08. Mai 2019 Lesezeit: ~5 Minuten

Bitte fotografiere die Beerdigung unseres Kindes

Einen Menschen zu verlieren, ist immer hart, denn jede*r geht doch irgendwie zu früh. Das eigene Kind zu verlieren, kann nur die Hölle sein. Es ist der ultimative Albtraum aller Eltern, das gänzlich Unvorstellbare. Und wann immer man es hört oder liest oder erzählt bekommt, hat man eine leise Ahnung vom Wahnsinn, eine Idee davon, wie unerträglich es wäre, wenn es einem passiert.

Und manchmal ist man auf einmal ganz nah dran und erlebt, wie eine Familie von der Katastrophe heimgesucht wird, sieht mit eigenen Augen, wie das Leben anderer Menschen von einer Sekunde auf die nächste auseinanderbricht.

Bitte fotografiere die Beerdigung unseres Kindes – es ist uns so wichtig.

Ein paar Worte, die mich erst einmal wie ein Blitz getroffen haben. Und mein Kopf, der hatte die Antwort sofort parat: Nein. Auf keinen Fall. Das kann ich nicht und das mache ich nicht. Ich meine, ich bin Mutter. Ich habe zwei Kinder und weiß genau, dass meine Welt zusammenbrechen würde, wenn ich eines von ihnen beerdigen müsste. Ich weiß, wie es sich anfühlt, Kinder zu haben, sich um sie zu sorgen, mit ihnen zu leiden und so sehr zu lieben, dass es manchmal fast weh tut. Den Gedanken, eines von ihnen zu verlieren, den kann und möchte ich gar nicht zu Ende denken.

All diese Gedanken schossen mir in Lichtgeschwindigkeit durch den Kopf. Dann aber kam der nächste Gedanke, der lautete: So, so. Weil Du es nicht ertragen könntest, nimmst Du Dir das Recht heraus, das abzulehnen. Da sind Menschen, die gehen gerade durch die schlimmste Zeit ihres Lebens und Du denkst über Deine Befindlichkeiten nach? Das kann ja nicht Dein Ernst sein.

Also habe ich zurückgeschrieben, dass ich da sein werde.

Nun, ich möchte das nicht öfter tun. Den Schmerz und die Trauer von Eltern so unmittelbar und körperlich zu spüren, die Verzweiflung in den Momenten, in denen die Wahrheit realisiert wird, in denen man sich gerade nicht in etwas flüchten kann. Das Entsetzen und das Unverständnis, das mit der Frage einhergeht: Wie geht es denn jetzt weiter? Wie kann es denn überhaupt weitergehen? Die Hilflosigkeit, die man selbst spürt, weil man genau weiß, dass man nichts tun kann, um den Eltern und der Familie etwas vom Schmerz zu nehmen. Wenn die einzigen Worte, die man sagen kann, lauten: Mir fehlen die Worte.

Aber ich denke, dass wir darüber sprechen müssen. Darüber nachdenken müssen, warum es so wichtig ist, auch eine Beerdigung zu fotografieren. Dass wir den Wunsch, Bilder davon zu haben, nicht verurteilen und es auch nicht merkwürdig finden sollten.

Wir machen Bilder, um uns zu erinnern. Und nun kann man sich fragen: Möchten wir uns daran erinnern, wie wir einen geliebten Menschen beerdigt haben? Und die Antwort lautet: Ja. Beerdigung, das bedeutet Abschied nehmen. Es ist das Ende eines Kapitels. Und wie auch immer dieses Kapitel ausgesehen hat, es kommt nicht zurück. Sich den Abschied immer wieder ansehen zu können, irgendwann, das ist wichtig und kann helfen, zu verarbeiten.

Zu sehen, wer da war, um sich zu verabschieden, zu sehen, dass man im Schmerz nicht allein war, zu sehen, wie auch von anderen getrauert wurde, welche Ehre dem verstorbenen Menschen erwiesen wurde – das alles kann für Hinterbliebene so wichtig sein.

Und ich bin überzeugt davon, dass meine Entscheidung gut war. Allerdings – auch das muss ich zugeben – würde ich mit etwas Abstand betrachtet heute anders fotografieren.

Damals war es meine Priorität, unauffällig zu sein, keinesfalls pietätlos zu wirken. Ich habe mich konzentriert auf das „Drumherum“, auf die liebevollen Botschaften, die Blumen, die Luftballons, habe viele Details gezeigt. Ich habe vermieden, die trauernden Menschen direkt zu fotografieren. Nur von Weitem, nur in Gruppen.

