Ein Mann überquert eine Straße, neben ihm ein Wandbild mit Elefanten auf einer Backsteinmauer.
02. März 2016 Lesezeit: ~22 Minuten

Besuch im Township Langa in Kapstadt

– Eine emotionale Gefühlsreisereise aus Entsetzen, Hilflosigkeit, Scham, Ratlosigkeit, Menschlichkeit, Stolz und Freude. Am Ende siegt die Sonne im Herzen und die Hoffnung bleibt. –

Meine 3.000-km-Reise begann im November 2015 in Windhoek in Namibia und sollte mich auf meinem Weg durch die Namib bis ans Kap, nach Kapstadt in Südafrika führen. So wie die Reise mit einem intensiven Besuch des Townships Katutura in Windhoek begann, so sollte die Reise in Kapstadt mit dem Besuch des Township Langa vorerst enden.

Auf den Besuch von Langa hatte ich mich besonders gefreut, denn hier gibt es die Möglichkeit, an einer geführten Tour auf eigenen Beinen teilzunehmen. Keine Frage: Eine Fußtour ist mit der Erfahrung, in einem klimatisierten Fahrzeug durch ein Township gefahren zu werden, nicht zu vergleichen.

Zwei Kinder in einer Gasse.

Noch in Hamburg plante ich, durch die Straßen Langas zu gehen und Straßenfotografie zu betreiben. Aus diesem Grund habe ich insbesondere nach einem kleinen Anbieter gesucht, der uns zu zweit durch das Township führen kann. Vielleicht hatte ich unterbewusst auch bereits eine Vorahnung, mit welchen Gefühlen ich zu kämpfen haben würde und dass ich es vorziehen würde, sie mit mir allein auszumachen.

Langa liegt rund 15 Kilometer südöstlich des Kapstädter Stadtzentrums. Im Jahr 2011 lebten hier auf 2,87 km² ca. 52.400 Menschen. Am Morgen der Tour starten wir gut gelaunt und mit leichtem Gepäck, lediglich die OMD baumelt um meinen Hals. Abgeholt wurden wir von unserem Fahrer, der auch ein Einwohner Langas ist und uns die Entstehungsgeschichte seines Townships erklärt.

Eine Frau trägt einen Eimer durch eine heruntergekommene Gasse.

Typische Gasse im Township Langa Cape Town South Africa.

Der Stadtteil wurde ab 1927 als Folge des im Jahr 1923 beschlossenen Native Urban Areas Act ausschließlich als Wohngebiet für Schwarze erbaut. Bereits um die Jahrhundertwende waren Schwarze aus dem Stadtzentrum vertrieben und teilweise im Stadtteil Ndabeni angesiedelt worden. Langa war das erste Township in Kapstadt und der gesamten Kapprovinz, das zielgerichtet als Wohnstätte für Schwarze geplant wurde.

Von den Planungsbehörden wurde insbesondere darauf geachtet, dass das Gebiet leicht unter Kontrolle gehalten werden konnte. Langa ist das isiXhosa-Wort für „Sonne“. Nach anderen Angaben wurde Langa nach dem Chief Langalibalele benannt, der 1873 auf Robben Island inhaftiert war und dessen Haft in Hausarrest auf einer Farm nahe dem heutigen Langa umgewandelt wurde.

Eine Frau trägt Wäsche.

Wäsche wird hier von Hand gewaschen – die Menschen achten penibel auf ihr äußeres Erscheinungsbild, wenn sie auf die Straße gehen.

Nach unserer Ankunft im Township werden wir durch das Gemeindezentrum geführt; es ist die Heimat unterschiedlicher NGO-Projekte des Kunsthandwerks, die den Einwohnern Langas die Möglichkeit bieten, Fertigkeiten zu erlernen, mit denen sie in der Lage sind, ein Einkommen im Tourismus zu generieren. Im Anschluss treffen wir Maria, unseren Guide für die nächsten zwei Stunden.

Maria ist Anfang dreißig, hat vier Kinder und bestreitet ihren Lebensunterhalt als Guide im Township. Jobs für die Einwohner des Townships sind sowohl innerhalb als auch außerhalb des Townships rar gesät und folglich das größte Problem, mit dem die Einwohner zu kämpfen haben.

