Eine Person mit drei Armen löst sich iin Nebel auf.
17. Dezember 2015

Der menschliche Wahnsinn

Ich drücke mich seit meiner Kindheit durch künstlerisches Schaffen aus. Zuerst habe ich angefangen zu zeichnen, das Fotografieren kam später dazu. Zeichnen ist für mich der einfachste Weg, etwas zu erschaffen und ich fühle mich komplett frei, wenn ich zeichne.

Ich meine, alles kommt dabei aus meinem Kopf, vor mir liegen nur dieses weiße Papier und der Stift und meine Gedanken werden auf dem Blatt als Zeichnung real. Für ein Foto brauche ich mehr Werkzeuge und das schränkt einen natürlich auch ein. Aber alles hat bei mir eine direkte Verbindung, denn es ist für mich der einzige Weg, mich selbst zu reflektieren und anderen meine Sichtweise auf das Leben zu zeigen.

Ich bin am menschlichen Gehirn interessiert, vor allem an seiner gruseligen und bösen Seite. Für mich sind Menschen Organismen mit einem sehr sensiblen Verstand, in den sich auch Krankheiten einnisten können, all diese verborgenen Dinge. Der menschliche Verstand ist gefährlich. Wir sind alle dazu verdammt, auch unseren Wahnsinn auszuleben. Du kannst sehen, dass Menschen vor allem in Zeiten des Friedens gut damit umgehen können, selbst wenn sie ein gespaltenes Verhältnis dazu haben. Meine Arbeit zeigt Interpretationen dieser Subjekte.

Die Figuren in meinen Arbeiten sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie ihre Krankheiten ausleben. Ich zeige, wie sie sich selbst sehen und wer sie denken, wer sie sind. In der Serie „Mania“ sind Menschen von etwas Seltsamem besessen und leben es innerhalb ihrer Köpfe aus. Ihre Körper haben nicht nur merkwürdige Deformationen, sie haben auch multiple Persönlichkeiten und verschiedene Zustände innerhalb einer Person. (Denkt nur an die vierarmige Frau und ihre extreme Einsamkeit und Lieblosigkeit. Sie umarmt sich selbst mit vier Armen – vier Arme, um Zärtlichkeit zu empfangen. Einfach, weil sie es braucht.)

Diese Figuren sind nicht unmenschlich, sondern ihr Menschsein ist ihnen einfach nicht genug. Sie überschreiten es. Wie in einer Explosion befreien sie sich von ihren Einschnürungen. Katharsis. Und zurück bleiben schwarze, neblige Reste. In verschiedensten Formen, ganz ungeheuerlich. Ihr Verstand lässt all dies passieren. Das ist dämonisch. Ich finde den menschlichen Verstand extrem spannend und fühle mich von allen Sonderlichkeiten angezogen, die unser Gehirn produzieren kann, sowohl emotionalen wie auch verhaltenstechnischen.

Eine Frau mit vier Händen schlingt diese um ihren Kopf.

Eine Frau mit drei Händen und gestrecktem Oberkörper sitzt auf einem Bett.

Eine nackte Frau mit vier Armen umarmt sich selber.

Vier Körper winden sich ineinander.

Bleistift-Zeichnung einer langgezogenen Rückenansicht.

Eine nackte Frau mit vier Amen steht an der Wand und löst sich in Rauch auf.

Eine nackte Frau mit vier Armen sitzt auf einem Bett, ihr Kopf ist schwarzer Rauch.

Eine Frau steht vor einer Wand, ihr Kopf löst sich in schwarzen Nebel auf.

Eine nackte Frau mit vier Armen sitzt auf einem Bett, ihr Kopf ist ein schwarzes Loch.

Ein nackter Körper liegt im Dunklen.

Zwei nackte Rückenansichten verschmelzen zu einem Körper.

Eine nackte Frau sitzt gebückt, ihr Haar fällt nach vorne.

Zeichnung einer nackten Rückenansicht.

Zeichnung einer Frau mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf.

Eine nackte Frau verschwimmt an der Wand hinter ihr.

