Bilder in einem Gestell aufgehängt.
27. August 2018 Lesezeit: ~7 Minuten

Technological Singularity

Es war einmal ein kluger Höfling, der seinem König ein kostbares Schachbrett schenkte. Der König war über den Zeitvertreib sehr dankbar, weil er sich mit seinen Ministern bei Hofe oft ein wenig langweilte. So sprach er zu seinem Höfling: „Sage mir, wie ich Dich zum Dank für dieses wunderschöne Geschenk belohnen kann. Ich werde Dir jeden Wunsch erfüllen.“

Nachdenklich rieb der Höfling seine Nase. Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er:

Nichts weiter will ich, edler Gebieter, als dass Ihr das Schachbrett mit Reis auffüllen möget. Legt ein Reiskorn auf das erste Feld und dann auf jedes weitere Feld stets die doppelte Anzahl an Körnern. Also zwei Reiskörner auf das zweite Feld, vier Reiskörner auf das dritte, acht auf das vierte und so fort.

Abstrakte FarbenTechnische Apparatur

Der König war erstaunt.

„Es ehrt Dich, lieber Höfling, dass Du einen so bescheidenen Wunsch äußerst“, sprach er. „Er möge Dir auf der Stelle erfüllt werden.“ Der Höfling lächelte, eine Spur zu breit vielleicht, und verneigte sich tief vor seinem Herrscher.

Sofort traten Diener mit einem Sack Reis herbei und schickten sich an, die Felder auf dem Schachbrett nach den Wünschen des Höflings zu füllen. Bald stellten sie fest, dass ein Sack Reis gar nicht ausreichen würde und ließen noch mehr Säcke aus dem Getreidespeicher holen.

Technisches GebildeApparatur

64 Felder hatte das Schachspiel. Schon das zehnte Feld musste für den Höfling mit 512 Körnern gefüllt werden. Beim 21. Feld waren es schon über eine Million Körner. Und beim 64. Feld stellten die Diener fest, dass es im ganzen Reich des Königs nicht genug Reiskörner gab, um es aufzufüllen. Mit seinem Wunsch wurde der Höfling zum reichsten Mann im ganzen Land und der König wünschte, er hätte ihm nie etwas geschuldet.

Diese urbane Legende ist eine beliebte Metapher für die digitale Revolution und den Begriff der technologischen Singularität, mit dem wir uns im Rahmen unserer Bachelor-Abschlussarbeit beschäftigt haben. Die Geschichte verdeutlicht die Beobachtung, dass sich Technik und Wissenschaft seit Anbeginn der Menschheit immer rascher weiterentwickeln und einem exponentiellen Wachstum folgen.

Roboterkopf mit Augen und Mund.Spiegelung einer Frau mit Haus.

Die Beschleunigung der Gesellschaft durch den kontinuierlichen technischen Fortschritt führt zur allmählichen Übertragung der Macht an die Maschine. Das unaufhaltsame technologische Rennen ist ein Streben nach der Idee des Fortschritts und der Glaube, dass Glück dadurch erreichbar ist. Immer durchlässiger werden die Grenzen zwischen Außen und Innen, realer und virtueller Welt.

Digitale Daten werden zum Rohstoff der Zukunft, Menschen zu Schnittstellen in einer total vernetzten Welt und zu Objekten algorithmischer Bewertung degradiert. Die Gesellschaft entwickelt sich zu einem fremdgesteuerten, digitalen Panoptikum, in dem sie nicht nur gefangen, sondern vielmehr selbst Täter ist.

Bilder in einem Gestell aufgehängt.

Wir befinden uns in einer Leistungsgesellschaft, die permanent nach Fortschritt strebt – doch was bedeutet es für die Gesellschaft, sich stetig selbst zu verbessern? Je mehr Technik wir einsetzen, desto mehr können wir. Und je mehr wir können, desto mehr wird von uns erwartet. Je mehr, desto besser. In diesem System ist der Mensch die Schwachstelle. Sind Maschinen also die besseren Menschen?

Unsere installative Abschlussarbeit ist in zwei Teile unterteilt: Während sich der äußere Teil des 2,50 m großen Aluminium-Kubus mit der allmählichen Verschmelzung von Mensch und Maschine auseinandersetzt, taucht der Betrachter im inneren, interaktiven Virtual-Reality-Teil in eine künstliche Welt aus Fotografien ab und wird damit selbst zum Teil der Installation. Er bekommt die Ambivalenz der Digitalisierung zu spüren, die seit Jahrzehnten zwischen Utopie und Dystopie, zwischen der Hoffnung auf eine bessere, technisierte Welt und der Angst vor der Entmündigung des Menschen schwankt.

