zwei Personen
09. März 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

21 Grams

Im September 2018 bin ich nach Frankreich gegangen und habe angefangen, an der ENSP in Arles Fotografie zu studieren. Ich habe mich sofort in die kleine südfranzösische Stadt verliebt: Die schmalen Gassen, die kleinen Häuschen, eng an eng. Die Sonne, der Fluss und die Gelassenheit des südfranzösischen Lebens haben mich von Anfang an in ihren Bann gezogen.

In dieser Stadt habe ich auch Mara getroffen. Sie studierte mit mir an derselben Schule und wir freundeten uns direkt an. Sie kommt aus Madrid und ist queer. Bevor ich sie kennenlernte, war „queer sein“ ein Begriff, mit dem ich nur wenig anfangen konnte. Mara erklärte mir, wie sie sich in ihrem Körper fühlt und was es für sie bedeutet, queer zu sein.

Eine Person liegt mit entblößter Brust auf einem Bett und hält den Arm über die Augen

Während dieser Zeit fanden in Frankreich mehrere homophobe Angriffe statt. Da die Polizei nichts dagegen tat, gingen die Leute auf die Straße. Ich begleitete Mara auf einige Demonstration nach Marseille und fing an, mich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei sprach ich viel mit Mara. Nicht nur über das Thema „queer sein“, sondern auch über Themen wie Liebe, Beziehung und Freundschaft.

Mara wurde die erste Person, die ich fotografierte. Ich fing an, Portraits von ihr und später auch von anderen Menschen zu machen, die ich während meiner Zeit in Frankreich kennenlernte. Ich beschäftigte mich intensiv mit den Themen Sexualität, Liebe sowie verschiedenen Körperformen und unterschiedlichen Lebensformen in Bezug auf Liebe und Beziehungen. Auch hinterfragte ich meine eigene Identität als junge cis Frau.

Zwei nackte Menschen umarmen sichEine Frau sitzt nackt auf einem Bett

Durch mein Projekt lernte ich unglaublich tolle Menschen kennen. Es war eine ganz neue Art, durch die Fotografie Menschen nah zu kommen. Ich war beeindruckt davon, wie schnell sich meine Protagonist*innen vor mir öffneten und wie schnell Intimität zwischen mir und ihnen entstand. Gerade weil ich viel Akt fotografierte, versuchte ich, dabei kaum anzuleiten.

Wir trafen uns meistens bei den Menschen zuhause. Alles passierte spontan. Mir war es besonders wichtig, dass sich meine Protagonist*innen wohlfühlten und fallen lassen konnten, um möglichst natürliche Bilder zu erstellen. Ich fühlte mich nach langer Zeit wieder frei und voller Ideen in meiner eigenen Fotografie.

Als ich zurück nach Deutschland ging, beschloss ich, dieses Projekt weiterzuführen. Es war fast so, als würde dieses Projekt von allein wachsen und immer größer werden. Ich reiste in verschiedene Länder und traf fremde Menschen, die plötzlich zu Freund*innen wurden.

Ich tauschte mich aus, lernte und machte Erfahrungen, gute und schlechte. Ich lachte viel und weinte umso mehr. Ich verzweifelte an meiner Arbeit, aber hörte trotzdem nicht auf zu fotografieren und entwickelte mit der Zeit mein Buch „21 Grams“.

Drei nackte Beinpaare auf einem Bett

Dieses Buch ist gefüllt mit Begegnungen verschiedener junger Menschen aus den letzten zwei Jahren, mit unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen. Hauptsächlich Personen, die sich selbst nicht der Norm zuschreiben, und die mit unterschiedlichen Erfahrungen, Neigungen und Lebensvorstellungen ein selbstbestimmtes Leben führen.

Im Moment versuche ich, das Buch zu veröffentlichen und habe hierzu eine Kickstarter-Kampagne erstellt. Geplant ist eine Auflage von mindestens 200 Büchern. Im Buch tauchen auf einigen Seiten kleiner Textblöcke auf. Das sind Gedanken der Abgebildeten, denen ich die Möglichkeit geben wollte, sich in meinem Buch mit einzubringen.

Mir ist wichtig, mit der Thematik, angepasst an die verschiedenen Menschen, Aufmerksamkeit zu schaffen und darauf hinzuweisen, dass mehr Lebensformen und -stile besonders in Bezug auf Sexualität, Liebe und Beziehung, gesellschaftlich akzeptiert werden sollten.

Eine Person hockt nackt auf einem DachEine Person läuft nackt draußen

Mein Ziel ist es, über diese Thematik zu sprechen und mit meiner Arbeit diejenigen zu erreichen, die anderen Lebensformen noch verschlossen gegenüber stehen. Gleichzeitig möchte ich aber auch allen anderen die Aufmerksamkeit schenken, nicht zu vergessen, was sich in den letzten Jahren verändert hat und weiter für mehr Vielfalt in der Gesellschaft einzustehen.

Denn egal, ob es um Sexualität, Genderfragen oder unterschiedliche Beziehungsformen geht: Ich würde mir mehr Verständnis in der Gesellschaft wünschen und weniger Verurteilung von bestimmten Konzepten oder Lebensformen. Denn egal, wie man lebt und was man bevorzugt, ich denke, es wäre befreiend, wenn mehr Menschen über ihren Tellerrand schauen würden.

Dann würde sich ihr Horizont für andere Lebensformen öffnen und wenn das gelingen würde, dann würden viele davon profitieren. Denn eigentlich wollen alle Menschen dasselbe: Sie möchten sich ohne Angst fallen lassen und geliebt werden, wie sie sind.

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