07. August 2012 Lesezeit: ~5 Minuten

Weil wir sind, bin ich

„Ich möchte Gefühle sichtbar machen, die der Masse nicht mehr präsent sind.“
– Autor unbekannt

Ich habe schon weit über hundert verschiedene Menschen fotografiert. Sehe verschiedene Gesichter, die alle unterschiedliche Geschichten erzählen. Das Schönste an meiner Arbeit ist, dass ich die Menschen nie oberflächlich kennenlerne. Denn ich halte mit meinen Bildern einen Augenblick fest, in dem sie ganz sie selbst sind. Die meisten Menschen, die zu mir kommen, möchten, dass schöne, natürliche Bilder entstehen, die eine gewisse Leichtigkeit haben. Mit Anne ist das anders.

Ich kenne Anne fast mein halbes Leben. Die Intensität unserer Verbindung ist die wichtigste Grundlage für unsere Bilder. Wir vertrauen uns blind, sind in der Liebe wie im Zorn grenzenlos leidenschaftlich, emotional stets flexibel und absolut auf einer Wellenlänge. Das macht vieles einfacher.

Anne & Kurt

Ich fotografiere Anne anders als andere Menschen. Bei unseren Shootings ist alles echt. Es gibt keine Erwartungen, keine vorher groß geplanten Szenen; wir planen keine Outfits, Locations oder bestimmten Posen. Nein, im Gegenteil: Es entsteht alles aus einem Gefühl heraus und mit Leichtigkeit. Ich beobachte sie und versuche, die kleinen Momente in diesem Zeitfenster festzuhalten. Dann, wenn ich das Gefühl habe, ihre in sich ambivalente und doch so klare Persönlichkeit zu sehen.

Anne fällt auf. Nicht allein durch ihre Wandelbarkeit oder ihre unnahbare Schönheit. Nein, vor allem aufgrund ihrer Narben. Nicht aber für mich. Wir haben das nie als Problem gesehen. Obwohl sich die Thematisierung der Selbstverletzung in der Öffentlichkeit noch immer als sehr schwierig herausstellt, da der Grat zwischen einer abschreckenden, plakativen und einer sensiblen, ästhetisch Darstellung nur sehr schmal ist, sieht sich Anne nicht als Opfer ihrer Umstände.

Anne & Kurt

Die Serie entstand spontan in einer Zeit, in der sich in unserem Leben einiges veränderte. Eine Zeit, in der sich so manche Tür schloss, damit sich eine neue öffnen konnte. Es war ein Mittwochnachmittag und es regnete eigentlich durchgängig. Zusammen mit Alexander, einem Freund von Anne, entwickelten sich die Bilder ganz ohne Konzept oder strikte Anweisungen.

Anne und Kurt

Einfach aus dem Moment heraus. Denn als ich die Kamera in die Hand nahm, waren wir uns alle noch nicht wirklich klar darüber, was für ein Ergebnis wir erzielen wollten. Wir begannen mit ein paar emotionalen Aufnahmen an einem stillgelegten Bahnsteig, der Gott sei Dank überdacht war. Es war etwas Neues für uns. Für Alexander sowieso. Aber auch für Anne war es das erste Shooting mit einem männlichen Modell an ihrer Seite.

Und ich kannte bis jetzt auch eher nur die „fröhlichen, natürlichen“ Pärchenshootings. Die ersten 15 Aufnahmen sind eigentlich immer die unbrauchbarsten. Man muss sich erst an die neue Situation gewöhnen und sich „reinfühlen“. Aber Alexander hat das auf Anhieb wirklich super umgesetzt.

Er verstand sofort, in welche Richtung die Bilder gehen sollten und was mein Stil ist. Wir hatten uns vorher schon abgesprochen, dass die Bilder eher trashig werden sollten. Auf alle Fälle kälter, härter, emotionaler. Nicht die positive Verbindung oder gar Liebe zwischen zwei Menschen in den Vordergrund zu stellen, das wäre zu trivial… nein, eher die kühleren Augenblicke einzufangen.

