04. November 2019 Lesezeit: ~6 Minuten

Rezension: „Animals“ von Steve McCurry

Internationale Bekanntheit erreichte Steve McCurry durch seine Reportage „Intervention in Afghanistan“, die die Zeit des sowjetischen Engagements an der Seite der machthabenden Putschist*innen gegen diverse Mujaheddin-Gruppen in den 1980er Jahren dokumentiert. Vielen Menschen ist das Portrait des „Afghanischen Mädchens“ bekannt, das 1985 das Cover des National Geographic Magazins zierte.

Auch wenn ich dieses Bild sehr wohl kannte, bin ich auf das weitere Schaffen von Steve McCurry erst durch eine Ausstellung zum Thema Buddhismus aufmerksam geworden. In der Völklinger Hütte waren in Verbindung mit einer historischen Buddhismus-Ausstellung 30 Fotos in einem Format von etwa 2 x 3 m Größe ausgestellt, die durch ihre lebendige Farbigkeit einen tollen Kontrast zu den grauen Betonwänden der eindrucksvollen Industriekulisse bildeten.

Die leuchtenden, kräftigen Farben der McCurry-Bilder lassen seine Themenwelten und Motive lebendig und authentisch wirken, ohne bunt und kitschig zu sein. Bis zum Produktionsende hat McCurry mit Kodachrome-Filmen gearbeitet, er verfügt über ein Archiv von mehr als 800.000 Kodachrome-Dias.

aufgeschlagenes Buch

McCurrys Hauptinteresse gilt den Menschen mit ihrer typischen Kleidung, sichtbarem und authentischem Umfeld, passenden Gegenständen, erkennbaren Örtlichkeiten und Hintergründen. Viele seiner Portraits werden erst dadurch zu dem, was sie sind.

In vielen Situationen ist der Mensch in seinem beruflichen Umfeld, in seinem Alltag oder in seiner Freizeit umgeben oder begleitet von Tieren. So hat er auch Menschen mit Tieren und Tiere allein fotografiert. Diese Fotos hat McCurry nun zusammengestellt und im Buch „Animals“ veröffentlicht. Um es direkt zu sagen: Wer ein Tierbestimmungsbuch oder ein Hochglanz-Tierpark-/Wildlife-Beauties-Buch erwartet, der wartet umsonst. Die Tiere in „Animals“ sind aus dem Leben gegriffen, ungeschönt, alltägliche Tiere, die McCurry bei seinen Reportagen in den jeweiligen Regionen vorfand.

McCurry erzählt Geschichten in Bildern, so dass im Buch die Rolle der Tiere – als Partner, Freunde, Arbeitstiere, Besitz oder Statussymbol – oder auch ohne Menschen – anders gesagt: an Stelle des Menschen – dargestellt wird. Sie nehmen teils gewichtige Rollen im sozialen Gefüge ein, teils sind sie zunächst nur Beiwerk. Oft sind sie erkennbare Individuen mit Gefühlen, Würde und sozialem Stand, manchmal auch die alleinigen Hauptakteure im Bild. So sind beispielsweise Fotos von Tieren enthalten, die sich in kriegszerstörten Gebieten bewegen und sich in dieser vom Menschen verursachten Ödnis in ihrer Freiheit erst orientieren müssen, um zu überleben.

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Das Buch zeigt eine bunte Auswahl sehr unterschiedlicher, ausdrucksstarker Bilder, insbesondere wenn das Verhältnis von Mensch und Tier unmittelbar im Bild dargestellt wird. Bilder, die Mensch und Tier als Partner zeigen, sind besonders emotional ansprechend, denn häufig übernehmen hier Tiere die Rolle eines anderen Menschen als Partner.

In einigen Bildern ergeben sich humoristische Elemente, da man Mensch und Tier in Rollen sieht, die man eigentlich so nicht erwartet. Hunde, die mit dem Menschen gemeinsam in die Lektüre der Zeitung vertieft zu sein scheinen, oder einen Affen, der dem Menschen kritisch beim Malen von Zeichen beobachtet. Auch Parallelitäten, wie das doppelstöckige Schläfchen mit ähnlicher Pose von Mensch und Hund, verursachen ein Schmunzeln.

