Ein mann fotografiert eine Kuh
03. Juli 2014 Lesezeit: ~7 Minuten

Chris’ Technik – Als Student mit teurem Hobby

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Technik kann ganz schön aufschlussreich sein, wie ich beim Schreiben dieses Artikels merkte. Ich halte es für wichtig, sich zu überlegen, aus welchen Gründen man sich für sein Handwerkszeug entscheidet, wie sich Bedürfnisse entwickeln und welche Faktoren bei der Kaufentscheidung eine Rolle spielen.

Bei mir war entscheidend, wie sich meine Beziehung zur Fotografie entwickelt hat. Ich fange mal vorn an.

Mann schaut auf eine Straße

Vor Jahren kaufte ich mir, naiver Weise irgendeinem Testbericht glaubend, eine Bridgekamera. Im Nachhinein frage ich mich zwar, warum, aber eigentlich ist es auch egal. Diese Kamera war mein Einstieg in die Fotografie, abgesehen von einer analogen Kompaktkamera, die APS Filme fraß.

Lange blieb ich dabei aber nicht, weil ich merkte, dass es mir im Vergleich zu einer DSLR an entscheidenden Merkmalen fehlte. Also verkaufte ich sie wieder und legte mir eine gebrauchte Canon 350D* zu, zusammen mit dem 18-55-mm-Kitobjektiv. Das waren schon ganz andere Welten. Ich fotografierte damals einfach alles, was mit vor die Linse kam und verknüpfte auch meine Leidenschaft für Konzerte damit.

Konzertfoto, ein Sänger wirft sich in die Menge

Vor der ersten Reise mit Kamera im Gepäck hatte ich das Gefühl, mich so weit entwickelt zu haben, dass ein weiteres Objektiv dazu kommen konnte. Da ich oft auf Konzerten mit schlechten Lichtverhältnissen fotografierte, fiel die Wahl, auch wegen des Preises, auf das Canon 50 mm f/1.8*.

Ab diesem Moment hielt mich die Offenblende in Faszination gefangen, die Kitlinse verschwand im Schrank und kam auch erst wieder raus, als ich sie verkauft habe. Zwischen Reise- und Konzertfotografie kamen immer mehr Portraits hinzu, immer mehr Geschichten und Konzepte, die ich umsetzen wollte.

Augen spiegeln sich in einer Scherbe

Die Canon 350D habe ich irgendwann, nach einer Auslösezahl jenseits von Gut und Böse, an einen Freund verschenkt und mir konsequenterweise eine Canon 550D* gekauft. Für Landschaftsaufnahmen kam ein Tamron 10-24 mm f/3.5-4.5* dazu, das 50 mm bekam irgendwann ein Upgrade auf die f/1.4-Version*, um meine Tiefenschärfe-Faszinazion zu befriedigen.

Für Konzertaufnahmen besorgte ich mir, des Preises wegen, einen Yongnuo YN-460-II*, den ich komplett manuell einstelle. Der Ultraweitwinkel-Effekt des Tarmron war genau das, was ich für Landschaften, aber auch für Konzerte haben wollte, die geringe Lichtstärke störte mich nicht, da ich auf Konzerten, um kürzere Verschlusszeiten zu verwenden, den Blitz nutzte und Landschaftsaufnahmen ohnehin bei eher geschlossener Blende machte.

Ein Angler im Sonnenuntergang

Mit dieser Ausrüstung war ich absolut glücklich. Bis ich mich, aus der Not heraus, umstellen musste. Während eines Praktikums in Kambodscha legte meine Kamera eine Bruchlandung hin: Runter von dem hohen Regal, auf dem ich sie vor den Mäusen schützen wollte, die bereits die Gummiteile angeknabbert hatten. Zerbrochen war zwar nichts, aber der Autofokus machte ab sofort nur noch, was er wollte.

Für mich unvorstellbar, den Rest der Zeit dort ohne funktionstüchtige Kamera zu verbringen, machte ich mich auf den Weg nach Phnom Penh, wo es eine Handvoll Fotogeschäfte gibt, zum Vergleichen der Preise. Der Plan sah vor, einfach eine neue 550D zu kaufen, die alte daheim reparieren zu lassen und zu verkaufen. Nur musste ich feststellen, dass alle APS-C-Kameras dort teurer waren als zuhause in Deutschland. Mein toller Plan wäre also nur mit Verlust aufgegangen. Dafür, obwohl ich preislich nicht daran denken wollte, waren sämtliche Vollformat-Kameras erheblich billiger.