Es muss unglaublich frustrierend sein, seinen Alltag ohne Aufgabe und festes Einkommen zu bestreiten. Natürlich ist Kriminalität ein Problem und das Township schreckt innerhalb seiner Grenzen auch nicht vor hartherziger Selbstjustiz zurück:

Ein paar Wochen vor unserem Besuch haben ein paar Jugendliche andere Einwohner des Townships beklaut. Als diese auf frischer Tat ertappt wurden, haben die Einwohner sie durch die Straßen getrieben und erschlagen. Ein grausamer und unmenschlicher Akt, der sicherstellen soll, dass Kriminalität innerhalb des Townships unterbunden wird.

Auf einer leeren Straße zwischen Wellblechhütten laufen drei Jugendliche.

Junge Mädchen haben sich chic gemacht und flanieren über die Straßen Langas.

Mit Drogendealern wird in letzter Konsequenz ähnlich hart verfahren. Maria berichtet uns, dass es Brauch sei, ein paar zusammengebundene alte Schuhe über eine Stromleitung zu werfen, um zu signalisieren, dass ein Drogendealer in unmittelbarer Nähe wohnhaft ist. Mögliche Bestrafungsformen, wenn die Person mit dem Dealen innerhalb des Townships nicht aufhört, brauche ich wohl nicht weiter zu erörtern.

Maria berichtet weiter: Langa ist ein historisch gewachsener Stadtteil vor den Toren Kapstadts und bis auf Wasser und Strom weitestgehend autark von Kapstadt. Natürlich gibt es keine eigene Polizeistation.

Wie auch andere Townships hat Langa mit erheblichem Zuzug von Einwohnern aus den ländlichen Regionen Südafrikas zu kämpfen, besonders immanent ist das Problem, da Langa flächenmäßig das kleinste Township Kapstadts ist. Bis heute verkraftet Langa diese Herausforderung verhältnismäßig gut, nicht zuletzt aufgrund der jahrzehntelang gewachsenen sozialen Strukturen.

Über eine Straße ist eine Wäscheleine mit Kleidung gespannt.

Der äußere Zufahrtsbereich zu den sehr einfach gemauerten Hostels. Dennoch sind gemauerte Häuser hier natürlich Luxus. Wo auch immer man hinschaut: Wäsche – für mich ein Zeichen des Nichtaufgebens.

Langa beherbergt ein verhältnismäßig breites Spektrum an sozialen Schichten: Von den ganz Armen in Holzverschlägen und Blechhütten über in sogenannten gemauerten Hostels bis hin zu in freistehenden kleinen Häusern lebenden Einwohnern.

Das Viertel der freistehenden Häuser wird liebevoll „Little Beverly Hills“ genannt. Bewusst sage ich liebevoll, da die Einwohner von Langa ihren Nachbarn nichts neiden, das sind jedenfalls Marias Ausführungen. Ich abstrahiere für den Moment vom Zwischenfall des Diebstahls mit „Totschlag“ als Folge.

Fakt ist aber auch, dass viele ehemalige Einwohner Langas, die den Sprung in andere Stadtteile Kapstadts geschafft haben, oftmals ihre Wochenenden in Langa verbringen, denn hier leben ihre Freunde und hier haben sie sozialen Rückhalt.

Zwei Kinder stehen in der Tür einer Wellblechhütte und schauen schüchtern heraus.

Immer wieder starren mich Kinder erwartungsvoll und zugleich ängstlich an. Leider reicht mein Vorrat an Bonbons nicht und ich fühle mich schuldig, da ich ihnen nicht helfen kann.

Bereits auf den ersten Metern in das Township wird mir bewusst: Auf den eigenen Füßen beschreitend eine Erfahrung zu machen, ist nicht dasselbe Spiel, wie auf vier Rädern zu fahren.

In Marias Gegenwart fühle ich mich wohl und auch sicher, bin entspannt und neugierig und doch befällt mich bereits in der ersten Seitengasse ein Gefühl des Entsetzens, das fließend übergeht in absolute Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit, um vorerst in peinlicher Scham zu verharren.

Ich bin als Mensch in vollkommener Abstinenz jeglicher Rassen- und Hautfarbenvorurteile aufgewachsen und erzogen worden, begegne jedem Menschen auf Augenhöhe, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion. Vielleicht überkam mich gerade deswegen das Gefühl der Scham und das unweigerliche Bedürfnis, im Boden zu versinken.

