28. Juni 2011 Lesezeit: ~6 Minuten

Über das Fotografieren auf der Straße

Ich habe in den letzten Jahren viele Erfahrungen „auf der Straße“ gemacht und möchte hier mal die aus meiner Sicht wichtigsten Erkenntnisse weitergeben.

Zunächst habe ich mich nur mit größeren Brennweiten getraut loszuziehen, deutlich über 50mm. Dadurch konnte ich mich meistens schön im Hintergrund halten und hatte dennoch die gewünschten Motive auf dem Bild.

Der Nachteil einer großen Brennweite ist jedoch, dass man neben dem eigentlichen Motiv von der Atmosphäre der Straße häufig wenig darstellen kann. So habe ich mich nach und nach an kleinere Brennweiten gewagt und musste dadurch selbst direkt ins Getümmel.

Dies kostet anfangs zwar ein wenig Überwindung, macht mir jetzt aber auch viel mehr Spaß. Inzwischen nutze ich nur noch (Fest-)Brennweiten zwischen 30mm und 50mm, Crop-Faktor der Kamera schon einbezogen.

Wichtig für ein gutes Straßenfoto ist, dass man sich die Gegend zunächst einmal anschaut, ohne gleich die Kamera im Anschlag zu haben. So erkennt man schnell, welche Ecken für Fotos gut geeignet sind.

Jetzt kommt natürlich noch der Mensch ins Spiel, der sich nicht immer genau dort entlang bewegt, wo man es gerne hätte. Straßenfotografie bedeutet deshalb auch, Geduld zu haben. Ich kann nur empfehlen, sich an einer gut geeigneten Stelle mit der Kamera in Bereitschaft zu postieren und darauf zu warten, dass zur Umgebung passende Menschen in den Bildausschnitt hinein laufen.

Man hat dadurch sehr schön die Möglichkeit, die vermeintlich schnell und eher zufällig entstandenen Bilder zu komponieren. Ein weiterer Vorteil des längeren Ausharrens vor einem Motiv ist, dass die Menschen sich durch die Kamera nicht bedroht fühlen, da sie ja diejenigen sind, die dem Fotografen ins Bild laufen.

Dieses Vorgehen ist aus meiner Erfahrung wesentlich zielführender, als einfach durch die Stadt zu laufen und die Kamera schnell auf alle scheinbar interessanten Motive zu richten.

~

Da es in der Straßenfotografie in der Regel darum geht, auch die Umgebung der Menschen zu zeigen, sollte die Blende nicht zu klein gewählt werden. Ich nutze meistens einen Blendenwert von 8 oder höher. Natürlich kann man auch mit einer ganz offenen Blende schöne Fotos machen, aber der typische Street-Charakter geht dabei durch die geringe Tiefenschärfe häufig verloren.

Ausserdem gilt: Je unauffälliger, desto besser. Dies gilt sowohl für den Fotografen (Kleidung etc.), als auch für die Kamera. Ich fotografiere mit einer Canon EOS 400D und träume von einer kleinen Leica M9. Allerdings bin ich der Meinung, dass in der Straßenfotografie, anders als z.B. in der Modefotografie, die Kamera nicht so entscheidend ist.

Das Entscheidende ist der Blick für eine gute Szene und somit ein gutes Bild.

Über eine bessere und meistens auch teurere Kamera sollte man erst nachdenken, wenn einem die Grenzen seiner jetzigen Ausrüstung bewusst werden.

Ich fotografiere nur in schwarzweiß, denn dadurch wird das Bild auf das Wesentliche konzentriert und nicht durch Farben abgelenkt.

Für die Nachbearbeitung verwende ich fast auschließlich Lightroom. Da mir starke Kontraste sehr gefallen, gehört die Kontrastanpassung für mich immer dazu – auch unter Zuhilfenahme vieler selbstdefinierter Lightroom-Presets.