Nachdem sich der Regen etwas gelegt hatte, fuhren wir zu einem anderen Ort, an dem alte Omnibusse standen, die schon ziemlich von der Natur vereinnahmt wurden, jedoch noch betretbar sind. Dort entschieden wir uns, ein paar „intensivere“, freizügigere Aufnahmen zu machen.

Dies entstand einfach aus dem Moment heraus, den wir durch mehr Haut noch provokanter und doch auch sinnlicher darstellen wollten. Die Nacktheit ist heutzutage vielleicht auch nicht mehr das, was sie einmal war, trotzdem verleiht sie dem Betrachter eine gewisse Nähe und einen Einblick in die Intimsphäre. Ich bin überhaupt kein Fan von klassischer Aktfotografie.

Ich mag das Offensichtliche nicht, zeige nicht gern einfach nur Brüste. Für mich muss es immer ein Kopfkino sein. Dass es dem Betrachter noch einen Reiz lässt und man trotzdem das Gefühl hat, nah zu sein. Zudem hätten wir Euch mit T-Shirt all die tollen Tattoos von Alexander vorenthalten müssen.

Anne & Kurt

In der gesamten Serie habe ich gezielt die beiden sich mit sich selbst beschäftigen lassen, um ungestellte und echte Momente einzufangen. Ich mag es mehr, Menschen mit meiner Kamera zu beobachten, anstatt sie zu inszinieren. Mein Highlight der Serie entstand spontan in den letzten Minuten.

Ich weiß noch, dass ich meinen Schal über meine Kamera legte, damit sie nicht nass wurde. Durch die vielen Tätowierungen von Alexander haben wir uns schließlich für eine Schwarzweiß-Serie entschieden, da die Farbe der Tattoos zu viel Unruhe in die Bilder brachte.

Dies ist eins der Bilder, bei denen ich mich sehr erschrocken hatte, als ich mit der Bearbeitung fertig war. Ich schaute es an und es löste sofort eine Emotion in mir aus, die ich zum Zeitpunkt der Aufnahme gar nicht beabsichtigte, auszudrücken.

Anne und ich wollen den Menschen einen Moment der Wahrheit und Aufrichtigkeit schenken. Einen Moment, in dem man kurz innehält und Emotionen zulässt, die jeder von uns in sich trägt.

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30 Kommentare

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  1. „Wir haben das nie als Problem gesehen. Obwohl sich die Thematisierung der Selbstverletzung in der Öffentlichkeit noch immer als sehr schwierig herausstellt, da der Grat zwischen einer abschreckenden, plakativen und einer sensiblen, ästhetisch Darstellung nur sehr schmal ist …“

    Mir fällt aber auch kein Grund ein, warum man Selbstverletzungen sensibel und vor allem ästhetisch darstellen sollte. Schließlich begrüßen doch auch alle, dass in Hinsicht auf magersüchtige Models langsam ein Umdenken einsetzt (auch wenn die Modeindustrie ihre guten Vorsätze gerne mal wieder vergisst). Warum also, sollten emotional Instabile/Borderliner samt den Spuren ihrer Selbstverlertzungen nun in ästhetisch/romatischen Bildern samt sexy Posterboy inszeniert werden? Da fehlt mir einfach das fehlende Problembewusstsein in Hinsicht auf die Wirkung beim Betrachter. Analog zu den Magersucht-Models, muss man doch hinterfragen, welches Rolemodel da unter Umständen vermittelt wird. Da ist es auch ganz egal, was Model und Fotografin, die sich schon lange kennen, in den Bildern sehen.
    Das Argument, es seine ja gar keine Inszenierung beabsichtigt zieht hier nicht, da allein durch die Auswahl der Bilder, die Bearbeitung etc. eine inszenierung und Ästhetisierug vorgenommen wird. Auch wenn die Bilder nicht gestellt sind in dem Sinne, dass es Anweisungen oder abgesprochene Posen gibt, so sind sich bei solcher Art Shootings die Models immer auch der Kamera bewusst und zumindest das weibliche Model ist sich ihrer gewünschten Außenwirkung ganz sicher zu 100% bewusst. Immerhin ist es ja auch nicht ihr erstes Shooting.
    Es scheint derzeit in der emotionalen Fotografie, gerade bei jüngeren Fotografen einen Trend zu solcher Art Fotografie zu geben. Vielleicht glauben sie auch wirklich damit etwas zu enttabuisieren, was ja ein ehrenhaftes Anliegen ist. Mir ist nicht ganz klar, on das auch ein Anliegen dieser Serie ist. Wenn ja, finde ich die Umsetzung aber sehr zweifelhaft.

