12. Dezember 2015 Lesezeit: ~7 Minuten

Warum fotografiere ich eigentlich Akte?

Seit 2005 bin ich im Bereich der professionellen Aktfotografie tätig. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir selbst die Frage stellen musste, warum ich eigentlich Akte fotografiere. Das klingt nach einer einfachen Frage, aber eine ehrliche und aufrichtige Antwort darauf zu finden, war gar nicht so einfach.

Es kommen natürlich sofort oberflächliche Antworten auf wie etwa, dass es mir um die ästhetisch geschwungenen Linien und um das Licht- und Schattenspiel auf dem Körper meines Modells gehen würde. Eine rationale Antwort, oder? Sicher spielen diese Komponenten auch eine Rolle, doch eher eine untergeordnete. Denn das sind für mich allgemeine Gestaltungselemente, die ich voraussetze und die für mich kein Grund für Aktfotografie sind, sondern die Grundlage der Fotografie überhaupt. Also muss eine andere Antwort her.

Eine Frau ohne Oberteil. Haare verdecken die Brüste.Eine Frau mit durchsichtiger Bluse im Profil

Ich könnte auch sagen, dass ich Akte aus wirtschaftlichem Interesse fotografiere. Beispielsweise weil ich für einen Verlag arbeite, für einen Privatkunden oder für einen Kunden, der mit Aktfotografien sein Geld verdient. Diese Gründe scheinen schon etwas plausibler. Doch geben sie wirklich Antwort darauf, warum ich Akt fotografiere?

Dann gibt es noch die „tiefsinnigere“ Antwort, dass die Aktfotografie eine Reduktion auf das Wesentliche ist. Ähnlich wie bei der Schwarzweißfotografie. Es gibt nichts, was man noch weglassen könnte, der Mensch steht wahrhaftig in seiner weltlichen Hülle vor mir, ungeschützt, in einer gewissen Form ausgeliefert. Meinen Blicken ausgesetzt. Der Mensch kann sich nicht hinter seiner Kleidung verstecken, die ja dafür da ist, das Bild von ihm nach außen zu tragen, das er gern vor uns zeigen möchte.

Das ist ein sehr philosophischer Grund, man kann mit diesem Gedanken wunderbar spielen, viel in ihn hinein und aus ihm heraus interpretieren. Aber ist auch das nicht nur eine Begleiterscheinung der Aktfotografie und nicht der Beweggrund selbst?

Eine Frau liegt auf einem Sofa

Wir haben jetzt gestalterische, wirtschaftliche und philosophische Gründe gefunden, die uns Aktfotografen motivieren könnten, Akte zu fotografieren. Aber befriedigen uns diese Antworten wirklich? Sind sie der Grund, wenn wir ganz tief in uns hinein hören und uns nach unserer Motivation fragen? Sind sie der Grund, warum wir nackte Frauen oder Männer zu uns ins Atelier oder wohin auch immer einladen und sie oder ihre Körper ablichten? Oder liegt unsere Motivation nicht viel tiefer, auf einer Ebene abseits unseres Verstandes? (Puh, jetzt wird der Kuhwede doch nicht mit so ’nem Esoterik-Quatsch kommen!)

Manche meiner Freunde sagen scherzhaft über meinen Beruf: „Deinen Job möchte ich auch haben. Du kannst Dir ständig nackte Frauen anschauen, die sich vor Dir ausziehen wollen.“

Und so scherzhaft diese Aussage auch sein mag, so ist doch ein Funken Wahrheit dabei, auch wenn man differenzieren muss. Zumindest ist die Fragestellung jetzt auf der richtigen Ebene. Wenn alle vorher genannten Ausführungen ihren Ursprung in unserem Verstand finden konnten, so sind wir jetzt auf einer Ebene abseits der Logik und Rationalität. Wir sind auf der Ebene des Begehrens und der Gefühle.

Eine Frau in Tänzerpose von hinten.

Jetzt wird das Thema schon etwas interessanter, denn wir sprechen über unsere persönliche Motivation und können uns nicht mehr hinter schönen Formen und tollem Licht verstecken.

Ich behaupte, dass eine Vielzahl der Aktfotografen und Aktfotografinnen (nicht alle, aber eben viele) mit der Aktfotografie einen Teil ihrer eigenen Sexualität auf visuellem Wege ausleben. Entweder offensiv oder defensiv. Wie meine ich das? Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Bei einem freien Projekt sucht sich jeder Fotograf die Modelle aus, die ihn persönlich ansprechen. Hier spielt also schon einmal der persönliche Geschmack eine bedeutende Rolle, von dem wir uns ja nicht wirklich trennen können, da er Teil von uns ist.

