05. September 2014 Lesezeit: ~11 Minuten

Reiseführer durch die Welt von Hipstamatic

Hipstamatic ist eine App für das iPhone, die sich stark an die analoge Fotografie anlehnt, mit mehreren Filmen und Linsen, die frei miteinander kombiniert werden können. Wie einige andere Apps kann man mit Hipstamatic nur fotografieren, aber keine vorhandenen Bilder nachbearbeiten.

Die Webseite Hipstography.com präsentiert Anwender, Film-Linse-Kombinationen und Tutorials, um die Bandbreite der Möglichkeiten dieser App aufzuzeigen. Ich sprach mit Eric Rozen, dem Gründer und Herausgeber von Hipstography, um mehr über das Phänomen Hipstamatic zu erfahren.

2010 tauchte eine kleine Kamera-App im schon damals dicht bevölkerten Fotografie-Segment des AppStores auf. Hipstamatic nannte sich die App und das Versprechen lautete: Digitale Fotografie sah noch nie so analog aus. Tatsächlich arbeitet Hipstamatic ähnlich wie eine echte analoge Kamera: Man wählt einen Film, dazu eine Linse, gegebenenfalls noch einen Aufsteckblitz und drückt ab. Das Bild wird entwickelt – glücklicherweise in wenigen Sekunden – und schon sieht man den immer quadratischen Abzug. Und dieser wird nie genau so aussehen, wie man es erwartet hat.

Ein Mann auf der Straße hält seinen Arm vor das Gesicht.

Heute gibt es Tausende von möglichen Linse-Film-Kombinationen, jeden Monat veröffentlicht das Unternehmen Hipstamatic eine neue Kombination, aber das elementare Prinzip ist gleich geblieben: Nach dem Auslösen kann man das Bild in der App nicht mehr verändern.

2013 jedoch erschien Oggl und damit kam die Möglichkeit, nachträglich Film und Linse eines bereits vorhandenen Bilds zu verändern und Oggl wurde auch für Windows Phone verfügbar. Oggl ist für eine neue Generation jüngerer Fotografen attraktiv, die die Freiheit, Bilder nachträglich zu verändern, sehr schätzen. Echte Hipstamatic-Anhänger bleiben der erprobten klassischen App jedoch weiter treu.

Eine Blume Ein kleiner Zweig mit Beere

Als Eric Rozen vor einigen Jahren Hipstamatic für sich entdeckte, wollte er keine andere Kamera mehr nutzen. Die ersten Schritte waren jedoch mühsam. Wie viele andere kämpfte auch er mit den Schrulligkeiten dieser App wie dem winzigen Sucher oder dem nur schwer einschätzbaren Verhalten mancher Filme oder Blitze.

Hipstamatic war langsam, es stürzte oft ab und riss zumindest das letzte geschossene Bild mit in den Orkus. Neue Filme und Linsen kosten bis heute meist extra, was viele als Geldschneiderei empfinden. Wer alle Filme und Linsen sein Eigen nennt, hat schnell über 20 € in die App investiert. Für jeden Fan gibt es einen Kritiker, der die Anwendung oder das Geschäftsmodell der Entwickler ablehnt.

Welche Linse-Film-Combo unter welcher Umgebungssituation funktioniert, ist eine andere Herausforderung. Eine wirklich erschöpfende Quelle zu dieser und anderen Fragestellungen rund um Hipstamatic gab es 2012 nicht und so entschloss sich Eric Rozen, hier mit einer eigenen Webseite Abhilfe zu schaffen. Ende 2012 ging Hipstography, wie er die Seite nannte, online. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit Eric über Hipstamatic, Hipstography und alles rund um seine Seite zu unterhalten.

Verschiedenfarbige Blätter.

Warum Hipstamatic? Viele halten die quadratischen Bildchen, die man mit Hipstamatic schießen kann, eher für Spielzeug-Bilder. Was ist für Dich das Besondere an daran?

Zuerst einmal ist Hipstamatic so ähnlich zum Fotografieren mit Film. Es gibt so viele Beschränkungen in der analogen Fotografie, an die wir gar nicht mehr denken, wenn wir moderne Digitalkameras nutzen und wenn ich mit Hipstamatic fotografiere, dann muss ich mich nur auf das Bild konzentrieren, die richtige Komposition, es gibt keinen Zoom, keine selektive Einstellung von Fokus und Belichtung, keinen echten Autofokus, nur den Sucher, die Linse und den Film.