    • „Mir fällt aber auch kein Grund ein, warum man Selbstverletzungen sensibel und vor allem ästhetisch darstellen sollte. Schließlich begrüßen doch auch alle, dass in Hinsicht auf magersüchtige Models langsam ein Umdenken einsetzt (auch wenn die Modeindustrie ihre guten Vorsätze gerne mal wieder vergisst). Warum also, sollten emotional Instabile/Borderliner samt den Spuren ihrer Selbstverlertzungen nun in ästhetisch/romatischen Bildern samt sexy Posterboy inszeniert werden? Da fehlt mir einfach das fehlende Problembewusstsein in Hinsicht auf die Wirkung beim Betrachter. Analog zu den Magersucht-Models, muss man doch hinterfragen, welches Rolemodel da unter Umständen vermittelt wird.“

      Ich finde Deine Kritik ein bisschen unreflektiert. Ich denke kaum, dass man die fotografische Thematisierung einer Selbstverletzung mit der systematischen Produktion und Vermittlung von fragwürdigen Körperbildern durch die Modeindustrie vergleichen kann. Auch wenn mir persönlich die Ästhetik dieser Fotostrecke nicht unbedingt zusagt, halte ich den Ansatz für interessant. Werden hier nicht gerade durch die Insznierung authentischer Körper mit ihren Spuren und Makeln als Posterboy & Girl solche unrealistischen Schönheitsideale hinterfragt?
      Sicherlich steckt darin eine Romantisierung – aber darf und sollte man von den Betrachtern nicht die Kompetenz erwarten können, diese als Geschichte und nicht als Handlungsanleitung zu begreifen?
      Wo kommen wir denn hin, wenn wir unsere kreativen Produkte so glattbügeln müssen, dass sie eine klare, eindeutige und unanstößige Projektionsfläche für Jedermann bieten? Das klingt mir doch gefährlich nach Zensur.
      Dir fällt kein Grund ein, „warum man Selbstverletzungen sensibel und vor allem ästhetisch darstellen sollte.“ – mir schon. Vielleicht, um damit einen Ausschnitt der Geschichte eines Menschen zu erzählen, der trotz (oder gerade wegen) der Spuren der Selbstverletzung auf seinem Körper schön ist. „Schön“ kann und darf aber nicht mit „nachahmungswürdig“ gleichgesetzt werden. Scheinbar ein verbreitetes Mißverständnis.

      • „Wo kommen wir denn hin, wenn wir unsere kreativen Produkte so glattbügeln müssen, dass sie eine klare, eindeutige und unanstößige Projektionsfläche für Jedermann bieten? Das klingt mir doch gefährlich nach Zensur.“

        Mir gehts keinesfalls um Zensur, das ist quatsch. Auch nicht ums glattbügeln. Es spricht natürlich nichts dagegen Selbstverletzung zu thematisieren und fotografisch zu behandeln. Wie gesagt finde ich die hier gewählten Mittel schwierig.

        „aber darf und sollte man von den Betrachtern nicht die Kompetenz erwarten können, diese als Geschichte und nicht als Handlungsanleitung zu begreifen?“

