03. Januar 2022 Lesezeit: ~5 Minuten

Wie ein Kater meine Akt-Portraits beeinflusst

Authentizität oder auch Stimmigkeit ist mir in meiner Bildsprache sehr wichtig. Auch wenn es um Posing, besser noch „Nicht-Posing“ geht. Genau hier hat mir Studiokater Merlin in die Hände gespielt. Bevor jetzt die Frage kommt, was der Kater denn jetzt mit meinen Akt-Portraits zu tun hat, einmal alles auf Anfang.

Das Initial war ein Shooting mit Nicole, in das sich Kater Merlin hineingeschummelt hatte. Wir hatten Merlin wenige Wochen zuvor in unsere Familie aufgenommen. Ich fotografierte Nicole gerade liegend, als Kater Merlin durch die Tür kam und zielstrebig auf sie zu tapste. Dieses Strahlen, das diese Begegnung auf Nicoles Gesicht zauberte, war bemerkenswert.

Merlin ist übrigens sehr kontaktfreudig, so dass die beiden unbeschwert miteinander agiert haben. So ist innerhalb des von mir gesetzten Rahmens, zwischen Merlin und Nicole, eine eigene Handlung entstanden. Es war also nicht nur die Interaktion zwischen mir als Fotografen und Nicole vor der Kamera, sondern auch zwischen ihr und Merlin als zusätzlichen Protagonisten. Die besondere Stimmung und vor allem die außergewöhnlichen Bilder die dabei entstanden sind, haben mich begeistert. Darüber hat der Kater sich als Mitarbeiter des Monats qualifiziert und ist zu „Studiokater Merlin“ aufgestiegen.

Nackte Frau mit KatzeKatze steht auf einem nackten Körper

Auch wenn ich ein Stück weit ausgeblendet wurde, gab es einen feinen Kommunikationsfaden zu Nicole. Es fühlte sich irgendwie an wie ein Wechselspiel zwischen einem Portrait-Shoot mit sehr viel Nähe und einer Reportage von der Seitenlinie aus. Jetzt war ich natürlich sehr neugierig, ob dieser Effekt eine Eintagsfliege bleibt oder reproduzierbar wäre.

Bei den kommenden Shoots habe ich Merlin, immer wenn seine Neugierde die Oberhand bekam, für ein bis zwei Settings mit eingebaut. Im Anschluss sind auch wieder Bilder ohne Kater entstanden. Das war der Start für das Langzeit-Projekt „Merlin and the Nudes“, das mich bis hierher 14 Monate lang begleitet hat.

Nackte Frau fotografiert eine KatzeNackte Frau sitzt mit Katze auf einer Matratze

Essentiell für mich ist, was Merlins Anwesenheit mit uns Menschen und im Besonderen mit Frauen macht, die bekanntlich über sehr feine Antennen verfügen. Und wie dieses zusätzliche Element die Bildstimmung beeinflusst und neue Facetten erst möglich macht. Ein Aspekt dazu ist sicherlich die Eigendynamik, die bei den Frauen ein natürlicheres Verhalten provoziert und darüber zu noch authentischeren Bildern führt. Dies macht es sehr reizvoll für mich.

Studiokater Merlin sorgt durch sein Wesen für spannende Variablen innerhalb des Zusammentreffens. Es bringt auf der einen Seite eine Leichtigkeit und Eigendynamik in den Shoot, zum anderen aber ist die Inszenierung, Bildaufbau usw. ungleich schwerer. Wenn man einer Katze eine Anweisung gibt, nimmt sie es zur Kenntnis und kommt vielleicht später darauf zurück. Es ist in keiner Weise vorhersehbar und benötigt noch mehr Geduld und Empathie.

Katze auf einem Sessel, darunter eine nackte Frau

Für Fotograf*innen, deren Fokus eher auf der technischen Umsetzung und der Kontrolle über das Geschehen liegt, ist es sicherlich eine interessante Erfahrung, zu erleben, dass los- oder laufenlassen zu anderen Bildergebnissen führen kann. Bilder, die man sonst vielleicht nicht bekommen würde.

Eine Katze am Set ist übrigens auch ein Indikator für die Stimmung während des Shoots. Katzen sind da kompromisslos und unbestechlich. Sie haben ihren eigenen Kopf. Wie heißt es so schön: „Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal.“ Wenn die Stimmung am Set nicht passt, würden auch diese besonderen Bilder nicht entstehen. Wenn aber alles passt, sorgt dieses sympathische Fellknäul wie ein Turbolader dafür, dass es noch entspannter und vor allem noch ungestellter wird.

