Fahrradfahrer auf einer Straße
01. März 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Zeit

Als ich wegen einer chronischen Krankheit nicht mehr als Elektrotechniker arbeiten konnte und in den Ruhestand ging, begann ich ein Fernstudium der Kunstgeschichte. Ich verbringe viel Zeit zu Hause und das hat mich thematisch interessiert. Die Fotografie war ein Teil des Studiums und die Experimente der dadaistischen und konstruktivistischen Bewegung haben meine Aufmerksamkeit besonders erregt.

Ich nutze mein Auto, um kurze Strecken in der Stadt zu fahren, und begann dann, eine kleine Kamera mitzunehmen. Daraus entwickelte sich die Routine, die Fotografie einzusetzen, um mehr aus dem Haus zu kommen und dann die Stadt und meine Umgebung auf diese Weise zu beobachten.

Mann vor einem Schaufenster

zwei Männer sitzen an einer Bushaltestelle

Das eigentliche Aufnehmen eines Bildes macht für mich nur 5 % des ganzen Prozesses aus. Normalerweise umfasst das für mich, eingeschränkt durch Schmerzen und Müdigkeit, nur ein paar Stunden pro Woche. Das bedeutet, dass ich eine langfristige Perspektive haben und versuchen muss, mich auf das zu konzentrieren, wozu ich fähig bin.

Wenn ich aufgrund meines jeweiligen Zustands nicht in der Lage bin, etwas Bestimmtes zu tun, muss ich positiv bleiben. Die mir auferlegten Grenzen definieren Parameter, das kann wiederum die Kreativität fördern. Ich suche nach Projekten, die diese Einschränkungen berücksichtigen, und halte Ausschau nach Erzählungen, die einen längeren Zeitraum umspannen.

Autobahnbaustelle nachts bei Nebel

Beschlagenes Restaurantfenster

Ich mag Einordnungen und Genres nicht, denn sie können der Kreativität unbewusste Grenzen setzen. Ich denke, es ist wichtig, einen eigenen Stil zu entwickeln, um die langfristige Entwicklung zu unterstützen. Beim Fotografieren suche ich etwa nach besonderen Kompositionen und Beziehungen zwischen Dingen.

Wenn man fotografiert, können sich gleichzeitig viele verschiedene Begebenheiten innerhalb des Bildraums ereignen. Man muss die Essenz des Bildes destillieren, um die Betrachter*innen zum Motiv zu führen. Denk also über das Thema des Bildes nach, konzentriere Dich darauf und such nach Interaktionen.

Paar mit Selfiestick in einem geschmückten Kaufhaus

Mann vor Werbeplakat

Ich versuche fast, die Kamera zu vergessen und konzentriere mich so richtig auf die Szene und das im Bildfeld herrschende Licht. Ich denke, es ist wichtig, den eigenen Instinkten zu vertrauen und den Zufall in dieser Phase der Aufnahme auch eine Rolle spielen zu lassen. Mach Bilder, aber analysiere und sortiere sie erst viel später aus. Filme anzuschauen, kann auch dabei helfen, eine Szene zu „sehen“ und sie schnell genug in einem Bild zu komponieren.

Das Leben in der Stadt und das Fotografieren in der Nähe meines Hauses führten mich zur Straßenfotografie, obwohl ich denke, dass meine Bilder eher dokumentarischer Natur sind und auch Elemente der Abstraktion aufweisen. Ein gewisses Maß an Mehrdeutigkeit im Bild ist mir wichtig, um die Betrachter*innen tiefer in die dargestellte Szene hineinzuziehen.

Straßenszene mit mehreren Männern

zwei Personen zwischen vielen abgestellten Fahrrädern

Als sich mein Interesse für die Fotografie herausbildete, begann ich auch, meine Bilder in den sozialen Medien zu zeigen. Nach ein paar Jahren hatte ich das Gefühl, dass dies einen Einfluss auf die Bilder hatte, die ich machte. Ich stellte fest, dass meine Ziele kurzfristiger wurden, da ich ja täglich etwas vorzeigen wollte. Wenn man eine eigene Webseite hat, hat man mehr Kontrolle. Man kann Unterseiten anlegen und dort etwa Bilder zu einem ähnlichen Thema versammeln.

Wenn ich nach Inspiration suche, lese ich ein Buch über Kunst oder Fotografie. Ich konzentriere mich dabei auf die Projekte und Monografien meiner Lieblingsfotografen. Während des ersten Lockdowns sichtete ich meinen Lightroom-Katalog und wählte einige Bilder zum Drucken aus. Wenn man ein Bild auf Kunstdruckpapier sieht, unterscheidet es sich grundlegend vom Eindruck auf den kleinen digitalen Bildschirmen, an die wir uns gewöhnt haben.

Lightroom hat die Dunkelkammer für digitale Bilder ersetzt, doch der letzte Schritt in diesem Prozess sollte meiner Meinung nach immer noch ein Druck sein, den man tatsächlich anfassen kann. In Zukunft möchte ich mehr drucken als digitale Medien zu benutzen. Für die Zeit nach der Pandemie hoffe ich, eine lokale Ausstellung mit einem begleitenden Buch organisieren zu können.

Architektur

Architektur

Die Lockdowns sind für alle eine körperliche, geistige und kreative Herausforderung. Ich habe im letzten Jahr auch viel weniger Bilder aufgenommen. Teilweise wegen mangelnder Möglichkeiten, aber auch wegen des erhöhten Ansteckungsrisikos. Ich habe dann etwa zu Hause mit Farbportraits experimentiert und dafür ein, zwei billige Blitze mit Gel-Filtern und Lichtformer verwendet.

Kürzlich habe ich einen Artikel über Fotografie im urbanen Raum von Jérôme Sessini gelesen. Dies brachte mich auf die Idee für ein kleines Projekt, bei dem ich Bilder von Betongebäuden in der Nähe meines Hauses gemacht habe. An ein oder zwei Abenden pro Woche fuhr ich zu den Orten und machte in 30 oder 40 Minuten meine Aufnahmen. Der letzte Lockdown hat dieses Projekt unterbrochen, aber ich hoffe, dass ich es bis zum Frühjahr abgeschlossen haben werde.

Dieser Artikel wurde für Euch von Redakteurin Aileen Wessely aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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3 Kommentare

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  1. Danke, sehr interessant. Ich mag besonder die Nachtszenen auf dem Motorway und am Taxi Rank.

    Farbe oder b/w … ich bevorzuge den Look der Farbfotos.

  2. Deine Beweggründe zum Fotografieren finde ich sehr überzeugend und Du hast Deinen gedanklichen Ansatz toll umgesetzt. Eine ganze Reihe der Fotografien finde ich gut gelungen. Persönlich gefällt mir besonders Dein SW-Blick. Was wir alle davon lernen können: Nicht unbedingt hunderte von Bildern „schiessen“, sondern lieber wenige und die dann richtig ausarbeiten.