        Ganz klares Nein, darf man nicht, weil es nicht „den“ Betrachter gibt. Du kannst darüber reflektieren, ich auch (auch,wenn Du das nicht so siehst) andere sicher auch. Ich frage mich allerdings, wie man darauf kommt, dass es um die Hinterfragung von Schönheitsidealen gehen könnte in den Bildern, denn die Schnitte setzt sich niemand, weil er glaubt, er wäre dadurch attraktiver, das ist ein anderes Krankheitsbild. Es besteht aber durchaus die Möglichkeit, an der Oberfläche haften zu bleiben und die zeigt ein geheimnisvolles, interessantes Mädchen mit einem sexy Posterboy. Was den Posterboy optisch vor allem interessant macht sind seine Tattoos, was das Mädchen vor allem interessant scheinen lässt, sind (leider) seine Narben (insbesondere im dritten Bild besonders exponiert). Wir haben in gewisser Weise also zweimal „Körperschmuck“ (sorry, ich weiß schon dass, man sich Die Schnitte zum Schmuck setzt) als entscheidende Accessoires, die diese Bilder von andern Bildern unterscheiden, und die auch zu einer entsprechenden romantisierenden und positiven Charakterisierung der Personen beitragen :Wild, anders, „intensiv“ (s. radlclaus Kommentar), womit wir, zack, beim Rolemodel wären.
        Natürlich glaube ich nicht, dass sofort irgendwelche Teenager anfangen sich die Arme aufzuritzen, wenn sie solche Bilder sehen, genausowenig wird ein Teenager vom bloßen Ansehen einer Modestrecke magersüchtig, aber die Bilder tragen auch nicht dazu bei, die Krankheit als Problem zu hinterfragen, sondern die Krankheit bzw. ein Symptom wird ästhetisiert bzw als ästhetisches Element eingesetzt.

        Aber um all das geht es in der Serie ja wohl auch gar nicht, sprch ihre vielschichtige Wirkung ist den Machern wohl gar nicht bewusst. Am Ende des Textes heißt es ja zum Sinn dieser Serie:

        „Anne und ich wollen den Menschen einen Moment der Wahrheit und Aufrichtigkeit schenken. Einen Moment, in dem man kurz innehält und Emotionen zulässt, die jeder von uns in sich trägt.“

        Wahrheit und Aufrichtigkeit ist ehrlich gesagt nun für mich das letzte, was aus diesen Bildern spricht. Und wenn man den Text genau durchliest, findet man auch nur Worthülsen statt konkreten Aussagen. Von Emotionen ist zwar mehrfach die Rede, ohne sie aber konkret zu benennen. Authentisch soll die Serie wirken, kann sie aber gar nicht, sie ist es schlicht nicht, es ist ja nicht mal ein echtes Paar.
        Je länger ich darüber nachdenke, desto unklarer wird mir, was die Serie nun wirklich ausdrücken soll, so vage ist die Beschreibung im Text so vage sind auch die Bilder. Fotografisch gesehen sicher gut gemacht. Inhaltlich für mich leer und mit Beigeschmack.

      • Nachtrag:
        1. eine kleine Korrektur: in meinem vorigen Post stand: „(sorry, ich weiß schon dass, man sich Die Schnitte zum Schmuck setzt)“
        Es sollte natürlich heißen (sorry, ich weiß schon dass, man sich Die Schnitte NICHT) zum Schmuck setzt)

        2. „Vielleicht, um damit einen Ausschnitt der Geschichte eines Menschen zu erzählen, der trotz (oder gerade wegen) der Spuren der Selbstverletzung auf seinem Körper schön ist.“ du machst die Ambivalenz und Problematik damit ja selbst bestens deutlich: Was ist das für ein Feedback auch an das Model? Wird Sie fotografiert trotz oder wegen der Narben, ist die Serie trotz oder wegen ihrer Narben interessant genug, veröffentlicht zu werden?

      • vor allem das Titelbild finde ich sehr intensiv. Hier wird ein zusätzlicher Spannungsbogen aufgebaut durch die Nähe und Vertraut des Anlehnens und der unterschiedlichen Blickrichtungen.
        Selbstverletzung wie viele andere (psychische) Erkrankungen begleiten die Menschen im Leben. Man kann nicht mit, nicht ohne sie. Daher ist es ja auch nur konsequent diese auch zu zeigen. Schnippeln unterscheidet sich von anderen, wie z.B. Depression, Angst, dass es sichtbar ist.
        Es gibt die Idee das Leben als Heldenreise darzustellen. Dabei geht es u.a. darum, dass der Mensch anhand seiner Verletzungen, die er automatisch im Leben erfährt, wachsen soll. Daran erinnern mich diese Bilder.