Natürlich ist es möglich, ein Foto ohne weitere Nachbearbeitung zu machen und vielleicht ist es auch manchmal besser, wenig nachträglich an einem Bild zu machen, weil es vielleicht so gedacht ist, wie es aus der Kamera kommt. Aber ich für meinen Teil bearbeite eigentlich ziemlich viel nachträglich und benutze so gut wie nie das ursprüngliche Foto.

Ich sehe mich auch selbst gar nicht als Fotografin, im Gegenteil, ich lehne das sogar ab! Ich benutze Programme wie Photoshop 7.0 und manchmal auch ganz traditionelle Bearbeitungsweisen oder verschiedene Medien. Beispielsweise mag ich es, Fotos mit Tinte zu beträufeln, sie zu zerreißen und zu Collagen neu zusammenzusetzen. Das ist meine Art und Weise, Fotos zu manipulieren.

Das ist auch ein Grund, warum ich mich gar nicht als Fotografin sehe: Ich verändere oder zerstöre ja das Wesen der Fotos. Sie haben zwar immer noch eine fotografische Seite, aber nicht im klassischen Sinne, mehr als Kunstobjekt. All diese Manipulationen mache ich sowohl in der Fotografie als auch in der Zeichnung, denn das ist genau mein Weg, mich auszudrücken.

Und eine Kamera ist nur eine Maschine, quasi ein Werkzeug, das mir das Bild liefert, mit dem ich dann weiterarbeite. Darum brauche ich auch nicht gerade das beste technische Equipment. Ich benutze einfache Wege, ein Foto zu erstellen – digital, analog, auch Handykameras. Alles ist mir recht, ich probiere es mit allem aus.

Ich interessiere mich gar nicht für saubere, perfekte oder bunte Fotos. So etwas will ich auch nicht erschaffen, wie eine professionelle Fotografin es vielleicht würde. Eigentlich geht es nicht ums Fotografieren, es geht ums Erschaffen. Und das kann man auf vielen Wegen. Durch Verzerrung, Deformationen oder Brüche, ganz wie der Wahnsinn in unserem Verstand. So entstehen starke Bilder, Ausbrüche, morbide, schmerzhafte und traurige Dinge.

Dieser Artikel wurde für Euch von Anne Henning aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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4 Kommentare

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  1. Großartige Arbeiten! Zum Teil recht makaber und skurril, aber alles gut umgesetzt und irgendwie auch nicht zu gruselig, eher … die richtige Portion Düsterkeit. Ich finde diesen Bezug von Zeichnungen auf Fotografien und umgekehrt total schön, das ergänzt sich ganz toll zu einem Gesamtwerk. Gabs da nicht mal einen Artikel zu über genau diese Verbindung von Foto und Zeichnung?

  2. hello!
    die kamera nicht als instrument zur schaffung dokumentierter wirklichkeit,
    sondern als werkzeug für konzeptionelle zugänge zu wirklichkeiten,
    die erst aus der lebenswelt entnommen werden……
    ……ist auch mein zugang zur lichtbildnerei.
    eine lesenswerte story voller interessanter denk- und handlungsimpulse.
    servus,
    werner aus der hochsteiermark

  3. Allein schon die Tatsache, dass hier jemand offen sagt, Photoshop und ähnliches zu nutzen, ist bemerkenswert. Natürlich, das unterscheidet Fotografie als Kunst vom bloßen Abbilden. Die allermeisten Fotos bilden lediglich ab und sind daher nur schwer mit meinem persönlichen Begriff von „Kunst“ vereinbar. Hier ist das anders. Wobei der Einsatz von Bildbearbeitung allein natürlich auch noch kein Merkmal künstlerischen Schaffens ist.

    Diese Herangehensweise jedenfalls macht diesen ganzen Megapixel- und Equipmentblödsinn so überflüssig, von dem eine ganze Industrie lebt. Ich mag dieses Herumgeknipse (ich zähle auch 99% der sogenannten „Street-Fotografie dazu“ nicht mehr sehen, um so interessanter finde ich Arbeiten wie diese.