Junge mit ganz glatter Haut.Mädchen mit ganz glatter Haut.

Den beiden Portraits liegt die Inszenierung einer posthumanen Rasse zugrunde, die wir durch gezielte Bildmanipulation erreichen. Die Gesichter werden zu einer perfekten Oberfläche, man blickt in glatte und leere Gesichter, die einen androiden Charakter bekommen und an futuristische Dystopien erinnern lassen. Sie wirken skulptural, festgefroren und emotionslos. Den Portraits gegenüber stellen wir Fotografien von Maschinen und Robotern, die unser modernes Leben prägen.

Durch die inhaltliche Dekontextualisierung und die fotografische Reduktion treten die einzelnen Funktionen in den Hintergrund und das perfekte Äußere erscheint wichtiger, aus Formen und Strukturen erwachsen Kraft, Energie und Bewegung und die Maschinen bekommen menschliche Züge. Die unmittelbare Gegenüberstellung hat zur Folge, dass die Betrachter*innen die Bilder miteinander zu vergleichen beginnen und ein Zusammenspiel von digital und analog, von Körper und Technik, von Material und Entmaterialisierung entsteht.

Uns war es wichtig, die neuen Technologien, mit denen wir uns ohnehin inhaltlich auseinandersetzen, auch formal für unsere Installation zu nutzen und selbst auszuprobieren, welche Möglichkeiten dabei für das Medium Fotografie entstehen. Das Medium der virtuellen Realität gehört definitiv zu einer dieser neuen Technologien. Mit dem Aufsetzen der VR-Brille beteten die Betrachter*innen einen virtuellen Raum innerhalb der Installation und tauchen in eine digitale Landschaft ein.

Man sieht sich konfrontiert mit einer raumfüllenden Fotocollage, die die Dynamik, Simultanität und Komplexität unserer digitalen Gesellschaft symbolisiert und die Wahrnehmung von Realität und digitaler Fotografie hinterfragt. Durch das Verändern von Standpunkt und Blickwinkel verschmelzen Einzelbilder miteinander und ergeben immer neue Kompositionen und Erzählstränge. Die Grenzen zwischen den Bildern und zwischen den Betrachter*innen und dem Raum verschwimmen, alles wird miteinander vernetzt.

Computerbildschirm mit Abbildung einer Frau.Viele Überwachungskameras an einem Pfahl.

Durch die 360°-Darstellung und zusätzlichen technoiden Sound geraten die Betrachter*innen in einen Sog und verlieren das Gefühl für die Realität und den echten Raum. Allein durch das Übertragen des Aluminium-Kubus in die virtuelle Welt bleibt ein minimaler Bezug zur Realität.

Als Kinder der 90er Jahre sind wir mit der Digitalisierung aufgewachsen und haben uns bereits in einigen vorherigen Projekten mit Thematiken beschäftigt, die sich irgendwo zwischen Wissenschaft, Technik und Gesellschaft sowie deren gegenseitigen Auswirkungen aufeinander einordnen.

Wir sind eine Generation, die sich in einer Grauzone der technologischen Evolution befindet: Zum einen erinnern wir uns nostalgisch an eine Zeit ohne technische Geräte, zum anderen werfen wir einen neugierigen Blick in die Zukunft mit ihren Visionen und Szenarien. Unser Standpunkt auf all das ist zwiegespalten und genau das ist es, was wir mit der Arbeit zum Ausdruck bringen möchten: Wir versuchen, die einhergehenden Ängste zu visualisieren und ihnen unsere Faszination für die neue Technik gegenüberstellen.

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1 Kommentar

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  1. Eine tolle Arbeit mit viel Verstand für die Ambivalenzen der Digitalisierung. Sympathisch aber auch, dass hier neben allen Gefahren, so habe ich es jedenfalls gelesen, nicht der Abgesang des Humanismus herbeigefürchtet wird, sondern die Frage anklingt, wie wir mit der Technologieentwicklung weiter umgehen wollen. Ein Zurück wird es kaum geben. Deshalb tut Aufklärung not, um die fotografischen Techniken mit ihren besonderen Realitätsdarstellungen bewusst und kontrolliert einzusetzen. Danke!