Auf einer leeren Straße gehen eine Frau und ein Kind.

Typisches Straßenbild aus Bretter- und Blechhütten neben einfachen Backsteinbauten. Hier wird alles genutzt und auch die Autos haben eine weitaus längere Lebensdauer als in Europa.

Zum Glück waren wir bis jetzt die einzigen hellhäutigen Besucher im Township, fielen aufgrund unserer Kleidung auch nicht auf und dennoch kam ich mir so schäbig vor. Die „reichen“ und „weißen“ Europäer machen Urlaub in Kapstadt und besuchen natürlich auch ein Township, weil das zum guten Ton gehört oder gerade en vogue ist.

Jeder, der mich kennt weiß, dass ich das nicht verkörpere und diese momentane Selbsteinschätzung nicht der Realität entspricht, nicht zuletzt auch, da wir gerade von einer 3.000-km-Tour durch die Namib kommen und auf unserem Weg wesentlich größere Not und Armut erlebt haben als hier im Township.

Dennoch entlässt mich dieses lähmende Gefühl erst langsam aus seinem Würgegriff, nicht zuletzt dank der Einwohner Langas. Sie begegnen mir überaus freundlich und in keiner Weise beschämt, viel mehr voller Stolz und Freude lächelnd, allen voran neugierige Kinder.

Männer spielen mit Kronkorken Mühle.

Mühle wird hier auch gern mal mit Kronkorken gespielt, man muss sich eben zu helfen wissen.

Meine Kamera baumelte bis zu diesem Zeitpunkt teilnahmslos an meiner Schulter und ich wurde mir ihrer erst wieder bewusst, als mich der erste Einwohner fragte, ob ich nicht ein Foto machen möchte. Wie dankbar bin ich für diese Einladung. In keinem Fall wollte ich die Würde der Einwohner verletzen und sie peinlich berühren, indem ich ihnen meine Kamera ungewollt vor die Nase halte.

Bewusst habe ich „nur“ die OMD-EM10 mit dem 17-mm-Objektiv eingepackt. Ich bin so gerührt von der Offenheit und Herzlichkeit der Menschen und wünsche mir, das Leben in Langa für einen Moment dokumentieren zu dürfen.

Immer wieder falle ich zurück, überwältigt von der Umgebung und den Eindrücken. Doch dieses Mal im positiven Sinn. Die Menschen in Langa stecken keineswegs den Kopf in den Sand, wie ich es wahrscheinlich in ihrer Situation machen würde. Nein, sie lächeln mich an und versuchen, das Bestmögliche aus ihrer Situation zu machen.

Vor einem Kiosk steht ein Mädchen.

Langa ist eine Stadt in einer Stadt, es gibt nahezu alle Läden, insbesondere Kioske, Friseure, Snäckläden und Bars – nicht zu vergessen der mobile Dealershop, wahrscheinlich der wichtigste Laden im Township.

Nach einiger Zeit blickt sich Maria immer wieder besorgt nach mir um und holt mich zurück. Zuerst kann ich Marias Bedenken nicht nachvollziehen: Langa ist doch sicher und alle sind so freundlich!

Eine Straße weiter fällt mir ein blitzendes weißes BMW Coupé auf und mir wird klar, dass auch hier anscheinend einige von der Armut anderer profitieren – ob legal oder illegal möchte ich nicht beurteilen – schließlich beschäftigt mich das Thema Vorurteile stetig, seitdem ich Fuß in Langa gesetzt habe.

Vielleicht ist es auch nur einer der Eigentümer des Grund und Bodens, den er günstig erworben hat und nun zu guten Preisen vermietet, wie es in vielen Townships der Fall ist.

Weißer BMW Coupé in einer heruntergekommenen Umgebung.

Wo vermeintliche Armut herrscht, gibt es auch Menschen, die davon materiell extrem profitieren.

In Langa gibt es auch einen Arzt und ein Krankenhaus, so verheißt es zumindest das Schild und die Einwohner sind sicher sehr zufrieden über die Möglichkeit medizinischer Versorgung im Township. Allerdings hinterfrage ich, ob diese Versorgung jedem zugänglich und bezahlbar ist. Maria frage ich nicht, ich möchte sie nicht vor den Kopf stoßen.