    • Interessant finde ich, dass hier Menschen als „krank“ definiert werden, deren Wunden man sieht. Umfassender kann gesagt werden, dass jeder ein bisschen krank ist. Soll deswegen die betreffenede Person nicht mehr fotografiert werden? Und wer entscheidet das?* Ich bin mir da nicht so sicher. Hat hier jemand eine psychiatrisch/psychologische Ausbildung & Erfahrung und kennt die betreffende Person mit ihrer (Krankheits-)Geschichte? Bitte vortreten und sprechen. Soweit dies nicht der Fall ist, plädiere ich für eine demütigere und reflektiertere Argumentationsformulierung.

      Jegliche willkürliche und vielleicht gutgemeinte Sonderbehandlung eines Menschen nach dem Maßstab irgendeines Betrachters, der meint, zu wissen, was richtig und falsch ist – oder gar der Ausschluss aus diversen Sujets hilft niemandem und ist als Umgangsform meines Erachtens eines: krank. *Hierzu sollte vor allem eine/r gerfragt werden: die Person selbst, die zu sehen ist.

      • Fairerweise muss man sagen, dass die Fotografin das Thema selbst ins Spiel gebracht hat. Dass die Betrachter das weiterdenken, damit muss man dann leben, finde ich.

        Deshalb mein Plädoyer, Bilder für sich selbst sprechen zu lassen. Gute Fotografen sind nicht immer gute Schreiber.

      • „Soll deswegen die betreffenede Person nicht mehr fotografiert werden? “

        -Behauptet keiner, fordert keiner.

        „Und wer entscheidet das?* “
        – Natürlich entscheidet der Fotograf und der, der fotografiert werden soll, interessiert aber auch alles niemanden, solange das Ergebnis nicht auf einer Plattform mit 7.000+ Lesern veröffentlicht wird. Und wer entscheidet über die Veröffentlichung? Du, Martin, bzw. Ihr von kwerfeldein. Ganz klar, bleibt euch doch auch unbelassen.
        Aber bitte pampt hier nicht immer rum, wenn es dann auch mal Kritik an einer Serie gibt, die dazu auch noch recht ausführlich begründet ist.

        Es geht mir hier auch nicht um die „Sonderbehandlung“ von Menschen, und ich glaube auch nicht zu wissen, was richtig oder falsch ist. Ich habe dargelegt, warum ich diese Serie (auch in Zusammenhang mit dem Text kritisch sehe und ausführlich dargelegt warum).

        (Zum Thema Sonderbehandlung verweise ich auf den Text: „Ich fotografiere Anne anders als andere Menschen. “ Ein ganzer Absatz dreht sich doch um das, was das Model so besonders macht).

        Jetzt einen quasi Mailkorb zu verhängen, in dem man Meinungsäußerungen an Bedingungen knüpft („Hat hier jemand eine psychiatrisch/psychologische Ausbildung & Erfahrung und kennt die betreffende Person mit ihrer (Krankheits-)Geschichte? Bitte vortreten und sprechen.“ ) ist doch schon eine ganz spezielle Art der Magazinführung.
        (Im Übrigen gibt es da bei mir einen entsprechenden persönlichen Background, ich habe aber nicht vor, das hier näher auszuführen)

        „Interessant finde ich, dass hier Menschen als “krank” definiert werden, deren Wunden man sieht. Umfassender kann gesagt werden, dass jeder ein bisschen krank ist.“

        Bitte Martin, political correctness in allen Ehren, aber das ist doch nicht Dein Ernst, oder? Selbstverletzung in dieser Fotm ist ein Symptom, dass nun nicht mal einfach von einer kleinen Herbstdepression herrührt. Aber bitte, streiche gerne Krankheit durch „Störung mit Krankheitswert“, so ist es auch fachlich einigermaßen korrekt.

        Ansonsten hat die Fotografin ja schon unten einen Beitrag geschrieben, der hätte er oben im Text gestanden, einiges vorweg klar gemacht hätte. Kann die Serien nun anders sehen. Schön, zu hören, dass das Model wieder gesund ist.

