09. Juni 2020 Lesezeit: ~6 Minuten

Roadtrip – Allein durch Nordengland und Schottland

Und plötzlich hielt ich den Schlüssel in der Hand und stieg in dieses kleine, zum Glück völlig zerkratzte und verbeulte Auto. Das erste, was ich an meinem neuen Zuhause für die nächsten zwei Wochen testete, war die Klappfunktion der Rückenlehne, denn nur wenn diese sich zu einer geraden Fläche umklappen ließe, wäre meine komfortable Schlafposition für die Nächte gesichert – und es funktionierte!

Von zuhause hatte ich eine selbstaufblasbare Isomatte und einen Schlafsack, eine Lichterkette sowie ein paar Kochutensilien, Tasse, Messer, einen kleinen Hocker, Gewürze, Essig, Öl etc. mitgenommen. Erfreut setzte ich mich ins Auto – völlig ungewohnt: auf die rechte Seite – und da war ich nun: mitten in Manchester und plötzlich wieder im Linksverkehr.

Altes Boot an einem See

Tier in einer Landschaft

Ich hatte ungefähr zwei Wochen Zeit, bis ich in der Nähe von Manchester auf eine Hochzeit eingeladen war und verband das gern mit einem kleinen Roadtrip durch das mir unbekannte Nordengland und Schottland. Meine erste Anlaufstelle war ein großer Supermarkt, in dem ich Proviant und Wasser für die nächsten Tage kaufen wollte – danke, Großbritannien, dass dort alle Läden auch sonntags geöffnet sind.

Mit meinem viel zu vollen Kopf bog in an der ersten Ampel gleich in die falsche Seite des Verkehrs ein, zum Glück hat es niemand bemerkt und ich mich auch zum letzten Mal in den „Seiten“ geirrt. Mit Nudeln, Couscous, Sojamilch, Kaffee, ein paar Cider, frischem Obst und Gemüse, aber leider ohne Gaskocher (den darf man nämlich leider nicht mit ins Flugzeug nehmen) im Gepäck machte ich mich auf in Richtung Norden. Meine erste Nacht wollte ich im wunderschönen Lake District verbringen.

Auto an einer Straße

Innenleben eines Autos

Als ich endlich von der M6 (der Autobahn von Manchester nach Norden) runter war, die Wege immer kleiner und schließlich einspurig wurden, fühlte ich mich besser. Die Landschaft war atemberaubend schön und ich war endlich allein. Schnell fand ich einen wunderschönen Ort zum Übernachten und machte mir einen Salat aus Gurke, Feta und Rucola, den ich zusammen mit Cider, Knäckebrot und Sonnenuntergang genoss.

Bis die Nacht hereinbrach und ich völlig mit meinen Gedanken allein war. Unfähig, auch nur ein Auge zuzumachen, hörte ich plötzlich überall Geräusche, obwohl ich mitten im Nirgendwo war. Fragen und Zweifel überkamen mich: „Was zum Geier machst Du da? Völlig allein in einem Auto übernachten? An einem Ort, von dem gerade niemand weiß, wo Du bist?“ Das Gedankenkarussell drehte sich unaufhörlich, bis ich morgens um 5 Uhr beschloss, aufzustehen. Ich sah aus dem Auto und außer ein paar Schafen war niemand zu sehen.

Blick auf einen See

Zwei Schafe in der Landschaft

All meine Gedanken und Sorgen waren völlig unbegründet, alles war genauso wie ich es vom Vorabend in Erinnerung hatte. Das waren zum Glück auch die einzigen Stunden, in denen ich mir diese Sorgen machte und auch die letzte schlaflose Nacht. Von da an genoss ich jede Sekunde, jedes Unwetter, jeden Sonnenstrahl, jeden Berg und jedes Schaf, das Meeresrauschen, die schroffen Felsen und Hügel und die Einsamkeit.

Ich fühlte mich so wohl und frei, dass ich die Reise in keinem Moment mehr in Frage stellte. Ich fuhr, wohin mich mein Herz (und natürlich meine Recherche zuvor) trieb – durch den Lake District in den Norden, nach Schottland – vorbei an den Städten wollte ich mich völlig der Natur hingeben und wenn ich doch einmal mehrere Menschen sah, versuchte ich, einen anderen Ort zu finden.

