08. April 2016 Lesezeit: ~5 Minuten

DIY Tilt-Objektiv

Ich möchte Euch mein selbstgebautes Tilt-Objektiv vorstellen. Ähnlich einem Lensbaby-Objektiv kann man mit ihm die Lage der Schärfeebene variieren und ist so nicht auf eine Schärfeebene parallel zur Sensorebene begrenzt. Dadurch ergeben sich neue kreative Möglichkeiten, den Betrachter durchs Bild zu führen.

Ein gängiges Beispiel ist der Miniatureffekt, der sich ergibt, wenn man von weiter oben fotografiert. Das Prinzip dahinter ist einfach: Neigt man das Objektiv, ergibt sich eine gekippte Fokusebene.

Skizze: Verschobene Fokusebene

Allgemeines zum Eigenbau

Um dem Objektiv das „Tilten“ („to tilt“ engl. „neigen“) zu ermöglichen, darf es nicht fest am Bajonett angeschlossen sein. Daher wird ein flexibler, lichtundurchlässiger Tubus zwischen Bajonett und Objektiv, wie zum Beispiel ein Fahrradschlauch oder Faltenbalg, benötigt, der mit einer handelsüblichen Schlauchschelle mit passendem Durchmesser (aus dem Baumarkt) am Objektiv befestigt wird.

Natürlich kann der Tubus nicht direkt am Bajonett angeschlossen werden, daher werden ein Makro-Umkehr-Ring und ein Adapterring benötigt.

Der Makro-Umkehr-Ring, damit das Objektiv am Bajonett angeschlossen werden kann. Der Adapterring (mit passendem Filtergewinde zum Makro-Umkehr-Ring), damit der flexible Tubus zwischen Ring und Schelle Halt findet. Der große Vorteil dabei ist, dass der Makro-Umkehr-Ring einfach durch einen anderen (mit gleichem Filtergewinde) getauscht werden kann, um das Objektiv an ein anderes Kamerasystem (Bajonett) setzen zu können.

Skizze Tiltobjektiv

Aufbau für Systemkamera. Die Länge des Tubus für eine SLR-Kamera wäre wesentlich kürzer.

Das Objektiv

Kommen wir nun zum wichtigsten Punkt: Dem Objektiv, denn hier gibt es ein paar Dinge zu beachten!

Das Objektiv sollte eine größere Fläche als die des Sensors abbilden, um auch im geneigten Zustand die Sensorfläche vollständig ausfüllen zu können, da sonst schwarze Ecken im Bild entstehen können. Vereinfacht kann man sagen:

  • Für Kameras mit Micro-Four-Thirds-Sensor: Verwende ein APS-C-Objektiv
  • Für Kameras mit APS-C-Sensor: Verwende ein Vollformat-Objektiv
  • Für Kameras mit Vollformat-Sensor: Verwende ein Mittelformat-Objektiv

Menschen auf einem Platz von oben mit Tilteffekt

Eine Hausfassade mit Tilteffekt

Das Tilt-Objektiv wird ausschließlich manuell bedient, indem man es neigt und kippt. Dabei ändert sich die Schärfeebene stetig. Um zwischen Naheinstellgrenze und der Fokussierung in der Unendlichkeit variieren zu können, muss der Abstand zwischen Sensor und Objektiv geändert werden. Daher ist es nötig, das Gehäuse des Objektivs abzumontieren, um das Objektiv noch weiter Richtung Sensor drücken zu können. Hier ist Vorsicht geboten!

Bitte nicht das Objektiv so weit nach hinten drücken, dass das Objektiv den Sensor berührt!

Tipp: Verwendet man eine Systemkamera anstelle einer Spiegelreflexkamera (SLR), sollte man ein Objektiv für eine SLR benutzen. Dadurch, dass die Sensorebene an einer Systemkamera weiter vorne sitzt, kann der Abstand zum SLR-Tilt-Objektiv leichter dort variiert werden, wo normalerweise der Bajonettadapter sitzt, der den Abstand zur Fokusebene ausgleicht. Daher kann bei dieser Kombination sogar auf das Abbauen des Objektivgehäuses verzichtet werden, allerdings sind dann die Möglichkeiten des Tiltens etwas eingeschränkter.

