09. Februar 2021

Hof Nr. 4233 – Ein langer Abschied

1975 gab es in Deutschland über 900.000 Bauernhöfe. Heute sind es nur noch 265.000 und die Zahl sinkt stetig. Es bleiben wenige große Betriebe mit viel Land – kaum vereinbar mit ökologischer Landwirtschaft. Ähnlich sieht es auch in der Schweiz aus: Dort mussten die Eltern des Fotografen Tomas Wüthrich bereits vor 20 Jahren ihren Hof aufgeben. Hof Nr. 4233, so die amtliche Betriebsnummer.

Fast dreißig Jahre lang hatten sie im freiburgischen Seeland Milchwirtschaft und Ackerbau betrieben. Nachdem sich der Betrieb nicht mehr rentierte, mussten sie ihn im April 2000 schweren Herzens aufgegeben. Tomas hat das letzte Jahr dokumentiert und neben der täglichen Arbeit auch die entscheidenden Momente der Hofaufgabe festgehalten: die Unterschrift des Vertrags mit dem neuen Pächter, den Abtransport der Kühe, das letzte große Aufräumen im leeren Stall.

Mann sieht durch eine Luke

Hans Wüthrich holt den letzten Rest Grassilage bei einem Nachbarn, der zu viel Vorrat hat. Während der Käseproduktion, die im Mai beginnt, dürfen die Kühe kein siliertes Futter fressen. Alle Silos werden von der Käsereigenossenschaft kontrolliert, sie müssen leer und gewaschen sein, 1999. © Tomas Wüthrich

Zwei Menschen kehren den Stall

Eine Kuh wird gemolken

Frau schiebt einen Wagen auf dem Milchkanister und ein Kind stehen

Ruth Wüthrich bringt zusammen mit ihrer Enkelin Meme die Abendmilch in die Käserei. Seit den 1970er Jahren ist die Milchproduktion kontingentiert. Wüthrichs dürfen pro Jahr 43.000 kg abliefern. Bei einem Milchpreis von 77 Rp./kg ergibt dies ein Bruttoeinkommen von Fr. 33.110.– im Jahr. Das restliche Einkommen erzielen sie aus dem Verkauf von Tieren und dem Ackerbau. In ihren besten Jahren resultierte aus Milchwirtschaft und Viehverkauf ein Bruttoeinkommen von Fr. 60.000.– und Fr. 20.000.– aus dem Ackerbau, 1999. © Tomas Wüthrich

Ernte

Wüthrichs lassen ihre Zuckerrüben seit 1996 von einem anderen Bauern mit einem Vollernter ausfahren, die Ernte nach alter Methode mit viel Handarbeit ist für sie zu anstrengend geworden. Seit die Zuckerrübenverladung auf die Bahn in Kerzers eingestellt worden ist, müssen die Bauern ihre Rüben selbst in die Zuckerfabrik nach Aarberg bringen. Dazu braucht es große Wagen und entsprechende Traktoren, wie sie Wüthrichs nicht haben. Ihr Kontingent von 50 Tonnen wird nach der Pensionierung unentgeltlich an einen anderen Bauern übergehen. Zuckerrübenkontingente sind nicht verkäuflich, werden aber halblegal gegen Milchkontingente getauscht, 1999. © Tomas Wüthrich

Äste zu einem Haufen aufgetürmt

Hans Wüthrich hat die untersten Äste eines Apfelbaums abgesägt, weil sie so weit herunterhingen, dass man das Gras darunter nicht mehr mähen konnte. Zu Hause wird er daraus Wedele machen, 1999. © Tomas Wüthrich

Eine Kuh wird verladen

Schnur in einem Stall

Der Stall ist leer. Von den Kühen verbleiben nur noch die aufgewickelten Schwanzschnüre, 2000. © Tomas Wüthrich

Zwei Menschen in einem leeren Stall

Der Stall ist frisch geweißelt. Kühe werden keine mehr einziehen, der Stall wird in Zukunft als Brennholzlager dienen, 2000. © Tomas Wüthrich

20 Jahre nach der Reportage ist das Thema nach wie vor aktuell. Jeden Tag verschwinden in der Schweiz zwei Bauernbetriebe. Deshalb entschied sich Tomas dazu, die Arbeit als Buch zu veröffentlichen. Auf 176 Seiten zeigt er eine Auswahl von 73 Schwarzweißfotografien. Publiziert wurde der Bildband im Verlag Scheidegger & Spiess und kostet 48 €.

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7 Kommentare

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  1. Tolle Bilder die sehr gut den großen Umbruch in der Agrarwirtschaft zeigen.

    Ein Satz in der Einleitung hat mich aber „getriggert“… Ich komme selber von einem „Bauernhof“ daher habe ich da vielleicht etwas andere Ansichten….

    Es bleiben wenige große Betriebe mit viel Land

    Warum ist dem denn so? Im Agrarbereich läuft das gleiche ab wie überall anders auch, oder werden unsere Autos noch von dem kleinen Schmied im Dorf gebaut?
    Oder werden unsere Klamotten noch vom Schneider aus der Stadt nebenan genäht?

    – kaum vereinbar mit ökologischer Landwirtschaft.

    Warum soll das nicht vereinbar sein? Wenn die Nachfrage nach diesen Produkten steigt wird es auch da die großen Betriebe geben die etliche 100ha bewirtschaften, Grund siehe oben

  2. Danke für den Artikel und die Bilder – das hat mich berührt, da meine Familie auch Landwirtschaft hatte die mittlerweile aufgegeben wurde.

    Und zum Vorkommentator @JHB – nur weil es überall(?) anderswo auch so läuft heißt es ja nicht, dass das eine gute Entwicklung ist. Und natürlich wird es große Betriebe geben, die verursachen ökologisch zu wirtschaften (oder auch nur so tun um höhere Preise zu erzielen) – aber wenn das Hauptdiktat der wirtschaftliche Erfolg im Sinne des Kapitalismus ist widerspricht sich das eigentlich mit nachhaltiger ökologischer (Land)-Wirtschaft.

  3. Bilder mit persönlichem aber auch historischem Wert.
    Jedoch keine Bilder, die diesen Prozess aufhalten.
    Nicht nur die Landwirtschft hat in den letzten Jahrzehnten diesen Strukturwandel erlebt.
    Davon betroffen sind auch viele andere Branchen, in denen die Kleinen den Großen weichen mussten.
    Schuld – wenn man denn von Schuld sprechen kann – sind wir Verbraucher.

  4. Authentisch fotografiert.
    Und wie in vielen Bereichen übernimmt schon lange nach und nach das Kapital das Zepter. Bleibt allerdings die Frage im Raum, ob wir – Du und ich – nur die Rolle der Bedauernden haben, oder nicht auch mitverantwortlich sind. Wir wählen Parteien, die das pushen und kaufen Sachen aus den Händen derer, die wir verurteilen.
    Ich baue z.B. noch richtige Möbel, die Generationen überleben können. In der selben Zeit gäbe man ein Vielfaches für den schnell vergänglichen IKEA-Schrott aus Billiglohnländern aus. Dennoch sehen wir mit tränenden Augen dem Untergang wirklichen Handwerks zu.

    Die gute Nachricht: Hier in Norddeutschland hat die Zahl der „Tante Emma“-Läden in den letzten Jahren um 50% zugenommen. Immerhin.