29. März 2022 Lesezeit: ~12 Minuten

Zeitaufnahmen – Im Gespräch mit Werner Bartsch

Für seinen neuen Bildband „Zeitaufnahmen“ portraitierte Werner Bartsch auf einfühlsame Weise Persönlichkeiten der Zeitgeschichte der letzten Jahrzehnte. Im Gespräch mit ihm wollte ich mehr dazu erfahren und wissen, wie man Aufnahmen von Personen plant, von denen es bereits hunderte Portraits gibt.

Dein Buch zeigt Portraits von etwa 100 Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik. Durch die Arbeit für DIE ZEIT hast Du sicher weit mehr Aufnahmen in Deinem Portfolio gesammelt. Wie hast Du entschieden, welche Portraits es am Ende ins Buch schaffen?

Wenn man so will, ist es am Ende doch eine sehr subjektive Entscheidung. Einige Portraits waren einfach gesetzt, weil sie mich schon lange begleiten und ich mir sie immer wieder gerne ansehe – zum Beispiel das Portrait von Colette aus New York oder Katharina Thalbach auf der Treppe im Gorki-Theater.

Da ich viele Personen ja speziell für das Buch fotografiert habe, konnte ich selbst bestimmen und war mein eigener Editor, wer in das Buch kommen soll. Da haben mich einfach bestimmte Personen sehr interessiert – etwa Hito Steyerl oder Jonas Burgert. Aber auch Techno-Ikone Ellen Allien oder die Musikerin Hayiti – ich könnte jetzt genauso auch all die anderen nennen.

Über die Zusage von Gerhard Richter habe ich mich sehr gefreut und auch Jürgen Habermas in Starnberg zu treffen war großartig. Gesetzt waren natürlich die Bilder von Günter Grass und Helmut Schmidt – beide habe ich ja viel für DIE ZEIT fotografiert und die Bilder mussten ganz klar ins Buch. Gesetzt waren aber auch die drei Serien zu Jugendlichen, die mir sehr am Herzen liegen.

Portrait am Strand

Sabrina Lutz, zwölfmalige Deutsche Meisterin im Kitesurfen © Werner Bartsch

Auf dem Cover blickt mir eine Frau entgegen, von der ich das erste Mal höre: Sabrina Lutz, zwölfmalige Deutsche Meisterin im Kitesurfen. Hast Du Dich bewusst für ein „unbekanntes Gesicht“ entschieden?

Ich habe mich bewusst für diese Aufnahme entschieden, weil das Portrait von Sabrina diese Mischung aus Selbstvertrauen, Zuversicht, Klarheit und Weite in sich trägt. Wenn man so will, findet sich dieser ruhende Blick in vielen meiner Portraits – deswegen habe ich es stellvertretend für alle ausgesucht.

Und zum anderen: Ja, ich wollte auch kein in Übermaßen bekanntes Gesicht auf dem Cover – denn darum geht es nicht in Zeitaufnahmen. Sabrina hat für das Kiten die gleiche Passion wie Kent Nagano für die Musik – Passion ist der gemeinsame Nenner, der viele Personen im Buch verbindet.

War das Portrait von ihr ein Auftrag oder ist es für das Buch entstanden?



Das Portrait ist für das Buch entstanden. 


Wie bereitest Du Dich auf eine Aufnahme vor? Vielleicht konkret am Beispiel der Kitesurferin?

Sagen wir es mal so: Ich bin eigentlich immer gerne gut vorbereitet. Das heißt, wenn ich Menschen nicht kenne, lasse ich mir von Google mal ein paar Bilder anzeigen. Manchmal sieht man dann schon, dass eine bestimmte Perspektive besser funktioniert. Außerdem überlege ich mir, welches Licht gut passt und ob alles auch zeitlich realisierbar ist. Ich hatte mal ein Fotoshooting, da sagte mir mein Auftraggeber: „I give you 45 seconds“. Da muss dann entweder alles top am Start und eingestellt sein oder aber Plan B – der kann alles beinhalten.

Bei Sabrina war die Vorbereitung entspannt. Ich habe mir natürlich vorher eine passende Location in den Dünen ausgesucht (verbotenerweise, weil man das Dünengras ja zurecht nicht betreten soll), überlegt, wie die Sonne wandert, wie groß gegebenenfalls der Diffusor sein muss, wo mein Studioblitz steht und was ich mache, damit alles bei strammem Westwind nicht weggepustet wird. Das muss alles im Vorfeld passieren. Da muss der Assistent wissen, was zu tun ist. Wenn ich auf mein Portraitobjekt treffe, möchte ich mich um sie bzw. ihn kümmern und nicht um ein klemmendes Manfrottostativ oder die Locationsuche.

Portrait Günter Grass

Günter Grass © Werner Bartsch

Versuchst Du vorher jedes bisherige Interview der Personen zu lesen oder schaust Du, wie Kolleg*innen sie schon gezeigt haben? Oder gehst Du möglichst unvoreingenommen an eine Aufnahme?