Es sind Fotos zu sehen, in denen das Tier Schutz und Zuflucht beim Menschen sucht, versorgt und behütet wird. Genauso sind aber auch Bilder zu sehen, in denen der Mensch sich in die Geborgenheit eines Tieres begibt, wie ein Junge, der sich an ein Rind kuschelt und schläft. Die enge, über Jahrtausende gewachsene Verbindung zwischen dem Menschen und den Haus- und Nutztieren wird in vielen Bildern deutlich. Manchmal sind die Tiere auch nur Zierde ihrer Besitzer*innen, wie der rosa Pudel auf dem Boulevard oder die Reptilien auf den nackten Oberkörpern junger Männer.

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Einzelne Bilder habe ich über einen längeren Zeitraum betrachtet, um die Szene nach und nach in Gänze zu erfassen, nach einem kurzen Blick sieht man zwar das Hauptsujet, aber es verbergen sich in den Bildern häufig weitere Informationen, die das Bild erst komplettieren. Mich regen viele der Bilder zum Nachdenken an: Was sehe ich eigentlich genau? Sehe ich das, was der Fotograf mir zeigen möchte oder gibt es noch eine Geschichte im Bild, die ich entdecken kann?

Das Buch ist für mich nicht nach dem ersten Anschauen abgelegt, ich nehme es immer wieder und suche mir ein Bild aus, das ich dann für mich genau betrachte und versuche, das Gesehene zu analysieren. Ich denke, das kann ich auch für eine lange Zeit immer wieder mal machen, ohne dass Langeweile aufkommt – dafür sind die Bilder einfach zu vielfältig.

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Insbesondere das Titelbild als Initial lässt bei mir eine ganze Geschichte ablaufen. Ich fühle mich sehr unmittelbar in das Dschungelbuch versetzt, seine Charaktere ziehen vor meinem geistigen Auge auf.

Das hochwertige Papier des Buches hat eine eher seidenmatte, ganz leicht strukturiert wirkende Oberfläche. Die Strukturen, Kanten und Flächen sind detailreich, aber nicht aufdringlich und übertrieben abgebildet. Ein wenig fühlt man sich auch bei den neueren Bildern in analoge Zeiten versetzt. Der Verzicht auf Hochglanz in Verbindung mit einer eher sanften Farbigkeit unterstreicht die Ruhe, die man zum Genießen des Buches haben sollte. Spiegelungen treten kaum auf, aber man sollte eine ausgewogene Beleuchtung zum Betrachten der Bilder haben.

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Das knapp über dem DIN-A4-Format liegende Buch hat einen hochwertigen Einband mit Prägeschrift und Schutzumschlag. Es ist in Fadenbindung gefertigt und lässt sich sowohl gut umblättern als auch aufschlagen. Neben vielen DIN-A5-Bildern sind auch ganz- und doppelseitige Bilder enthalten.

Das Buch enthält nur sehr wenig Text. Ein paar einleitende Worte des Fotografen, einige passende Zitate, alles auf Englisch, das war’s. Meiner Ansicht nach reicht das auch, denn die Fotos im Buch sprechen für sich.

Am Ende ist zu einigen Fotos noch eine zusätzliche kurze Information auf Englisch, Deutsch und Französisch enthalten. Dies ist für mich das einzige kleine Manko: Ich hätte mir noch zu einigen weiteren Bildern zumindest ein klein wenig mehr Information am Ende des Buches oder als Einleger gewünscht.

Ich persönlich kann dieses Buch allen Fans reportageartiger Fotografie empfehlen, für die Fans der Fotografie von Steve McCurry ist es fast schon ein Must-have.

Informationen zum Buch

„Amimals“ von Steve McCurry
Sprache: Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 252
Maße: 24,6 x 33,5 cm
Verlag: Edition Patrick Frey
Preis: 50 €


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