28. April 2014 Lesezeit: ~5 Minuten

Projekt Riga – eine fotografische Fahrradtour

Die Fotografie kam zu mir in Form einer Minolta X500. Analog. Manueller Fokus. Zwar hatte ich mich schon vorher mit digitalen Kameras versucht, sie boten mir jedoch nicht das, was ich benötigte. Was das war, wurde mir erst klar, als ich die ersten Filme der Minolta entwickelte.

Die manuelle Funktionsweise, die Festbrennweite – all das passte anscheinend wesentlich besser zu mir. Die Ergebnisse waren deutlicher mehr an dem, was ich mit den Fotos zeigen wollte, als die digitalen.

Anfänglich war mein fotografisches Interesse auf den urbanen Raum begrenzt. Ich wollte die Stadt Braunschweig, in der ich lebe und studiere, so zeigen wie ich sie empfinde. Sehr schnell konzentrierte ich mich dabei auf die vielen Fahrradleichen, die überall in der Stadt zu finden waren.

© Tobias Teich

So entstand mein erstes Projekt „Tretmühlen“. Bald erweiterte etwas anderes meinen fotografischen Horizont: Der soziale Aspekt. Durch den Austausch mit Menschen, die den gleichen Zugang zur Fotografie hatten wie ich, bekam meine Arbeit einen sichtlichen Schub.

Zunehmend versuchte ich, meine Projekte schärfer zu fassen. Es erwuchs der Wunsch nach Portraits und dem „guten“ Bild, ohne dabei eine gewisse Lässigkeit nicht zu verlieren.

So drängte es mich – wohl unterbewusst, aber bestimmt – zu einem „großen“ Projekt. Ein Projekt, das mir in vielerlei Hinsicht neue Horizonte eröffnen würde.

© Tobias Teich

So erschuf ich Projekt#Riga als Ausdruck des Wunsches, mit Kamera und Fahrrad nach Riga, der Hauptstadt Lettlands, zu fahren. Noch nie war ich allein im Ausland gewesen – und das in einer Zeit, in der gefühlt jeder Jugendliche schon einmal monatelang durchs australische Outback gewandert ist.

Zudem sollte diese Reise dann in einem Bildband und einer Ausstellung münden. Sehr schnell wurde mir bei der Planung klar, dass die Kosten für das fotografische Equipment sowie für den anschließenden Druck des Bildbandes immens werden würden.

Projekt Riga © Tobias Teich

Ein Freund gab mir den Rat, mich über Crowdfunding zu informieren. Letztendlich meldete ich mich bei Startnext an und erstellte dort eine Crowdfunding-Kampagne.

Eine Freundin erstellte ein Logo, weitere Freunde halfen mir bei den nötigen Videobeiträgen. Mit dieser Kampagne erhielt mein Vorhaben eine ganz neue Ebene.

© Tobias Teich

Ich musste mich und mein Projekt bewerben, musste argumentieren, warum ein künstlerisches Projekt, das auf den ersten Blick nur mich selbst betraf, wert war, unterstützt zu werden.

Nun gab es kein Zurück mehr. Ich konnte das Projekt nicht mehr einfach im Sande verlaufen lassen. Ich musste mich der Aufgabe stellen.

© Tobias Teich

Das Feedback war dann überwiegend positiv und so dauerte es nicht sehr lange bis ich den Betrag, der zum erfolgreichen Abschluss der Kampagne nötig war, beisammen hatte.

Er wurde sogar deutlich überschritten. So konnte ich Kleinbild- und Mittelformatfilme kaufen. Mit Unterstützung der Familie wurde ein adäquates Fahrrad gekauft.

Am 14. April 2013 ging es dann auf die am Ende 1760 Kilometer lange Reise. Zuerst durchquerte ich die Uckermark, dann ging es über Stettin (Polen) an die Ostsee.

Projekt Riga © Tobias Teich

Weiter entlang der polnischen Küste gelangte ich schnell nach Danzig. Diese erste Reisewoche ging ich sehr sportlich an und spürte, dass ich erst noch meinen Rhythmus finden musste, um meinen fotografischen Ansprüchen zu genügen.

