14. Mai 2019 Lesezeit: ~4 Minuten

Supertramp: mit dem Güterzug durch Amerika

Um 1900 fuhren Wanderarbeiter*innen mit Güterzügen quer durch Amerika, um von Saisonarbeit zu Saisonarbeit zu kommen und in Zeiten der Wirtschaftskrisen zu überleben. Es entstand daraus eine Lebenskultur, die ihre Faszination bis jetzt noch nicht verloren hat. Selbst heutzutage fahren sogenannte Hobos illegal mit Güterzügen. Die Gründe sind vielfältig, doch allen voran steht die Abenteuerlust.

Die Hamburger Fotografin Tamina-Florentine Zuch hat genau diese Abenteuerlust gepackt. 6.000 Meilen von New York bis nach San Francisco fuhr sie auf Güterzügen durchs Land und traf dabei die verschiedensten Menschen. In ihrem Buch „Supertramp“ nimmt sie uns mit aufs Abenteuer.

Vor vier Stunden bin ich in New York gelandet. Sechs Wochen werde ich unterwegs sein. Ohne Einschränkungen, ohne Kompromisse, ohne Begleitung. Ich will auf Güterzügen das Land durchqueren, gemeinsam mit den Menschen, denen ich auf der Straße begegne. Ich werde mein Essen und meinen Schlafplatz mit ihnen teilen und mir ihre Geschichten anhören.

Eine Person springt in einen Güterzug

Tamina ist nicht nur eine sehr gute Fotografin, sondern schreibt auch hervorragend. Sie schafft es, dass man sich mitten drin fühlt. Ich halte beim Lesen die Luft an, wenn sie vom Zug springen muss, der plötzlich wieder Fahrt aufnimmt. Ich freue mich mit ihr, wenn sie die erste Dusche seit Tagen nehmen kann und beginne Sympathien und Antisympathien für ihre verschiedenen Begleiter*innen zu entwickeln.

In vielen Situationen hätte ich wahrscheinlich anders gehandelt und mich ganz sicher auf einige der Menschen nicht eingelassen. Taminas Stärke ist dieser große Respekt anderen Menschen gegenüber. Sie begegnet Drogenabhängigen und kranken Menschen ohne Vorurteile, wodurch man ihre Geschichten erfährt und das Buch eine starke sozialkritische Komponente bekommt.

Tamina ist zudem unglaublich reflektiert. Sie begibt sich nicht naiv auf diese Reise für spannende Bilder. Sie weiß genau um die Risiken und warum sie das Ganze macht. Das ist auch der Grund, warum ich ihr Buch hier vorstelle. Es gibt immer wieder unglaubliche Aufnahmen – von Jugendlichen, die ungesichert auf Krane und Hochhäuser klettern und ihre „Heldentaten“ in den sozialen Medien feiern. Tamina gehört nicht zu ihnen.

Menschen am Strand

Ihr Buch erschien im Verlag Riva. Auf 256 Seiten kann man sie auf ihrer Reise begleiten. Das Buch ist chronologisch aufgebaut und die einzelnen Kapitel sind Taminas Streckenabschnitte. In der Mitte des Buches sind auf 32 Seiten über 60 ihrer Aufnahmen zu sehen. Nicht auf dem besten Papier für Fotos und auch nicht besonders gut präsentiert, aber es ist eben auch kein Fotobuch, sondern ein Erfahrungsbericht. Man sieht den Aufnahmen im Buch aber an, dass Tamina gelernte Fotografin ist.

Tamina schloss 2017 ihr Studium in Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover ab, arbeitete als festangestellte Foto-Stipendiatin in der STERN-Redaktion und gewann mit einer anderen Reportage über eine Zugfahrt durch Indien 2016 den ZEISS Photography Award.

Meine Kameratasche schlinge ich mir um den Bauch. Wie viel einfacher es ohne Kamera wäre. Die vierzehn Akkus sind schwerer als all meine Kleidung zusammen.

Wer im Buch eine Fotoreportage erwartet, wird enttäuscht sein. Wenn Ihr Euch aber auf den ungeschönten Erlebnisbericht einer jungen Fotografin einlassen möchtet und Euch für ein Leben außerhalb der Norm interessiert, dann sei Euch das Buch sehr ans Herz gelegt.

Informationen zum Buch

Supertramp: Als blinde Passagierin mit dem Güterzug durch das Herz Amerikas von Tamina-Florentine Zuch
Sprache: Deutsch
Einband: Softcover
Seiten: 256
Maße: 21 x 14 cm
Verlag: Riva
Preis: 14,99 €

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9 Kommentare

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    • Ha, danke! Ich hatte dieses Buch irgendwann gesehen, war begeistert, aber von dem hohen Preis abgeschreckt. Es ging mir aber nciht mehr aus dem Kopf, nur hatte ich in der Zwischenzeit vergessen von wem es ist, oder wie es heißt.

      Als diesen (super spannenden) Artikel gesehen habe, musste ich natürlich direkt wieder daran denken und siehe da: Da ist das Buch wieder. Danke.

  1. Toll, genau mein Ding. Buch ist sofort gekauft…
    Auch noch ein Tipp hierzu: Michael Joseph portraitiert seit einigen Jahren in seinem Lost and Found Projekt genau die Reisenden. Und das ganz großartig.
    Danke für den Artikel!

    • Wenn ich das richtig im Kopf habe, wird das auch im Buch kurz angesprochen. Illegal ist es natürlich auch in Deutschland. Die Entfernungen innerhalb Deutschlands sind so klein, dass es hier schlicht keinen Sinn macht. Zudem gibt es diese Hobo-Kultur hier gar nicht. In Amerika ist das eine richtige Gemeinschaft mit Treffen und sogar einem kleinen Museum.

      • Die Hobo-Kultur ist heutzutage im Vergleich zu damals tatsächlich kultiviert. Vor 100 Jahren war es sozusagen Dienstpflicht des Zugpersonals, die Hobos aufzuspüren, und vom Zug zu werfen. Viele verunglückten, wurden schlimm verletzt, teilweise sogar erschossen und haben auf viele Art gesundheit + Leben gelassen. Romantisch war da gar nix. Dass das heutzutage so geht, ist fast schon verwunderlich.