Im Gegensatz zu digitalen Bildern haben Hipstamatic-Bilder von vornherein Charakter, sie transportieren eine intensive Stimmung, wenn man die zum Thema passende Combo wählt. Manchmal sind die Ergebnisse sehr überraschend, selten jedoch langweilig.

Ein Glas mit Knoblauch.Ein Glas mit Zitronen.

Zuletzt hat Hipstamatic Oggl eingeführt. Ist das der Anfang vom Ende für die klassische Hipstamatic-App?

Absolut nicht. Einerseits führt Oggl eine Reihe jüngerer Menschen an Hipstamatic heran, die Oggl wie eine Bildbearbeitungssoftware einsetzen. Man kann Oggl kreativ nutzen, keine Frage, aber Dinge wie die verschiedenen Blitze oder die Möglichkeit der Mehrfachbelichtung fehlen zumindest derzeit noch.

Natürlich ist es mit Oggl sehr einfach, Bilder gleichzeitig in mehreren sozialen Netzwerken zu posten. Ich selbst nutze Oggl manchmal, um verschiedene Combos auszuprobieren, um zu sehen, wie sie sich auf verschiedene Bilder auswirken. Aber wenn ich ernsthaft fotografiere, dann nutze ich immer die klassische Hipstamatic-App.

Ein Mann mit Sonnenbrille und roter Krawatte.

Vor Hipstography gab es ja schon die eine oder andere Webseite, die sich mit Hipstamatic beschäftigte, eine zeigte sogar alle möglichen Kombinationen von Linsen und Filmen, angewendet auf dasselbe Bild. Was ist Dein Ansatz, was war Deine Grundidee, Hipstography zu starten?

In erster Linie ist Hipstography mein ganz persönliches Projekt, von mir aus kann man es Hobby nennen. Es gibt keine Anzeigen, ich finanziere die Arbeitszeit und den Webserver aus eigener Tasche. Als ich anfing, mit Hipstamatic zu fotografieren, gab es nicht wirklich viele Informationen über die App und man musste sich alles im Internet zusammensuchen. Mit Hipstography versuche ich, die verschiedenen Besonderheiten der App zu erklären, wie die Blitze, Mehrfachbelichtungen, das Arbeiten bei wenig Licht usw.

Ich möchte zudem die Vielfalt der verschiedenen Combos darstellen. Ich versuche immer wieder, die Fotografen dazu zu bringen, Serien zu präsentieren, die mit einer einzigen Combo fotografiert wurden, um zu zeigen, wo diese Combo glänzen kann. Herausragende Fotografen mit ihren Portfolios zu präsentieren, ist mir ein weiteres Anliegen. Außerdem ist es immer wieder spannend, mit all diesen kreativen, talentierten Menschen in Kontakt zu kommen, sei es über das Internet oder auch persönlich auf einer meiner Reisen.

Auf Hipstography gibt es Seiten mit dem Foto des Tages, der Woche und des Monats, jeden Tag wird so die Vielfalt von Hipstamatic aufs Neue bewiesen. Ende 2013 rief ich dann die Hipstography Awards ins Leben. Bei diesem Wettbewerb werden die besten Portfolios, die besten Combos des vergangenen Jahrs, die beliebteste Linse, der beliebteste Film und die besten Einzelbilder prämiert. Eine Reihe bekannter Fotografen bildete die Jury und wir fanden herausragende Gewinner. Ende 2014 wird es daher die zweite Auflage der Awards geben.

Ein Mann fotografiert eine im Sand liegende Frau.Ein Mädchen springt ins Meer.

Du betonst, dass Hipstography zur Gänze Dein persönliches Projekt ist. Wie viel Zeit und Energie steckt man in den Aufbau so einer Seite? Als Außenstehender sieht das ja immer ganz reibungslos aus, läuft das denn immer so einfach nebenher?

Glücklicherweise erlaubt mir mein Beruf als Yoga- und Tanzlehrer, den Tag mit Hipstography zu verbringen, da ich erst in den Abendstunden unterrichte. Normalerweise investiere ich täglich acht bis zehn Stunden in Hipstography. Die Suche nach interessanten Bildern, die Kommunikation mit Fotografen, das Schreiben von Artikeln und natürlich das Administrieren der Seite selbst, die zudem noch zweisprachig ist, all das ist schon eine Herausforderung.

Bis auf einige Übersetzungen erledige ich das alles alleine, aber gerade die Zweisprachigkeit ist immer eine Herausforderung, auch technisch. Jeden Tag ein interessantes Bild zu bringen, eine Combo, dazu immer wieder die Portfolios ist schon eine Menge Arbeit und das funktioniert nur, weil ich wirklich liebe, was ich mache, ansonsten wäre die Doppelbelastung nicht auszuhalten.