Zwei Frauen sitzen an einem Stand in der Dämmerung

Nach einigem Ringen mit mir und dem Bankkonto kaufte ich also dort eine Canon 5D Mark II*. Im Nachhinein die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Ich möchte nicht mehr ohne sie arbeiten. Vor allem das Rauschverhalten auch bei hohen ISO-Werten und die hohe Auflösung geben meinem Hang zu düsteren Motiven optimale Möglichkeiten. Auch meine Objektive habe ich allesamt aufgrund der Lichtstärke ausgewählt.

Eine Menschenmenge steht um einen vollen Bud herum

Mein geliebter Tamron-Weitwinkel war leider nicht vollformat-tauglich und musste daher weg. Ersetzt hat ihn das Canon 28 mm f/1.8*. Das ist zwar, auch am Vollformatsensor, kein Vergleich zu den 10 mm, aber für mich absolut ausreichend, vor allem in Kombination mit der Lichtstärke.

Mittlerweile hatte sich in mir eine starke Vorliebe für Festbrennweiten entwickelt. Die Einschränkungen in Sachen Bildausschnitt und die Notwendigkeit, mich mehr bewegen zu müssen, stoßen eine kreativen Prozess in mir an, der sicher anders verlaufen würde, wenn ich einfach nur am Objektiv drehen müsste.

© Chris Hieronimus

Quasi vervollständigt wurde meine aktuelle Ausrüstung durch das Canon 85 mm f/1.8*, das ich gerade für Portraits auch nicht mehr hergeben würde. Mit diesen drei Linsen und der 5D bin ich derzeit wunschlos glücklich. Zumindest fast. Wenn in tropischen Gebieten das Objektiv innen kondensiert und man den halben Tag nur weißen Schleier sieht, fängt man gedanklich schon an, auf ein versiegeltes Canon-L-Objektiv zu sparen. Man muss sich ja schließlich auch Träume bewahren.

Ich probiere und experimentiere gern, was sicher auch damit zu tun hat, dass mein Studentengeldbeutel vieles nicht zulässt. So kam kürzlich ein altes 135-mm-f/2.8-Objektiv vom Flohmarkt dazu, das über einen Adapter, der mich die Fokuspunkte der Kamera nutzen lässt, an der 5D funktioniert.

Test-Portrait mit dem alten 135mm f/2.8

Test-Portrait mit dem alten 135 mm f/2.8

Ich überlege auch schon länger, mir ein Lensbaby* zuzulegen, weil mir eine Tilt-Shift-Linse* allein für den Effekt zu teuer wäre. Ich hatte aber ohnehin noch ein kaputtes 50 mm f/1.8 hier liegen, das ich dann einfach auseinander genommen und stümperhaft mit einem Stück Teichfolie zusammen geklebt habe, damit ich es frei bewegen kann. So spare ich mir jetzt auch erst einmal das Lensbaby.

Ein Mann steht vor einem Fenster

Testfoto mit dem DIY Tilt Objektiv

Für meine Selbstportraits und manche Spielerei brauche ich ein Stativ. In meinem Fall ist das ein ziemlich altes, schweres Velbon-Stativ, das bei mir Zuflucht vor der Verschrottung gesucht hat. Und dann sind da noch die billigsten Funkauslöser, die ich finden konnte, die Yongnuo RF-603 C3*.

Neben der digitalen Technik stehen noch einige analoge Flohmarkt-Funde in der Vitrine, neben einer Canon AE-1*, die ein Geschenk meines Schwiegervaters war und leider viel zu selten benutzt wird.

Ich denke, jeder muss die Ausrüstung finden, die persönlich am besten passt. Ich bezweifle stark, dass ich mich von meiner 5D jemals trennen werde, eher würde ich dieselbe wieder kaufen. Ähnliches gilt für meine Objektive, die würde ich höchstens (irgendwann, Träume und so) gegen die jeweils lichtstärkere Version tauschen.

Ein Mann fotografiert

Für mich ist Technik reines Handwerkszeug, das es mir ermöglicht, die Bilder aus meinem Kopf umzusetzen. Wenn man weiß, was man will, kann sie einem ganz neue Welten eröffnen. Ich finde es auch wichtig, zu wissen, was man nicht will.

Für mich als Student käme allein aus finanziellen Gründen nicht in Frage, etwas zu kaufen, das ich nicht regelmäßig nutze. Selbst meine vergleichsweise billigen Flohmarkt-Funde landen daher regelmäßig wieder bei Ebay. Mit meinem aktuellen Equipment sind die Grenzen sehr weit gesteckt, auch wenn es natürlich immer noch eine Kategorie nach oben geht.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

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17 Kommentare

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  1. Absolut richtiger Ansatz!

    Kaufe nur das was du wirklich brauchst und was dich dabei unterstützt, deine Kopfbilder in Fotos umzusetzen und nicht das, was irgendeine Zeitschrift, Forum etc. als „das Beste/Richtige“erachtet!