Natürlich muss ich viele Bilder auch noch leicht zurechtschneiden. Das sind dann aber auch schon alle meine Bearbeitungsschritte. Für mich ist es wichtiger, mehr Zeit zum Fotografieren zur Verfügung zu haben als diese für die Nachbearbeitung aufzuwenden. Gerade bei der Straßenfotografie kann man auf aufwändiges Nachbearbeiten aus meiner Sicht auch gut verzichten.

Sehr wichtig bei der Straßenfotografie ist auch noch die rechtliche Seite. In Deutschland gilt, dass man von Menschen, die man in der Öffentlichkeit fotografieren will, immer eine Erlaubnis benötigt. Ausgenommen davon sind (im Wesentlichen) Menschenmengen und Versammlungen.

Für mich bleiben also die Möglichkeiten, entweder vor dem Fotografieren zu fragen oder nachdem das Foto gemacht wurde. Im ersten Fall ist fast immer die Spontanität der Szene verloren, das kommt für mich deshalb gar nicht in Frage.

Im zweiten Fall ist die Person oft schon weiter weg, ich müsste also hinterher laufen und evtl. sogar wieder ein Bild löschen, das ist für mich auch nicht wirklich eine Lösung. Allerdings spielt für mich weniger die rechtliche Seite als die Ethik die entscheidende Rolle, wieso ich auf nicht explizit freigegebene Personenaufnahmen verzichte.

Solange man mit seinen Bildern keine kommerziellen Zwecke verfolgt (so wie ich), ist das Schlimmste, was rechtlich passieren kann, dass ich ein ins Netz gestelltes Bild herausnehmen muss. Ich halte es aus ethischen Gründen aber durchaus für problematisch, Menschen für meine (wenn auch künstlerischen) Zwecke ohne deren Wissen zu verwenden.

Bei mir hat das dazu geführt, dass ich mich vor allem auf Szenen konzentriere, in denen Menschen eher als grafisches Element beteiligt und nicht klar zu identifizieren sind. Auch sehr interessant – und juristisch völlig unkritisch – ist das Fotografieren von menschlichen Schatten, von Personen im Gegenlicht oder vor sehr hellen Hintergründen, die dazu führen, dass auf dem Bild fast nur noch ein Schatten zu erkennen ist. Ich bin eher durch Zufall auf diese Technik gestoßen, mache aber immer wieder gerne solche Bilder.

Und noch ein Tipp zum Schluss: Schaut euch viele unterschiedliche Bilder an – in Fotocommunities, Blogs, Büchern. Dadurch bekommt ihr Anregungen, die ihr selbst in abgewandelter Form umsetzen könnt.

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27 Kommentare

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  1. Die Fotos haben ganz klar ihren Reiz, keine Frage! :)

    Aber auch wenn sie auf der Straße entstanden sind, stellen sie für mich nicht das da, was ich unter „Streetfotografie“ verstehe oder mir darunter vorstelle, denn in meinen Augen steht der Mensch auf der Straße im Vordergrund – und zwar in der Weise, dass dabei unweigerlich immer wieder die (leidige) rechtliche Frage aufgeworfen wird. Dazu passt eigentlich nur das erste wirklich.

    Mit deinem hier beschriebenen Ansatz ziehst du dich aus der Misere, was ja auch legitim ist, aber für mich ist es nicht mehr Street im eigentlichen Sinne… ;)

  2. Hallo Alexander,

    muss sagen, deine Bilder sehen wirklich sehr gut aus. Sehr kontrastreich und vor allem zeitlos lebendig. Meine Frage ist, da du sagst, du fotografierst nur in S/W. Heißt das jetzt du Fotografierst nicht in Raw sondern gleich in JPEG? Oder Fotografierst du in Raw und machst in Lightroom ein S/W daraus? Kann mich an Martins Tutorial erinnern, dass er Raw Fotografiert hat, das Bild in S/W-Vorschau auf seinen Display hatte und in Lightroom dann in Farbe war. Kann ich auch so von meiner Bridge her so bestätigen. Muss es dann erst in Lightroom auf S/W stellen und kann es dann entweder in Lightroom weiter bearbeiten, Bild direkt nach JPEG exportieren oder eben nach Photoshop, Photoshop Elements oder Gimp zur weiteren Verabeitung geben und endgültig dann in verschiedene Datenformate abspeichern.

    lg Carsten

  3. Bei der Street Photography interessiert vorrangig das menschliche Element – da muss ich Andreas Recht geben – und dafür bist Du meist zu weit weg.
    Nichts desto trotz gefallen mir Deine Bilder richtig gut, das Spiel mit Licht und Schatten hat was.