Ein weiterer Punkt, der beachtet werden sollte, ist die Blendenverstellung. Hierbei sollte man vorher in Erfahrung bringen, wie die Blendenmechanik verbaut ist. Was mir vorher nicht bewusst war: Baut man ein Objektiv auseinander, kann sich die Blende durch eine Feder entweder zusammenziehen oder öffnen, je nach Bauart.

Bei beiden Versionen lässt sich die Einstellung natürlich dauerhaft ändern, indem man diese Funktion an entsprechender Stelle verklebt oder anders feststellt, wodurch eine Änderung mühsam ist. Glücklicherweise habe ich bei meinem Mittelformatobjektiv einen recht schwergängigen Hebel vorgefunden, der an der Seite verbaut ist und sich auch mit angesetzter Schelle variieren lässt.

Hebel zur Blendeneinstellung

Minolta 50 mm

Hbel zur Blendeneinstellung

MIR 65 mm

Meine eigenen Tilt-Objektive

Zunächst habe ich ein altes Minolta-Objektiv mit 50 mm Festbrennweite (Vollformat) verwendet, das ich mit einem Fahrradschlauch an meiner Sony Alpha 6000 (APS-C Sensor) verwendet habe. Für den Anfang war das ganz gut, auch um abzuschätzen, wie lang der Schlauch sein muss, um zwischen Naheinstellgrenze und Unendlichkeit fokussieren zu können.

Mittlerweile benutze ich allerdings nur noch das Mittelformat-Weitwinkelobjektiv MIR 38 f/3.5 65 mm an meiner Sony Alpha 7. Beide Objektive habe ich über Ebay bezogen. Der große Vorteil ist, man kann hier die Blende auch manuell problemlos verstellen kann, trotz abgebautem Objektivgehäuse.

Außerdem kann ich mich mittels „Fokus-Peaking“ und Live View am Monitor optimal auf das Tilten konzentrieren. Der Faltenbalg ist wesentlich komfortabler und erzeugt nicht so schnell die schwarze Abschattung im Randbereich, da sich der Faltenbalg nach außen neigt, während der Fahrradschlauch sich nach innen neigt.

Selbstgebautes Tiltobjektiv an der Kamera

Fahrradschlauch und Blasebalg

Schellenverbinung am Objektiv

Was benötigt wird

Die Angaben in Klammern sind dabei meine verwendeten Materialien.

Gesamtkosten: ~50 €

Festung bei Nacht

Einkaufszentrum mit Tilteffekt

Ich hoffe, ich konnte Euch nicht nur einen guten Einblick geben, wie Ihr ein Tilt-Objektiv selbst bauen könnt, sondern Euch auch motivieren, es zu tun! Es macht wirklich viel Spaß, mit dem Ding zu spielen, denn es bietet einem neue und vielfältige Möglichkeiten.

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5 Kommentare

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  1. Deinen Bericht Finde ich sehr gelungen, den Miniatureffekt auf natürliche weise zu erzeugen finde ich allemal besser als die künstliche Digitale….., die Idee mit dem Umkehrschlauch ist auch Klasse und das mit dem Makro-Umkehr-Ring wusste ich gar nicht. Deine Bilder gefallen mir auch gut, tolle Ergebnisse! Sobald ich an ein geeignetes Objektiv gelange werde ich das mal ausprobieren!
    Mit sportlichem Händedruck,
    Ironwork.

  2. Leider wurde nicht erwähnt, dass die Idee „geklaut“ wurde. Seit geraumer Zeit (>5 Jahre) wird von Tom Widlak (The Bokehcompany) ein professionelles Produkt vertrieben. Zwei meiner Bekannten aus Flensburg haben es quasi verändert und nachgebaut – auch sie vertrieben kleine Serien recht professionell gefertigter Adapter – mit und ohne Objektiv.
    Es gibt noch zwei Fehler: es spielt nicht nur der Durchmesser des Objektives sondern auch das Auflagemaß eine Rolle. Für Spiegellose stimmt die Aufstellung, für DSLR muss man auch bei Crop Mittelformat-Objektive verwenden.
    Und die DDR-Marke heißt Pentacon, nicht Pentagon.

    Sorry für die Korrekturen, aber es musste sein.

    Ansonsten aber ein solder Beitrag, wie von Dir gewohnt.