      • martin lehmann: hallo du… ich finde martins magazinführung eigentlich ganz passabel. was er und die redakteure leisten geht weit über das, was zu erwarten war. woher du den von dir beschriebenen „maulkorb“ nimmst, ist mir ein rätsel, martin gommel hat doch nur um eine demütigere argumentationsformulierung gebeten und fachliche kompetenz ins licht gerückt…. ich finde das gut, vor allem bei einem sensiblen thema, wie diesem. da ich selbst in meiner familie mit borderline konfrontiert bin, finde ich diesen weg achtsam und feinfühlig…. ja, das wünsche ich mir.

      • Hier würde es sicher helfen, wenn es im Feed-Reader nicht so stehen würde:

        Überschrift: Weil wir sind, bin ich
        Darunter: von Martin Gommel

        Ist etwas irreführend. Der Name der Fotografin taucht dort gar nicht auf, was ich seltsam finde. Ist jedenfalls bei meinem Google Reader so.

  2. Eine sehr schöne und einfühlsame Bilderserie.
    Auch ich war zunächst etwas stutzig und kann Matins Einwendung ein wenig verstehen. Missverständlich ist wohl der Ausdruck „Thematisierung der Selbstverletzung“. Ich gehe aufgrund der Bilder einmal davon aus, dass die Selbstverletzung gerade in dieser Fotostrecke nicht thematisiert werden sollte. Der Hinweis auf Annes Narben sind daher vielleicht etwas irreführend.

  3. Ha, Alex!

    Ich bin über diesen Artikel und deine Bilder gestoßen und finde sie großartig. Dass du das bist, hab ich erst später festgestellt. Wir waren mal zusammen in Beelitz unterwegs, falls du dich noch dran erinnerst, ist ein paar Jahre her. ;)

    Großes Kompliment für diese Serie, ich finde sie wirklich wahnsinnig toll.

  4. sehr sehr stark. Ich finde es gerade gut, dass eben die narben hier nicht thematisiert, aber auch nicht retuschiert werden. Sie gehören zum Leben des Models dazu, warum nicht zeigen? Warum nur perfekte models in einer perfekten Umgebung in ein perfektes Licht setzen? Ich liebe die Echtheit der Models, ihre Authentizität und die passende Härte der Schwarz-Weiß Photos. Das Leben ist eben kein rosa-Rüschen-Rausch. Und dennoch ist es schön. Und genau das drücken die Photos auch aus. Respekt.

  5. Bin bei Martin Lehmann. Es sieht eher nach „gespielter“ Authentizität aus, was ja ok wäre, wenn man die angebliche Natürlichkeit der Bilder im Text nicht so in den Vordergrund stellen würde.

    Ich finde, dass man vielen Texten hier anmerkt, dass die Fotografen sich im Nachhinein Erklärungen oder Interpretationen aus den Fingern saugen, böse gesagt. Zumindest liest es sich manchmal sehr schlicht oder wie Martin Lehmann sagt sind es oft „Worthülsen“.

    Warum können die Bilder also nicht einfach für sich stehen? Muss dem Betrachter hier alles vorgekaut werden?

    Wenn man 10x betont, wie „natürlich“ die Bilder sind, wirken sie erst Recht nicht mehr natürlich ;)

  6. Ich weiß immer nicht, warum Bilder einer Erklärung bedürfen. Die Bilder sollen für sich sprechen. Was den Fotografen/die Fotografin erwogen hat, etwas und wie zu machen, interessiert mich i.d.R. nicht.
    Schlimmer noch, lese ich, wie hier, den Text dazu, sehe ich nicht mehr unvoreingenommen. Bin manipuliert. Sehe, was man mir mitteilen will.
    Zuerst habe ich mir nur die Bilder angeschaut. Schöne Bilder, habe ich gedacht. Attraktives Paar: er ist tätowiert, sie hat Narben. Emotional zurückhaltend. Schwarzweiß passt.
    Dann habe ich gelesen und habe mir die Bilder noch einmal angeschaut. Und ich habe andere Bilder gesehen.
    Henry