    Seine verdammt guten Bilder sprechen für sich! (ich folge Chris schon eine Weile via flickr)

  2. Eine kleine inhaltliche Anmerkung: Du schreibst von Deiner Faszinazion für Tiefenschärfe und nennst dabei ein 50mm f/1,4. Die Wortwahl ist etwas unglücklich, denn für TiefenSCHÄRFE ist so ein Objektiv mit so einer Offenblende eher weniger geeignet. Vermutlich bist Du vom Gegenteil, der Unschärfe, dem Bokeh, der selektiven Schärfe, der minimalen Schärfentiefe fasziniert.

  3. Hi Chris,

    toller Artikel. Leider kann ich den Punkt „kaufe nur dass, was du brauchst“ nicht so richtig umsetzen. Ich weiß nämlich noch gar nicht was ich genau machen will und was ich brauche. Irgendwie bin ich vielleicht auch einfach nicht kreativ genug. Ich muss Dinge erstmal tun und dann entscheide ich ob ich das fertige Foto gut oder schlecht finde. So aus dem Kopf heraus funktioniert das bei mir nur ganz vage.

    Woher soll ich im Moment wissen, dass ich nicht gern in die Makrofotografie einsteigen möchte, wenn ich mir nicht mal ein Makroobjektiv kaufe? Klar, aus dem Kopf heraus finde ich die Bilder toll und ich habe auch einige Ideen, aber vielleicht gefällt mir die Arbeitsweise in der Makrofotografie auf Dauer nicht.

    Bitte nicht falsch verstehen, keine Kritik an dich oder an die anderen User, die das genauso sehen, ich bin derzeit einfach mit den Möglichkeiten überfordert und habe meinen Weg noch nicht gefunden.

    Ich beneide euch auf jeden Fall, wenn ihr klipp und klar sagen könnt „Ich mache nur Porträts und kaufe mir deswegen ne 50mm und 85mm Scherbe“!

    Gruß
    marv

    • “ Ich muss Dinge erstmal tun und dann entscheide ich ob ich das fertige Foto gut oder schlecht finde.“
      Da würde ich sagen, probiere es aus, soweit das mit der vorhandenen Ausrüstung geht. Bis zu einem gewissen Grad kann man auch mit einem normalen Objektiv nah ran ans Objekt. Mit Nahlinsen oder Makroringen kann man auch ein bißchen was machen.

      Wobei ich allerdings zugeben muß, daß ich einen Teil meiner Ausrüstung gekauft habe, um einfach etwas auszuprobieren (z.B. mein erstes Objektiv der Sorte „lichtstarke Festbrennweite“) oder weil ich etwas faszinierend finde und auch sowas haben wollte (z.B. das Fischauge).

  4. Sehr schöner und angenehm zu lesender Artikel. Ermutigt mich auch weiter an meinem Vergleichsweise billigem Equipment festzuhalten und mir nicht von den Leuten einreden zu müssen, dass man unbedingt eine 1DX oder 1DC mit ganz vielen L-Objektiven haben muss um schöne Fotos zu machen.

  5. Was ist eigendlich der Sinn von dem Equipmentüberblick?
    Die Beschreibungen der Kameras haben mir persönlich nicht so viel gebracht. Klar kauft sich jeder, der länger fotografiert die eine oder andere Kamera. Canon ist eine der großen Marken, Tamron auch und die Yongnuo Funkauslöser nutze ich z.B. auch selber.
    Wo ist die Pointe?

    Was mich viel mehr interessiert hätte wären weiterre Fotos aus Kambodscha bzw, weitere Reisefotografie! Mal schauen was ich da auf deinem Flickr Accoount finde.

    Beste Grüße

    • Hallo 黒. Der Sinn dieser Serie ist folgender: Wir wollen zeigen, mit welchem Handwerkszeug wir unsere Bilder erstellen. Nicht mehr, nicht weniger. Keine Pointe. Und weitere Reisefotografie wirst Du auch hier wieder finden, musst nur ein bisschen geduldig sein oder einfach unsere Genre-Unterseite beklicken. ;)

      • Danke für die Erklärung. Zugegeben ich bin mehr auf Fotos als auf Equipment fixiert und beim nächsten mal werde ich mehr auf die Genre-Unterseite achten ;)

        Kleine Allgemeine Anmerkung noch:
        Vielleicht wäre es hilfreich für den Lesser, wenn an den Fotos auch immer angeführt wäre, welche Fotos mit welchem Equipment (Kamera, Objektiv ect..) gemacht wurden. Dann kann man als Leser vielleicht auch die Unterschiede in der Ausrüstung erkennen.
        Solche Erklärungen sind ja nur bei 2 Fotos vorhanden (dem Test-Portrait mit dem alten 135 mm f/2.8 und dem Testfoto mit dem DIY Tilt Objektiv).
        Beste Grüße