Straße an einem See im Nebel

BrückeWasserfall

Ich war so inspiriert und fotografierte auch viele Selbstportraits. Ich nahm mir so viel Zeit, wie ich wollte und probierte unterschiedliche Dinge aus. Manche funktionierten und einige Bilder werden wahrscheinlich nie einen anderen Menschen sehen – außer mich. Natürlich hatte ich manchmal das Gefühl, diese Erfahrungen und atemberaubende Natur mit anderen teilen zu wollen, daher habe ich immer wieder kleine Ausschnitte meiner Reise auf Instagram gezeigt. Aber die schönsten Momente waren meist die ohne Internetverbindung.

Zum Beispiel als ich mit der Fähre auf die Isle of Skye übersetzte und kurz vor dem Sonnenuntergang auf einer der schönsten Inseln der Welt ankam. Oder als ich nach einer anstrengenden Wanderung zum Old Man of Storr – ich war die letzte an diesem Tag, die den Aufstieg wagte, da sich starker Wind und Regen angekündigt hatten – wieder zurück im Auto war und eine nette, ältere Frau an mein Fenster klopfte, um mich auf ihren kleinen Campingplatz einzuladen, wo ich eine heiße Dusche nehmen konnte. Dort angekommen brach kurz vor Tagesende der Himmel auf und belohnte mich mit einem traumhaften Sonnenuntergang.

Burg auf einer Insel

Wasser im Vordergrund, im Hintergrund Landschaft

Durch Zufall erfuhr ich, dass eine befreundete Fotografin zur selben Zeit mit ihrem Freund ebenfalls in Schottland unterwegs war und spontan verabredeten wir uns ein paar Tage später. Ich verließ die Isle of Skye über die Brücke zum Festland und fuhr noch etwas nach Norden, immer an der Küste entlang, bis ich schließlich durch die Highlands wieder Richtung Süden aufbrach.

Diese unendlichen, naturbelassenen Landschaften und die Weite gepaart mit der Stärke und Schroffheit der Berge werde ich nie vergessen. Ebenso wie das Wetter, das sich von grollendem Donner und beängstigenden Wolkenformationen mit tosendem Wind innerhalb von Minuten zum schönsten Sonnenuntergang wenden kann. Ich hoffe, nicht zum letzten Mal dort gewesen zu sein. Ich habe mich ein bisschen verliebt, in Dich – Du wunderschönes Schottland!

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7 Kommentare

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  1. Die eingängige Wortwahl flankiert auf wunderbare Weise die Fotos. Sie erzählen von Schönheit, von Direktheit und von Schottland an sich. Ich habe vor fast 20 Jahren eine dreiwöchige Reise mit dem Rucksack durch Schottland unternommen (nördlich von Inverness). Das war eine wirklich tolle Zeit, danke für den rückwärtigen Gedankenausflug …

    Grüße, Wilhelm

  2. Es ist schon sehr besonders, dieses Land, welches einem gerade auch bei wenig gutem Wetter all´seine Reize vermittelt. Meine bislang einzige VW-Bulli Reise dorthin liegt viele Jahre zurück, knapp 3 Wochen war ich dort. Dieser recht persönlich ausgerichtete Beitrag läßt vieles davon wieder aufleben, und mich begeistert auch die Einfachheit, in der die Reise unternommen wurde.

    Danke dafür!

    Herzlich, Dirk

  3. Dieser Artikel hat mir sehr gefallen. Es ist ein schöner, gut formulierter Reisebericht mit ausgezeichneten Fotos. Besonders gelungen finde ich die Ausgewogenheit zwischen der Qualität des Textes und der Qualität der Bilder. Dies gelingt – auf diesem Niveau -nicht jedem Autor.

  4. Den Gaskocher darf man übrigens problemlos mit ins Flugzeug nehmen, nur die Kartusche muss man vor Ort kaufen. Oder beim nächsten mal einfach so einen kleinen zusammenbaubaren Campingkocher (Stichwort Hobo) mitnehmen, der mit allem möglichen funktioniert: Kleinen Ästen, Holzkohle, Holzpellets, getrockneten Kuhfladen, …