Eine Hand streicht über ein grünes Weizenfeld
22. April 2016 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Wie Fotografie Erinnerung schafft

Mit der Erinnerung ist es so eine Sache. Denke ich etwa an meine Familie, denke ich vor allem an zwei Dinge, die für mich stets untrennbar miteinander verknüpft sein werden: Bücher und Bilder. Und manche meiner Erinnerungen gelten jenen Büchern, die diese Bilder bargen – den Alben, die meine Familie mit Fotos füllte.

Als ich kürzlich mal wieder durch diese Fotos sah, drängte sich mir die Frage auf, wie die Bilder mein Gedächtnis geprägt und meine Erinnerungskultur geformt hatten. So wie mein Vater nach ihm und ich nach meinem Vater, war mein Großvater leidenschaftlicher Hobby-Fotograf. Meine Welt war, obwohl eingerahmt von Buchdeckeln, Glas, Holz und Stein, stets weit und groß und voller Wunder, weil sie von Eindrücken lebte, die andere auf Papier und Zelluloid gebannt hatten.

Oft waren diese Eindrücke eigentümlich unbekannt, doch dann auch wieder nicht, weil sie zu dem gehörten, was meine Verwandten gesehen, empfunden und erlebt hatten. Durch die Betrachtung der Bilder wurden sie zu einem Teil von mir, zumindest ein bisschen.

 

Wie Fotografie Wirklichkeit formt

Siegfried Kracauer schreibt in seiner „Theorie des Films“:

Fotografen kopieren die Natur nicht bloß, sondern verwandeln sie dadurch, dass sie dreidimensionale Erscheinungen ins Flächenhafte übertragen. […] Das formgebende Streben braucht also mit der realistischen Tendenz nicht in Konflikt zu geraten. Im Gegenteil, es mag sie verwirklichen und erfüllen – eine Wechselwirkung. […] Der Fotograf [sieht] Dinge in und mit seiner „Seele“.1

Wer hinter der Kamera steht, gestaltet mit dem Fotoapparat seine ganz eigene Sicht auf die Welt. Der Apparat dient als Werkzeug, mit dem man das Abbild dieser Wirklichkeit von dem es umgebenen Gewirr befreit, ähnlich einer Skulptur, bei der eine Lage Stein nach der anderen abgeschlagen wird, um die filigrane Figur, die sich im grauen Quader verbirgt, endlich für alle sichtbar zu machen.

Auch Fotograf*innen gehen so vor. Selbst Hobby-Knipser*innen tun nichts anderes, wenn sie zur Kamera greifen und einen schnellen Schnappschuss machen. Die Fotos meiner Familie eröffneten mir deshalb einen Blick auf die Realität, wie sie sich ihnen ergab: auf das, was ihnen wichtig war.

Und so erinnere ich mich genau an die Bilder von den Urlauben meiner Großeltern und ihrer sechs Kinder, die sich jeden Sommer in einen kleinen Wohnwagen quetschten und kreuz und quer durch Europa tuckerten. Ich erinnere mich an die Fotos von Kurdistan im Wohnzimmer meiner Tante und meines Onkels, mit denen mein Onkel seiner Heimat gedachte. Und ich erinnere mich an die merkwürdige Abwesenheit von Familienfotos aus Korea, einem Land, dem meiner Mutter ganz bewusst den Rücken gekehrt hatte.

 

Wie Fotografie Wahrnehmung erzeugt

Jedes Mal, wenn ich diese Familienfotos ansah, weckten sie eine ganze Reihe von Assoziationen. Jeder kennt wohl das Gefühl, beim Betrachten bestimmter Fotos unwillkürlich an gewisse Dinge denken zu müssen – lange vergessen, aber nie wirklich fort.

Auch ikonische Fotografien können solche Assoziationen auslösen, obwohl das Abgebildete nicht notwendigerweise selbst erlebt wurde. Man denke nur an das Konterfeit Che Guevaras oder das Foto Phan Thị Kim Phúcs, des kleinen Mädchens, das 1972 nackt und weinend einer Napalm-Wolke entfloh. Diese Bilder haben sich vielen ins Gedächtnis gebrannt und müssen gar nicht direkt vor ihnen liegen, um bestimmte Reaktionen auszulösen. Der bloße Gedanke daran genügt.

Natürlich lässt sich dieses Phänomen auch nutzen, um gezielt Emotionen zu wecken, denn tatsächlich wissen Bilder wie Worte zu sprechen: Sie sind Zeichen, die nicht etwa vollkommen losgelöst existieren und eine „vermeintlich wahre, innere Bedeutung“2 tragen, sondern erst von den Betrachter*innen mit einer ebensolchen aufgeladen werden.