Für unsere Verhältnisse ist dieses Krankenhaus unvorstellbar, wie die äußere Umgebung bereits vermuten lässt.
Ganz sicher wird hier vielen Menschen geholfen, die ansonsten gar keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hätten – mal wieder schäme ich mich, dieses Mal für mein Ekelgefühl.

Wellblechhütten, eine davon mit der Anzeigetafel für einen Arzt.

Das Schild Surgery lässt hoffen, es gibt auch einen Arzt und eine Art Krankenhaus im Township, die verdreckte und verwahrloste Umgebung holt mich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen.

Nachdem wir weiter in das Innere Langas vorgestoßen sind, kommen wir zu den sogenannten Hostels – einfachen zweistöckigen Backsteinbauten, in denen 16 Personen auf vier Zimmern und einen Gemeinschaftsraum verteilt wohnen. 4 Personen wohnen und schlafen in einem Zimmer von max. 20 Quadratmetern, dafür gibt es Strom, Wasser, manchmal eine Waschmaschine und ich glaube sogar eine Toilette.

Der Innenhof ist total verdreckt, überall Reste von Plastik, die in kleinen Fetzen mit dem Sand vom Wind getrieben einen fortwährenden Tanz aufführen.

Kaum zu glauben, denn die Menschen achten peinlichst auf ihr äußeres Erscheinungsbild, insbesondere wenn sie die Straßen außerhalb des Townships betreten. Bestätigt werde ich in dem Gefühl, fortwährend von Wäsche auf Wäscheleinen begleitet zu werden.

Eine Frau sortiert gewaschene Wäsche in einem türkis gestrichenen Zimmer.

Gemeinschaftsraum und Küche eines gemauerten Hostels, Herberge für 16 Personen in vier Zimmern. Hier gibt es bereits eine Waschmaschine.

Ein Blick aus dem Fenster einer der vier Zimmer einer Hostelwohnung ist wenig verheißungsvoll und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, in einer Zelle zu stehen.

Der Gemeinschaftsraum einer jeden Hostelwohnung ist der Lebensmittelpunkt. Nicht verwunderlich, denn jedes Zimmer ist mit vier Betten und Kühlschränken bereits voll ausgelastet. Den Häusern ist ihr Alter und die intensive Bewohnung mit 16 Bewohnern auf max. 100 Quadratmetern anzumerken: Alles scheint mehr oder weniger verwahrlost und Schimmel bahnt sich seinen Weg durch die Wände.

Blick auf die Straße durch ein Fensterkreuz.

„Ausblick“ aus einem der vier Schlafräume einer Hostelwohnung, hier leben und schlafen vier Personen auf max. 20 Quadratmetern.

Bemerkenswert, dass ein Hostelplatz in Langa begehrt ist und nicht nur hier, sondern in vielen anderen Ländern der Welt ist dieser Lebensstandard als gut zu bezeichnen. Unseren Verhältnissen nach zu urteilen, die wir mit einer Familie von 3 Personen gefühlt im Durchschnitt 100 Quadratmeter bewohnen, handelt es sich um katastrophale Lebensverhältnisse. So unterschiedlich ist Lebensstandard auf der Welt zu definieren, auch immer noch in Südafrika.

Auch die Vorderseite der Hostels wird vom vorherrschenden Wäschebild geprägt und der Erkenntnis, dass Autos auch im Township von Langa nicht bei allen in die Kategorie Luxusgut fallen. Auffallend ist, dass viele der durchaus älteren Modelle den Fabrikaten VW und Opel zuzuordnen sind.

Hinterhof zwischen mehreren Häusern, in dem Wäsche aufgehängt ist und ein Auto steht.

Völlig verdreckter Innenhof eines Hostels.

Von den Hostels geht es weiter über die Straßen Langas in ärmere Bereiche, überwiegend von Bretter- und Wellblechhütten geprägt. Häufig treffen ich auf kleine Kinder, die allein und scheinbar sich selbst überlassen sind. Anscheinend ist ein Kindergartenplatz im Township ein Luxusgut, das nicht jede Familie im Stande ist, zu bezahlen.

