26. Oktober 2017 Lesezeit: ~6 Minuten

Bangkok hinter den Kulissen

„Bangkok, da war ich auch schon. Da kann man geil feiern.“ „Da kann man günstig shoppen.“ „Da ist es laut und dreckig.“ – Das sind wohl die häufigsten Sätze, die man über Thailands Hauptstadt hört. Doch ist das alles? Hat Bangkok nicht noch etwas mehr zu bieten? Natürlich! Und zwar jede Menge.

Gerade für Fotoenthusiast*innen, wie mich, bietet die Stadt einiges mehr. Überall wo man hinschaut, findet man Motive. Bei meinem ersten Besuch beschränkte sich das natürlich, wie bei den meisten, auf den ganzen touristischen Kram. Nein, nichts gegen die Schönheiten der Tempel, der Hochhäusern und der ganzen anderen Postkartenmotive. Aber es gibt sie eben schon tausendfach.

Eine Großstadt mit Tempel

Eine Großstadt

Mich persönlich zog es nach Bangkok, da ich eher ein Mensch bin, der gern hinter die Fassade schaut. Jemand, der das wahre Gesicht hinter der Postkartenromantik sehen und natürlich auch fotografisch festhalten möchte. Ich liebe die Dokumentarfotografie und in einer Stadt wie Bangkok möchte ich die Kamera gar nicht mehr aus der Hand legen. Nicht umsonst habe ich mittlerweile mehrere
Aufenthalte in dieser Stadt genossen.

Nun läuft man, fremd in einer Stadt mit 8,5 Millionen Einwohner*innen, nicht einfach mal los. Bei meinen ersten Besuchen hatte ich Kontakt zu den Bangkok Vanguards aufgenommen, die eine Art Ökotourismus anbieten. Das Team rund um Gründer Michael bietet Touren für kleine Gruppen von zwei bis vier Personen an und zeigt einem das Bangkok abseits der ausgetretenen Pfade. Man erfährt alles über das Leben und Überleben der Einwohner*innen Bangkoks. Schließlich lebt der Großteil dieser Menschen in relativ ärmlichen Verhältnissen. Ich werde die erste Tour wohl nie vergessen.

Eine Frau hockt auf dem Boden einer Hütte

Ein Boot

Zwei Meter laufen, stehenbleiben, knipsen, zwei Meter laufen, stehenbleiben, knipsen. So ungefähr hat es sich angefühlt. Man lernt viel über die Gemeinschaften, aus denen die Stadt besteht. Das sind die alten Teile der Stadt, aufgeteilt nach Ethnien. Es gibt chinesische, burmesische, indische, arabische, christliche, buddhistische, islamische und viele weitere. Jede dieser Gemeinschaften ist spezialisiert auf die Herstellung und den Verkauf einer Warengruppe.

So bietet die indische Stoffe und Bekleidung an, die arabische Elektronik und so weiter. Inmitten der einzelnen Gemeinschaften, hinter einem Geflecht aus verwinkelten Straßen und engen Gassen, findet man kleine Ruheoasen, die mit ihren Gebetshäusern meist das Zentrum einer Gemeinschaft bilden. Dort spürt man nichts von der Hektik und dem Lärm ringsherum. Für mich als Fotograf genau das, was ich gesucht hatte.

Ein Mann mit Fahne

Ein Zug zwischen Verkaufsständen

Das wahre Bangkok, wie es seit Jahrhunderten war und ist. Keine geschönten Bilder oder aufpolierten Klischees. Ich wollte immer die Seele dieses Ortes spüren und festhalten. Die Touren bieten noch mehr: Unsere ging weiter per Langboot, durch die „Klongs“, den Seitenarmen des Flusses Chao Praya. Der fotografische Blick vom Wasser aus ist noch einmal ein anderer als vom Land aus. Dort erwarteten mich Kuriositäten, die für die Einwohner*innen natürlich Alltag sind.

