12. Juli 2017 Lesezeit: ~ 3 Minuten

Zwischen den Pixeln

Gewaltige Blätterschatten auf Hauswänden, leuchtende Laternen, blauer mit Pixelwolken zersetzter Himmel, von unten beleuchtete grünabgestufte Blätterwelten vor tiefblauem Hintergrund. Das waren Bilderwelten, die sich mir eines Nachts auftaten, als ich mit meiner neuen Digitalkamera loszog.

Ich komme aus der analogen Kamerawelt – es fiel mir immer schwer, mich auf Digitalkameras einzulassen und sie als gestalterische Werkzeuge anzusehen. Mir erschien die Digitalfotografie als zu unmittelbar und technisch perfekt, um die entstehenden Bilder eigenständig zu gestalten.

Blätterschatten an einer Hausmauer

Anders als bei der analogen Fotografie, bei der es viele Zwischenschritte und Prozesse gibt, auf die man Einfluss nehmen kann und mit Hilfe derer schließlich eine eigenständige Gestaltung möglich ist. Ich denke, dass dies auch für die reine Komposition eines Bildes gilt, denn auch eine gute Komposition entsteht durch das Zusammenspiel von Bildobjekt und Bildmedium.

Trotzdem habe ich mich nach langer Überlegung für eine Digitalkamera (Olympus OM-D E-M10 ) entschieden, um meine selbst aufgestellten Prinzipien zu hinterfragen. Die Olympus war perfekt für mich, da sie sich wie eine analoge Kamera anfühlt, klein und handlich ist und trotzdem über einen hohen Standard der digitalen Fotografie verfügt. Mit diesem neuen Werkzeug war ich also auf der Suche nach Möglichkeiten, die Reinheit und Fehlerunanfälligkeit der digitalen Fotografie zu durchbrechen.

Ein Haus bei Nacht

Ich wollte herausfinden, was das digitale Bild für Grenzen hat, wo Farbverschiebungen entstehen oder wie ich das „Rauschen“ in meinen Gestaltungsprozess mit einbeziehen kann, um so wie bei der analogen Fotografie den Prozess des Entstehens eines Bildes in kleine Handlungsschritte aufzuspalten. Um also einen Bezug zwischen digitaler und analoger Welt herzustellen, wollte ich die Pixel des digitalen Bildes durch Aufnahmen bei Nacht und einem hohen ISO-Wert fehleranfällig machen, das heißt, sie auch stärker sichtbar machen.

Ich fragte mich auch, warum der Pixel als solcher bei digitalen Fotografien meist vermieden wird und es viel zu oft um eine möglichst hohe Auflösung geht, wohingegen das „Korn“ einen Großteil der Gestaltung des analogen Bildes ausmacht. Im Zuge meiner fotografischen Experimente fand ich es zunehmend spannend, mit dieser Qualitätsminderung zu spielen und der Fotografie ein Stück ihrer „Eigenständigkeit“ zurückzugeben.

Himmer zwischen Baumkronen

Diese vermeintlichen „Fehler“, die so auf dem digitalen Bild entstanden, versuchte ich wiederum in meine Komposition mit einzubeziehen und sie zu einem Teil des Bildes werden zu lassen.

Viele Aufnahmen finde ich gerade deswegen spannend, da keine Konturen mehr auszumachen sind und Farbflächen entstehen, die einem Ölgemälde gleichen, das mit grobem Pinsel gemalt wurde. Bei anderen Bildern ist der Kontrast zwischen pixellosem Hintergrund und durchsetztem Vordergrund spannend und wird teilweise durch die surreale Lichtsituation verstärkt. Denn der eigentlich tiefschwarze Himmel wird durch die angehobene Lichtempfindlichkeit wieder blau, während die Beleuchtungen die einer Nacht sind.

Ein Baum vor dem Himmel

Mich hat das Anfertigen dieser Serie sehr weitergebracht, denn ich merkte einmal mehr, dass ein Werkzeug nur ein Werkzeug ist und dass es wichtig ist, es zu erforschen und die Möglichkeiten auszuloten, die es einem bietet.

Genau wie die analoge Technik bietet die Digitalfotografie viele Möglichkeiten, den Gestaltungsprozess zu beeinflussen. Bilder herzustellen, die fern von Perfektion und realistischer Darstellung sein können, die sich „eigenständig“ von jeglichem Medium absetzen und für sich stehend existieren.

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18 Kommentare

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  1. Ich glaube zu verstehen, was gemeint ist. Allerdings ist einfach ein “schlechtes”, “rauschendes”, “verpixeltes” Digitalfoto nicht zu vergleichen mit dem Korn des Films. Dieses wirkt einfach ästhetischer und weniger technisch als artefakt-hafte Digitalfotos. Aber vielleicht ist das auch nur der Sehgewohnheit geschuldet. Schliesslich betrachteten wir schon viel länger “Korn” als “Pixel” :-)

  2. Im einen “analogen” Old School Look hinzubekommen, empfehle ich, nicht so sehr an den Kameraempfindlichkeitseinstellungen herumzuspielen, sondern eher mit Bewegungsunschärfe zu arbeiten wie damals Ernst Haas, oder durch beschlagene Glasscheiben, Gitter etc. hindurch zu fotografieren wie seinerzeit Saul Leiter, oder Patterns durch Licht zu erzeugen wie Gueorgui Pinkhassov (ich finde, seine Bilder sehen immer analog aus, obwohl er digital fotografiert) … oder eben bei dem Schatten auf der Hauswand auf dem Foto oben. Das geht meiner Meinung nach in die “richtige” Richtung.

