11. Juni 2019 Lesezeit: ~8 Minuten

Wie fotografiert man nachhaltig?

„Wie soll Fotografie denn nachhaltig sein?“ – „Oh, hätte echt nicht gedacht, dass die Fotos nachhaltig sind…“ – „Fotografierst Du mit einer Holzkamera oder was?“ – Solche und ähnliche Aussagen hört Simon Veith häufiger, wenn er sich zum Beispiel auf Messen für Nachhaltigkeit als Fotograf präsentiert. Was genau es damit auf sich hat, erklärt er im Interview.

Hallo Simon, nerven Dich solche Sprüche und die ganzen Fragen schon?

Nein, ich finde es gut, wenn Menschen kritisch und interessiert hinterfragen, insbesondere bei so einem wichtigen Thema wie Nachhaltigkeit. Zu wirklich glaubwürdiger Nachhaltigkeit gehört ein gewisses Maß an Transparenz. Deshalb beantworte ich solche und andere Fragen nur allzu gern und möchte Interessierten meine nachhaltige Arbeitsweise erklären.

Zwei Menschen bei einem Gartenfest

Wie bist Du überhaupt zur nachhaltigen Fotografie gekommen?

Seit 2016 bin ich mit der Fotografie selbständig. Vorher habe ich im Gesundheitsbereich studiert und den Master für die Fotografie abgebrochen – klassisch das Hobby zum Beruf gemacht. Fotografie habe ich in den Jahren zuvor autodidaktisch gelernt, viel learning by doing, Inhalte aus dem Internet, Bücher und ein Online-„Studium“ im Fotodesign.

Da ich aus einem nachhaltigen Umfeld kam und schon im nachhaltigen Co-Working-Space Colabor Köln gearbeitet habe, lange vegan lebe und mich seit mehreren Jahren für umweltschonende Lebens- und auch Arbeitsweisen interessierte, war mir von Anfang an klar, dass meine Fotografie ganzheitlich nachhaltig sein muss.

Was meinst Du mit ganzheitlich?

Dass der komplette Zyklus der Fotografie in Betracht gezogen wird. Dies beinhaltet mich als Person, Fotograf und selbständigen Unternehmer, das Fotografieren, die Ausrüstung, die Organisation, die Kommunikation und letzten Endes die Kundschaft.

Portrait eines MannesPerson hält Rucksack

Wie stellt man es an, ein Fachgebiet wie die Fotografie, das im Grunde nicht besonders nachhaltig ist, grüner zu gestalten?

Mit viel Recherche und auch mit Hilfe des nachhaltigen Verbandes dasselbe in grün e. V. habe ich meine Arbeitsweise als Unternehmen möglichst nachhaltig ausgerichtet: Green Banking, nachhaltiger Ökostrom, Onlinebuchhaltung sowie Rechnungen und Steuer sind papierlos, grünes Hosting meiner Webseite, umweltschonende Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad- und Car-Sharing und ich arbeite nach dem Gleichstellungsprinzip. Ich arbeite mit möglichst geringen CO2-Emissionen und fotografiere daher auch nur für nachhaltige und/oder soziale Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen.

Beim Fotografieren achte ich auf die Ausrüstung, die ich teilweise gebraucht, teilweise regional und teilweise leider konventionell beziehen musste, da gleichwertige Alternativen fehlten. Die Qualität meiner Fotografie sollte nicht unter der Nachhaltigkeit leiden. Wem bringen nachhaltig produzierte Fotos etwas, wenn sie scheiße aussehen?