Bei manchen Personen ist es außerordentlich wichtig, den aktuellen Diskurs zu kennen. Als ich Jürgen Habermas fotografiert habe, wollte ich gut vorbereitet sein und habe mich unter anderem über seine letzten Bücher informiert. Sein aktuelles Werk hatte mal eben schlappe 1.700 Seiten (die habe ich aber nicht gelesen). Oder bei Gerhard Richter habe ich mich informiert, welche Ausstellungen als nächstes anstehen – das ist selbstverständlich.

Ansonsten gehe ich unvoreingenommen ran – mich interessiert es auch ehrlicherweise nicht besonders, wie andere Kolleg*innen eine Person fotografiert haben. Nicht, weil ich die Kolleg*innen nicht schätze, sondern weil es mir, um mein Bild mit jemandem zu finden, nicht weiterhilft. Manche Posen sind auch sehr überstrapaziert, wie etwa Otto mit Grimasse. Aber so ein Bild wollte und würde ich auch nicht von ihm machen.

Generell ist es hilfreich, sich ein paar Fragen im Vorfeld zu stellen: Wie sieht sich die Person selbst? Für was steht die Person in der Öffentlichkeit? Und, am wichtigsten: Wie sehe ich als Fotograf die Person? Dies hilft, um im Vorfeld einordnen zu können, wen man gleich vor der Linse hat – aber fotografisch sollte man sich da nicht beeinflussen lassen. Oft entsteht ein Bild, das so gar nicht zu den Dingen passt, die man vorher dachte – und manchmal passt alles hervorragend.

Manchmal braucht es auch eine Nachreflexion: Luisa Neubauer von Fridays for Future traf ich zum ersten Mal in einem Café in Göttingen. Die Portraits, die ich von ihr dort fotografiert habe, gefielen mir richtig gut – ich hatte sie durch das Fensterglas des Cafés aufgenommen, mit vielen Spiegelungen, Reflexionen und Unschärfen – aber es hat nicht das transportiert, wofür Luisa und FFF stehen.

Also musste ich es definitiv wiederholen. Der Protest entstand durch die Schulstreiks auf der Straße. Also habe ich mich entschieden, sie auch dort zu fotografieren. So haben wir uns dann erneut verabredet – in Hamburg – und haben ihr Portrait mitten auf dem Rathausmarkt fotografiert.

Portrait auf einem Platz

Luisa Neubauer © Werner Bartsch

Wie viel Zeit fließt in die Vorbereitung, Locationsuche, Aufbau und so weiter und wie viel Zeit in das eigentliche Fotografieren?


Das ist schwer zu sagen. Manchmal ist die Vorbereitung die eigentlich wichtige und auch aufwändige Arbeit.

Licht ist zum Beispiel immer ein großes Thema. Ein Fotoassistent hat mal zu mir gesagt: Wir schießen doch „nur“ ein Portrait, warum das ganze Equipment? Ich sagte dann: Wart’s ab. Wenn ich vorher eine Location nicht kenne, nehme ich zumindest zwei Generatoren, vier Blitzköpfe und zwei bis vier Kompaktblitze mit, aber auch Dauerlicht und manchmal auch noch mobiles Lichtequipment. Weglassen kann ich alles ohne Probleme.

Beim eigentlichen Fotografieren hat man ja manchmal ein strikt vorgegebenes Zeitfenster, etwa bei Politiker*innen ist das oft üblich – da halte ich diesen Zeitplan zu 90 % auch ein. Je weniger Zeit zum Fotografieren, desto besser muss die Vorbereitung sitzen und man für eventuelle Ausfälle gewappnet sein. Also etwa ein zusätzlicher Blitzkopf auf dem Stativ und eine zweite Kamera mit ähnlicher Brennweite. Das hilft, um Stress zu vermeiden, denn ich möchte mich zu 100 % um die Person kümmern können – alles andere muss laufen.

Bei Terminen, die keine zeitliche Begrenzung haben, ist es wichtig, ein Grundgefühl zu entwickeln, wie lange ein Shooting dauern kann. Da hilft es sehr, im Vorfeld mit der Person zu reden und nicht gleich wie verrückt loszufotografieren. Wenn Dein Gegenüber weiß, dass Du gern drei oder vier Einstellungen mit ihm fotografierst, kann es den zeitlichen Rahmen ebenfalls besser einschätzen und wird nicht nach der ersten Einstellung unruhig.

Wichtig ist, dass man mit der Person in kurzer Zeit etwas aufbauen kann. Bei einem Fototermin mit Henry Kissinger habe ich erzählt, dass ich quasi in derselben Stadt geboren bin wie er und auf welchem Tabellenplatz seine damalige Lieblingsmannschaft steht (muss man dann vorher rausfinden). Fotografieren hat auch viel mit Vertrauen zu tun – ich möchte als Fotograf, dass die andere Person sich zeigt und öffnet. Das klappt aber nicht auf Knopfdruck – man muss dann auch bereit sein, sich selbst zu öffnen.