Dann ist es so, dass die Gestaltung der Bilder auch eine Menge über uns aussagt. Denn die einen fotografieren lieber romantische Szenerien im Kerzenschein mit Rosenblättern im Bett und wundervoll zurechtgemachten Modellen, wieder andere fotografieren alle ihre Modelle in sexy Outfits und Nylons und ganz andere greifen eher zu Lack, Leder, Latex. Nun können wir uns die Frage stellen, ob die Wahl nun wirklich nur rein rational auf der Verstandesebene erfolgt oder doch emotionaler bzw. tiefgründiger in unserem Wesen ihre Wurzeln hat.

Eine Frau Roten Haaren ohne Hose.Eine Frau sitzt in einem Sessel

Ich glaube, unsere eigene Motivation liegt zum Großteil stets auf der Gefühlsebene und wir versuchen, jede unserer Entscheidungen nur mit unserem Verstand zu begründen und zu begreifen. Sicher ist das nur eine These, die ich nicht belegen kann. Ich kann nur von mir sprechen. Und ich stehe dazu, dass ich beim Fotografieren stets mit einem fotografischen und einem männlichen Auge hinschaue.

Durch das männliche Auge werde ich inspiriert, denn wenn das, was ich sehe, mir gefällt, dann spüre ich eine positive Energie in mir. Und durch das fotografische Auge schaue ich auf Licht, Form, Schatten, Ausdruck und Schärfe. Meine beiden Augen kommunizieren quasi miteinander und tauschen sich aus. Sie bilden eine Symbiose.

Doch es gibt einen ganz wichtigen Aspekt dabei: Ich behalte meine Gedanken und meine Gefühle bei mir und werde das Modell nicht mit anzüglichen Bemerkungen, plumpen Kommentaren oder unangebrachten Blicken belästigen. Ich bewahre stets die professionelle Distanz. Denn mit allem anderen ist der Ruf sehr schnell ruiniert und man stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus. Und gerade als Berufsfotograf kann sich das niemand leisten.

Ein Frauenakt auf einem Stuhl

Der Schlüssel zum Erfolg ist hierbei, dass man sich zwar durch das private Auge sinnlich inspirieren lässt, diese Energie dann allerdings in kreative Energie umwandelt und daraus tolle Bilder zaubert. Es geht hier also um einen schöpferischen Prozess der Transformation. Und wie heißt es so schön: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?“

Und so lange ich respektvoll mit meinem Modell umgehe, die entsprechende Distanz wahre und auf höchstem Niveau Bilder mache, dann finde ich, sind mir alle Gedanken und Gefühle erlaubt, die mir dabei helfen. Mittlerweile ist der professionelle Gedanke natürlich immer mehr in den Vordergrund gerutscht, da ich mit der Aktfotografie mein Geld verdiene, aber wenn ich gerade an meine Anfangszeit denke, so war jede Fotosession stets eine Suche nach mir selbst und meiner eigenen Identifikation.

Und es gibt selbstverständlich auch viele Aktfotosessions, in denen für private Gefühle absolut kein Platz ist. Aber ich möchte mit meiner These natürlich auch etwas provozieren, da ich oftmals den Eindruck habe, als sei es ein ungeschriebenes Gesetz in der Branche, dass man nicht zugeben darf, sich die tollen Modelle auch gern privat anzuschauen.

Eine Frau mit einer offenen JackeEine Frau beugt sich auf einem Stuhl nach unten. Auf ihrem Rücken steht eine brennende Kerze.

In diesem Sinne möchte ich Dich gern anregen, Dich auch einmal zu fragen, warum Du Akt (oder Dessous) fotografierst. Was ist Dein Motor dabei? Ich freue mich über Deinen Kommentar dazu.

Im Februar 2016 erscheint übrigens mein Buch mit dem Arbeitstitel „Leidenschaft Aktfotografie – Einblicke in das intimste aller Genre“, in dem ich mich weiteren spannenden, heiklen und interessanten Fragen widme. Wer an diesen Gedanken teilhaben möchte, der kann das Buch jetzt schon auf meiner Webseite vorbestellen.

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