Wie genau das vor sich geht, ist einerseits individuell unterschiedlich und andererseits von kollektiven, kulturellen Rahmenbedingungen sowie von sozialpsychologischen Faktoren abhängig. Es ist kein Zufall, dass die Fotografie schon früh für allerlei Zwecke genutzt wurde, bei denen eine möglichst große Wirkung erwünscht war, sei es nun in der Werbung, in der Propaganda oder in der Politik.

Denn die Wahrnehmung wird immer auch vom Gedächtnis bestimmt. Die Psychologie kennt dieses Phänomen als „Priming“3. Das Gehirn setzt ständig Reize in Informationen um und ordnet sie in ein kognitives Muster ein, das auf bruchstückhaften Eindrücken von bereits Geschehenem basiert. Zunächst zwar noch schemenhaft, aber dann immer deutlicher, ergibt sich ein Bild, das nicht nur auf Gegenwärtigem fußt (dem Abgebildeten selbst), sondern auch an Vergangenes anknüpft. Was ist also wahr, was ist falsch?

 

Wie Fotografie Erinnerung schafft

Gibt es sie überhaupt, die absolute Wirklichkeit? Das ist wohl eine erkenntnistheoretische Frage. Erinnere ich mich wirklich an das Ereignis selbst (damals, als ich da auf dem Schoß meiner Großmutter saß) oder hat sich das Bild durch das wiederholte Betrachten des betreffenden Fotos einfach derart stark in mein Gedächtnis gebrannt, dass es irgendwann das „echte“ Erlebnis nahezu gänzlich überlagert? Und ist diese Erinnerung dann weniger wert, weil vermeintlich weniger „echt“? Spielt das überhaupt eine Rolle bei der Bewertung familiärer Erinnerungen?

Der Mensch ist ein soziales Wesen und wenn Verwandte, Freunde und Bekannte gemeinsam Erlebtem gedenken und es auf Bildern betrachten, dann hängt die Einschätzung dessen häufig von geteilten Erfahrungen und gemeinsamer Sozialisation ab. Die Familie ist die kleinste gesamtgesellschaftliche Einheit, in der Fotos eine derartige Aufladung erfahren und so zum Instrument werden: Sie festigen die Gemeinschaft, indem sie eine innere Verbindungslinie schaffen, die sich in den Bildern selbst sowie deren Wahrnehmung und Deutung niederschlägt. Manchmal entstehen dabei sogar regelrechte Familienmythen.

Während ich also durch die Augen meines Großvaters schaute, sah ich ihn selbst kaum je vor mir, weil er stets hinter der Kamera stand. Er blieb mir zwar verborgen, doch seine Sicht auf die Welt lag vor mir wie eine Landschaft, über die ich meinen Blick schweifen ließ. Das, was ich dort zu sehen meinte, war aber immer auch das, was ich in das Bild vor mir hineinlas. Gemeinsam ergab sich daraus mein ganz persönlicher Eindruck und meine ganz eigene Erinnerung.

Es gibt viele Projekte, die sich mit Erinnerungskultur und Familienfotografie beschäftigen, beispielsweise savefamilyphotos.com. Wer sich dagegen näher mit Kommunikationstheorie, Zeichenmodellen und Mythenbildung auseinandersetzen möchte, dem sei etwa Roland Barthes’ Standardwerk Das Reich der Zeichen wärmstens empfohlen.

1Siegfried Kracauer, Theorie des Films, Frankfurt am Main 1964, S. 40.

2Roland Barthes, Das Reich der Zeichen, Frankfurt am Main, S. 13.

3Laut Wikipedia bezeichnet „[d]er Begriff Priming bzw. Bahnung […] in der Psychologie die Beeinflussung der Verarbeitung (Kognition) eines Reizes dadurch, dass ein vorangegangener Reiz implizite Gedächtnisinhalte aktiviert hat. Diese Aktivierung spezieller Assoziationen im Gedächtnis aufgrund von Vorerfahrungen mit den betreffenden Informationen geschieht häufig und zum allergrößten Teil unbewusst.“

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1 Kommentar

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  1. Toller Artikel zu einem faszinierenden Thema! Mich haben mitunter die gleichen Fragen beschäftigt wie Dich, und in vielem, was Du geschrieben hast, konnte ich meine eigenen Gedanken wiederfinden. Was ich immer noch nicht rausgefunden habe: Bewahre ich mir durch Fotografien mehr Erinnerungen (an den Moment, in dem die Fotos gemacht wurden), oder lösche ich mehr Erinnerungen damit aus (an alles, was drum herum war und nicht fotografiert wurde)?