Aus meiner Erfahrung der Vergangenheit im südlichen Afrika ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Kinder Fotoapparate kennen und ihnen bewusst ist, dass man damit Fotos von ihnen machen kann.

Zwar hat jeder mindestens ein Handy, dennoch setzen sich Smartphones erst langsam durch. Wie es der Zufall will, sind auch die Kinder im Kindergarten, nachdem ich ihnen ein Foto von sich selbst gezeigt habe, ganz fasziniert von meinem Fotoapparat und wollen immer wieder fotografiert werden.

Werden kleine Kinder das erste Mal in ihrem Leben fotografiert, dann verstehen sie noch nicht, dass erst der Auslöser betätigt werden muss und ein gewisser Abstand sowie ein wenig Zeit notwendig sind, bevor ein Bild entstehen kann.

Ein Kind auf dem Arm einer Frau.

Die Kinder im Township schwanken zwischen Neugier, Begeisterung, Freude und Angst beim nahen Anblick meiner Person. Hier bin ich derjenige mit einer anderen Hautfarbe.

So kommen die kleinen Kinder immer wieder in Gruppen auf mich zugekrabbelt oder gelaufen, um sich ein Foto von sich selbst anzuschauen, dabei hatte ich noch keine Gelegenheit, den Auslöser zu drücken und selbst wenn, dann wäre wohl nur ein halber Kopf zu sehen, da die Kinder immer wieder versuchen, ihren Kopf quasi in die Kamera zu stecken.

Immer wieder werde ich mir der neugierigen und musternden Blicke der Kinder bewusst. Nachdem mein Bonbonvorrat erschöpft ist, bleibt mir noch mein Lächeln und freundliches Winken.

Wieder beschleicht mich das Gefühl der Scham beim Blick auf ihre Füße und nicht vorhandene Schuhe oder wenn überhaupt Flip Flops. Das Gefühl, den Menschen hier und jetzt nicht wirklich helfen zu können, ist für mich nur schwer zu akzeptieren.

Kinder in einem Kindergarten zwischen bunten Plastikstühlen.

Natürlich gibt es auch Kindergärten im Township, in die Kinder gehen, wenn die Eltern einen Job haben und sich die zusätzliche Ausgabe leisten können.

Den Kindern dient alles als Spielzeug, so auch alte Autoreifen, die über die Straße gerollt werden. In Spitzkoppe in Namibia habe ich einem kleinen Mädchen einen Teddybären geschenkt und werde ihr strahlendes Lächeln gewiss nie vergessen.

Ältere Kinder gehen zur Schule, es herrscht Schul- und Uniformpflicht in Südafrika. Überall im Township treffen wir auf kleine Läden, die allerlei Waren verkaufen, die Versorgung scheint sichergestellt. Alle Teenager auf der Welt sind gleich: Wer kann, putzt sich heraus für das Flanieren auf den Straßen des Townships – vielleicht gibt es ja ein paar Jungs zu beeindrucken.

Eine Wasserversorgung gibt es, wenn überhaupt, nur in den gemauerten Häusern, alle anderen müssen den Wasserbedarf über die öffentlichen Wasserstellen decken und die Behältnisse in ihre Behausungen schleppen.

Ein Mann lässt Wasser in eine große Schüssel laufen.

Die Wasserversorgung im Township erfolgt über öffentliche Wasserstellen. Eine Kanalisation gibt es nicht, als spärlicher Ersatz dienen vereinzelte Dixie-Toiletten.

Ein glücklicher Zufall, dass der Mann direkt vor dem Bild eines anderen Mannes sitzt und beide noch die Farbe Weiß tragen. Lange Zeit ziere ich mich, einfach ungefragt auf den Auslöser zu drücken, trete näher und lasse mich von ihm durch seinen Touristenladen führen, in dem er typisch südafrikanische Handwerkskunst an Touristen verkauft.

Wie jeder geschäftstüchtige Kaufmann erklärt er, alle Bilder selbst zu malen, seine Frau fertige hingegen den Schmuck in Form von Armbändern an. Natürlich entspricht das nicht ganz der Wahrheit, dennoch werden die Waren wahrscheinlich im Township hergestellt und helfen den Einwohnern, ein gewisses Einkommen zu generieren.

Natürlich kaufen wir etwas und ich fasse mir ein Herz und frage, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Meine Frage wird mit einem Lächeln bejaht.

