05. Mai 2017 Lesezeit: ~ 8 Minuten

Ein Fotospaziergang für Kinder

Ich habe in meinem Leben zwei große Leidenschaften: Die Fotografie und Kinder. Und gerade die Arbeit mit Kindern habe ich in meinem Alltag als Fotografin etwas vermisst. Jedes Kind ist ein ganz besonderes Individuum und hat seine ganz eigene Persönlichkeit. Ich liebe meine Arbeit, doch da ich gelernte Kinderpflegerin bin, fehlte mir immer der Kontakt zu Kindern. Irgendwann kam mir dann die Idee, Fotospaziergänge für Kinder anzubieten.

Es gibt so viele Fotografieangebote für uns Erwachsene. Aber die Kinder wurden hier selten beachtet. Der Gedanke schwelte sehr lange in mir und ein guter Freund hat mich dann dazu angeregt, es einfach zu probieren. Und ich muss sagen, es war bis jetzt jedes Mal ein voller Erfolg.

Eine Gruppe Kinder mit Kameras

Die Fotografie umfasst unheimlich viele Kompetenzen, die man mit solchen Projekten ganz ohne Druck und Stress stärken kann. Deshalb gibt es hier einen kleinen Überblick über die Bereiche, die man gezielt mit der Fotografie fördern kann:

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Dadurch, dass die Kinder sich selbst oder gegenseitig fotografieren und danach die Bilder gemeinsam betrachten, lernen sie, sich mit ganz anderen Augen zu sehen. Allgemein habe ich festgestellt, dass Kinder sehr wenig Scheu vor der Kamera haben und regelrecht scharf darauf sind, abgelichtet zu werden. Davon könnten wir Erwachsene uns gern mal eine Scheibe abschneiden, denn die Selbstwahrnehmung ist bei den Kindern noch viel leichter und unbeschwerter.

Sie lernen durchs Fotografieren, wie sie auf sich und auch andere Kinder wirken, können sich durch die Betrachtung reflektieren und nehmen Dinge wahr, die man sonst eben nur vor dem Spiegel sehen kann. Außerdem lernen die Kinder, ihre Umwelt bewusster wahrzunehmen, das Sehen wird geschult und sie lernen, mit offenem, klaren Blick durch die Welt zu gehen.

Kinder mit Kamera

Kreativität

Kreatives Schaffen steht in der Fotografie meiner Meinung nach an höchster Stelle. Die Kinder lernen hierbei, offen auf neue Dinge zuzugehen und entwickeln ganz viele tolle Ideen. Oft sind die Vorschläge, die von den Kindern kommen, so genial, dass manche*r Künstler*in dankbar dafür gewesen wäre. Es ist so wunderschön, zu beobachten, wie kreativ Kinder sind und sie bei ihrem Schaffensprozess zu begleiten. Da werden Gegenstände mit ins Bild geholt, auf die man selbst nie gekommen wäre.

Die Fotografie bietet so unterschiedliche und vielfältige Möglichkeiten für jede Altersgruppe, sich entsprechend auszuprobieren und zu entfalten. Man kann Fotos verzerren, ungewöhnliche Perspektiven ausprobieren, interessante Collagen gestalten, auf Entdeckungstouren gehen, mit verschiedenen Objektiven und Kulissen arbeiten und vieles mehr. Ihr seht also, es gibt unzählige Möglichkeiten, die Kreativität anzuregen.

Ein Kind fotografiert

Sprachfähigkeit

Auch die Sprache kommt nicht zu kurz, denn es ist wichtig, gerade bei gemeinsamen Projekten, miteinander zu kommunizieren. Man selbst kann auch ein gutes Vorbild sein und während der Projektphase die verschiedenen Schritte sprachlich begleiten. Man darf auch ruhig Fremdwörter benutzen, da diese sich den Kindern während des Tuns sehr gut einprägen können und dabei gleich Verknüpfungen aufbauen.

Auch die Betrachtungsrunden, die nach dem Projekt stattfinden, bieten eine große Spielfläche für sprachliche Erfahrungen und die Wortschatzerweiterung. Zusätzlich ist es eine riesige Motivation, zu sprechen, wenn sie ihre eigenen Bilder beschreiben und erklären dürfen.