  7. Also… ich als Gastautorin muss jetzt auch nochmal etwas dazu sagen.
    Zuerst zu dieser heißen Diskussion hier mit den Narben. Die Narben und die dazugehörige Geschichte, sind ein Kapitel in dem Leben einer kranken Person. Schön, wie das hier schon aufgeführt wurde mit einer sichtbaren Krankheit. Eine Depression hätte hier niemand wahrgenommen. Ich sehe es eher so, dass die Menschen, die diese Krankheit „erfolgreich“ beenden konnten, die Narben täglich auf ihrer Haut sehen und daran erinnert werden. Nur weil sie sichtbar krank war, heißt dass ja nicht, dass ich die Narben jetzt auf all den Fotos wegretuschiere. Sie sind da und ich habe sie nicht übertrieben dargestellt. Sie gehören einfach dazu. Die Narben sollen nicht ästhetisch dargestellt werden – Anne soll hier (trotz Narben!) ästhetisch dargestellt werden. Heutzutage wird dieses Selbstverletzungsthema so hochgepusht und jeder dritte Jugendliche „ritzt“ sich im Unterricht mit einer Lineal Ecke oder einem stumpfen Zirkel. Das ist es, was uns vermittelt wird in all den Medien. Selbstverletzung als Gier um Aufmerksamheit. Dass es Leute gibt, die sich aus ganz anderen Gründen verletzen (egal ob an sichtbaren oder unsichtbaren Stellen, egal ob schneiden, brennen oder anderes) das geht oft unter, weil in der Gesellschaft die Tür vor solchen Dingen zugemacht wird und sie schnell als „Emos“ abgestellt werden. Dass man diesem Thema in der Gesellschaft nicht zu viel Raum geben sollte, aus der Gefahr hinaus Jugendliche neugierig zu machen, das ist ein anderes Thema. Aber hier, bei meinen Bildern, da geht es um Annes Geschichte. Um ihre Narben und wie sie jetzt (im Nachhinein, als gesunder Mensch) damit lebt. Und für mich sind ihre Narben kein Grund sie nicht sensibel oder ästhetisch zu sehen. Das wollte ich damit sagen. Nicht mehr – nicht weniger.

    Was die Aussagen mit dem Text betrifft, bin ich total bei euch. Vor allem bei dir Henry. Für mich selbst ist es auch so, dass Bilder auf mich wirken. Ganz ohne ein Wort. Hier ist es so, dass ich natürlich etwas zu meinen Bilder erzählen muss um sie euch zu erklären. Das ist mir nicht gerade einfach gefallen, weil ich meinen Kopf beim Fotografieren eher ausschalte. Emotionen nachher aufs Papier zu bringen ist dann immer schwierig. Weil die Fotos ja auch (und das meinten wir im letzten Absatz) bei jedem etwas anderes auslösen oder hervorrufen sollen. Ich bin mir nur sicher, dass es auch Menschen gibt, die die Bilder abstoßend finden oder sagen, dass so etwas nicht an die Öffentlichkeit gehört. Und denen versuche ich mit dem Text dann natürlich wieder zu erklären warum das so ist und welche Rolle die Narben für uns spielen. Ein heikles Thema, ich bin auch der Fan von bloßen Bildern. ;)

    Danke für die ganzen Ehrlichen Meinungen und das Feedback!

    • Zum ersten Absatz…schon sieht die Geschichte ganz anders aus. Allein dieser Satz: „Aber hier, bei meinen Bildern, da geht es um Annes Geschichte. Um ihre Narben und wie sie jetzt (im Nachhinein, als gesunder Mensch) damit lebt“, ist gehaltvoller und erklärt mehr als der ganze übrige Text oben. Der hätte auch gereicht, Missverständnisse zu vermeiden.

  8. Ein sehr faszinierende Bildserie und ein ebenso intensiver wie einfühlsamer Begleittext. Das sind wirklich Zugänge zu den Bilder hinter den Bildern, Geschichten, die einen visuellen Ausdruck finden, eingefrorene Momente, die sich beim Betrachten verflüssigen, neue in Gang setzen…
    Jenseits der Oberfläche, weg vom Plakativen – das mag ich und das ist dir wunderbar gelungen mit den beiden, Alexandra! Ich mag ja deine Bilder so chon, aber diese Serie ist wirklich noch mal eine andere Liga. Weiter so! Tom

  9. ich mag geschichten um bilder meist nicht, weil sie etwas hinzufügen, was ein bild/eine serie auch immer aus sich heraus erzählen sollte. auch hier ist das so. wenngleich der text sehr schön geschrieben ist. ich verbleibe bei den bildern. und ja, das letzte erzeugt auch in mir ein gefühl. die anderen schaue ich mir „nur“ an. aber das letzte macht wumms

  10. Die Bilder hatte ich gestern schon mal angesehen. Sie sind sehr schön, richtige Kunstwerke. Die Werke wirken natürlich und schön. So etwas kann nur ein Fotokünstler herstellen.

