28. April 2018 Lesezeit: ~7 Minuten

Ich bin von der Lochkamera wie besessen

Morgen ist es wieder soweit, am letzten Sonntag im April wird der 18. Worldwide Pinhole Photography Day (WPPD) (zu Deutsch: Weltweiter Tag der Lochkamera-Fotografie) ausgerufen. Eine gute Gelegenheit, dem Thema etwas mehr Beachtung zu schenken. Als kleine Inspiration hat sich das Bildrechtsportal Copytrack mit Moni Smith über Lochkamerafotografie unterhalten.

Lochkamerafotografie ist eine herausfordernde, aber auch aufregende Technik. Sie wird bereits seit über 100 Jahren praktiziert und ist ziemlich genau das, wonach es klingt. Für einen besseren Einblick in diese unkonventionelle Art von Fotografie hat Copytrack mit der Lochkamerafotografin Moni Smith gesprochen:

Die Fotografie begleitet Dich schon eine ganze Weile. Wie bist Du das erste Mal mit der Lochkamerafotografie in Berührung gekommen und was hat Dich dazu gebracht?

Vor zirka zehn Jahren hat ein Freund von mir einige seiner Lochkamerafotografien auf Flickr veröffentlicht und ich war davon total fasziniert. Die Bilder hatten eine sehr verträumte Wirkung und zogen mich sofort in ihren Bann. Bis vor fünf Jahren habe dann jedoch nicht mehr an Lochkamerafotografie gedacht.

Zu diesem Zeitpunkt wechselte ich von digitaler Fotografie zur analogen Herangehensweise und freundete mich mit vielen Filmfotograf*innen auf der ganzen Welt an, deren Blogs und Social-Media-Kanäle ich verfolgte. Ein paar von ihnen veröffentlichten Lochkamerabilder und ich erinnerte mich an die Fotos, die ich vor zehn Jahren gesehen hatte.

Ich wollte mehr über die Technik erfahren, also habe ich einen Kurs bei Zeb Andrews besucht, einem bekannten und sehr talentierten Lochkamera-Fotografen hier in Portland, Oregon. Seitdem bin ich wie besessen von der Lochkamera-Fotografie.

Ausstellung

Kannst Du uns erklären, was Lochkamerafotografie überhaupt ist und welchen Einfluss die Technik auf das Ergebnis hat?

Eine Lochkamera ist im Wesentlichen eine Schachtel mit einem Loch drin. Einige Menschen kennen vielleicht Pinhole-Viewer, die bei totalen Sonnenfinsternissen verwendet werden. Eine Lochkamera funktioniert auf die genau gleiche Weise. Auf einer Seite der Schachtel befindet sich ein nadelgroßes Loch und auf der anderen Seite etwas, um das Bild einzufangen (Film oder Fotopapier).

Die Lochblende hat eine sehr kleine Öffnung. Die meisten meiner Kameras haben Blenden, die etwa f/135 groß sind. Um die kleine Blende auszugleichen, muss man längere Belichtungszeiten einplanen. Mit diesem Aspekt lässt sich viel herumspielen, was wirklich Spaß macht. Man könnte am helllichten Tag eine Szene aufnehmen, die über fünf Sekunden lang ist und dabei etwa die Bewegung einer Menschenmenge oder die Unschärfe der Äste eines Baumes aufzeichnen, wenn der Wind durch sie bläst.

Es ist wirklich toll, ein Foto vorzubereiten und nicht genau zu wissen, was letztendlich dabei herauskommt. Eine weitere wirklich interessante Sache bei kleineren Blenden ist, dass eine sehr tiefe Schärfentiefe erzeugt wird, sodass alles innerhalb des Bildes extrem scharf zu sehen ist.

Was sind Deiner Meinung nach die größten Vorteile der Lochkamerafotografie?

Ich liebe es, dass die Technik sehr einschränkend ist. Man muss sich lediglich für einen Film entscheiden, den man verwenden will. Doch sobald der Film erst einmal in der Kamera ist, muss man mit dner Entscheidung leben. Das ganze Tüfteln an der Szene fällt weg, nichts soll von der Komposition der Einstellung ablenken.

