Der Fotograf und seine Kamera
23. Dezember 2015 Lesezeit: ~ 7 Minuten

Crashkurs Analog Teil 5: Großformat

Großformat lohnt sich. Nicht für den Geldbeutel, sondern für die Augen. Was es dafür braucht und welche Erfahrungen ich bisher gesammelt habe, möchte ich Euch hier, am Beispiel der Graflex Speed Graphic, erzählen. 

Meine Großformatkamera, eine 4×5 Graflex Speed Graphic, habe ich vor fünf Monaten gekauft. Ich bin also sozusagen noch ein Jüngling des großen Formates. Es war der Einstieg in eine andere Art der Fotografie. Während analoges Klein- und Mittelformat aufgrund der Bedienbarkeit noch mit dem digitalen Medium verglichen werden kann, unterscheidet sich das Großformat doch erheblich.

Allein der Film ist so groß, dass man nur ein Foto machen kann. Anschließend muss man einen neuen Planfilm einlegen. Planfilm? Was ist das eigentlich? Ein Planfilm ist ein ungerollter Film, der aus einem Blatt besteht. Ein Blatt, ein Film. 

Es gibt diese Filme in unterschiedlichen Größen zu erwerben, am weitesten verbreitet sind aber Filme im Format 4 × 5 in (10,16 × 12,7 cm), man bekommt allerdings auch noch Filme in einer Größe von 20 x 24 in (50,8 x 60 cm). Darüber hinaus sind bei den Herstellern auch Maßbestellungen machbar.

Meine Lieblingsfilme sind Ilford HP5+, Neopan 100 Acros und Kodak Portra 160 – für gewöhnlich bestelle ich diese bei Fotoimpex.

Ein Großbildnegativ

Foto vom entwickelten Planfilm

Der Planfilm wird in absoluter Dunkelheit in eine Kassette eingelegt. Für Leute, die keine Dunkelkammer besitzen, eignet sich ein Wechselsack* zum Einlegen und Herausholen der Filme. Es ist ratsam, sich für den Anfang ein paar solcher Kassetten anzuschaffen, da man während des Fotografierens ja nicht ständig einen neuen Planfilm (in der Dunkelkammer oder dem Wechselsack) einlegen will.

Diese Kassetten haben Platz für zwei Filme, man sollte sich deshalb ein System ausdenken, mit dem man nachvollziehen kann, welcher Film bereits belichtet wurde. Kassetten würde ich über Ebay kaufen, da gibt es eine große Auswahl an Planfilmkassetten. 

eine Planfilmkassette

Planfilmkassette

Zur Überwachung der Komposition und zur Schärfekontrolle gibt es eine Einstellscheibe bzw. Mattscheibe. Diese hat die Funktion einer Projektionsfläche und besteht aus Glas oder Kunststoff. Es gibt dabei immer eine glatte und eine angeraute Seite, wobei die angeraute Seite vom Fotografen angeschaut wird. 

Durch das Objektiv wird ein spiegelverkehrtes Bild auf die Mattscheibe geworfen. Anhand dieses Bildes fokussiert und komponiert man das spätere Foto.

Die matte Fläche liegt optisch auf der gleichen Ebene wie der einzulegende Planfilm. Die Filmkassette wird dazu vor die Mattscheibe geschoben, sie nimmt den ursprünglichen Platz der Mattscheibe ein. Die Mattscheibe wird dabei aber nicht von der Kamera entfernt, sondern dient als eine Art Klemme, um die Kassette festzuhalten.

ein umgekehrtes Bild zeigt die Mattscheibe

Mattscheibe

die Kassette an der Großbildkamera

Einlegen der Kassette

Großformatkameras besitzen oft einen Balgen. Dieser dient zur Fokussierung des Motivs. Entspricht der Abstand zwischen Frontstandarte (Objektiv) und Bildstandarte (Mattscheibe) der Brennweite des Objektivs, ist die Fokussierung auf unendlich eingestellt. Je näher das Motiv, desto weiter muss der Abstand zwischen den Standarten gewählt werden. 

Der Balgen der Großbildkamera

Vor der Aufnahme des Fotos muss noch die Belichtung gemessen oder bestimmt werden. Im Idealfall benutzt man dafür einen Belichtungsmesser*, es gibt auch ein paar Apps für das Smartphone, die helfen können. Sehr geübte Fotografen können die Belichtungszeit auch ganz gut abschätzen. Die Belichtung ist dabei abhängig von der ISO-Empfindlichkeit des Films und der Blendenöffnung, aber das dürfte bereits bekannt sein.