  11. Hallo Alexandra!

    Ich bin gerade über die Google Suche „Tattoo“ zu deiner Fotostrecke gelangt und möchte gern etwas sagen. Zuerst hatte ich überlegt, mich in die Diskussion hier in den Kommentaren mit einzuklinken, doch habe ich mich aufgrund des zeitlichen Abstandes und der friedlichen Klärung am Ende dagegen entschieden. Zu den Bildern selbst würde ich dir also gern ein paar Worte schreiben.

    Ich bin selbst – wie dein Model Anne – von einem Körper voller Narben betroffen. Meine Arme sehen aus wie ihre und mit den Beinen ist es nicht besser. Ich war sehr krank über eine lange Zeit und wäre fast dabei drauf gegangen. Doch das war einmal. Heute bin ich weitestgehend gesund, vom Schneiden lange weg. All das, was mich damals dazu bewegte, ist gelöst und es geht mir gut. Die Narben bleiben.

    Als ich deine Bilder gesehen habe (und ich sah in den Suchergebnissen bei Google nur das letzte von ihnen) saß ich wie erstarrt vorm PC. Ich konnte die Schönheit und die Ehrlichkeit dieses Bildes einfach nicht fassen. Ich hab also weitergeklickt und mir die komplette Serie angesehen und muss sagen, dass ich nichts als positive Gefühle dabei hatte. Ich kann verstehen, dass hier das Thema der Romantisierung von SVV aufkommen musste, da dein Text an manchen Stellen tatsächlich so eine Deutung zuließ, jedoch möchte ich dir sagen, dass ich als Betroffene dies auf keinen Fall so empfunden habe. Ich habe deine Intention, eine „Frau mit Narben“ und nicht „Narben an einer Frau“ darzustellen, sofort erkannt und war sehr berührt. Denn ob man es möchte oder nicht, Narben stigmatisieren. Und wenn es dann andere Menschen gibt, die solche Fotos von ihrem Makel zulassen können und Fotografen, die es trotz der Narben schaffen, den Fokus auf die Emotion zwischen den Models zu legen, gibt es Hoffnung für jeden von uns. Mit uns meine ich die Gesunden, die mit den körperlichen Spuren ihrer Krankheit zu kämpfen haben.

    Der Kritikpunkt, dass die Emotionen zwischen den Models auf eine gewisse Art „gestellt“ waren, leuchtet mir ein. Ich empfand die Ehrlichkeit deiner Bilder auch eher auf die Art der Darstellung bezogen, als auf die Situation dahinter. Does that make sense?

    Dieser Text ist wohl etwas emotional geworden und hoffentlich nicht zu wirsch. Ich möchte dir einfach nur danken für dieses Kunstwerk und wünsche dir und deinem Model weiterhin so viel Mut und Erfolg.

    Alles Liebe,
    deine Anna

  12. eine wundervolle und bewegende fotostrecke.
    als ich die bilder zum ersten mal sah ohne mir das geschriebene durchzulesen kam mir sofort die verknüpfung mit unterschiedlichen formen von selbstverletzung.
    gerade in letzter zeit habe ich mich oft gefragt ob tattoowierungen nicht gleichzusetzen mit schnittwunden sind. ich denke auch dies ist eine form der selbstverletzung, die jedoch ein anderes resultat zum vorschein bringt, was heute als ästhetik angesehen wird.
    auch das tattoowieren ist für mich eine art schmerz zu verarbeiten, so sah ich bei deinen bildern zwei unterschiedliche umgänge mit schmerz und trauer und war fastziniert über die nähe und intimität, die vermittelt wird.
    auch jetzt, mit gelesenem text wunderschön. zwar anders als gedacht , aber sehr bewegend!