28. März 2012 Lesezeit: ~ 5 Minuten

Verborgene Gesichter

In meinem Portfolio befinden sich viele „gesichtlose“ Bilder. Fotos, auf denen Menschen zu sehen sind, ohne dass sie konkret identifizierbar sind. Oft drückt sich dies durch ein abgewandtes Gesicht aus, durch Haare, die dem Modell ins Gesicht fallen. Zumeist entstehen diese Bilder völlig ungeplant aus der Situation heraus. Und viele dieser Fotos werden zu meinen absoluten Lieblingsbildern. Aber worin genau liegt die Spannung in dieser Art der Darstellung?

Ich mache sehr gern direkte Portraits, bei denen das Modell den Kontakt zum Betrachter sucht. Fesselnde Blicke können ein Foto zu etwas sehr Besonderem machen. Genauso gern aber widme ich mich Bildern, auf denen das Gesicht des Modells nicht erkennbar ist. Beide Ansätze haben für mich etwas Spannendes. Etwas, das die Faszination Fotografie ausmacht und ihre Vielschichtigkeit ausdrückt.

Manchmal wird die Identifizierbarkeit der Person als störend empfunden, nimmt dem Bild die Entrücktheit und spricht den Betrachter zu direkt an. Es nimmt ihm die Möglichkeit, sich vollkommen im Bild zu verlieren und sich eigene Gedanken zur Person auf dem Bild zu machen. Wer steckt dahinter? Wie sieht das Gesicht dieser Person aus? Ist sie jung oder alt? Ist die Person dagegen im Bild erkennbar, versucht man intuitiv, ihre Gefühle im Gesicht zu lesen.

Diese Möglichkeit ist bei gesichtlosen Bilder nicht gegeben und man beginnt als Betrachter unwillkürlich, den Fokus auf Gesten und Körperhaltung zu legen und aus ihnen zu lesen. Das Foto spricht dann auf eine andere Weise zum Betrachter. Nicht der Mensch als Individuum steht im Vordergrund, sondern ein Gefühl, eine Atmosphäre, mit der sich der Betrachter identifizieren kann.

Manchmal braucht ein Bild gerade diesen Reiz der Anonymität. Das fehlende Gesicht beflügelt die Fantasie, lässt mehr Raum für eigene Interpretationen. Direkte Portraits können eine sehr starke Wirkung auf den Betrachter haben, doch sie legen die Identität der abgebildeten Person offen.

Obwohl wir die abgebildete Person oftmals nicht persönlich kennen, haben wir nicht selten bei direkten Portraits das Gefühl, doch etwas über sie zu wissen. Etwas, das ihr Gesicht uns zu offenbaren scheint. Gesichtslose Fotos dagegen wirken wie ein Film mit offenem Ende. Man beginnt, die fehlenden Bausteine zu suchen.

Viele meiner gesichtlosen Bilder sind stark von Atmosphäre und Stimmungen geprägt. Oft inspirieren mich bestimmte Bewegungen im Bild (so zum Beispiel fliegende Haare und Kleidung) oder ein besonderer Ort. Aber auch besondere Wetterverhältnisse wie bedrohliche Wolken begeistert mich. Hier würde das Gesicht im Bild zu sehr ablenken, würde ihm die entrückte Wirkung nehmen und den Fokus zu stark auf das Individuum legen. Ohne das Gesicht wirken viele dieser Bilder wie Gemälde, was ich oft durch die digitale Nachbearbeitung noch unterstütze. Die Entrücktheit lässt sich so noch viel deutlicher fassen.

Abgesehen von der Möglichkeit, das Gesicht durch ein Wegdrehen des Kopfes oder Haare auszublenden, nutze ich auch die Möglichkeit, mit dem Bildschnitt zu spielen. Oft nehme ich während des Shootings verschiedene Versionen eines Bildes auf, einige Versionen mit Kopf und andere „mutigere“ Schnitte, auf denen ich den Kopf bewusst herauslasse.

Dabei fällt mir immer wieder auf, dass das Bild ohne Gesicht eine komplett andere und manchmal auch viele spannendere Wirkung hat. Daher entscheide ich mich bei der Auswahl später oft für die gesichtslose Variante. Der Fokus auf einem Detail des Menschen, das durch das Fehlen des Kopfes bewusst in den Mittelpunkt gerückt wird, kann hier auch sehr spannend wirken.

Gerade im Aktbereich entstehen gesichtlose Fotos oft auch auf Wunsch des Modells. Dies lässt sich sehr gut mit meinen Intentionen vereinbaren, denn Körperformen faszinieren mich sehr und das Abbilden des Gesichts ist bei diesen Fotos oft nicht von Nöten. Körperformen und –spannung sprechen für mich hier eine deutliche Sprache, die keine Identifizierbarkeit des Modells voraussetzen. Auch hier entsteht eine gewissen Spannung, denn indem man das Gesicht des Modells nicht erkennen kann, ist man bereit, sich voll und ganz auf die Formen einzulassen.

