24. November 2012 Lesezeit: ~6 Minuten

Eine Amateurfotografin und das Publikum

Im Dezember vor vier Jahren fand ich in einer kleinen Buchhandlung in einer Prager Seitengasse ein Buch. Es war das Fotobuch „Louny“ vom tschechischen Fotografen Jaromír Funke. Er hatte alle Bilder in schwarzweiß in Louny in Nordböhmen fotografiert.

Ich stand die ganze Zeit vor einem Bücherregal in dieser Buchhandlung und blätterte immer wieder die Seiten des Fotobuchs um. Bis dahin hatte ich keine Interesse an Fotografie gehabt, aber in diesem Augenblick begeisterte ich mich für dieses Fotobuch.

Ich, die damals in Tokio wohnte, entschied mich, nach der Heimkehr einen Fotoapparat zu kaufen. Ich wollte solche Fotos wie die von Funke machen. Deshalb glaubte ich, eine moderne Digitalkamera sei nicht geeignet. Ich wünschte mir stattdessen einen Filmfotoapparat, einen hoffentlich alten Filmfotoapparat.

Ich wollte damit schwarzweiße Fotos machen. In einem großen Geschäft für gebrauchte Kameras in Tokio empfahl mir ein Verkäufer eine Hasselblad 500c/m. Als ich sie zum ersten Mal im meine Hände nahm, war sie sehr schwer.

Ein Kind steht mit einem Telefon an einem Geländer

Zuerst konnte ich überhaupt keine guten Fotos machen. Die Hasselblad hat keine Automatikfunktion, deshalb musste ich immer selbst die Belichtung einstellen. Aber es war sehr schwer für mich, die richtige Belichtung zu finden, weshalb viele Aufnahmen misslangen. „Nur für mich Fotos zu machen, mein Lieblingsfoto zu machen“, das war damals für mich am wichtigsten.

Ein halbes Jahr verging, seitdem ich angefangen hatte, mit der Hasselblad Fotos zu machen. Nach und nach gelangen mir bessere Aufnahmen. Eines Tages fragte ich mich, wie andere Leute wohl meine Bilder sehen würden. Ich begann, meine Fotos bei Flickr zu zeigen.

Zuerst sah niemand meine Fotos. Ich fügte sie in Gruppen bei Flickr hinzu und kommentierte auch Fotos anderer Leute. Nach und nach wuchs die Zahl der Leute, die meine Bilder anschauten. Was für Fotos zogen besonders viele Leute an? Als ich nun neue Fotos machte, fing ich an, mir allmählich der Augen der anderen bewusst zu werden.

Ich sah viele Fotobücher von Berufsfotografen durch und schaute außerdem sorgfältig Bilder der anderen Leute an, die bei Flickr viele Kommentare und Favoriten bekamen. Das war für mich die Geburt des Publikums.

Als ich eines Tages beiläufig all meine Aufnahmen, die ich auf einer Reise nach Paris gemacht hatte, auf dem Computer anschaute, merkte ich etwas Interessantes: Diese Fotos ließen sich im Großen und Ganzen in zwei Arten aufteilen.

Einige Fotos hatten dunkle und dezente Farben, andere dagegen hatten weiche und helle Farben. Wie stellen die Leute sich Paris vor? Elegant, prächtig oder stylish …? Ich glaubte, dass das die verbreiteten Vorstellungen sind. Deshalb entschied ich mich, nur die dunklen und dezenten Fotos auszuwählen und bei Flickr hochzuladen.

Ein Mann telefoniert und schaut dabei aus einem hohen Fenster

Ich dachte, dass es sehr interessant wäre, wenn ich bei irgendjemandem die Vorstellung von Paris mit meinen Bildern so ändern könnte. Aber normalerweise sind die Kommentare zu Fotos bei Flickr so abstrakt wie „Super!“, „Toll!“, „Schön!“ und so weiter. Aus ihnen kann ich nicht herauslesen, welche Eindrücke meine Kontakte beim Betrachten hatten. Eine ganze Weile vergaß ich meine Fotos von Paris.

Aber eines Tages schickte mir einer meiner Kontakte, der an einer Gruppenfotoausstellung in Tokio teilnahm, eine interessante E-Mail. Ein Besucher der Ausstellung kannte meinen Fotostream und sagte, dass meine Fotos von Paris seine Vorstellung der Stadt geändert hätten. Als ich diese E-Mail las, dachte ich: „Wow!“ Wenigstens eine Person sah meine Absicht.

Das Publikum sendete mir die Reaktion, die ich mir erhofft hatte, zurück und ich fand es sehr schön. Danach entschied ich mich, die Fotos auf Flickr mit einem Thema zu verbinden, wenn ich während einer Reise viele Fotos gemacht hatte. Zum Beispiel behandelte ich das Thema Herbstanfang und wählte Dunkelblau und Rosa als die Themenfarben aus, als ich Fotos aus Nordeuropa hochlud.

Als ich eine Reihe Fotos aus Polen hochlud, behandelte ich das Thema „Fotos und Gedichte“ und fügte allen Bildern Zeilen der polnischen Dichterin Wisława Szymborska bei. Fotos bei Flickr mit einem Thema hochzuladen, heißt nicht nur, dass ich dem Publikum meine Fotos zeige, sondern auch, dass ich dem Publikum eine Information gebe.

Das war für mich sehr neu. Glücklicherweise war die Reaktion des Publikums positiv und ich bekam einige freundlichen Kommentare, als ich die Fotos zusammen mit Szymborskas Gedichten hochlud. Einer der Kontakte zitierte die Zeilen in seinem Kommentar zu meinem Foto.

Ein anderer Kontakt schrieb in ihrem Kommentar, dass sie großes Interesse an Szymborska gewonnen habe. Bis dahin hatte ich meine Kontakte gar nicht kennenlernen können. Nun hatte ich das Gefühl, dass ich sie doch kennenlernen könnte.

„Brauchen Amateurfotografen das Publikum?“

Hätte man mich vor vier Jahren, als ich mit der Fotografie anfing, dies gefragt, hätte ich gleich „Nein“ geantwortet. Amateurfotografen fotografieren nicht als Beruf. Wenn sie selbst ihre Fotos mögen, ist das genug. So dachte ich damals. Aber jetzt denke ich, dass Amateurfotografen das Publikum brauchen.

Das Publikum ist für mich wie ein Spiegel, in dem meine Fotos sich spiegeln. Was fühlt das Publikum, wenn es meine Fotos anschaut? Spiegeln sich meine Bilder dort so, wie ich es mir erhoffe? Das Publikum gibt mir immer einen zusätzlichen Genuss, nachdem ich Fotos gemacht habe.

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