    Das Spiel mit dem Farbrauschen finde ich da eher ungeeignet.

    Aber das ist natürlich sehr subjektiv und jedem selber überlassen.

  3. Interessant. Als der Impressionismus entstand, wurde der klar erkennbare Pinselstrich von vielen als Skandal bezeichnet. Ähnlich ergeht es heute immernoch dem klar erkennbaren Pixel. Obwohl Künstler wie Jörg Sasse schon seit den 90er Jahren mit diesem Stilmittel arbeiten.
    Der geneigte Fotografieinteressierte kann sich derzeit im Frankfurter Städel ein Bild davon machen.

  4. Ja, das ist genau der richtige Ansatz: An die Grenzen gehen, um so herauszufinfen, wo die Eigenheiten der digitalen Technik liegen. Wenn man diese dann kennt, kann man umso produktiver in den digitalen “Normalmodus” einsteigen. Man/frau wird dann sehen, dass Digital alles kann, was Analog auch kann, und darüber hinaus noch einiges mehr. Wenn man darauf achtet, kann man digital übrigens auch genauso “entschleunigt” arbeiten wie mit einer analogen Kamera. Also eigentlich nur Vorteile! Oder? Ich suche immer noch nach dem Pferdefuss bei der digitalen Technik…

    • Diesen Pferdefuss habe ich (für mich) gefunden, er liegt allerdings weder beim Moment der Aufnahme noch beim Endprodukt, sondern auf dem Bearbeitungsweg. Etwas ausgeholt:

      Bei der Aufnahme ist es nahezu egal, ob ich eine digitale oder analoge Kamera benutze, solange mir das Gerät direkten Zugriff auf alle Parameter erlaubt. Wenn ich eine „Hardcopy“ als Resultat betrachte, sind die Unterschiede auch meist vernachlässigbar, denn zwischen Cyanotypie und Cibachrome kann ich jeden Look auch am Rechner erzeugen und auf geeignetem Papier ausdrucken. (Kleine Einschränkung hier: Derzeit experimentiere ich mit Radierungen nach Analogfotografien, und die Tiefprägung des Büttenkartons in der Radierpresse kann der Tintenstrahler noch nicht nachbilden.)

      Wirklich dramatische Unterschiede ergeben sich auf dem Weg dazwischen. Nimm an, du erstellst ein Fotobuch: Dazu hast du digital eine Reihe toller Programme, mit denen sich, wenn man sie beherrscht, ruckzuck sauber ausgearbeitete Bilder mit gut gesetzten Texten kombinieren und zu einem druckreifen PDF zusammenstellen lassen. Aber egal ob Satz, Bildbearbeitung oder Druckvorstufe: Du hast immer Tastatur, Maus und vielleicht noch den Pen des Grafiktabletts in der Hand, und jeder Arbeitsschritt fühlt sich *fast gleich* an.

      Mach das Ganze dagegen analog: Du entwickelst deine Filme und machst Abzüge, und schon dabei sind es *völlig andere* Handgriffe und Techniken je nachdem, ob du einen getonten Barytprint, einen Edeldruck oder vielleicht einen Tiefdruck erstellst. Die Bildzeilen setzt du, zum Beispiel im nächstgelegenen Druckmuseum, im Idealfall aus Blei und druckst sie unter Einsatz der Armmuskulatur auf der Handpresse – noch mal ganz was Anderes. Und nachher leimst, nähst, schraubst du ein Buch zusammen – wieder was Neues, das andere Fertigkeiten voraussetzt, andere Sinne anspricht, sich völlig anders anfühlt.

      Das so erstellte Buch ist voraussichtlich technisch nicht so perfekt wie das rein digital ausgearbeitete, obwohl es sehr viel länger gedauert hat. Aber das wird (für mich) vom Vergnügen des auf so vielfache Weise sinnlichen Produzierens mehr als wettgemacht.

      Das ist also der Pferdefuß: Auf digitalem Wege geht die Freude am handwerklichen Arbeiten verloren, weil nahezu alle Tätigkeiten nivelliert und auf denselben beschränkten Interfaces zusammengeführt werden. Wir werden schneller, effizienter, vielleicht „professioneller“ … aber ganz sicher auch sehr viel ärmer.

      • Volle Zustimmung, Christian.

        Und: “Man/frau wird dann sehen, dass Digital alles kann, was Analog auch kann, und darüber hinaus noch einiges mehr. Wenn man darauf achtet, kann man digital übrigens auch genauso “entschleunigt” arbeiten wie mit einer analogen Kamera.”