Die People- und Aktfotografie setzt also nicht zwingend das Abbilden eines Gesichts voraus. Auch gerade durch die gewollte Abwesenheit dieses Gesichts kann ein sehr spannendes und atmosphärisches Foto entstehen. Man sollte sich als Fotograf also ruhig auch einmal für andere Blickwinkel öffnen und sich trauen, mutige Bildschnitte auszuprobieren.

Diese ungewöhnlichen Denkweisen eröffnen uns völlig neue Möglichkeiten, die Vielseitigkeit der Fotografie auszuschöpfen und andere Darstellungsformen zu erkunden.

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24 Kommentare

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  1. ich hab schon viele “gesichtlose” Bilder gesehen, aber ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht was eigentlich dahinter steckt. Vielen Dank für den wirklich sehr schönen Bericht. Nun werde ich solche Bilder mit Sicherheit ganz anders betrachten. Viele Grüße

  2. Das schöne bei Deinen gesichtslosen Bildern ist, dass sie eher wie zufällig aussehen. Nichts ist schlimmer als bewusst anonym fotografierte Aufnahmen denen man ansieht, dass der Mensch nicht erkannt werden möchte.

  3. Deine Fotos gefallen mir sehr gut und die Gedanken dazu finde ich interessant. Vor allem bei den Aktfotos mag ich diese “Gesichtslosigkeit”, auch um eine Distanz zu schaffen und die Verletzlichkeit der Person zu schützen.
    Liebe Grüße

  4. Was ich immer wieder faszinierend finde:
    Ich schaue mir eine solche Bildstrecke an und weiß sofort: Diese Bilder hat eine Frau fotografiert ;)

    Interessant, das trifft erstaunlich oft zu. Natürlkich nicht in allen Bereichen zu, aber vor allem bei Personenaufnahmen.

    Ansonsten schöner Bericht und interessante Fotos

  5. Deine Bilder sind traumhaft schön und treffen meinen Geschmack genau. Auch die Stilleben-Fotos auf deiner Homepage. Sehr schlicht und genau deshalb aussagekräftig. Das inspiriert mich. Danke.

  6. Sehr schöner Ansatz der mal wieder die vielschichtigkeit der Fotografie wunderbar aufzeigt.
    Verfolge Andrea´s Fotos schon länger, und sie schafft mit ihren Bildern für mich eine unheimlich schöne aber auch neugirige Atmostphäre. ;)

  7. Hi, die Bilder hauen mich einfach um.
    Seit längerem mal wieder Fotos, die mich sofort einnehmen.

    Deine Bilder zeigen mir ziemlich viel über mich, nämlich, dass ich, ohne das Gesicht zu sehen, verwirrt bin. Ich liebe es, wenn mich Bilder fesseln und mir dann ein Geheimnis über mich offenbaren. ;-)

    Dadurch, dass ich die Gesichter nicht sehe, frage ich mich ständig, ob das Modell jetzt lächelt, überheblich schaut, fragend, was auch immer. Ich komme mir gerade wie ein Kleinkind vor, dass ständig versucht, vor die Eltern zu kommen, um ihre Gesichter zu deuten…

    Mir war tatsächlich nicht bewusst, wie wichtig Gesichter für mich sind.

    Dazu kommt, das die Bearbeitung/Farben genau mein Fall ist!

    Vielen Dank!

    Grüße, Paul

  8. Ich seh das wie EVI, gesehn habe ich solche Bilder auch schon des öfteren, manchmal habe ich mich selbst gefragt warum und wieso kein Gesicht zusehen ist, jetzt habe ich meine Antwort.

    Sehr interessantrer Bericht, eröffnet er mir mal eine ganz anderes perspektive die Bilder zu betrachten und ggf. für mich selber zu hinterfragen.

    lg uwe

  9. Danke für den tollen Beitrag!

    Gesichtslose Bilder wirksam und bewegend in Szene zu setzen ist eine Kunst, die Andrea Hübner als eine von sehr Wenigen beherscht.
    Ich habe mich noch nie bewusst mit dieser Idee beschäftigt, sondern höchstens aus der Intuition heraus herumprobiert. Doch außer kopflosen Körpern ist da nie viel bei rumgekommen. :-O

    Was Andrea Hübern´s Bildstil einzigartig macht, sind aber nicht die gesichtslosen Portraits, sondern eher die Kunst Frauen so abzubilden, das scheinbar Ihre innere Schönheit zum Vorschein kommt.
    Vom Durchschnittsfotografen sieht man immer nur schöne oder einzigartige Frauen, mit außergewöhnlicher Kleidung vor einer stylischen oder urbanen Kulisse. Das langweilt auf Dauer natürlich. Ihre Bilder hingegen bieten eine erfrischende und sehr hochwertige Abwechslung.

    LG Sven

  10. Starker Artikel. Ich habe selbst mal eine Reihe Bilder gemacht, bei denen ich bewusst das Gesicht weggelassen habe.
    Die Kunst besteht darin, dass es nicht so aussieht, als wäre das ein Versehen. Spannend finde ich dabei aber nicht nur die Anonymität, sondern vorallem, dass man als Betrachter das Bild in Ruhe ansehen kann, ohne sich beobachtet zu fühlen.

  11. Blogartikel dazu: linkTime – April 2012 – #1 | linkTIME | bhoffmeier.de