Ein Kind fotografiert Blüten

Selbstbewusstsein

In den meisten Projekten, die ich durchführe, merke ich, dass viele Kinder, die anfangs sehr schüchtern waren, über die Zeit hinweg immer selbstbewusster auftreten. Das liegt daran, dass sie Wertschätzung für ihr Tun erfahren, wenn sie zum Beispiel ihre Bilder präsentieren. Nach jedem Projekt veranstalten wir auch immer eine kleine Vernissage, bei der die Kunstwerke den Eltern, Großeltern und anderen vorgestellt werden. Die Kinder sind jedes Mal sehr stolz, wenn sie ihre Verwandten durch die Ausstellung führen und ihre Fotos präsentieren können.

Bilder werden gedruckt

Wie geht man also am besten an so ein Projekt ran?

1. Schritt: Strecke für den Spaziergang überlegen: Es sollte ein Weg sein, auf dem es viel zu entdecken gibt. Schilder, alte Häuser, eine Pferdekoppel, ein Spielplatz, ein Blumenwiese, große Bäume etwa. Denn so bleiben die Kinder gern dabei und haben Spaß daran, immer wieder neue Dinge zu entdecken.

2. Schritt: Aufgaben stellen: Die Kinder bekommen bei mir vor dem Spaziergang vier bis fünf Aufgaben, um ihnen einen kleinen Ansporn zu geben und auch, um ihr Interesse aufrecht zu erhalten. Die Aufgaben sollten natürlich an das Alter angepasst werden. Bei mir waren es meistens Sieben- bis Neunjährige. Zum Beispiel: fotografiere fünf blaue Dinge, fotografiere etwas Weiches, etwas Altes, aus der Vogelperspektive, Froschperspektive, ein Fachwerkhaus, etwas in der Ferne, etwas Kleines, etwas Schnelles. Auch Themen wie Zahlen, Schilder, Buchstaben, Blüten und Blätter, Tiere, Schatten sind möglich.

3. Schritt: Genug Zeit einplanen: Es ist wichtig, genug Zeit einzuplanen, damit die Kinder auch ausprobieren und Dinge entdecken können. Oft bleiben die Kinder gern länger an einem Objekt stehen, um es aus verschiedenen Perspektiven zu fotografieren oder sie sind von eher unscheinbaren Sachen total fasziniert, wie einer kleinen Feder, die am Boden liegt.

4. Auf die Kinder eingehen: Da das Pädagogische an sich nicht zu kurz kommen soll, ist es wichtig, auf die Kinder einzugehen, immer wieder Fragen zum Fotografierten zu stellen und ihnen Anregungen zu geben, wenn ihnen gerade nichts einfällt oder sie sich schwer tun.

5. Bilder sichten, aussuchen, drucken und Plakat gestalten: Als letzten Schritt habe ich mit den Kindern am Ende des Spaziergangs in meinem Studio die Fotos mit mehreren Fotodruckern ausgedruckt. Ich nutze dafür den Canon Selphy . Alle waren ganz begeistert davon, wie aus so einem kleinen Gerät ihr Bild herauskommt. Ich lasse die Kinder auch in der Regel alles selbst machen, da hier Autonomie ein ganz wichtiger Faktor ist.

Ein Fotodrucker

Die Kameras wurden von den Kindern mitgebracht. Am Anfang habe ich ihnen die Grundeinstellungen kurz erklärt, damit sie problemlos damit fotografieren konnten. Die meisten Kinder hatten aber schon Erfahrung damit und haben sogar mir erklären können, wie etwas genau funktioniert. Während des Spaziergangs haben die Kinder sich auch immer wieder gegenseitig ihre Kameras gezeigt und erklärt, sodass sie voneinander lernen und profitieren konnten.

Anschließend klebten die Kinder ihre Fotos auf große Plakate. Dabei habe ich jedem Kind verschiedene Fragen gestellt, etwa wie es sich beim Fotografieren gefühlt hat, ob etwas schwer gefallen ist oder etwas richtig gut geklappt hat.