Mann in weiß vor einem Laden sitzend, hinter ihm das Bild eines anderen Mannes ganz in weiß.

Traditionelles südafrikanisches Handwerk für Touristen darf auch im Township nicht fehlen. Natürlich kauft es sich hier besser als im Shop an der Waterfront.

Wenige Minuten später taucht eine große Tourgruppe vor meinen Augen auf. Aus der Entfernung feuern sie ungefragt ein partielles Blitzlichtgewitter in meine Richtung ab. Eigentliches Objekt ihrer Begierde ist der hinter mir sitzende Mann. Seinen Shop besucht niemand und es spricht auch niemand mit ihm, alles wird aus sicherer Entfernung betrachtet.

Da ist es wieder: Das Gefühl der Scham, doch zum ersten Mal schäme ich mich heute nicht meiner selbst und damit schließe ich mit dem Gefühl der Scham ab. Mittlerweile sind wir am Ende unserer Tour angekommen und ich bin wehmütig – wie gern würde ich den ganzen Tag in Langa verbringen.

Eine Frai hängt im Freien Wäsche auf eine Leine auf.

Auch wenn die Hostels und die Umgebung verdreckt wirken, auf die Wäsche und das äußere Erscheinungsbild wird viel Wert gelegt, wenn die Einwohner die Straßen des öffentlichen Lebens betreten, wie sich unschwer an der jungen Frau erkennen lässt.

Auf unseren Fahrer wartend erklärt Maria, dass wir im ärmsten Teil von Langa angekommen sind: dem für Zuwanderer reservierten Teil. Notdürftig versuchen die Neuankömmlinge hier direkt neben der Flughafenautobahn und Batterien von Dixie-Toiletten Hütten aus Holz und Blech zu errichten, die ihr zu Hause sind, bis sie vielleicht eine der Hütten weiter im Inneren des Townships beziehen können.

Immerhin gibt es einen Wasser- und Waschplatz, an dem die Frauen gerade ihre Wäsche waschen. Ihre Kinder laufen umher und spielen mit dem, was sie finden. Ich verharre hockend auf dem Sandplatz, unbeachtet von den umherlaufenden Kindern und drücke aus einer Vorahnung auf den Auslöser. Dabei entsteht das Foto der drei kleinen Jungs, mein Lieblingsbild aus Langa.

Dann erscheint auch schon unser Fahrer und ich verlasse Langa mit einem positiven Gefühl, einem Gefühl der Hoffnung. Ich frage mich häufig, wie es wohl den drei kleinen Jungs geht – ich hoffe gut.

Drei Jungs stehen im Sand vor einer Wellblechhütte.

Drei Jungs im ärmsten Teil von Langa. Hier kommen die Neuankömmlinge an und versuchen, sich behelfsmäßig eine Hütte zu bauen in direkter Nachbarschaft zur Flughafenautobahn. Auch im Township sind Zuwanderungsprobleme auf knappem Raum immanent.

Falls Euch Euer Weg auch einmal nach Kapstadt führt und Ihr eine andere Seite der Stadt erleben möchtet: Langa ist definitiv eine Erfahrung wert. Individuell buchen könnt ihr Eure Tour direkt bei Faizal. Unser Fahrer spricht sehr positiv von ihm, er scheint dem Township viel zu geben.

Es handelt sich um einen kleinen Veranstalter, der sich sehr für das Township einsetzt und sicherstellt, dass möglichst viele Einwohner von Eurem Besuch profitieren, vom Fahrer über die Guides bis zu den Autowäschern und vor allem, dass nicht immer dieselben Personen engagiert werden.

Zwei Frauen in einer heruntergekommenen Gasse zwischen Wellblechhütten.

Typische Straßenszene im Township Langa.

Bezüglich einer stimmigen Entwicklung der Fotos habe ich mir viele Gedanken gemacht, einiges ausprobiert und noch mehr verworfen. Der Grundgedanke war relativ schnell klar: Es handelt sich um eine Fotoreportage und dem folgt der Wunsch nach einer einheitlichen und klaren Entwicklung, sodass die Fotos über die Bearbeitung ohne Worte in einem direkten Zusammenhang stehen.