Das Einzige, worum man sich kümmern muss, ist die Komposition. Ich habe das Gefühl, dass ich so mehr darauf achten kann, wovon ich hier überhaupt mein Foto mache. Die starke Einschränkung bringt mich irgendwie dazu, kreativer zu sein. So ähnlich, wie ein Dichter auf ein bestimmtes Format seiner Gedichte beschränkt ist, wie ein Sonette oder ein Haiku.

Außerdem liebe ich, dass es mich runterbringt. Die notwendigen Belichtungszeiten an den Orten, die ich gern fotografiere (vor allem im Wald), können recht lang sein – aber ich genieße die Wartezeit!

Boot an einem See

Hast Du ein Lieblingsmotiv?

Ich liebe es, Menschenmengen zu fotografieren. Es macht einfach Spaß, die Unschärfe, die durch die Bewegung der Leute entsteht, einzufangen. Außerdem liebe ich das Fotografieren im Wald, weil ich hier den Großteil meiner Freizeit verbringe.

Wo siehst Du die größten Herausforderungen in der Lochkamerafotografie?

Meines Erachtens ist die größte Herausforderung, dass man mit Film arbeiten muss. Das kann eine Herausforderung sein, wenn man an sofortige Befriedigung gewöhnt ist. Außerdem entstehen dadurch einige Kosten: Der Film muss gekauft und entwickelt werden; wenn man selbst zu Hause entwickelt, muss man viel Zeit einplanen. Zu lernen, wie man all diese Dinge tut, ist eine Herausforderung – doch es lohnt sich!

Überdies ist die Lochkamerafotografie eine ganz andere Art zu fotografieren als die digitale Fotografie und auch das Ergebnis ist ein ganz anderes. Man muss lernen, etwas Kontrolle über den ganzen Prozess abzugeben. Die Ergebnisse sind nicht immer die, die man sich erwartet. Das kann auch eine große Herausforderung darstellen.

Surreales Bild

Welchen Rat würdest Du jemandem geben, der darüber nachdenkt, sich näher mit der Lochkamerafotografie zu beschäftigen?

Für den Einstieg würde ich eine Kamera mit Mittelformatfilm empfehlen. Hier ist die Auflösung höher als beim Kleinbildfilm, was zu schöneren Ergebnissen führt. Dies wird Dir zu Beginn helfen, denn wie bereits erwähnt ist die Lochbildkamerafotografie mit der Digitalfotografie nicht zu vergleichen. Die Ergebnisse werden Dir auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen, weil sie komplett anders sind, als das, was wir gewohnt sind.

Wenn Du gleich mit einer Kamera mit Kleinbildfilm beginnst, wird die Bildqualität nicht so gut sein, was das Bild dann noch seltsamer erscheinen lässt und Dich womöglich frustrieren wird.

Dasselbe gilt für die Digitaltechnik. Es ist möglich, Lochbildkamerabilder mit einer Digitalkamera unter Verwendung eines Objektivdeckels zu erstellen. Das würde ich jedoch nicht empfehlen, da die Qualität der Bilder hier meistens grauenhaft ist. Sobald Du die Kamera hast und bereit bist, schieß einfach los und hab Spaß dabei! Habe keine großen Erwartungen, genieße den Prozess und die unerwarteten Ergebnisse.

Magst Du uns noch verraten, woran Du gerade arbeitest?

Derzeit stelle ich ein Projekt auf die Beine, bei dem eine Lochbildkamera um die Welt geht: Der große internationale Terrapin-Tausch. Mein Freund Todd Schlemmer besitzt einen 3D-Drucker und hat für unser Projekt eine Lochbildkamera gedruckt.

Die Kamera geht dabei zunächst an eine Person, die eine ganze Filmrolle aufnehmen wird und sie anschließend zum ersten Bild zurückspult. Dann leitet diese Person die Kamera zur nächsten Person weiter, die die Rolle dann doppelt belichtet. Dann schießt diese Person eine Rolle, spult zurück und schickt sie an eine andere Person. Die Ergebnisse werden auf der Webseite des Projekts veröffentlicht.

Dieser Artikel erschien erstmalig auf Copytrack. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung.

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