Hier musste ich die größten Abstriche machen, da es einfach keine nachhaltige Kamera gibt – aber man kann auf hochwertige Produkte mit einer langen Nutzungsdauer setzen. Daher habe ich mich damals für Sony-Vollformat-Systemkameras entschieden und arbeite mit Sony-, Zeiss-, analogen Minolta- und Sigma-Objektiven. Sony verspricht zwar ein positives Umweltmanagement, besitzt einen Nachhaltigkeitsbericht und arbeitet seit 2010 an der „road to zero“, dadurch werden aber leider meine Kameras nicht viel nachhaltiger als von anderen Hersteller*innen. Zudem ist das CSR (Corporate Social Responsibility) oder auch Umweltmanagement bei großen Konzernen oftmals nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Hände und ein Handy

Ich nutze professionelles Licht aus regionaler Herstellung von Multiblitz und Metz Systemblitze. Selbstverständlich benutze ich keine Einweg-Batterien und setze nur auf hochwertige Akku-Lösungen, die ich mit Grün-Strom auflade. Ausrüstung, die ich selten nutze, leihe ich mir für einzelne Aufträge. Ich biete keine analoge Fotografie an, da Filme, die Entwicklung und Abzüge durch den hohen Chemie-Anteil alles andere als nachhaltig sind.

Meine Fotos werden meistens für die Dokumentation, für Webseiten und für Social Media verwendet. Falls Druckerzeugnisse für eine Ausstellung, Flyer, Plakate, Lookbooks oder Sonstiges benötigt werden, arbeite ich ausschließlich mit nachhaltigen Druckereien zusammen. In Köln-Ehrenfeld gibt es zudem einen nachhaltigen Fotorahmen-Handwerker. Mein Marketing ist zum einen auf Nachhaltigkeit und die Zielkundschaft ausgerichtet, zum anderen lasse ich meine Visiten- und Postkarten als Flyer ökologisch drucken.

Als weiterer Teil meiner nachhaltigen Arbeit sehe ich die Konzeption hinter den Fotos, die enge Partizipation der Kund*innen sowie die offene und transparente Kommunikation. Hierbei werden zudem alle gleich behandelt, meine Preise orientieren sich am Umfang der Arbeit und an den unterschiedlichen Fotogenres Reportage, Portrait und Werbung. Dabei achte ich auch auf den Markt und möchte für meine Kund*innen und für mich faire Preise anbieten. So gestaltet sich die Reportage günstiger als die Portrait- und Werbefotografie.

Langlebigkeit ist mir nicht nur bei der Ausrüstung wichtig, sondern auch bei den Fotos. Ich konzentriere mich auf eine saubere, moderne, helle und positive Bildsprache, um eine geringe Halbwertszeit meiner Fotos zu vermeiden.

Mann greift sich an den KopfFraueportrait

Was ist die Zielgruppe für nachhaltige Fotografie?

In den letzten Jahren habe ich hauptsächlich Aufträge für Reportagen und Portraits bekommen. Derzeit arbeite ich daran, dass meine Werbefotografie für nachhaltige Unternehmen weiter in den Fokus rückt. Neben der Fotografie kann ich (und habe ich bereits) professionelle Videografie für Interviews, Reportagen, Messen und Firmenportraits anbieten, die ich weitestgehend mit der gleichen Ausrüstung erledige.

Ich habe kürzlich eine Fotostrecke über Second-Hand-Fashion veröffentlicht und arbeite an einem freien Projekt für ein Fair-Fashion-Label aus Köln. In den nächsten Monaten fotografiere ich mein erstes komplettes Lookbook für ein neues, nachhaltiges Fair-Fashion-Label. Zudem arbeite ich mit einer Illustratorin zusammen an einer Ausstellung zum Thema Nachhaltigkeit, die wir noch in diesem Jahr realisieren wollen. Des Weiteren plane ich ein Portraitprojekt, um Veganismus mit tollen Menschen vorzustellen.

Um neben der Outdoor-Fotografie auch professionelle Studio-Shootings anbieten zu können, arbeite ich gerade mit einem werten Kollegen aus dem nachhaltigen Textil-Marketing an einem gemeinsamen und nachhaltigen Co-Creation-Space mit Pop-Up-Studio, um die Kosten und Umweltbelastung durch Co-Working gering halten zu können. Wir bringen sogar den Vermieter dazu, nachhaltigen Grün-Strom zu beziehen.