Nachdem also die Schärfe auf der Mattscheibe eingestellt wurde, heißt es nun, die Kassette einzulegen und die Belichtungszeit auszuwählen. Erst nachdem man die Belichtungszeit an der Kamera eingestellt hat, kann der Belichtungsschutz der Kassette entfernt werden, da nun der Planfilm durch einen Vorhang vor ungewollter Belichtung geschützt wird. 

Der Belichtungsschutz der Kassette ist eine einfache Einschubeinheit, die die komplette Fläche des Filmes abdeckt und so vor ungewollter Belichtung schützt.

Auf dem folgenden Foto ist der Belichtungsschlitz des Vorhangs zu sehen. Dieser fährt nach dem Auslösen einmal über die Belichtungsfläche und ermöglicht so die Belichtung des Planfilms. Je nach gewählter Belichtungszeit ist der Schlitz größer oder kleiner.

Belichtungsschlitz des Vorhanges

Nach dem Auslösen muss der Belichtungsschutz wieder eingeschoben werden. Die Entwicklung erfolgt dann ähnlich wie bei anderen Filmen in einer Entwicklerdose, beispielsweise dem Tanksystem Jobo 2500 für Planfilme.

Neben dem Film gibt es natürlich noch ein anderen wichtigen Punkt, der die Fotos beeinflusst: Das Objektiv. Hier gibt es eine sehr große Auswahl und es gibt auch viele Fotografen, die die Linsen aus anderen Verwendungszwecken, wie z.B. Vergrößerungslinsen, adaptieren. 

Ich verwende ein Aero-Ektar-Objektiv mit einer Brennweite von 178 mm und einer maximalen Blendenzahl von f/2.5. Das ist für eine Großformatkamera sehr lichtstark und hat eine schöne Wirkung bei Portraits. Der Bildausschnitt bei einer Brennweite von 178 mm entspricht dabei ungefähr dem Bildausschnitt eines 50-mm-Objektivs an einer Vollformatkamera.

Eine Frau hält eine zweiäugige Kamera in den Händen.

Brennweite, Belichtungsfläche und Bildausschnitt stehen in einem Verhältnis zueinander. Das ist der Grund, warum sich die Brennweiten bei Vergrößerung der Belichtungsfläche verlängern, wenn der Bildausschnitt der gleiche bleiben soll.

Geringe Blendenzahlen können bei der Großformatfotografie unter richtigen Umständen eine dreidimensionale Bildwirkung hervorrufen. Das hängt mit der großen Belichtungsfläche, der Entfernung zum Motiv und dem Schärfe- und Unschärfeverlauf zusammen. 

Eine fängt lehnt an einem Holzgeländer.

Bei der Graflex Speed Graphic hat man auch die Möglichkeit, die Tilt-Funktion zu nutzen. Dabei wird das Objektiv geschwenkt und der Schärfebereich auf der Belichtungsfläche verändert sich. Das kann ein interessantes Gestaltungsmittel sein. Der sich daraus ergebende Effekt wurde in der Vergangenheit oft softwareunterstützt nachgeahmt, Stichwort Miniatureneffekt. 

Eine Frau lehnt an einem Baum.

Miniatureneffekt

Warum fotografiere ich eigentlich mit dem Großformat und warum denke ich, dass es noch sehr lange so bleiben wird? Ich sehe das ganz pragmatisch: Meine Fotos werden besser und ich lerne mehr über die Fotografie. 

Erst im Januar habe ich begonnen, analog zu fotografieren und heute bin ich sehr froh, dass ich mit der Großformatfotografie und der Filmentwicklung angefangen habe. Es gibt eine ganze Reihe Fotos, die dieses Jahr entstanden sind und die ich sehr mag. Hätte ich nach wie vor digital fotografiert – diese Fotos wären nie entstanden.  

Was würde ich interessierten Personen nun raten? Du kannst das auch! Keine Angst. Einfach anfangen.  

Hier gibt es Teil 1, Teil2, Teil 3 und Teil 4 des Crashkurs Analog.

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19 Kommentare

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  1. Ein sehr interessanter und inspirierender Artikel, der mich darin bestärkt mich wieder mehr mit der analogen Fotografie und dabei dann auch mit dem Großformat zu beschäftigen. Danke hierfür!

  2. Die böse Falle “Auszugsverlängerung” fehlt mir da.
    Kannste berechnen: Auszug^2 / Brennweite^2

    Wer da keinen Bock drauf hat, kann auch in Blenden denken. Beispielhaft mit 160mm gerechnet, damit es nicht nervig wird.

    160mm Brennweite mit 1:1 Auszug. Belichtung wie gemessen.