Viel zu leicht rollt man mit dem Fahrrad an lohnenden Motiven vorbei. So entschied ich mich, die russische Exklave Kaliningrad mit teilweiser Hilfe der Bahn zu umrunden.

Projekt Riga © Tobias Teich

Dies gab mir die Zeit, mehr auf die nun litauische und dann lettische Küste und Natur einzugehen. Nach 20 Tagen hatte ich Riga erreicht.

Unglaubliche Tage lagen hinter mir, atemberaubende Natur hatte ich durchquert und unendlich lange, mal mehr oder weniger stark befahrene Straßen hatte ich befahren, krasse gesellschaftliche Brüche und Unterschiede waren mir begegnet.

Projekt Riga © Tobias Teich

Projekt Riga © Tobias Teich

Polen und das Baltikum erfahren teilweise einen unübersehbaren Boom. Überall wird viel gebaut, vieles soll noch gebaut werden. Dabei stehen oftmals gleich auf der anderen Straßenseite noch bewohnte Häuser aus einer anderen Zeit.

All das Gesehene habe ich letztendlich in den Bildband gefasst. Mit einer dreiwöchigen Ausstellung in der Braunschweiger Galerie ein Raum 5-7 (und einer in eine Party ausufernden Vernissage) beschloss ich das Projekt.

Projekt Riga © Tobias Teich

Doch auch ein Jahr nach dem Start gen Osten ist die Tour noch immer sehr präsent. Vor Kurzem stellte ich einige Bilder des Projektes im LOT-Theater Braunschweig aus, einige stellte ich für eine studentische Arbeit zur Verfügung und ein Bild wurde für eine Werbekampagne verwendet.

Zusammenfassend kann ich mit Sicherheit sagen, dass mich dieses Projekt deutlich selbstbewusster gemacht hat. Fotografisch wie persönlich. Das nächste Projekt kommt bestimmt!

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5 Kommentare

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  1. danke für das teilen dieses projekts! ich denke seit ewigkeiten an ein ähnliches projekt und der artikel hat mich wieder daran erinnert, es endlich mal anzugehen und etwas zu wagen.
    großartig!

  2. Also, bei allem Wohlwollen und auch Anerkennung für die Energie, und den Einsatz und die Idee des Projektes: Zumindest die hier gezeigten Aufnahmen sind einfach handwerklich schlecht präsentiert und das auch noch unnötigerweise. Schiefe Horizontlinien in Landschaftsaufnahmen müssen nun wirklich nicht sein, auch nicht bei Analogaufnahmen. Ebenso vermisse ich die Minimalbasis der Bildgestaltung in Hinsicht Lichtführung/Kontrast, oder Form, Farbe oder zumindest Tiefe, Linienführung, Perspektive oder wenigstens eine direkt erkennbare situative Aussage. Wenn man den beschreibenden Hintergrund der Entstehung der Aufnahmen nicht kennen würde, dann würde man die Aufnahmen sehr leicht als „Knipserei“ womöglich ungerechtfertigt abqualifizieren.
    Sorry, ich komme mir ein wenig vor wie das Kind in dem Märchen „des Kaisers neue Kleider“ und hoffe dass ich mal gnädigere Kritiker finden werde. Aber nicht alles was mal aus irgendeinem Grund ausgestellt, publiziert oder veröffentlicht wurde muss man kritiklos hinnehmen.

    • Sehr gerne würde ich einmal arbeiten von Dir sehen, Michael.

      Möglich, dass die Auswahl, die Tobias zur Bebilderung seines Artikels getroffen hat, nicht die Glücklichste ist – dennoch, er bewegt sich fotografisch i.d.R. auf einem in meinen Augen sehr gutem Niveau (ich selbst studiere mittlerweile im 6. Semester Fotografie, und wäre froh, wenn meine Mitstudenten vergleichbar gut wären).

      Es geht nicht um technisch makellose Fotos (deren Makel dann wahrscheinlich in der Makellosigkeit läge, wobei meiner Meinung nach – technisch – an den Aufnahmen nichts auszusetzen ist), sondern vielmehr um das Transportieren einer bestimmten Stimmung, in diesem Falle das Erlebnis einer Fahrradreise, ganz allein, und die Einsamkeit und Wirkung der Umwelt.