Brot wird geschnitten

Dass nachhaltiges Arbeiten sehr wichtig ist, bestreitet sicher niemand, aber lohnt es sich damit zu werben?

Wenn Dir die Umwelt, Menschen, Tiere und die Nachhaltigkeit wichtig sind, kannst Du es natürlich auch kommunizieren. Aus ökologischen Gründen kann man natürlich nur allen empfehlen, an gewissen Stellschrauben zu drehen und weniger CO2-Emissionen zu produzieren.

Und von der Auftragslage her?

Von der Auftragslage her (noch) eher nicht! Moralisch sauber sein und professionelle Fotografie fair und nach Marktpreisen entlohnen zu können, ist leider ein dauerhaftes Dilemma. Ich kann auf jeden Fall allen Kreativen empfehlen, sich auf „das eigene Ding“ zu konzentrieren, sich stetig weiterzubilden und nach dem richtigen Weg zu suchen.

Manchmal frage ich mich, ob mein Standort in Köln der richtige für meine Ausrichtung ist. Ich frage mich, wieso nicht mehr nachhaltige Firmen auf mich aufmerksam werden und mich für Shootings buchen. Öfters stehe ich in dem Konflikt, dass sich nachhaltige Unternehmen professionelle Fotoshootings nicht leisten können, obwohl sie sie dringend benötigen. Oder dass versucht wird, mit günstiger, konventioneller Konkurrenz den Preis zu drücken. Leider kommt es oft vor, dass bei Ausschreibungen für soziale Projekte, die staatlich bezahlt werden, nur auf den günstigsten Preis geachtet wird und nicht auf das vielleicht beste Angebot.

Außerdem achten einige nachhaltige Unternehmen nicht zwangsweise auf nachhaltige Dienstleister*innen und vernachlässigen teilweise ihre nachhaltige Wertschöpfungskette in der Medienproduktion. Wieso genau kann ich schlecht sagen – ich vermute entweder aus Unwissenheit, Unbekanntheit, Vitamin B oder Prestige. So ist der Markt, das kennen wohl alle, die fotografieren.

Absolut! Sehr schade, zu hören, dass sogar nachhaltige Unternehmen dann doch oft eher aufs Geld achten als auf Nachhaltigkeit.

Ja, nichtsdestotrotz gehe ich meinen eingeschlagenen Weg weiter und möchte nachhaltiger Kundschaft mit meinen Fotos und Videos helfen. Ich möchte Menschen außerhalb der Szene sensibilisieren. Mein Ziel ist es, die Nachhaltigkeit zu visualisieren und die Gesellschaft letztlich nachhaltiger zu machen.

Dann viel Erfolg weiterhin und vielen Dank für das Interview!

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10 Kommentare

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  1. … als ich bei – analog fotografiere ich nicht, weil nicht nachhaltig, ankam, musste ich aufhören zu lesen. ist es jetzt so, dass überall nur noch greenwashing themen erscheinen, weil hipp und zeitgeistig? so vieles, was er tut, mache ich schon lange. ich spalte mich da nicht in privat und fotografisch! ich finde solche strikten ( einzelnen) weisen zu leben oberlehrerhaft und leider nicht zielführend für den wandel einer ganzen gesellschaft. denn fehler machen gehört zum leben dazu, und ästhetik und überfluss und vergnügen. das mass ist hierbei nur entscheidend.

    • Ich würde mal behaupten, dass analoge Fotografie wesentlich nachhaltiger ist als digitale Fotografie! Ich fotografiere mit einer 60 bis 70 Jahre alten, rein mechanischen Kamera ohne Batterie und mit rein mechanischen Objektiven, die mindestens genauso alt sind und keinerlei Elektronik besitzen. Die ausbelichteten Fotos auf Barytpapier halten eine Ewigkeit, genauso wie die Negative.
      Man benötigt wesentlich mehr Chemie und hat auch mehr Müll bei der Herstellung einer Digitalkamera als bei der Entwicklung von Fotos.