Fotografiert habe ich mit meiner OMD-EM10 und 17-mm-Brennweite (Micro Four Third), sodass von Anfang an ein einheitlicher Bildwinkel (Vollformat ca. 35 mm) vorgegeben war. Eine Perspektive, die dem natürlichen Blickwinkel des Auges sehr nahe kommt und das Gefühl bestärkt, man würde das Geschehen mit den eigenen Augen betrachten.

Eigentlich wollte ich mich auf nur ein Präsentationsformat festlegen, doch diesen Gedanken habe ich in der Nachbearbeitung schnell verworfen und mich auf das Originalformat 4:3, 16:9 und 1:1 beschränkt – ein Kompromiss.

Ein Mann verbrennt Tierhufe.

Nichts wird weggeworfen, die Hufe toter Tiere werden verkohlt, um Haut und Fett abzuziehen, bevor es an die Weiterverarbeitung geht. Das Fett der Tiere dient als weißer Hautschutz vor dem Qualm des Feuers und den Dämpfen.

Vor dem Besuch im Township hatte ich eine Reisereportage in schwarzweiß geplant und als ersten Schritt in der Nachbearbeitung auch so umgesetzt. Das Ergebnis war ernüchternd – bis auf einzelne Bilder kam das Gefühl, wie ich es im Township erlebt habe, vollständig abhanden.

Also fing ich an, mit meinen VSCO-Filtern in Lightroom zu experimentieren, auf der Suche nach einem alten Farbfilm, der mir wieder mein persönliches Langa-Gefühl schenkt. Fündig geworden bin ich dann beim Analogfilter VSCO PX-70.

Auch, wenn die Farbbearbeitung dem einen oder anderen auf den ersten Blick ungewöhnlich und auch vielleicht etwas farbstichig erscheinen mag, so geben die Bilder jetzt mein persönliches Empfinden und meine Gefühle beim Besuch des Townships wieder, Ihr seht also Langa mit meinen Augen.

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18 Kommentare

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  1. Tolle Bilder die mir unter die Haut gehen.
    Ich verfolge kwerfeldein.de bestimmt schon seit einem Jahr oder länger und habe noch nie etwas kommentiert. Vielen Dank für diese tolle Reportage.

    Viele Grüsse

  2. Im Artikel wird m.E. zu wenig die Motivation beschrieben, das Township Langa zu besuchen. Am Anfang freut sich der Autor auf die geführte Tour, am Ende verlässt er Langa voller Hoffnung. Warum es hier eben nicht um einen banalen voyeuristischen „Armutsporno“ geht – diese Chance bleibt weitgehend vertan.
    Ich hätte mir ferner gewünscht, dass der Autor den Text gewissenhafter lektoriert oder redigieren lässt.
    So bleibt insgesamt leider nur der flüchtige Eindruck von Bildern aus Südafrika, die mit einem beliebigen VSCO-Retro-Filter bearbeitet wurden.

      • zwei Beispiele, die mir spontan auffielen:

        Aus meiner Sicht sollte es „leben“ statt „lieben“ heissen: „(…) oftmals ihre Wochenenden in Langa verbringen, denn hier lieben ihre Freunde (…)“.

        „Bewohnung“ kenne ich nicht.

        ;-)

      • @Bewohnung. Duden kennt es nicht.

        und hier sollte statt „gibt“ das Wort „gilt“ stehen: „(…) das Flanieren auf den Straßen des Townships – vielleicht gibt es ja ein paar Jungs zu beeindrucken (…)“

      • Wenn wir strikt nach Duden gehen würden, hätten wir öfter ein Problem. Der Duden mag es nicht kennen, andere Lexika schon. Und auch „gibt“ im zweiten Beispiel stimmt. Man könnte den Satz auch mit „gilt“ bauen, die Bedeutung wäre aber eine etwas andere.

    • Hallo Daniel,

      die Motivation in ein Township zu gehen liegt darin begründet, dass ich an Menschen und Ihrer Heimat interessiert bin. Auf meinen Reisen versuche ich immer die Menschen in Ihrer natürlichen Lebensumgebung zu besuchen, dies kann dann in besiedelten Gebieten wie Kapstadt z.B. auch ein Township wie Langa sein.

    • Hallo,
      es tut mir leid, wenn ich widersprechen muss, aber ist der folgende Satz korrekt?