Doppelbelichtung: ein Strommast und ein Mann.

Wo siehst Du, gerade unter diesem Aspekt, Hipstography denn in zwei bis drei Jahren? Gibt es Pläne, die Seite auf breitere Beine zu stellen?

Eventuell gibt es noch eine weitere Kategorie, noch nichts Spruchreifes, aber ich will noch mehr Inhalte bereitstellen. Nach wie vor möchte ich außerdem ohne Anzeigen auskommen, da diese einfach zu sehr vom Inhalt ablenken. Bezahlte Artikel kommen für mich auch nicht in Frage, auch weiterhin möchte ich möglichst unabhängig bleiben. Vielleicht finden sich jedoch Sponsoren, die die Seite auf wöchentlicher Basis unterstützen wollen.

Löffel und Messer mit Johannesbeeren. Zwei Tomaten zwischen einer Gabel.

Du fotografierst selbst intensiv und hast auch schon eigene Combos vorgestellt. Wie läuft die Auswahl Deiner eigenen Combos ab? Hast Du so viel Erfahrung, dass eine neue Combo auf Anhieb funktioniert oder gibt es da Rückschläge? Gab es jemals den Moment, in dem Du dachtest, Du kommst in Hipstamatic oder beim Fotografieren allgemein nicht mehr weiter?

Eigene Combos habe ich bisher nur selten vorgestellt. Normalerweise präsentiere ich andere Fotografen, wenn ich also eine eigene Combo vorstelle, muss sie entsprechend gleichwertig sein. Um eine neue Combo zu finden, gehe ich auf Reisen so vor: Kürzlich war ich in New York und nach der Ankunft habe ich 20 bis 30 verschiedene Combos probiert, um ein Gefühl für den Ort zu bekommen.

Ich sehe mir die Bilder dann auf einem größeren Display an, weil die Bildqualität dort einfach besser beurteilt werden kann. Bilder müssen für mich im Druck oder eben auf großen Displays gut aussehen. Ich halte das für ziemlich wesentlich und ich werde das in einem eigenen Artikel noch weiter vertiefen. Wenn ich auf dem Weg keine neue Combo finde, die gut passt, dann habe ich immer ein paar Combos, von denen ich weiß, dass sie in der jeweiligen Situation, z.B. auf der Straße, einfach passen.

So richtig in einem Tief habe ich mich daher noch nie befunden, es gibt immer meine bevorzugten Combos, mit denen ich zufrieden bin. Aber natürlich beginnt die Herausforderung mit dem Experimentieren, speziell, wenn man dann noch die Blitze dazunimmt.

Ein Junge mit Hut sieht in die Kamera

Gibt es denn, abgesehen von Hipstamatic, andere fotografische Projekte, die Du gern angehen würdest? Wie sieht es mit Fotografie auf Film aus?

Es ist tatsächlich so, dass ich, seit ich mit Hipstamatic fotografiere, keine andere Kamera mehr angerührt habe. Mit der Menge an möglichen Kombinationen fühle ich mich eigentlich mehr als gerüstet, um alles zu fotografieren, was mir begegnet. In absehbarer Zeit bleibt Hipstamatic meine einzige Kamera.

Wenn sich jemand mit Hipstamatic auseinandersetzen möchte, welche Tipps hast Du da auf Lager?

Es ist eigentlich immer das Gleiche: Mach Bilder. So viele, wie Du kannst. Probiere verschiedene Combos aus. Neben den kostenpflichtigen Paks gibt es manchmal auch kostenlose Paks, mit denen man auch ohne extra Kosten mehr Vielfalt bekommt. Schau Dir an, was andere Fotografen als Combo nutzen. Nutze Hipstography als Ausgangspunkt, schau in den diversen sozialen Foto-Netzwerken und finde Deinen eigenen Stil.

Wie können interessierte Fotografen ihre Bilder bei Hipstography ausstellen?

Wenn jemand eine Menge interessanter Bilder hat oder auch nur ein einzelnes interessantes Bild, dann kann er sich über meine Kontakt-Seite mit mir in Verbindung setzen. Besonders gern zeige ich Combos, die ich noch nicht vorgestellt habe, weiterhin Portfolios von Fotografen, die durchgängig sind, idealerweise benötige ich um die 30 Bilder, aus denen ich dann etwa 20 auswähle. Und natürlich interessieren mich immer die Geschichten hinter den Bildern!

Eric, vielen Dank für Deine Zeit!

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