    Gedanklicher Blendenwert f160. Blöd zum rechnen, deswegen durch 10 teilen. Blendenwert im Kopf f16.

    Extremfall doppelter Auszug: 320mm. Durch 10 geteilt = f32.

    Huch! Ich brauch eine Korrektur von zwei Blenden, also die vierfache Zeit(Gemessen z.b. 1/250, Belichtet wird mit 1/60).

    Kannste für jede Brennweite so machen und runden reicht für den Hausgebrauch.

      • Ich versuchs mal ;)

        1:1 Auszug = Unendlich (wie oben im Text beschrieben: 178mm bei dem Ektar). Du misst die Belichtung und bist fertig

        Du willst näher ran, aber so richtig. Doppelter Auszug (356mm) . Zwei Blenden Korrektur nötig. Entweder Blende aufmachen oder halt Zeit entsprechend anpassen.

        Hälfte(267mm) Etwas mehr als 1 Blende Korrektur (1 1/3 wenn ich mich nicht täusche).

        Jeweils Irgendwas dazwischen. Pi x Daumen ausgehend von den beiden Beispielen Wer es genauer braucht und sich um halbe Blenden oder Drittelblenden kümmert, der muss halt rechnen (und schraubt sich am besten ein Zettellineal zusammen, welches er an den Auszug klebt).

  3. Ich habe in diesem Jahr mit dem analogen Mittelformat begonnen, und werde im kommenden Jahr fast ausschließlich analog fotografieren und selbst entwickeln. Ich mag die entschleunigte Art die eine andere Herangehensweise an das Motiv erfordert. Ich hab auch noch eine alte , kleine, wacklige Großformatkamera aus Holz die darauf wartet benutzt zu werden. Ein paar Ambrotypien habe ich – dank der Unterstützung von Gebäude1 – dieses Jahr bereits damit gemacht. Vielleicht versuche ich im kommenden Jahr auch mal Planfilm zu belichten. Es gibt noch viel zu entdecken :-)

    vg Carsten

    • wenn die Kamera richtig aufgebaut ist, gibt es in der Bildstandarte eine Mattscheibe und darauf eine dem Fotografenauge zugewandte Fresnellinse (meist Plast). Deren Gravierung dient dazu, dass die Randabschattung zu mildern. Diese Linsen gibts immer mal wieder zu kaufen und sind ne große Hilfe um auch in den Randzonen des Großformates noch Schärfe zu kontrollieren. Aufsichtslupen zur Schärfekontrolle sind wichtig, leider teuer.

  4. Über Großformatfotografie habe ich schon ein ziemlich oft nachgedacht, das befällt mich so etwa ein- bis zweimal im Jahr.

    Bisher hat die Faulheit immer gesiegt. Mal sehen, ob das diesmal anders wird. Vielen Dank für den Artikel.

  5. Herrlich, ich gratuliere zum Aufwand, den Sie nicht scheuen und wünsche Ihnen entsprechenden Erfolg ! Hat schon fast was Philosophisches, diese Fotografie, nicht ? Danke jedenfalls für Ihre Betrachtungen.

  6. Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt , das analoge Mittelformat zu testen. Nur leider sind die Negativscanner in akzeptabler Qualität ein wenig zu teuer, um mal mit der Analog-Technik zu experimentieren. Eine gute, gebrauchte Mamya RZ67 kostet ja auch noch ein paar Scheinchen. Aber reizvoll ist es dennoch, einmal wegen der Anmutung der Aufnahmen und natürlich wegen der viel bewussteren Herangehensweise.

  7. Hallo !
    Ich spiele auch schon länger mit dem Gedanken an Großformat.Was mich bisher immer abgehalten hat ist die Entwicklung.Ich habe weder die Räumlichkeiten(Dunkelkammer) noch Erfahrung damit,so das ich den Planfilm entwickeln lassen müßte und Abzüge.

  8. freu mich über den Enthusiasten! Weitermachen.
    Tip vom Profi: Jede Kassette hat am Schieber oben ne schwarze und ne weiße Kante. Weiß= unbelichtet, nach dem Belichten Schieber umdrehen= schwarz.
    Kassetten nummerieren, im Dunkel-Labor kleine Zahlen auf den Rand des Negativs schreiben-
    Seite eins entwickeln (oder lassen). Anschauen und Seite zwei korrigiert entwickeln. Das spart den teuren Film. Wichtig: der schon erwähnte Verlängerungsrechner bei Nahaufnahmen!!!
    Guter Belichtungsmesser ist nötig.
    Wechselsack ist manchmal schwierig wegen Staub auf den eingelegten Negativen. Immer gut verpacken und evt. Anti-Statik-Spray verwenden.