Die Kinder dürfen ihre Plakate dann noch schön verzieren, beschriften und im Anschluss mit nach Hause nehmen. Man hat richtig gemerkt, wie stolz sie auf ihre Bilder waren; gerade solche Erlebnisse stärken enorm das Selbstwertgefühl und verschaffen innere Stärke. Die Eltern sind jedes Mal begeistert, wenn sie sehen, mit wie viel Euphorie die Kinder vom Tag erzählen.

Ein Kind gestaltet ein Plakat

Ein Plakat mit Bildern

„Darum liebe ich die Kinder, weil sie die Welt und sich selbst noch im schönen Zauberspiegel ihrer Phantasie sehen.“ – Das Zitat von Theodor Storm trifft es. Das Wunderbare an all dem ist, dass Zauberspiegel für alle da sind, egal wie alt sie sind, welche Sprache sie sprechen oder welcher Religion sie angehören. Von der Unbefangenheit der Kinder kann sich so mancher Erwachsene noch etwas abgucken.

Ich selbst kann nur sagen, dass diese Projekte nicht nur die Kinder bereichern, sondern auch mich selbst. Mein fotografischer Blick hat sich seitdem sehr geändert und ich nehme auch wieder viel mehr die kleinen und unscheinbaren Dinge wahr.

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5 Kommentare

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  1. Nachahmenswert! Man kann damit nicht früh genug anfangen, Kinder werden leider zunehmend unterschätzt. Meine Tochter hat als Grundschülerin noch mit einer analogen Kamera angefangen und kam ohne Probleme mit Blende, Zeit und manueller Entfernungseinstellung zu recht.

  2. “Allgemein habe ich festgestellt, dass Kinder sehr wenig Scheu vor der Kamera haben und regelrecht scharf darauf sind, abgelichtet zu werden. Davon könnten wir Erwachsene uns gern mal eine Scheibe abschneiden, denn die Selbstwahrnehmung ist bei den Kindern noch viel leichter und unbeschwerter.” – vielleicht, weil die Kinder noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben?
    Es ist aber auch das “Recht am eigenen Bild” zu beachten.
    https://ggr-law.com/social-media-recht/faq/kinderbilder-internet-facebook-einwilligung-wer-darf-kinderfotos-veroeffentlichen-verbreiten/

  3. Ich habe meiner 6-jährigen Nichte 3. Grades (:P) meine große Canon EOS 5D mit einem 100mm L in die Hand gegeben, weil sie auch mal damit fotografieren wollte.
    Außen rum, alle: “Nein, du machst sie kaputt!!”

    Ich hab ihr erklärt, dass die Kamera nicht herunterfallen darf, da sie sonst das Glas usw. kaputt geht und man die Kamera am besten immer um den Hals hängt und gut festhält.
    Nach dieser kurzen Instruktion ging es mit dem Foto machen los.

    Am Ende war meine Kamera immer noch ganz, die Ausdrucke der Bilder hab ich per Post zugeschickt und eine Auswahl hängt in ihrem Kinderzimmer stolz an der Wand.

    Ich finde, Kinder kann man auch was zutrauen und an der richtigen Stelle dafür auch loben.

  4. Hallo!

    Ein toller Artikel. Meine Tochter ist neun Jahre alt und ich geh mit ihr die Fotografie ganz locker an. Sie fotografiert im Automatikmodus und kann sich voll und ganz auf das einlassen was sie sieht. Sie ist selbst ein eher stiller und schüchterner Mensch, geht aber beim Fotografieren voll aus sich raus. Motive die sie haben will, bekommt sie auch. Muss sie dafür einen Hang hinunterklettern, schnallt sie sich ihre Kamera um den Hals und klettert…..ohne vorher zu wissen, ob sie es auch wieder schafft hinaufzukommen. Sie erkundet für sich auf eine ganz eigene Art und Weise die Welt und….auf eine gewisse Art…schafft sie es mir auch andere Perspektiven zu eröffnen. Ich glaube ich lerne mehr von ihr…..