Natürlich würde ich auch heute darauf achten, keinesfalls pietätlos zu wirken oder zu stören. Aber ich würde meinen Fokus mehr auf die Menschen legen als bei meiner „ersten“ Beerdigung. Ich würde – genau wie bei meinen normalen Familienreportagen – den Fokus darauf legen, die Gesamtsituation zu erfassen. Mit Respekt, mit Empathie.

Aber auch mit der Gewissheit: Ich bin dort, weil man mich dort haben wollte. Für die Menschen, die mich gebeten haben, zu fotografieren, bin ich kein Störfaktor. Ich bin auf ihren Wunsch hin da, um die Geschichte dieses Abschieds zu erzählen. Und heute würde ich Wert darauf legen, diese Geschichte vollständig zu erzählen. Mit allen Facetten und mit allen Emotionen, die dazu gehören.

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10 Kommentare

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  2. Auch bei so einem Artikel fehlen mir – ein bissl – die Worte. Auch und gerade, weil Du so unaufwendig und direkt schreibst, dass es fast schon wieder literarisch ist und ich mir das durchlesen kann, ohne dass es mir gleich mit allen Fäusten ins Herz geht. Ich bin schon manchmal um „Dein Sternenkind“ herumgeschlichen, weil ich, gerade oder obwohl ich vier Kinder habe, irgendwie denke, ich muss das machen. Ich könnte das – rein technisch – machen. Ich würde was… geben. Und doch schaffe ich das nicht. Bis jetzt.

    Naja, ich will sagen: Ich werde über das, was Du da schreibst, heute noch eine Weile nachdenken. Danke.

  3. Sehr beeindruckend, danke dafür!
    Sich in so Augenblicken fotografieren lassen zu wollen, finde ich echt lebensbejahend und mutig.
    An der Aussage, dass wir Bilder machen, um uns zu erinnern, bin ich irgendwie hängen geblieben. Ich denke zu wissen, wie es gemeint ist, aber ich glaube, es ist nur ein kleiner Teil der Motivation.
    Herzlich grüßend, Dirk

  4. Ich bin Pfarrer und habe schon einige rund um die Geburt verstorbene Kinder beerdigt, bzw den Eltern als Notfallseelsorger seelische erste Hilfe geleistet. Ich kann jedes Deiner abwehrenden Gefühle vollkommen nachempfinden.
    Vor Jahren als meine eigenen Kinder noch klein waren und ich innerhalb weniger Wochen zwei Elternpaare nach einem plötzlichen Kindstod begleitet habe, habe ich ein langes Supervisionsgespräch gebraucht, um den Klumpen von Trauer aus meinem Bauch wieder los zu werden. Heute, wenn ich ein Kind beerdigt habe, muss ich mir per Kurznachricht von meinen jetzt erwachsenen Kindern bestätigen lassen, dass sie wohlauf sind. So ein Todesfall macht wirklich reine Panik. Man möchte fliehen und sich in Sicherheit bringen.
    Um so mehr brauchen die betroffenen Eltern es, dass wir dem Impuls Stand halten und mit ihnen durch den Schmerz gehen.
    Zwei Elternpaare, die ich in diesem Jahr betreut habe, haben einen Sternenkindphotographen gebeten, ihre toten Babies zu photographieren. Sie wollten unbedingt, dass ich die Bilder an sehe. Ich habe mich gezwungen, das zu tun. Obwohl ich aus Erfahrung weiß, dass Tote eigentlich kein schlimmer Anblick sind, habe ich mich davor sehr gefürchtet – und hinterher gemerkt, dass das den Eltern gut getan hat. Von daher denke ich, dass Du Deinen Freunden auch einen sehr wertvollen Dienst erwiesen hast. Du hast ihnen tragen geholfen.
    Mein großes Problem bei dieser Art von Beerdigungen ist, dass ich meine liebe Not habe, überhaupt ein verständliches Wort an dem Kloß in meinem Hals vorbei zu bugsieren. Das hört man mir auch an. Inzwischen stehe ich dazu. Es ist wichtiger, dass die Familie meine Gefühle mit bekommt, als das jeder Satz perfekt artikuliert rüberkommt, denke ich mir. Von da her würde ich sagen: Mach Dir wenig Gedanken über die Art Deiner Photographie bei diesem Anlass. Wie Du mit anderen Worten schreibst: Deine Bilder drücken aus, dass Du da warst, dass Du Anteil genommen hast, dass Du Deine Angst vor der Nähe so eines Todes besiegt hast. Das zählt am Ende.

