16. April 2021 Lesezeit: ~9 Minuten

Neue niederländische Aussichten

Die Fotoserie „New Dutch Views“ von Marwan Bassiouni zeigt auf den ersten Blick Landschaften, die durch verschiedene Fenster hindurch fotografiert wurden. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es nicht irgendwelche Fenster sind. Sie alle gehören zu verschiedenen Moscheen. Ich fand das Projekt so spannend, dass ich Marwan um ein Interview gebeten habe.

Eckigs FensterFenster mit Blick auf eine Kirche

Deine Serienidee ist so einfach wie clever. Wie bist Du darauf gekommen?

Vor einigen Jahren suchte ich nach Wegen, um Fotos zu erstellen, die die muslimische Religion aus einer anderen Perspektive zeigen könnten. Aufgrund der zahlreichen negativen Vorstellungen, die über den Islam verbreitet werden, hielt ich es für wichtig, eine andere Seite zu zeigen und eine, die meinem eigenen Verständnis und meiner Erfahrung näherkommt. Zu dieser Zeit erkundete ich auch verschiedene Wege der Dokumentarfotografie.

Als ich begann, in Moscheen zu fotografieren, wusste ich nicht, dass ich die Fenster fotografieren würde. Ich hatte den Ort wegen der symbolischen und kommunikativen Kraft ausgewählt. Fotografie ist ein kniffliges Medium, um etwas Bestimmtes zu kommunizieren. Es hängt so viel vom Thema, dem Kontext, dem, was in der Erinnerung und Vorstellungskraft der Betrachter*innen liegt, und natürlich von der Technologie ab.

Ich erkundete verschiedene Wege, wie ein Foto einer Moschee unter Berücksichtigung meiner Motivationen kommunizieren kann. Ich denke, ich war von der Banalität und Vertrautheit des Ortes im Gegensatz zu seinen oft dramatischen und „exotischen“ Darstellungen angezogen. Eines Tages machte ich ein Foto von einem quadratischen Fenster an einer weißen Wand und ließ es groß drucken. Es sah aus wie ein typisches Hausfenster. Ich bemerkte, dass sich die Reaktion änderte, als sich die Leute der Bildunterschrift und dem Titel des Bildes näherten und feststellten, dass es sich tatsächlich um eine Moschee handelte, und dass sie unvorbereitet schienen.

Das hat mir klar gemacht, wie sehr unsere Wahrnehmung von Bildern von unseren Ideen und Emotionen beeinflusst wird. Von da an wusste ich, dass das Moscheeprojekt ein Fenster nicht nur zur Architektur, sondern auch zu uns selbst bieten musste. Während sich einige Leute auf die Unterschiede zwischen dem Islam und dem Westen konzentrieren, wollte ich mich auf die Ähnlichkeiten konzentrieren und die Tatsache unterstreichen, dass der Islam auch ein Teil des Westens ist.

Fenster mit Blick auf einen BaumFenster mit Blick auf Dächer

Beim Betrachten Deiner Serie habe ich an Moscheen in Deutschland gedacht. Die meisten Fenster hier würden den Blick auf Hinterhöfe und Hauswände zeigen. Moscheen in der Stadt sind oft versteckt und meist schwer als Gotteshäuser erkennbar. Ist das in den Niederlanden anders oder musstest Du gezielt nach anderen Aussichten suchen?

Ich hoffe, bald auch in Deutschland fotografieren zu können. Der Plan ist, dass „New Dutch Views“ nur das erste Kapitel eines umfassenderen Projekts namens „New Western Views“ ist. Hoffentlich sehe ich durch die Fenster der deutschen Moscheen mehr als nur Innenhöfe und Mauern. Beim Location Scouting versuche ich, so offen wie möglich für die Vielfalt der Moscheen in Bezug auf Architektur, kulturelle Einflüsse und Standorte zu sein.

Ja, die meisten Moscheen befinden sich in Städten und dicht besiedelten Gebieten, aber auch in Vororten, Dörfern und auf dem Land. Einige sind Neubauten, während andere an alte Gebäudetypen angepasst sind. Zum Beispiel befindet sich eine der Moscheen, die ich fotografiert habe, in Chinatown in Den Haag und war früher eine Synagoge. Eine andere ist eine temporäre Konstruktion von der Größe eines Wohnzimmers, die der Veranda eines Hauses zugewandt war.

Die Fotografien sind ziemlich groß gedruckt, 1,65 x 1,25 m. Wenn man sie also in einer Ausstellung sieht, liegt der Fokus mehr auf der Aussicht. Wenn die Arbeiten auf einem Bildschirm oder als kleine Drucke betrachtet werden, ist das anders. Daher suche ich natürlich nach interessanten Kombinationen von Innen- und Außenräumen sowie nach bestimmten Arten von Fenstern, die eine weite Sicht ermöglichen.

Fenster mit Blick auf eine HauswandFenster mit Blick auf einen Parkplatz

„New Western Views“ klingt nach einer großartigen Idee. Ich bin gespannt, ob und welche Unterschiede es in verschiedenen Ländern gibt. Hast Du bei Deiner Arbeit an „New Dutch Views“ etwas Neues über Moscheen gelernt?