Wenn dem Kater langweilig wurde, hat er sich einfach wieder ausgeblendet. Manches Mal auch nur in die Ecke gelegt, um das Treiben zu verfolgen oder ein Mittagsschläfchen zu machen.

Lachende Frau mit KatzeKatze auf einer zusammengerollten Matratze

Dieses Projekt ist übrigens kein Ausflug in die Tierfotografie. Ich bleibe ich meinem Sujet „Akt-Portrait“ treu. Da gilt: „form follows function“, in meinem Fall: „form follows mindset“. Ich kann aber für meine Bildsprache auf zusätzliche Elemente zugreifen. Hinzu kommt, dass Merlin als weiterer Protagonist in Tiergestalt den Interpretationsspielraum der Bildergebnisse erweitert. Ein interessanter Aspekt dazu ist sicherlich auch das Thema Projektion.

Wir sehen die Welt, wie wir selbst sind und sind in unserer Wahrnehmung durch unsere persönliche Einstellung limitiert. Darüber, was uns geprägt hat und in uns steckt. Vereinfacht ausgedrückt: Wir schauen durch eine gefärbte Brille. Dies ist, denke ich, auch ganz essentiell für die eigene Bildsprache. Eine sehr spannende Frage dazu für mich: Welche Rolle projiziert sowohl der Fotograf (also ich) sowie auch das Publikum, über den zusätzlichen Protagonisten in Tiergestalt in die Bilder? Und sei es vielleicht auch nur unbewusst über die Bildauswahl.

Betrachtet die Bilder auch einmal gezielt unter diesem Aspekt. Vielleicht fällt Euch auf dem einen oder anderen meiner Bilder etwas dazu auf. So ist aus der Begegnung mit Merlin und 13 einzigartiger Frauen eine außergewöhnliche Themen-Monografie entstanden. Die Bildergebnisse sind in meinem FineArt-Magazin, Ausgabe „Merlin and the Nudes“, in gedruckter Form veröffentlicht.

Informationen zum Magazin

„Merlin and the Nudes“ von Boris Bethge
Sprache: Deutsch
Einband: Softcover
Seiten: 72 Seiten, Pigmentdruck auf mattem 170 g GalaxiArt Samt
Maße: 24 x 32 cm
Verlag: Eigenverlag
Preis: 27,90 €

Ähnliche Artikel

5 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. …die beste Serie die ich seit langem gesehen habe. Auch wenn der Kater zum Protagonisten wird, wertet er den Akt, eher auf, als das er stört oder ablenkt.
    Danke für die Teilhabe *****
    F.

    • Wie kann man sich bei jemand anderem für die >Teilhabe< bedanken? Teilhabe ist etwas, man man selbst aktiv leistet. Man könnte sich allenfalls dafür bedanken, dass jemand einem diese Teilhabe ermöglicht.

      • Naja, ich kann jemanden an etwas teilhaben lassen, ohne dass er sich aktiv daran beteiligt. Davon ist sicherlich das Substantiv Teilhabe etwas abzusetzen – da gebe ich Recht, da ja hier inzwischen ein sozialpolitisches Konzept gemeint ist.
        Aber wie auch immer, es artet in solchen Diskussionen immer in Wortglauberei. Ich fühle mich jedenfalls durch den Artikel mitgenommen in die Fotowelt des Autors.

  2. Nicht nur eine fotografische Herausforderung sondern auch eine philosophische. Dieses Thema ist dort ja schon vielfach aufgegriffen worden – meist unter der sinngemäßen Themenstellung „Tiere sehen“. Insbesondere Derrida hat hier ja einen besonders wertvollen Aufsatz geschrieben. Ich verwende genau diese Gegenüberstellung von Mensch und Tier auch in Abiturprüfungen – gestoßen bin ich auf diese Thematik durch ein Foto unter https://onthenorthriver.com/2015/03/04/50-shades-of-men-and-women/
    Den Artikel finde ich super, die Idee auch, deine Fotos sprechen für sich. Danke – ich bin derzeit leider etwas knapp bei Kasse, daher muss ich die Anschaffung des Magazins aufschieben.
    Grüße, Wilhelm