  5. Wir hatten ebenfalls eine ähnliche Situation. Als vor einigen Jahren meine Großeltern gestorben waren und die restliche Familie wusste, dass wir den familiären Mittelpunkt fortan in ein anderes Bundesland verlegen werden würden, wollten wir uns nicht nur beim Grabbesuch an alles Erlebte zurückerinnern. Freilich, sterben auch ältere Menschen, ist es ein großer Verlust, jedoch hatten in dem Fall meine Großeltern ein langes und erfülltes Leben – ein gravierender Unterschied – der einem bei vielem hilft. Mir selbst hat das während der Fotografie geholfen. Ich war zu der Zeit jung und hatte bereits Fotografieerfahrung. Was ich nicht hatte war eine Idee von der Umsetzung der fotografischen Arbeit mit dem gebotenen Respekt und einer Portion Würde. Es war im Nachhinein für mich so, dass ich auf Grund der familiären Verbundenheit durch das Fotografieren meine Art der Trauer zum Ausdruck bringen konnte. Ich habe die Bilder, das merkte ich während des Arbeitens, nicht mehr für uns, sondern für meine Großeltern selbst gemacht. Es entstanden Bilder mit Details, mit Gefühl und Ausdruck. Was nicht entstand, dass waren Portraits. Das fühlte sich für mich zur damaligen Zeit in der Situation falsch an. Auch keine „Abschüsse“ mit dem Tele. Ich arbeitete mit einer 50mm Festbrennweite und ausschließlich natürlichem Licht. Schauen wir uns die Bilder heute an, dann sind wir froh über die Entscheidung sie gemacht zu haben.
    Fotografisch geprägt hat mich dieses Ereignis zudem auch nachhaltig. Seit dieser Zeit bin ich der Streetfotografie verfallen.
    Bei uns in der Region war es allerdings auch nicht unüblich Beerdigungen zu fotografieren – das muss man dazu sagen. Das hat sicher nochmals geholfen. Einige Zeitungsfotografen bei uns haben so damals ihren Berufseintritt in die Fotografie bestritten.

  6. Katja, große Anerkennung, dass du diesen Artikel hier veröffentlichst!

    Ebenso an Stephanie, diese persönlichen Eindrücke und Gefühle zu offenbaren.
    Das veranlasst mich und hilft mir auch, hier etwas sehr persönliches zu schreiben.

    Beim Lesen war ich in Gedanken immer beim Abschied von meiner Frau. Nach 13 Jahren mit einer schrecklichen, unheilbaren Krankheit konnte sie vor 1 1/2 Jahren sterben. Ich hatte also sehr lange Zeit, mich darauf vorzubereiten. Ich finde es schrecklich, wie in unserer Gesellschaft die Gestorbenen unmittelbar nach dem Tod im Sarg abtransportiert werden. Ich gehe davon aus, dass dieser Vorgang des Sterbens nicht mit dem letzten Atemzug abgeschlossen ist. So habe ich mich schon lange vorher entschlossen, dass meine Frau die zulässige Zeit von zwei Tagen bei mir bleiben kann. Sie lag also die Zeit bei mir aufgebahrt im Wohnzimmer und hatte ihre schönsten Kleider an, mit denen sie so gerne getanzt hat. Ich habe den Abend „mit ihr“ einen Film gesehen, den sie schön fand. Auch konnte die Familie in dieser privaten Umgebung von ihr Abschied nehmen. Natürlich hatte ich große Bedenken, ob ich es aushalten würde, ich habe es gut ausgehalten.

    Zur Fotografie: ich habe sie auch dort fotografiert, weil ich wenigstens später die Möglichkeit haben möchte, die Bilder anzusehen. Wenn sie nicht gemacht wurden, ist es für immer zu spät. Ich habe sie danach nur kurz angesehen und seit dem nicht mehr.

    Die Trauerfeier fand in einem kleinen Raum nur mit der Familie statt. Es war also niemand dabei, der uns etwas aus dem Leben meiner Frau erzählte, was wir ihm vorher mitgeteilt hatten. Ich hatte über 100 Bilder aus ihrem und unserem Leben zusammen gestellt und wir habe diese uns mit einem Beamer angesehen. Es waren auch viele lustige und komische Bilder und Situationen dabei und wir haben auch manchmal herzlich gelacht. Sie war mitten unter uns.

    Jetzt liegt das wenige, was von ihrem Körper noch da ist (nicht sie) unter einer jungen Magnolie, das meiste von ihr ist aber in mir und ihrer Tochter.

    Warum ich etwas so persönliches hier öffentlich schreibe, kann ich schwer sagen. Es sollte einfach raus und hilft mir auch. Und vielleicht hilft es auch anderen, mit so einer Situation umzugehen.
    Vielen Dank.
    dierk