Außerdem ist ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe wichtig – egal, ob Minister oder Schülerin. Wir alle prägen unsere Zeit und sind Teil des Ganzen.

Portrait

Ellen Allien © Werner Bartsch

Gerade bei Aufträgen hat man oft sehr wenig Zeit, manchmal nur Minuten. Hast Du einen Trick, wie man Personen ein spannendes Portrait abringt, die eigentlich lieber ganz woanders wären als vor Deiner Kamera?

Wie gesagt – bei wenig Zeit: Gute Vorbereitung – das muss man dann auch im Vorfeld kommunizieren. Wenn die Person vor einem steht und man anfängt, die Karte in der Kamera zu formatieren, ist das schlecht. Wenn alles steht und ich weiß, was ich für ein Bild machen will, geht das auch in sehr kurzer Zeit.

Ich denke, es hat auch etwas mit Sympathie zu tun – wenn die andere Person merkt, dass jemand wohlgesonnen ist und auch ein wirkliches Interesse hat, investiert man gern mehr Zeit. Wenn man das Gefühl hat, der Fotograf will einen nur ablichten, dann ist man auch schnell wieder weg.

Bei Helmut Schmidt habe ich am Anfang immer viele Studioblitze in seinem Büro aufgebaut, weil ich dachte, dann kriegt er mich schwieriger wieder raus. Da war auch was dran – aber auch hier habe ich dazugelernt und die letzten Shootings mit ihm ohne großes Equipment absolviert. Ich wusste, dass er dies überflüssig fand und eher schlechte Laune beim Anblick von Stativen bekam.

Du arbeitest schon einige Jahre als Portraitfotograf. Hast Du den Eindruck, dass die Anforderungen an ein gutes Portrait sich im Laufe der Zeit verändert haben?

Ich habe meine Uni-Abschlussarbeit 1994 in New York fotografiert – war dann erst in Berlin und bin 1996 nach Hamburg gegangen. Seither arbeite ich in der People/Portrait-Fotografie. Ich denke schon, dass sich da einiges verändert hat: Das Überinszenieren von Personen (mochte ich noch nie) kann man nicht mehr sehen, weil es meistens nur darauf hinausläuft, dass die Fotograf*innen sich krass darstellen wollen. Der „Brand eins“-Stil ist mittlerweile auch erschöpft (Person vor verblühter Vorgartenhecke), man sieht wieder viele gut durchdachte und gut komponierte Bilder. Auch viele analog fotografierte Arbeiten sind dabei, das ist schön zu sehen.

Portrait

Robert Habeck © Werner Bartsch

Dein Bildband über Helmut Schmidt ist im Verlag der Zeit erschienen. „Zeitaufnahmen“ jedoch bei Steidl. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

„Helmut Schmidt bei der ZEIT“ war ein Editions-Bildband mit Druck – da ging es ausschließlich um die Aufnahmen, die ich von Schmidt während seiner Herausgeberschaft bei der ZEIT gemacht habe. „Zeitaufnahmen“ beinhaltet zwar auch einige Aufnahmen von Helmut Schmidt aus dem Buch, aber sehr viele Portraits haben nichts mit der ZEIT zu tun, sondern sind speziell hierfür fotografiert. Gerhard Steidl kennt sowohl das Buch von Schmidt als auch meine Portraitarbeiten – so sind wir zueinander gekommen.

Kommt der Titel „Zeitaufnahmen“ wirklich aus der Zusammenarbeit mit der ZEIT?

Der Titel „Zeitaufnahmen“ kommt eigentlich von der Idee, dass jede Zeit Menschen hat, die sie prägen und dass die Aufnahmen einige von ihnen zeigen. DIE ZEIT spielte natürlich bei der Namensfindung auch eine Rolle, da die Bilder von Günter Grass, Helmut Schmidt und manch anderen ja für die Wochenzeitung fotografiert wurden. So ist es ein wenig Wortspiel und gleichzeitig ein Zeitstrang.

Danke für das Gespräch!

Buch

Wenn Ihr jetzt noch mehr über die Arbeiten von Werner Bartsch erfahren wollt, folgt ihm doch auf Instagram. Dort veröffentlicht er täglich ein Portrait aus dem Buch mit einigen Infos oder einer kleinen Geschichte zum jeweiligen Shooting.

Informationen zum Buch
„Zeitaufnahmen“ von Werner Bartsch
Einband: Hardcover, Leineneinband
Seiten: 204 Seiten, 168 Abbildungen
Maße: 30,5 x 26 cm
Verlag: Steidl
Preis: 45 €

Titelbild: Jonas Burgert © Werner Bartsch

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