30. September 2020

Wegbegleiter

Maximilian Gödecke hat im Auftrag der LfB Lebensräume für Menschen mit Behinderung gGmbH Menschen in betreuten Wohnheimen in Berlin portraitiert. Im Zentrum der Serie stand die Frage nach einem wichtigen Gegenstand. Welche Dinge erinnern die Bewohner*innen an besonders schöne Momente in ihrem Leben? Was sind ihre Wegbegleiter?

Und die Menschen erzählen! Maximilian nahm sich vier Tage Zeit, um auch zuhören zu können. Für ihn ist Vertrauen besonders wichtig beim Portraitieren. Er möchte jedem Menschen maximalen Respekt entgegen bringen und auch wenn ein Projekt ein Job ist, niemanden einfach abfertigen. So wurden aus den von der Organisation ursprünglich angedachten 15 Minuten auch mal Stunden.

Das Schönste am Fotografieren war, dass die Menschen so uneitel waren. Alle waren frei vom Gedanken, sich vor der Kamera bestmöglich zu präsentieren, was für mich viel Freiheit bedeutete. Sie haben sich meinen Ideen schnell geöffnet und mir viel Vertrauen entgegen gebracht. So konnten sehr authentische und wie ich finde schöne Portraits entstehen.

Frau mit AkkordeonAkkordeon

Waltraud L.

Ich stelle meine Ziehharmonika vor. Mit 10 habe ich angefangen, Musik zu spielen. Zuerst habe ich Mundharmonika gespielt. Aber ich hatte Probleme mit dem Atmen. Deshalb habe ich dann Ziehharmonika gespielt. Da war ich 13 Jahre alt. Ich spiele alles nach Gehör nach. Noten habe ich nie gelernt. Musik ist sehr wichtig in meinem Leben. Am liebsten spiele ich Volkslieder und Schlager.

Ich habe auch immer gerne getanzt. Spitzentanz habe ich gemacht. Das habe ich mir auch selbst beigebracht. Bei der LfB hatte ich oft Auftritte mit meiner Ziehharmonika. Zum Beispiel bei Weihnachtsfeiern oder an Geburtstagen. Leider ist mir die Ziehharmonika jetzt zu schwer geworden. Ich habe Probleme mit dem Rücken. Jetzt lerne ich noch Keyboard spielen. Das ist ein Tasteninstrument, ähnlich wie ein Klavier. In meinem Leben ist Musik sehr wichtig, das sieht man auch an meiner riesigen CD-Sammlung.

Mann mit EisenbahnmützeFoto mit Schattenschnitt

Jürgen H.

Ich mag Eisenbahnen sehr gerne. Ich war auch schon oft bei Eisenbahn-Ausstellungen. Ich war schon ein paar Mal auf der Lok. In Wannsee mit meinem Vater. In Schöneweide mit Erika. In diesem Jahr fahre ich wieder nach Schöneweide. Dort gibt es eine Eisenbahn-Ausstellung. Die Mütze von der Volkspolizei habe ich am Checkpoint Charlie gekauft. Die trage ich aber nur manchmal zu Hause.

Am liebsten mache ich Fahrradtouren in meine alte Heimat. Aber ich hatte einen Unfall. Ich habe mir den Arm gebrochen. Ich kann erst wieder Fahrrad fahren, wenn der Arm wieder heil ist. Ich bin auch ein Handwerker. Ich habe gutes Werkzeug. Tim und ich haben Holz gekauft. Wir wollen damit ein Vogelhaus bauen.

Frauenportrait

Gabi N.

Das rosa Kissen mit dem aufgestickten Bären mag ich besonders. Die Kette mag ich auch sehr gerne. Weil beides Geschenke von meiner verstorbenen Mutter sind. „Wer im Herzen ein Kind geblieben ist, der ist ein Mensch.“ Das hat Erich Kästner gesagt. Ich glaube daran, dass meine Mutter als Schutzengel über mich wacht. Das Kissen und die Kette bedeuten mir alles. Mutti war die Beste! Das Kissen gab sie mir einige Zeit vor ihrem Tod. Die Kette suchte ich mir bei einem Besuch in ihrem Wohnheim aus.