  4. @andreas: Straßenfotografie hat viele Facetten, es muss ja nicht immer die typische Streetfotografie sein. Ich fotografiere selbst auf ähnliche Art wie Alexander, mir geht es bei diesen Bildern mehr darum Personen in einem bestimmten Kontext zu zeigen. Fotos, die Personen im Kontext zum Umgebung zeigen, lassen sich auch einfacher überall realisieren. Für klassische Streetgeschichten muss man eigentlich in einer Grossstadt fotografieren (natürlich gibt’s auch da wieder Ausnahmen).

    Gruß Stefan

    • Ja, ich sehe es ähnlich. Die dargestellten Personen sind bei mir eher ein (sehr wichtiges) meistens grafisches Element.

      Nach allem was ich auch sonst zum Thema Streetfotografie gefunden habe, gehört meine Art auch dazu. Sollte jemand andere Bezeichnungen dazu haben, bin ich natürlich auch gespannt:-)

      • Wie ich ja schon schrieb: Es ist legitim und die Bilder gefallen mir auch sehr, ich mag diese Weite sehr gern! :)

        Mit einer passenden Bezeichnung ist es da wirklich schwierig. Nicht alles lässt sich ja ohne Weiteres in irgendwelche Schubladen stecken und ein Etikett vorne ranhängen. Grenzen sind ja auch dazu da überschritten zu werden…

        Irgendwie haben die Fotos etwas (Stadt)Landschaftliches, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es das auch nicht trifft. Schwierig… :D

  5. Hallo Alexander,

    am Anfang des Artikels habe ich mich direkt wieder erkannt. :-)
    Ich mag Straßenfotografie auch, benutze aber ebenfalls nur große Brennweiten. Näher traue ich mich (noch) nicht heran.
    Passieren da manchmal auch seltsame Sachen, wenn man die Leute nach der Aufnahme anspricht. Das würde mich mal interessieren.

    • Guter Punkt, das seh ich genauso. Der Blog hat viel von seinem alten Charme verloren. Kwerfeldein war früher eine Tankstelle wo ich mich oft in Martins Gedanken und Erlebnissen wiedergefunden habe und mit den
      Links in den BF habe ich viele WOW-Momente erlebt. OK, die Umstrukturierung war vielleicht nötig um etwas mehr Luft zu bekommen, aber warum eigentlich? Wer sagt denn, dass hier jeden Tag ein Artikel rausgehauen werden muss?
      Ich würde mir weniger Gast-Artikel und mehr Martin wünschen. Aber bis Weihnachten is ja noch ein bißchen ;-)

  6. Am besten gefällt mir der Tipp mit dem Warten, so dass die Leute glauben, mir durchs Bild gelaufen zu sein. So habe ich das bisher noch nie gesehen.
    Mir sind die Menschen in Deinen Bildern auch etwas zu nebensächlich für Streetfotografie. Deine Bilder allerdings gefallen mir dennoch sehr gut. Vor allem das mit dem seltsamen „Torbogen“. Das finde ich sehr fein.
    Ich mach es inzwischen so, dass ich Leute hinterher anspreche. Allerdings fände ich es reichlich seltsam, ihnen dann einen Vertrag vor die Nase zu halten. Das würde glaube ich, viele abschrecken. Ich habe festgestellt, dass sehr oft ganz nette Gespräche entstehen und die Leute oft sehr interessiert sind, was man macht. Einige waren danach tatsächlich auf meiner Webseite und haben mich noch einmal angeschrieben.
    Eine Patentlösung bezüglich Freigabe wird es wohl nie geben. Irgendwie schließt sich das auch gegenseitig aus – Spontane Situation und Unterschrift auf ein Papier.
    Danke für den Beitrag
    lg Lis

