband und es ist auch keine Technikschule. Die Größe fällt – beim Umfang von 352 Seiten – noch unter handlich, was auch sinnvoll ist, denn nur 145 dieser Seiten sind mit Fotografien gefüllt, der Rest mit Text.

Das verwendete cremeweiße Werkdruckpapier passt dazu, denn zum Lesen der Texte ist es sehr angenehm. Für die Bildbetrachtung ist es gerade noch in Ordnung, aber gerade bei Abbildungen mit dunklen Bereichen werden diese teilweise unangenehm von der Papierstruktur überlagert. Perfekt gewesen wäre die Verwendung einer zweiten Papiersorte für diese Seiten.

Inhaltlich ist die Auswahl der Bilder zu den Texten sehr gelungen. Oft findet sich auf der einem Text gegenüberliegenden Seite ein Bild, das das Geschriebene illustriert. In den Bildunterschriften gibt es weitere Informationen oder Anekdoten, die den Haupttext sehr gut ergänzen.

Sehr erleichtert war ich auch darüber, dass ich die gezeigten Fotografien geschmackvoll nennen kann. Ein paar sind ironisch, provokant oder verspielt inszeniert, aber im Gesamtkontext wird in Bild und Text klar, dass Corwin von Kuhwede sich deutlich von billigen Pornobildchen im Deckmantel der künstlerischen Aktfotografie distanziert, wofür ich dankbar bin.

Doppelseite im Buch Leidenschaft Aktfotografie von Corwin von Kuhwede, Verlag Rheinwerk

Inhaltlich teilt sich „Leidenschaft Aktfotografie“ in sieben Kapitel sowie ein Vorwort, ein Intro, ein Outro und Informationen zum Autor. Eingestreut zwischen den Hauptkapiteln finden sich außerdem Interviews mit zehn Modellen, die teilweise auch mit Fotografien anderer Fotograf*innen illustriert sind.

Sehr spannend ist auch, dass einige der Modelle nicht für Aktaufnahmen zur Verfügung stehen und in den Interviews ihren Standpunkt zum Thema erläutern. Zusammen mit den Ansichten der ebenfalls vertretenen Aktmodelle ergibt das eine sehr ausgewogene Mischung ganz verschiedener Persönlichkeiten und Beweggründe.

Corwin von Kuhwede duzt seine Leser*innen, schreibt in einem sehr freundschaftlichen Ton und lockert die Kapitel immer wieder mit Scherzen auf. Es entsteht eine Sammlung aus persönlichen Ansichten, Erfahrungen und Empfehlungen sowie aufschlussreichen Anekdoten, die zuvor Geschriebenes bebildern oder Ausnahmen davon zeigen.

Es wird klar, dass Menschen einfach ganz unterschiedlich sind und sich das auch in der Aktfotografie zeigt, wo ebenfalls zwei Individuen aufeinandertreffen und sich miteinander arrangieren müssen, um gemeinsam etwas zu schaffen. Die Kommunikation zwischen Fotograf*in und Modell ist also das Kernstück des Unterfangens, das immer wieder von verschiedenen Perspektiven in unterschiedlichen Fragestellungen beleuchtet wird.

Was Corwin im Intro bereits klar macht, zieht er dann auch so durch: Hier findet sich seine persönliche Sichtweise und wenig Allgemeingültiges. Als Leser*in ist man dazu eingeladen, das mitzunehmen, was man gebrauchen kann. Stark betont wird immer wieder der zwischenmenschliche Umgang. Technik und theoretische Überlegungen treten hinter der Frage, wie man dem Gegenüber begegnet, zurück.

Doppelseite im Buch Leidenschaft Aktfotografie von Corwin von Kuhwede, Verlag Rheinwerk

Gefühlt widmet der Autor sich jeder Frage, die man sich in der Aktfotografie stellen kann, er hat also einmal alles aufgeschrieben, was es aus seiner Sicht darüber zu wissen gibt bzw. alles, was er als Autodidakt selbst darüber im Laufe der Jahre gelernt hat.