Mutti hat mich zu der selbstständigen Frau gemacht, die ich heute bin. Außerdem hielt sie immer zu mir. Ich höre sie noch immer sagen: „Du kannst ja dämlich sein, aber du musst dir zu helfen wissen. Du hast keene Behinderung, du kannst laufen.“

Manchmal hat sie mich auch überfordert. Ich habe täglich mit ihr telefoniert. Das Kissen liegt meistens auf meinem Fernsehstuhl. Manchmal umarme und küsse ich das Kissen. Ich spreche auch mit dem Kissen, als wäre es meine Mutti: „Ich weiß, ich soll nicht so viel rauchen“, „Ich weiß, dass du auf mich aufpasst.“

Frau mit Pittiplatsch-Kuscheltier

Frieda M.

Ich bin mit der WG Lichtenrade in den Filmpark Babelsberg gefahren. Da wollte ich so gerne einmal hin. Wir sind mit dem Auto dort hingefahren. Direkt am Eingang haben wir den Bauwagen von Peter Lustig gesehen. Den kannte ich schon aus dem Fernsehen. Es war lustig und ein schöner Tag. Wir haben auch zusammen Kaffee getrunken. Da war dann eine Bude im Filmpark. Dort konnte man Figuren kaufen.

Es gab den Sandmann, Schnatterinchen und Pittiplatsch. Ich habe Pittiplatsch schon mal im Fernsehen gesehen. Das war beim Sandmann im Kika. Er hat mir so gut gefallen. Deshalb habe ich mir den Pittiplatsch gekauft. Der Pittiplatsch sitzt heute in meinem Bett. Er kann sprechen, wenn man auf seinen Bauch drückt: „Ach du meine Nase, Hoho, Platsch, Quatsch.“ Mein Pittiplatsch erinnert mich immer an den schönen Ausflug in den Filmpark Babelsberg. Ich möchte sehr gerne bald noch einmal dorthin fahren.

Mann hält seine Hände an den KopfHand mit Ring

Wolfgang H.

Ich habe den Ring zum 25-jährigen Jubiläum von Woolworth geschenkt bekommen. Insgesamt habe ich 32 Jahre bei der Firma gearbeitet. Der Ring ist Gold. Er hat zwei silberne W oben drauf und einen weißen Stein. Ich weiß nicht, wie viel der Stein wert ist, aber er soll wertvoll sein. Aber ich weiß nicht, wieviel Karat der Ring hat. Alle Kollegen, die Jubiläum gefeiert haben, haben so einen Ring geschenkt bekommen.

Die Mitarbeiter, die in Vollzeit gearbeitet haben, haben in ihrem Ring einen Stein. Alle anderen, die weniger gearbeitet haben, haben einen Ring ohne Stein geschenkt bekommen. Meine Arbeitszeit war immer von 9 bis 18:30 Uhr. Das war früher so üblich. Dann wurde die Öffnungszeit von Woolworth bis 20 Uhr geändert. Meine Arbeitszeit wurde bis 16 Uhr geändert. Es gab dann zwei Schichten. Die einen blieben nur noch bis 16 Uhr. Die anderen kamen dafür erst später und blieben bis 20 Uhr. Sonst wäre die Arbeitszeit viel zu lang gewesen.

Rote Hausschuhe an einer GardineFrau sitzt mit einem Album auf dem Bett

Eva-Maria R.

Mein Fotoalbum erinnert mich an früher. Das ist schön. Die Verlobung mit Wolfgang fand ich am schönsten. Da ist ein kleines Bild von der Verlobung drin. Alle Gäste sind dort drauf. Meine Erstkommunion und mein schönes Kleid sind dort auch drin. Ich denke an den schönen Tisch, den meine Mutti gemacht hat. Den Stuhl und die Kerzen. Und die Kirche bei meiner Erstkommunion.

Da ist meine Schwester, mit ihrem Freund. Der war nicht immer nett zu mir. Das ist unsere alte Wohnung. Dort mussten wir ausziehen. Da sind auch Bilder drin vom Urlaub mit meiner Mutti. Da waren wir bei einer Tante. Ob die noch lebt?