        Genau das – dieses ›Alles-Können‹ und ›noch einiges mehr‹ – ist für mich der ›Pferdefuss‹, der das angebliche ›entschleunigte‹ Arbeiten nur theoretisch als solches erscheinen lässt. Gerade die begrenzten Möglichkeiten analoger Photographie zwingen zu einer Herangehensweise, die digital unnötig wäre; lassen Ergebnisse entstehen, die digital, andere wären; ein großer Unterschied, ob ich nur noch zwei Negative oder zwei hundert Versuche habe … das, was das Digitale also kann, dieses ›mehr‹ und ›alles‹, das ist, wovon ich mich befreien möchte, was letztlich meine Kreativität mittels fehlender Einschränkungen – oder der Möglichkeit, es im Nachhinein so darzustellen, wie ich es gern hätte – im Augenblick des Moments einschränkt; ich brauche klare Grenzen, eine gewisse Langsamkeit, innerhalb derer ich mich mit dem Objekt beschäftigen muss. Der wesentlich Unterschied ist, dass das Analoge eben nicht alles kann; das Analoge braucht Zeit.

        Und trotzdem: Ich selbst photographiere beizeiten auch digital. Nur fehlt mir die Aufregung.

  5. Früher fand ich es wenig zweckmäßig mit einem 1600 ASA Film zu fotografieren, da mich das grobe “Korn” genervt hat. Damals habe ich bei schlechten Lichtverhältnissen dann eben 100 ASA Filme entsprechend lange am Stativ belichtet – was aber auch nicht immer tolle Ergebnisse erzielte.

    Und auch heute finde ich (die zum Teil abstrus hohen) ISO-Bereich der DSLR nur begrenzt sinnvoll oder gar schön anzuschauen, eben da mich das “Rauschen” nervt.

    Ich denke, für mich hat sich im Handling nicht wirklich etwas verändert. Schlecht war schlecht, bleibt schlecht. Und so nutze ich auch heute noch einen “normalen” ISO-Bereich und eben lange Belichtungszeiten.

    • Wenn es die Motive und Gegebenheiten hergeben, einfach länger zu belichten, kann man natürlich froh sein. Ich hingegen war froh, dass sich das Rauschverhalten der hohen ISO-Bereiche bei Digitalkameras immer weiter verbessert hat, weil ich zum Beispiel Tanzveranstaltungen fotografiert habe. Die Belichtungszeit ist da entsprechend stark eingeschränkt, möchte man nicht nur Wischiwaschi festhalten. Da ergibt sich dann zwangsläufig eine hohe ISO-Zahl, wenn man schon so offenblendig wie nur möglich unterwegs ist.

      • Bei diesen Motiven geht es freilich nicht anders. Aber wenn ich zum Teil sehe, dass Sonnenuntergangsbilder an der See oder in den Bergen (wahrlich statische Motive) mit ISO Werten jenseits 6.400 ISO fotografiert werden, dafür aber mit einer 1/250 sek. Belichtungszeit, dann graut es mir immer.
        Hier hilft dann doch eher ein Stativ, zur Not auch mal ein Rucksack, ein Stein oder eben die Grasnarbe.

  6. Persönlich empfinde ich das Farbrauschen störender als Helligkeitsrauschen. So kann ich z. B. Schwarzweißbildern mit sichtbarem Rauschen eher tolerieren als verrauschte Farbbilder.

    So, jetzt zum Artikel: Die Autorin hat sich bewusst dafür entschieden, einen Qualitätsmangel in Kauf zu nehmen, um einen bestimmten Look zu produzieren. Daran mögen sich die Geister scheiden, aber letztlich muss jeder so fotografieren, wie es ihm/ihr gefällt, denn Fotografie ist ein Medium, das vielfältig eingesetzt werden kann. Sofern es der Autorin dadurch gelungen ist, ihre persönliche Vision umzusetzen, kann das Experiment als gelungen betrachtet werden.

    Mir jedenfalls hat der Artikel dabei geholfen, kurzfristig meinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen.

    • Ich hab mal einen UV-Filter mit Küchenfolie belegt, dass erzeugt eine Interessante Unschärfe und Körnigkeit. Direktes Licht wird dabei stark gestreut, bei einer Kerze ist nur ein Lichtfleck zu sehen der andere Bildteile sanft überstrahlt.

    • Im Prinzip geht das z.B. in Darktable: erst das Rauschen (wenn vorhanden) mit dem Entrauscher wegbügeln (mit Vorsicht!) und dann nachträglich (simuliertes) Filmkorn einfügen. Das ist zwar kein echter Filter, aber im Ergebnis wirkt es ähnlich.

  7. Konrads Satz
    >> ich brauche klare Grenzen <<
    ist vielleicht eine Schlüssel-Aussage in der Digitalisierungsdebatte. Meiner Überzeugung nach kommt jeder, der nicht dauerhaft von seiner eigenen Hybris geblendet ist, früher oder später zu der Erkenntnis, dass es sich ohne Grenzen, ohne Begrenzungen, nicht so gut leben lässt. Und dass das Versprechen der Grenzenlosigkeit, das uns die Digitalisierung gegeben hat, in Wirklichkeit (auch) eine Drohung ist …

  8. Blogartikel dazu: Kwerverweis