Häuser an einem bewaldeten Hang in tief hängenden Wolken.
11. Oktober 2014

Schwarze Jahreszeiten

Ich weiß nicht, wann diese Serie ernsthaft begann, aber wahrscheinlich nicht mit dem ersten Foto. Ich denke, dass all das viel weiter zurückreicht, sogar über meine eigene Erinnerung hinaus. Da sind Bilder, die sich drängeln: In einen langen schwarzen Umhang gehüllt, geht ein Priester durch den Schnee im Herzen eines Waldes in der Aubrac, auf seiner Schulter eine Kamera.

Kinder, die Wiesen herunterlaufen. Ein Stück Holz, auf das einige Insekten gepinnt sind. Ein Schwan, der in einem Weier auftaucht und ein fallender Schubkasten. Diese Schublade kam aus einem kleinen Bett-Beistelltischchen, das ich zum wiederholten Male verrückt hatte und das nun, im Dezember 2013, freigab, was es verbarg:

Eine Rechnung und ein Rezept, beide von 1947, Baumwolle, ein Foto und eine Schachtel, in der dünne Papierchen lagen, ähnlich wie die, mit denen man Zigaretten rollt, aber diese hier wurden benutzt, um die Linsen zu säubern.

Dieser Beistelltisch gehörte meiner Großmutter, die 2008 gestorben war und ist Teil der Mobiliars, für das ich so etwas wie Zärtlichkeit verspüre und die miteinander verbunden sind. In denen hatte meine Großmutter nun unabsichtlich diese Dinge in einem doppelten Boden hinterlassen.

Was mich am Ende an dieser Entdeckung aber am meisten beunruhigte, waren weniger die Gegenstände und das Foto, das sie so jung zeigt, sondern dieser kostbare Schatz, der dort all die Jahre verborgen war, in zarter Gefangenschaft: Ihr Geruch.

Der Baumwollstoff roch nach ihr.

Ich barg all das mit der seltsamen Faszination, etwas Heiliges zu entweihen, um die Dinge ihrer Tochter, also meiner Mutter, zu zeigen und anschließend alles wieder im doppelten Boden unter der Schublade, fast unerreichbar, zu verstauen. Dort verbleibt der Geruch meiner Großmutter. Ich weiß nicht, wer all das finden wird – wer und wann?

Herbstliche Bäume.

Bäume und ein bemooster Zaun im Nebel.

Hofeinfahrt zu Häusern aus Backsteinen.

Blick über eine verschneite Kleinstadt.

Blick in eine leere Gasse, an deren Ende rotes Licht scheint.

Eine Gruppe Nadelbäume, die auf einem verschneiten Feld im Nebel verschwinden.

Fassade eines Restaurants in trostlosem Licht.

Blick über verschneite Felder in einem Tal.

Morgendliches Licht fällt in eine leere Straße.

Straße mit herbstlicher Flora und Raureif.

Dunkler Waldrand an einer verschneiten Wiese.

Schneewehen an Häuserwänden.

Stuhlreihen in einer Kirche.

Schneewehen an Häuserwänden.

Auf einem Stuhl vor einer Wand mit Geweihen liegt ein Küchentuch.

Herbstliche Bäume.

Ein abgeerntetes Maisfeld im Morgenlicht.

Herbstlandschaft im Nebel.

Tal einer Flussbiegung in diesigem Wetter.

Hausecke mit Madonnenstatue im Nebel.

Mit Decken abgedeckte Dinge, darüber an der Wand der Kopf eines Wildschweins.

Meine schwarzen Jahreszeiten waren die der Kindheit, Jahreszeiten stürzten in die Dunkelheit, wo die Zeit Jahr um Jahr immer etwas weiter begraben werden. Das Land, das ich fotografiert habe, liegt in Frankreich, wo ich aufgewachsen bin und diese Landschaften sind ähnlich wie mein Beistelltischen, sie verstecken meine Erinnerungen mit all ihren Gerüchen, Geschmäckern und Sensationen, die ich erleben durfte.

Wie überschreitet man das Gebiet der Kindheit, wenn es aussieht als würde es einen umzingeln? In meiner Erinnerung ist es eingezäunt von einigen Hügeln, Wiesen, Wald und einem Dorf als Spielplätze. Und das waren wir: Die Kinder des Landes, der Landschaft.

Ich hatte das Glück, in einem geschützten Umfeld aufzuwachsen, wir waren ein paar Freunde, Tiere in ihrem Territorium. Junge Hunde, die ins Gras pinkeln, um ihr Gebiet zu markieren. Wir hatten unsere Hütten, versteckten Plätze und Geheimnisse. Dieses Kind schrieb dann meine Beziehung zum Raum und an diese Plätze zurückzukehren, ist, wie ein Kind zu sein, ewig, Teil der Erde.

Meine schwarzen Jahreszeiten sind Felder, Bauern, die Dunkelheit einer Kirche, die Stille des Waldes, wütende Striche und das Brüllen der Rinder, das unaufhaltsame Entrinnen der Zeit zwischen meinen Fingern.

Dieser Artikel wurde für Euch von Aileen Wessely aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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