Durch die Zusammenstellung dieser Fotoserie konnte ich die Nuancen, Feinheiten und Unterschiede in der niederländischen Moscheearchitektur genauer betrachten. Die islamische Gemeinschaft in den Niederlanden setzt sich größtenteils aus türkischen und marokkanischen Mitgliedern zusammen, zählt aber auch beträchtliche Mengen von Moscheegänger*innen aus Indonesien und Surinam, Pakistan und Somalia, aber auch Niederländer mit niederländischer Herkunft.

Diese kulturellen Unterschiede lassen sich an den Details der Architektur der Moscheen ablesen. Zum Beispiel sind die türkischen Moscheen eher dekorativ, verwenden Fliesen und Abbildungen von Tulpen. Ein Türkisblau schmückt oft die Innenseiten der Gebetsräume. Diese Motive und Muster bieten den Augen einen überwältigenden Sinneseindruck, während andererseits marokkanische Moscheen eher auf ein inneres Erlebnis abzielen. Sie sind minimalistisch und konzentrieren sich auf geometrische Muster, die häufig die Form von Dächern haben.

Ich muss jedoch sagen, dass ich bei dieser Arbeit das Gefühl hatte, mehr über die niederländische Landschaft als über Moscheen gelernt zu haben. Immerhin habe ich die meiste Zeit damit verbracht, durch das Land zu reisen und aus dem Fenster zu schauen.

Fenster mit Blick auf eine WieseFenster mit Blick auf ein Feld

Dann erzähl mir doch gern von den niederländischen Landschaften. Ich kenne sie nur von vereinzelten Urlauben und nehme an, dass meine Sicht sehr eindimensional ist. An was ich denke, sind diese weiten, flachen Felder. Ich komme aus dem Erzgebirge und mich erstaunt diese Weite Sicht immer wieder.

Ja, es ist definitiv flach! Ich komme aus der Schweiz und das hat mich auch sehr beeindruckt. Diese Weite hat jedoch einige interessante Auswirkungen auf die Fotografie: Es macht den Himmel sichtbarer und präsenter in der Landschaft, ebenso die Wolken und das Licht. Die meisten Länder, die ich besucht habe, haben ein einzigartiges Licht. Das gilt auch für die Niederlande, dort sieht es oft tatsächlich aus wie auf niederländischen Gemälden, auf denen der Himmel sehr diffus ist und einzelne Lichtstrahlen durchbrechen.

Es ist ein ziemlich windiges Land, die Wolken bewegen sich schnell, so dass sich auch das Licht schnell bewegt. Es gibt eine recht einheitliche Vegetation und viele Weiden. Die Architektur besteht hauptsächlich aus Ziegeln, ist eintönig und einheitlich. Die Stadtteile sind so gebaut, dass kein Gebäude mehr hervorsticht als das andere. Die Häuser außerhalb der Städte sind recht niedrig.

Gleichzeitig gibt es viel moderne Architektur, die viel mehr hervorsticht. Um ehrlich zu sein, lerne ich immer noch viel über diese Landschaft und ich weiß wirklich noch nicht so viel! Eine Sache, die ich vor dieser Arbeit nicht bemerkt hatte, ist, dass selbst kleinste Details wie die Farbe eines Radwegs, die Größe einer Straße, die für Gebäude verwendeten Materialien oder sogar die Laternenpfähle auf subtile Weise zur Identität der Landschaften beitragen.

Ausstellung

Du hattest 2019 eine Ausstellung im Fotomuseum Den Haag. Wie waren die Reaktionen auf die Serie?

Ja, 2019 hingen in der Einzelausstellung 17 großformatige Fotografien aus der Serie. Sie wurden zusammen mit Texten aus dem Buch „New Dutch Views“ präsentiert und waren über den Raum verteilt. Einige Leute standen den Bildern sehr kritisch gegenüber, insbesondere auf Grund meiner technischen Herangehensweise an die Fotografie, die als ungewöhnlich und nicht so „neutral“ angesehen werden kann, wie es im Dokumentargenre häufig der Fall ist.

Du weißt natürlich um das sehr reiche Erbe großer deutscher Meister*innen der Dokumentarfotografie. Ich bewundere ihre Arbeiten, etwa die von August Sander und Bernd und Hilla Becher, sehr. Doch obwohl ich sie bewundere, interessiere ich mich aber auch für eine andere Art von Atmosphäre und Darstellung der „Realität“.

Einige Leute, insbesondere Profis und Fotograf*innen, fanden „New Dutch Views“ zu „schön“, „idealistisch“ oder „surreal“. Ich nehme das eher als Kompliment an. Viele Zeitungen, Foto- und Kunstmagazine schrieben sowohl in den Niederlanden als auch im Ausland über die Ausstellung. Lehrkräfte an Universitäten sowie an Grundschulen sprachen in Klassenzimmern darüber. Die Bilder erreichten ein viel größeres Publikum als ich jemals erwartet hätte.

Vielen Dank für Deine Zeit, Marwan. Ich wünsche Dir noch viel Erfolg mit der Serie und freue mich auf die Aussichten aus deutschen Moscheen.

Dieses Interview wurde von Katja Kemnitz für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

2 Kommentare

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  1. … da sieht der fotograf mal wieder, dass er/sie sein ding machen sollte!! zu schön, zu idealistisch … surreal??! das wichtigste ist, dass die bilder eine grosses publikum erreicht, unabhängig davon, was die „konkurrenz“ davon hält … die meisten von ihnen machen andere mit tollen, individuellen konzepten, zunichte … ich habe keine ahnung warum?!!