Die Themen der Hauptkapitel reichen in einem großen Bogen von der anfänglichen Motivation, Akt zu fotografieren bis hin zur langfristigen Entwicklung einer eigenen Handschrift in der Bildbearbeitung. Zwischen diesem Anfang und Ende findet sich eine Fülle verschiedener Themen, die auf diesem Weg liegen:

Wie lässt sich Aktfotografie einteilen und definieren je nach Zweck, Motivation, Auftraggeber oder Grad der Nacktheit, Thema, Bildausschnitt? Welche Unterschiede gibt es bei grundlegenden Begriffen wie „Akt“, „nackt“ und „Erotik“? Ist die Form oder der Inhalt Schwerpunkt meiner Herangehensweise? Inszeniere ich oder zeige ich spontane Beobachtungen? Arbeite in in Serien oder Einzelbildern?

Wie kann ich Modelle auf verschiedenen Wegen bzw. Medien finden? Ist die Arbeit mit Amateuren oder professionellen bzw. bezahlten Modellen für mich geeignet? Welche Fragen kläre ich im Vorgespräch? Sollte mein Modell eine Begleitperson mitbringen (dürfen)? Wie trete ich selbst auf, wie kommuniziere ich und kleide ich mich?

Wie gebe ich Anweisungen zum Posing? Darf ich mein Modell bei einer Fotosession anfassen? Wie komme ich von der Idee über eine Skizze zum Bild? Wie kann ich mit Ideenlosigkeit umgehen? Wie kann ich Komposition, Licht und Farbe gezielt einsetzen? Welche Vorbereitungen muss ich treffen und welche Locations sind geeignet?

Doppelseite im Buch Leidenschaft Aktfotografie von Corwin von Kuhwede, Verlag Rheinwerk

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Das Konzept, auf ungefähr jeden Aspekt der Aktfotografie einzugehen, hat in meinen Augen seine Vor- und Nachteile. So finden sich in „Leidenschaft Aktfotografie“ sehr spannende Abschnitte, aber auch einige, die ich eher überflüssig finde.

Sehr anregend empfand ich beispielsweise die philosophischen Texte, die sich besonders im ersten Teil finden, der sich mit der eigenen Motivation und Herangehensweise beschäftigt. Hier werden Fragen aufgeworfen, die man sich stellen sollte, die aber nicht so einfach auf die Schnelle (und vielleicht nie in Gänze) zu beantworten sind, aber dabei helfen, den eigenen Standpunkt zu definieren.

Dazu zählt etwa, die eigenen (sexuellen) Vorlieben bei der Auswahl von Modellen, der Verwendung von Requisiten und der Gestaltung der Bilder in schöpferische Energie umzuwandeln. Auch Corwins Überlegungen zum spannungsgeladenen Umgang mit Nacktheit und Sexualität in der Gesellschaft, der zwischen der inflationären Darstellung in der Öffentlichkeit und dem thematischen Tabu in persönlichen Gesprächen besteht, hat mich noch eine Weile beschäftigt.

Er wirft auch Fragen auf, die ich mir im ersten Moment nicht gestellt hätte, die aber zum Nach- und Weiterdenken inspirieren, etwa: Welche (Schönheits-)Ideale bediene ich in meiner Aktfotografie? Wann und wie kann ich sie bewusst brechen? Welche Rolle spielt mein*e eigene*r Partner*in, welche Konflikte können daraus entstehen?

Andere Abschnitte haben mich aus verschiedenen Gründen weniger angesprochen, ein paar Beispiele möchte ich hier nennen. Gut möglich, dass gerade diese Texte für jemand anderen besonders hilfreich sind oder man sich gar nicht daran stört, weil man aus den etwa 200 Seiten Text genug anderes mitnehmen kann.

Doppelseite im Buch Leidenschaft Aktfotografie von Corwin von Kuhwede, Verlag Rheinwerk

Zum Thema Vorgespräch finden sich etwa kurze Situationsbeschreibungen mit möglichen, wortwörtlichen Smalltalk-Ansätzen. Zum einen frage ich mich, ob es wirklich nötig ist, darzustellen, wie man Smalltalk betreibt, zum anderen empfand ich die Beispiele als ziemlich unbeholfen, teilweise plump.

Auch andere Grundsätzlichkeiten wie das Achten der Würde des Gegenübers oder nicht ungefragt Körperkontakt mit seinen Modellen herzustellen, sind für mich ganz klar gesunder Menschenverstand. Gerade Letzteres scheint (leider) ein großes Thema in der Aktfotografie zu sein, es wird aufällig oft vom Autor und auch den Modellen in den Interviews betont.