Straßenschilder weisen den Weg auf dem Fluss, es gibt schwimmende Märkte und sogar der Postbote kommt per Langboot und das mit gefühlt 100 km/h. Aber genau diese kuriosen Situationen sind es ja, die ich mir bei der Dokumentarfotografie wünsche. Und diese Stadt ist einfach voll davon. Gerade weil es so viele Gegensätze gibt.

Ein Gewässer mit Großstadt im Hintergrund

Ein Mann startet ein Boot

Die Tour führte weiter, mittels öffentlicher Verkehrsmittel, Autorikschas, zu Fuß und endete erst nach zehn Stunden. Wahnsinn, was man dort alles sieht und kennenlernt! Ich kann diese Tour jedem ans Herz legen. Ich selbst war jetzt insgesamt fünf Mal in der Stadt und erkunde sie jedes Mal weiter. Ich möchte einfach alles über das Leben dort lernen und dokumentieren. Mich faszinieren die Menschen, ihre Lebenseinstellung und ihre Fähigkeit, auch schwierige Situationen mit einem Lächeln auf den Lippen zu meistern.

Aus fotografischer Sicht bin ich einfach angetan von der Vielfalt der Stadt, ihren krassen Gegensätzen und der natürlichen, freundlichen Ausstrahlung ihrer Bewohner*innen. Wichtig war und ist es für mich jedes Mal, den Menschen mit Respekt gegenüber zu treten und ihnen zu zeigen, dass ich keinen Armutstourismus betreibe, sondern anderen mit meinen Bildern zeigen möchte, wie es in Wirklichkeit in der Stadt zugeht. Ich möchte gern einen Teil dazu beitragen, dass mehr Leute diesen Ökotourismus für sich entdecken, bei dem die Einnahmen auch wirklich den Menschen vor Ort zu Gute kommen.

Zwei Männer vor einem Jaufen Metallgegenständen

Motorräder und Roller auf einer Straße

Auch die Einnahmen der Touren der Bangkok Vanguards gehen an die Einheimischen und dienen dem Erhalt der Gemeinschaften, die von Abrissen für den Bau neuer Wohn- und vor allem Bürokomplexe bedroht sind, aber hoffentlich noch lange erhalten bleiben.

Abschließend noch zwe, drei Tipps für alle, die Bangkok auch abseits der Touristenattraktionen kennenlernen möchten: Respektiert die Einheimischen und mach keinen auf dicke Hose. Erkundet die Gemeinschaften anfangs nur mit Führung, zum Beispiel durch die Bangkok Vanguards. Beste Fortbewegungsmittel sind der Skytrain, Autorikschas und die öffentlichen Verkehrsmittel. Wobei letztere in der Rush Hour nicht zu empfehlen sind.

Ein Mann liest vor einem Haus

Ein Gemüsemarkt

Am zentralsten wohnt man in der Nähe der Skytrain-Station Saphan Taksin. Dort findet man Unterkünfte in allen Preisklassen. Meine Empfehlung ist das „House of Phraya Jasin“. Ein kleines, von Thais geführtes Hotel mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Und ein Tipp fürs Nachtleben: Geht nicht auf die Angebote der Autorikschafahrer oder auf Einladungen in diverse Clubs ein. Wenn man ausgehen möchte, fragt man am besten an der Rezeption oder bei den eigenen Gastgeber*innen nach.

Aus meiner fotografischen Sicht bietet Bangkok einfach eine riesige Motivvielfalt. Besucht Märkte, erkundet die Flüsse und nutzt öffentliche Verkehrsmittel. So seht Ihr vieles auch mal aus der Sicht der Einwohner*innen. Fotobegeistere kommen dabei auf jeden Fall auf ihre Kosten. Ich persönlich habe dort sehr viel gelernt über Straßen- und Dokumentarfotografie sowie meinem Umgang mit anderen Menschen.

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