      Liebe Grüße
      David

  2. Nachhaltigkeit ist ein Begriff, so wie Glück auch einer ist. Man kann viel tun dafür, in Gänze erreichen wird man es wohl selten. Die Auseinandersetzung damit ist aber ein Anfang. Wer z.B. Landschaftsfotografie betreibt, um die schützenswerte Natur abzulichten, gleichzeitig aber zu jedem Shooting zum umweltbelastenden Vielfahrer wird, steht wohl erst am Beginn einer sinnvollen Selbstkritik. Ganzheitlich nachhaltig schließt eben nichts aus, sollte eher Grundhaltung sein, und kann demnach auch nicht nur auf die Fotografie beschränkt bleiben. Als Beispiel und Anregung dafür, wie man sowas auch in etwas weniger alltäglichen Bereichen angehen kann, finde ich den Artikel allerdings ziemlich klasse.
    Herzlich grüßend, Dirk

  3. Für mich ist das mehr oder weniger Augenwischerei. Wenn man bedenkt, wozu sog. professionelle Fotografie primär dient, nämlich weitgehend der Ankurbelung unserer Konsumwirtschaft (Werbung!) und weiterhin sonstwie der Unterstützung unseres elitären und konsumbetonten Lebens. Da wirkt das Ganze auch wie etwas, was halt gerade dem Zeitgeist entspricht, aber eigentlich kaum was bewegt. Abgesehen davon bin ich allerdings auch der Auffassung, dass man so einiges tun kann, indem man nicht ständig die angeblich noch bessere Kamera kauft, sondern mal etwa „zu ende benutzt“. Aber das gilt halt auch bei andern Konsumgütern- z.B. Kleidern und Autos.

  4. Wie nachhaltig mag wohl eine nachhaltige Firma sein, die für ihre nachhaltige Werbekampagne auf einen nachhaltigen Fotograf verzichtet, da ihr dieser für die Demonstration ihrer Nachhaltigkeit zu teuer ist.

    Ganz ehrlich: nur durch die iterative Verstärkung aller Variationen des Wortes „nachhaltig“ in diesem Artikel gewinnt dieser nicht an nachhaltiger Glaubwürdigkeit.

  5. Ob Picasso oder Pollock, Avedon oder Lindbergh mit nachhaltigen Materialien gearbeitet haben ist (für mich) völlig belanglos. Die Bildaussage ist das tragende Element, und wenn die „nachhaltig“ ist, umso besser.
    Es handelt sich m. E. hier um Zeitgeistreiterei. Sorry.

  6. Danke für dieses tolle Thema, es regt mich sehr zum Nachdenken an. Ich fotografiere auch hybrid und muss schon sagen dass die Chemie in Sachen analogen Fotografien schon viel ist und analoge Fotografie schon eine gewisse „Wasserschlacht“ in sich trägt. Danke für die Inspiration, nachhaltig produzierte Fotografien zu realisieren ist bei all der Chemie und Frage, ist das überhaupt nötig, schon gut gestellt. Nachhaltige Malerei und Skulpturenbau stellt sich da mit. Als Künstler sehe ich da eine große Klemme..

  7. Also das mit der Analogen Fotografie würde ich auch in Zweifel stellen. Pro GB Datenübertragung werden 13 kWh Energie gebraucht. Zudem muss eine digitale Kamera (mit einer Lebenszeit von ca. 5 Jahren?) plus Objektive gekauft werden.
    Ich finde leider diese Absolution (welche bei vielen Veganern zu finden ist) problematisch.
    Ich würde mir das ein „Schritt für Schritt“ bzw. ein „ein kleiner Schritt ist auch ein Schritt“ wünschen.

    Trotzdem ein wichtiges Thema, ich denke aber mit der Art und Weise wie diese s Thema angegangen wird ist nicht so viel zu holen. Der bayerische, schweinsbraten-essende BMW Fahrer wird so sicher nicht erreicht.