      „Nach unserer Ankunft im Township werden wir durch das Gemeindezentrum, die Heimat unterschiedlicher NGO-Projekte des Kunsthandwerks, die den Einwohnern Langas die Möglichkeit bieten, Fertigkeiten zu erlernen, mit denen sie in der Lage sind, ein Einkommen im Tourismus zu generieren.“

      In meinen Augen nicht.

      • Hallo Daniel,

        ich stimme Dir vorausschauend zu!

        Es war und ist nicht meine Intention fehlerfreie Artikel zu schreiben, dennoch unbedingt Artikel nach bestem Wissen und Gewissen.

        Es tut mir leid, wenn ich Deinen Anforderungen nicht gerecht werden kann. Es würde mich sehr freuen, wenn Du in Zukunft meine Artikel meidest.

        Vielen herzlichen Dank im Voraus Daniel.

  3. Es gibt ja bei den Landscapern den alten Spruch „zwischen 10 und 3 hat der Fotograf frei“, weil die Fotos, in dieser Zeit gemacht, „unvorteilhaft“ aussehen … aber bei Reportagefotos ist das ja u.U. erwünscht, um die Gegend weniger „schön“, weniger „idyllisch“, weniger „fotogen“ aussehen zu lassen. Der Film Look gibt den Bildern meiner Meinung den Look, als seien die Fotos tagsüber in staubiger und unwirtlicher Gegend aufgenommen worden. Falls das so sein sollte, passt der Look ganz gut zur Reportage.

    „Individuell buchen könnt ihr Eure Tour direkt bei Faizal“ … das sehe ich genau anders: individuelles Reisen und geführte Touren, das ist ein Oxymoron. Individuelles Reisen meint ja gerade den Verzicht auf einen Guide. Ich meine, ein Guide verfälscht die Wahrnehmung, zeigt selektiv Ausschnitte aus SEINER Perspektive, was IHM wichtig ist, oder wovon ER GLAUBT, dass es wichtig sei, während ich allein reisend MEINE EIGENEN Eindrücke gewinne. Ein Ort mit nur 52.400 Menschen ist ja auch überschaubar.

    • Hallo Jürgen,

      Deine Meinung bzgl. des individuellen Reisens teile ich vollkommen.

      Manche Orte lassen sich ohne Guide leider nicht betreten, dazu gehört Langa natürlich nicht. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob ich ohne weitere Kenntnis des Ortes die Besichtigung allein wagen wollte.
      Langa ist immerhin das einzige Township, in denen Touren zu Fuß angeboten werden. Darüber hinaus wurden wir von einer Bewohnerin des Townships durch Langa geführt und der lokale 1. Mannveranstalter übernimmt nur die Organisation, den Rest machen die Townshipbewohner selbst.
      Diese geführten Touren haben also auch einen positiven Charakter, da einige Bewohner des Townships davon ihren Lebensunterhalt bestreiten.

      Schlussendlich kann ein Township wie Langa am Tage mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher besucht werden. Wer noch kein Township besucht hat, dem würde ich einen Alleingang definitiv nicht empfehlen. Darüber hinaus kann es von Land zu Land und Township zu Township auch gefährlich sein dieses allein zu besuchen.
      Da ich dieses Risiko während meines kurzen Kapstadt Aufenthalts nicht abschätzen konnte, habe ich mich bewusst und um leichter mit den Bewohner des Townships in Kontakt treten zu können für einen Townshipbewohner als privaten Guide entschieden.

  4. Noch eine kurze Ergänzung zu Ärzten und Krankenhaus: wir haben schon Mitte der 80er die Townships durch Freiwillige vom Groote Shuur Hospital aus mitüversorgt. Da ging dann 1-2Mal pro Woche ein kleiner Konvoi los, um die notwendigste Hilfe zu leisten.
    Damals war es so, dass alle Kapstädter sich in den outpatient Ambulanzen versorgen lassen konnten. Allerdings konnten und wollten nicht alle in das weiße Kapstadt kommen. Teilweise, weil sie einfach das Geld für die Bahn/Bus nicht hatten, teilweise aber auch, weil sie polizeilich gesucht wurden und sich versteckt hielten. Auch gab es häufig Stich- und Schußverletzungen, was dann wieder nur zu „unschönen Fragen“ geführt hätte.