Frau sitzt auf einem Sofa

Helga G.

Den Bären mit dem Kind habe ich mal bei einer Tombola gewonnen. Das war vor ein paar Jahren auf dem Hoffest der LfB. Ich hatte mir ein Los gekauft. Ich dachte schon gar nicht mehr an dieses Gewinn-Los und wollte wieder in meine Wohnung gehen. Da rief mich Herr Krüger, der damals der Hausmeister war. Herr Krüger wollte mir sagen, dass ich einen Bären gewonnen hatte. Es war eine graue Bärenmutter mit einem Kind.

Dieses Stofftier gefällt mir so gut, weil „die Mutter zu ihrem Kind so lieb ist“. Die Mutter hält das Kind fest und beschützt es. Sie sorgt gut für ihr Kind. Ich habe noch mehr Stofftiere. Ich mag alle Tiere gern, auch Hasen und Äffchen.

Lächelnde FrauFrau mit einer Puppe im Arm

Silvia H.

Ich bin früher oft mit meiner Puppe im Kinderwagen spazieren gegangen. Ich hatte auch von Barbie eine Puppenstube. Ich bin eine sehr fürsorgliche Person und habe die Puppen immer gut behandelt. Heute plane ich noch, der Puppe neue Sachen anzuziehen und mit der Puppe spazieren zu gehen. Früher haben die Leute gedacht, ich habe ein echtes Kind im Puppenwagen.

Von meiner Mama habe ich ein Puppenbett zu Weihnachten bekommen. Meine Schwester hat mir auch eine Puppe geschenkt. Ich hatte nur weibliche Puppen. Männliche Puppen mag ich nicht. Eine Puppe würde ich mir jetzt nicht mehr holen. Es war eine schöne Zeit mit den Puppen. Und es war schön, eine Puppen-Mama zu sein.

Lächelnder Mann mit SeemannsmützeMann hält seine Hand an eine Seemannsmütze

Detlef P.

Meine Kapitänsmütze trage ich fast jeden Tag. Von früh bis spät. Nur zum Duschen und Schlafen setze ich sie ab und manchmal auch, wenn ich zu Hause bin. Ohne meine Mütze gehe ich nicht aus dem Haus. Überall wo ich hinkomme, stelle ich mich als „Kapitän Detlef“ vor. Ich sage dann: „Hallo, Ich bin Kapitän Detlef.“ Andere Menschen nenne ich gerne Matrosen. Ich liebe Schiffe. Und im Sommer mache ich gerne Dampferfahrten.

Meine Mütze habe ich während einer Fahrt nach Hamburg gekauft. Das war an einem Anleger in der Nähe des Fischmarkts. Das ist nun schon ein paar Jahre her. Mein Mitbewohner Wolfgang hat sich die gleiche Mütze gekauft. In Hamburg haben wir uns den Hamburger Hafen angeschaut. Dort haben wir eine Hafenrundfahrt gemacht.

Das Projekt ist nicht nur ein Projekt über, sondern auch für die Menschen, weshalb die Zitate in einfacher Sprache gehalten sind. Und natürlich hat jede*r der Portraitierten im Anschluss auch einen Druck von Maximilian bekommen und es gab eine Ausstellung im kleinen Rahmen des LfB. Wenn Euch die Arbeit gefallen hat, dann schaut doch mal auf die Webseite des Fotografen oder folgt ihm direkt auf Instagram.

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3 Kommentare

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  1. Hallo Maximilian,

    diese Reihe gefällt mir sehr gut. Die Fotos drücken eine authentische Stimmung aus und transportieren so den Inhalt. Auch in den Reportagen auf Deiner Homepage erkenne ich einen ganz besonderen Stil: Du holst die Menschen da ab, wo sie stehen.

    Für die Zukunft wünsche ich Dir alles Gute und weiterhin tolle emotionale Themen …

    @ kwerfeldein-Team,
    danke, dass Ihr solche Künstler/innen präsentiert. Ich selber würde sie nicht finden …
    Aber sie bereichern meine fotografische Sicht auf den Alltag.
    Daher freue ich mich über weitere Beiträge dieser Art.

    Schöne Grüße
    Elke