das Land ist grün
07. Juni 2018

Das grüne Land

Sieben mal zwei Wochen Schottland sind 14 Wochen Weite, Einsamkeit, Angst, Stille, Hoffnung, Abenteuerlust, Schweiß, Schafe, grün, nass, Dunkelheit, Knistern, Geflüster, Hunger und Sehnsucht.

Ist es langweilig, seine Urlaubszeit immer wieder und wieder im gleichen Land zu verbringen?

Nein.

Ich könnte meinen Urlaub natürlich auch in Deutschland verbringen – das Land ist schön, es hat vieles, vor allem viele Linien, das sieht man, wenn man die Perspektive wechselt. Mein Kopf will weg, weit weg, will zwischen Alltag und sich viele Kilometer und am besten noch ein ganzes Meer bringen. Dann kommt der Kopf zur Ruhe, denkt nicht mehr an den Briefkasten mit gefüllten Forderungen, nicht mehr an die drohende Mieterhöhung, den ewig gleichen Arbeitsweg, den baldigen Termin beim Zahnarzt.

Dann gibt es nur mich, Dich, meine Freunde, das kleine Bothy, die Feuerstelle, den Mond und das Meer. Ich komme an und die gut aufgebaute Mauer bröckelt langsam von mir ab. Ich spüre mich und Dich, Deine und meine Haut, sehe Deine Augen leuchtend beim Schein des Feuers. Deine und meine Hände berühren das Holz, sie kneten den Teig. Ich lache, Du lachst, wir vergessen die alltäglichen Sorgen. Zwei Wochen, freigeschaufelte Zeit, geliehen, kostbar.

Ein Haus in den Bergen

Wald in den Bergen und Nebel

Hand am Baum

Wir lernen die Natur wieder kennen. Sonst gut abgeschirmt, erfahren wir hier die Naturgewalten. Ein Sturm zieht auf, er entwurzelt Bäume. Die Menschen, die hier leben kennen das, sie sind ruhig, lächeln Dich an, besänftigen Dich mit ihrer Unaufgeregtheit. Sie färbt auf Dich ab. Du betrachtest den Sturm, gehst sogar im Wald spazieren. In Berlin hättest Du das nicht gemacht. Es hätte eine Sturmwarnung gegeben, man hätte Dich gebeten, zuhause zu bleiben, Du hättest telefoniert und gesagt: „Ja, ja, hier ist alles gut, nur draußen, da wütet der Sturm.“

Jetzt schmecke ich ihn, rieche ihn und weiß, innerhalb des Waldes ist es ruhig. Der Sturm fegt draußen entlang, zieht an den Rändern entlang, zerfasert den Wald genau dort, zieht eine Schneise.

Am Nachmittag sitzen wir im Haus, das Feuer ist entfacht, der Sturm weggezogen. Unsere Sachen trocknen vor dem Kamin. Es bilden sich kleine Pfützen. Wir hören entfernt das Schimpfen der Mutter, warum wir so lange draußen waren, wir holen uns noch den Tod. Wir kichern, essen Toast mit Marmelade und Erdnussbutter. Teilen untereinander und versprechen, diesen Ort nicht zu verraten, niemandem. Ehrenwort.

In Mensch im Gegenlicht mit Geweih

Ein Schafsschädel wird in die Luft gehalten.

Ein Gesicht versteckt hinter einem Schädel.

Während unserer mehrstündigen Wanderungen sehen wir viele Schafe, meistens lebendig, manchmal aber eben auch tot. Ihre Knochen liegen zerstreut auf den Feuchtwiesen, in den Bergen, an zerklüfteten Felsen, am Meer. Sie sind bleichgewaschen oder von Moos bedeckt. Wir entdecken darin Schönheit, finden es nicht seltsam oder gar verstörend. Es ist eben so.

Wir stehen unten im Tal und einer ruft: „Da!“ Silhouetten schälen sich aus dem Himmel, stehen auf dem Bergkamm und schauen zu uns herunter. Rotwild, sie wittern uns, zwei Minuten später sind sie fort. Wir erklimmen den Berg, stehen auf ihren Spuren und wieder ruft jemand: „Da!“ Nun stehen sie im Tal, auf unseren Spuren, zwischen den Ruinen des alten Dorfes. Es sind über zwanzig, ich sehe das erste Mal Hirsche in freier Wildbahn.

Berge und Nebel

Schafe und ein Rabe

Eine Insel im Abendlicht

Diese Tage sind fest verankert in mir. Die Orte und Menschen Teile einer großen Landkarte, die ich zusammensetze. Das anfängliche Gefühl der Angst, als ich das erste Mal die wilden Täler und Höhen betrat, ist gewichen. Beim siebenten Mal bin ich ruhiger, gelassener, sehe nicht in allem eine Gefahr, weiß, dass es der Bach ist und nicht Fantasiegestalten, die flüstern, ich habe mich gewöhnt an die Augen im Farndickicht und an die Stille fern aller Straßen.

Nur die tiefschwarze Nacht, wenn der Sturm draußen wütet und in den Fensterscheiben das eigene verzerrte Spiegelbild auftaucht, lässt mich erahnen, welche Geschichten am Feuer entstehen.

Schattenspiele

Es kommen Gedanken auf: Warum nicht immer so leben, warum nur so eine kurze Zeit, wenn es sich doch so richtig anfühlt? Aber das Geld will verdient werden, die Rechnungen bezahlt, die Freunde nicht hier, die Wohnung, die Verpflichtungen. Ich kann dieses andere Leben nicht zurück lassen, noch nicht. Aber es ist gut zu wissen, dass dieses Land außerhalb meines gewohnten Lebens existiert. Dass seine Einsamkeit, seine Wildnis und seine Menschen jedes Jahr erneut auf mich warten.

Ähnliche Artikel

6 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Immer wieder schön zum wirklichen Leben abzutauchen, sei es nur für ein paar Tage. Festzustellen wie belanglos unsere Alltagsproblemchen gegenüber Naturgewalten sind. Erfüllung durch Anmut, Schönheit und Erfurcht.