27. Juli 2012 Lesezeit: ~4 Minuten

Zeit atmen

Das Licht bricht sich am Fensterglas, erhellt einen kleinen abgegrenzten Teil des Raumes. Wenn ich direkt in das Licht schaue, dann verschwindet der Rest des Raums in Dunkelheit. Auf dem Fensterbrett liegt eine Haarbürste, darin kringeln sich feine dunkelblonde Haare. Direkt daneben steht noch der Stumpf einer weißen Kerze.

Über allem liegt eine gedämpfte Ruhe. Ich lausche meinem eigenen Atem, als ich die Bilder aufnehme. Hat die Kerze in der Nacht gebrannt oder wie viele Nächte ist es her, dass sie erloschen ist?

Mein Blick schwankt, berührt die Ränder der Dunkelheit, taucht in sie hinein. Ich erkenne einen Tisch und Bücher darauf und darunter. Die Buchstaben verschwimmen, mein Blick wandert weiter. An den Wänden hängen Bilder. Fotos, auf denen sie zu sehen ist und Bilder bekannter Fotografen. All das vermischt sich zu fremden und eigenen Erinnerungen.

Ich drehe mich zu ihr um, lächle, als sie mir einen Apfelsaft anbietet. Selbst gepresst aus Äpfeln von den Eltern aus der alten Heimat. Kindheitserinnerungen leuchten in ihren Augen auf. Das Glas ist kühl, ich nippe daran und die angenehme Süße breitet sich sofort aus.

Ich kenne Sie nicht und sie kennt mich nicht. Wir begegnen uns nun zum zweite Mal. Ihr blondes und schönes Haar legt sich auf ihre Haut. Die kleinen Muttermale leuchten daraus hervor. Wir lächeln uns beide schüchtern an, sprechen über Banalitäten, um die Fremde zwischen uns aufzulösen.

Ich nehme meine Kamera, sie ist schön schwer, zieht mich raus aus meinen Gedanken. Ich lege den ersten Film ein und wir gehen zum Fenster. Sie stellt sich in das Licht und ich schüttle den Kopf, drücke sie sanft zurück in die Dunkelheit. Das Licht heben wir uns für später auf, sage ich und lasse sie auf dem Stuhl Platz nehmen.

Die ersten Bilder sind immer die schwersten. Die Kamera heben und auf jemanden zielen, es wirkt so brutal. Ich möchte sie festhalten, ihre sanfte Stimme, ihr Blick, ihre Bewegungen. Konservieren für ein paar Jahrzehnte. Ich opfere den ersten Film.

Die Bilder und Blicke surren an uns vorbei. Wir sprechen wortlos, berühren einander gedanklich wie körperlich. Nach dem ersten Film fängt es an, zu fließen. Wir spielen mit Materialien, mit kalten und mit warmen.

Legen sie auf die Haut, entwirren das Haar, das sich darin verfängt. Drehen, tanzen und formen die Bilder. Verschieben Gegenstände in das Bild hinein oder doch lieber wieder hinaus. Der zweite Film ist nun belichtet.

Das vorher so aufgebrachte Miteinander beruhigt sich, verflacht und neigt sich dem sonnendurchfluteten Teil des Raumes zu. In meiner Kamera ist der dritte Film, ein niedrigempfindlicher.

Sonnenlicht tanzt auf ihrer Haut, macht das blonde Haar noch heller, doch auf den Bildern verbanne ich es in die Dunkelheit. Ihre Bewegungen flüstern und werden nur durch ein leises Klicken und Surren unterbrochen.

[…]

Wir kannten uns nicht und kennen uns nun ein bisschen mehr. Bilder sind das Resultat von Kommunikation, ob wortlos oder sprachgewandt. Nichts ist schwieriger als das Festhalten eines so flüchtigen Moments wie dem Anfang einer Geschichte.

~

Ich entwickle die Filme, einen nach dem anderen. Sie hängen im Lüftungsschacht. Zum Glück ist es Wochenende und ich habe die Zeit dafür. Ich kann es kaum erwarten, die Bilder zu sichten. Dem Gefühl eine Form zu geben. Es gab keinen roten Faden, nur ein paar Materialien und Ideen. Am Ende formt sich die Geschichte, sie liegt direkt neben der Realität, eben nur ein Stück zur Seite gerückt. -Zeit atmen –

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