    • Große Brennweiten bei Streetfotografie mag ich eigentlich gar nicht. Das sieht auf den Bildern irgendwie nach Fotografieren aus 2. Reihe aus. Man fühlt sich dem Geschehen nicht richtig nah.
      Auf der anderen Seite, klar, hab ich auch Hemmungen den Leuten direkt vor den Bug zu fotografieren, zumindest hier in Nürnberg wird man oft schon nur schräg angesehen nur weil ne größere Kamera überhaupt am Körper baumelt :)

      Um dennoch Street zu fotografieren, versuche ich meist Szenen so einzufangen dass ich z.b. seitlich stehe oder auch mal hinter den Personen. Damit rechtliche Probleme gar nicht erst aufkommen, fotografiere ich vom Stil meist so dass eine betreffende Person möglichst kaum erkennbar ist, z.b. als Silhouette im Gegenlicht oder mit bewusst längeren Belichtungszeiten um die Person nur als verwischtes Element im Bild zu sehen.
      Zustimmen kann ich dem Tip mit dem warten. Wenn man lange genug an einem bestimmten Platz steht, so habe ich den Eindruck dass sich die Außenwelt um einen herum mit der Zeit an den Typ mit der Kamera gewöhnt. Man gehört also praktisch irgendwann selbst einfach zum Leben auf der Straße dazu. Entsprechend etwas entspannter lassen sich dann spannende Szenen einfangen.

      • Ich denke das vom eigentliche Geschehen etwas weiter weg stehen ist einfach (m)eine Interpretaion der Streetfotografie. Ich habe auch immer wieder den Versuch gemacht ganz nahe ran zu gehen. Aber persönlich gefallen mir die Bidler mit mehr Abstand einfach besser.

    • Ich kann es mir wirklich immer noch nicht vorstellen, Leute auf der Straße anzusprechen und ihnen einen Vertrag zur Unterschrift zu geben, damit ich ihr Foto bekommen kann.
      Das ist doch abartig.

      Da mache ich es lieber auch so wie empfohlen, und lasse sie in meine „Szene“ selber reinlaufen. Die beste Methode, die ich bisher gelesen habe. Danke. :-)

  7. Ja, die Sache mit der rechtlichen Situation wird immer gerne diskutiert. Für mich ist die Herangehensweise mit der etwas größeren Entfernung und den nicht klar erkennbaren Personen ein guter Ansatz (und inzwischen mehr als ein Kompromiss). Ich versuche so ein wenig meinen eigenen Stil zu kreieren. Ich weiß, daß ist ein großes Ziel, aber nur durch Ziele kann man sich ja auch verbessern.

    Meine Bilder fallen vielleicht nicht in das was häufig als klassische Streetfotografie gesehen wird (nämlich Personen im Vordergrund zu haben). Wie auch schon mehrfach angemerkt ist aber meine Sichtweise ein Teil der Streetfotografie: Personen auf der Strasse fotografieren (zunächst mal unabhängig davon, ob die Person groß im Vordergund steht oder nur ein I-Tüpfelchen darstellt.

  8. schade, dass immer wieder das rechtliche so in den vordergrund gerückt wird. irgendwie langweilt es mich. und stellt in meinen augen auch noch lange kein problem dar, solange ich nicht jemandem ins gesicht blitze und die plakate in der stadt verteile.

    wenn jemandem ein bild nicht gefällt (dazu muss er es allerdings finden), dann wird es halt aus dem internet genommen – fertig. ansonsten halt vorher mal fragen – unterschrift ist bissl übertrieben, denk ich.

    ansonsten – es wäre schade, wenn die straßenfotografie wegen rechtlicher selbstbeschneidung nur noch menschliche schatten aufnimmt. wie schön ist es doch, wenn in 100 jahren jemand negative findet, auf denen die menschen und straßen von heute zu sehen sind!

  9. Blogartikel dazu: Amanita » Draußen

  10. Blogartikel dazu: Fotografieren auf Städtereisen Tipps (Teil 1) - like-foto.de