Da Corwin aus seiner ganz persönlichen Sicht schreibt, gibt es ab und zu deutliche Abrutscher in die männliche, heterosexuelle Perspektive. Dass er aus seiner eigenen Erfahrung nichts dazu sagen kann, welche Besonderheiten zum Beispiel das Aufnehmen männlicher Akte als Fotografin hat, ist zwar völlig klar, aber dass „gerade wir Männer […] automatisch Ausschau nach Frauen [halten]“, denn „das liegt in unserer Natur, und wir können nichts dagegen tun“ möchte ich ehrlich gesagt nicht lesen. In solchen Momenten falle ich als diversitätsbewusste Leserin irritiert aus dem Textfluss.

Über andere Kleinigkeiten, die mich gestört haben, kann ich leichter hinweg sehen, wie etwa gelegentliche Wechsel auf die Meta-Ebene, sehr klischeehafte Beispiele, Verweise auf das eigene Workshopangebot oder die mehrseitige Wiedergabe der Kommunikationstheorie nach Birkenbihl. Andere Themen wie etwa die Frage nach einer Begleitperson kommen für meinen Geschmack sogar etwas knapp weg.

Insgesamt gibt es in „Leidenschaft Aktfotografie“ also viel Futter für das Hirn und die Augen, der Text- und Bildumfang ist immens. Sofern man die Teile für sich herauspickt, die einen ansprechen und über das hinwegsieht, was nicht auf der eigenen Wellenlänge liegt, ist das Buch seinen Preis wert – ästhetisch hebt es sich ohnehin angenehm vom Großteil der Publikationen in diesem Bereich ab.

 

Informationen zum Buch

Titel: „Leidenschaft Aktfotografie“
Fotograf/Autor: Corwin von Kuhwede
Seiten: 352
Sprachen: Deutsch
Erscheinungsdatum: 29. Februar 2016
Verlag: Rheinwerk
Ausgabe: Gebunden
ISBN: 978-3836234474
Größe: 18,1 x 23,6 x 3,5 cm
Preis: 29,90 €

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4 Kommentare

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  1. Leider falle ich nach den Worten „aus seiner ganz persönlichen Sicht“ gefolgt später von den Worten „diversitätsbewusste Leserin“ meinerseits so komplett aus dem Lesefluss, dass ich den Rest des Textes nicht mehr wahrnehmen kann.
    Wenn es ein persönliches Buch ist, Authentizität beansprucht und der Autor von seiner Sicht schreibt, dann muss er so schreiben. Alles andere wäre Spekulation bis hin zur Fiktion, wenn nicht sogar Lüge.
    Das ist ein riesiges Manko, welches mir vor einigen Wochen in euren Beiträgen mehrfach aufgefallen ist, wenn es auch nachgelassen hat.
    Es GIBT KEIN Fotograf*in. Da dieses Kunstwort mehrere Geschlechter beschreiben soll, muss es sprachlich als Neutrum bewertet werden, also DAS Fotograf*in. Da ich jedoch ebenso wie Du eine Person bin, bin ich halt ein Fotograf und Du eine Fotografin. Beides ist per se gleichwertig, beides besitzt den selben Wortstamm und bis auf das Geschlecht auch den selben Inhalt.
    Wenn jemand anders ist, egal ob transsexuell oder gepierct oder tätowiert, dann soll er bitte so dazu stehen, wie er ist. Es gibt Menschen, die wollen ums Verrecken nicht als Fotograf bezeichnet werden, sie bevorzugen Lichtbildner. Sie werden genauso wie ein transsexueller Mann, der sich als Fotografin bezeichnet, halt nach dem warum gefragt.
    Um es mal ganz krass auszudrücken: Du fühlst Dich beleidigt, wenn ein Mann etwas aus (seiner) männlichen Perspektive beschreibt, ich fühl mich beleidigt, wenn ich „neutralisiert“ werde. Wer von uns beiden ist nun besser ? Werden Vorurteile durch Kastration bzw, Vergewaltigung von Sprache abgeschafft ? Wäre nicht Selbstbewusstsein besser ?

    • Hallo Jens, ich fühle mich mitnichten beleidigt, wenn ein Mann etwas aus seiner (männlichen) Perspektive beschreibt. Es ging an der Stelle konkret darum, dass eine zweifelhafte Aussage über „alle Männer“ gemacht wurde. (Im Gespräch mit Corwin habe ich inzwischen auch festgestellt, dass es an der Stelle ironisch gemeint war, was ich dort nicht so einfach erkannt habe wie in anderen Textabschnitten.)