29. Dezember 2016 Lesezeit: ~ 8 Minuten

2016 Entdeckte Fotobuchschätze der Redaktion

Wir lieben Bildbände und Fotobücher und im Laufe des Jahres entdecken wir viel mehr, als wir im Magazin vorstellen könnten. Damit unsere Lieblinge nicht untergehen, stellen wir sie Euch in diesem Artikel vor. Bei diesen Büchern handelt es sich nicht nur um Bände, die 2016 erschienen sind, sondern auch ältere Schätze, die wir erst in diesem Jahr entdeckt haben.

Christopher Kreymborg: „A Year of Mornings“

„A Year of Mornings“ war ein typischer Zufallsfund in einem Haufen von Büchern unterschiedlicher Genres und Sprachen. Die Prämisse des Buches hatte mich vom ersten Moment an überzeugt: Maria und Stephanie wohnen 3.191 Meilen voneinander entfernt und kuratieren zusammen einen Blog, der ein Jahr lang Szenen ihrer morgendlichen Routinen zeigte. Entstanden sind Bilder, die sich einfach nach „Zuhause“ anfühlen und so warme wie simple Momente des täglichen Lebens zeigen.

Die Bilder des Blogs sind im kleinen Coffee Table Book „A Year of Mornings“ zusammengefasst worden und bieten wundervoll seichte Kost, in der man immer wieder gern blättert und Neues entdeckt. Das Buch gibt es bereits für 17 €.

Tabea Borchardt: „(in Matters of) Karl“ von Annette Behrens

Fotobücher sind eine meiner großen Leidenschaften! Zum Anschauen ebenso wie beim selbst Gestalten. Vorausgesetzt, die Buchform ist thematisch passend in Bezug auf die Fotografien. Was mich besonders an Annette Behrens’ Foto- bzw. Künstlerbuch „(in Matters of) Karl“ reizt, ist die Stringenz, mit der sie an einer Thematik arbeitet, die weder leicht verdaulich noch einfach begreifbar ist.

Sie hat sich rückblickend ausgehend von einem Fotoalbum des SS-Offiziers Karl-Friedrich Höcker mit dem alltäglichen Leben oberster Nazikommandeure aus Ausschwitz beschäftigt. Dieses Buch ist kein reiner Bildband, sondern eine sehr sensible, fotografische Forschungsarbeit, die wohldurchdacht Fotografien, Fundmaterial wie Zeitungsausschnitte oder Aktenmappen und Text miteinander kombiniert und somit eine andere Art und Weise gefunden hat, historische Fakten aufzuarbeiten und die Thematiken rund um die Gräueltaten jener Tage nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Zudem ist das gesamte Buch durchdacht erstellt worden, Materialitäten und Gestaltung innerhalb des Buches verbinden sich gut mit der inhaltlichen Thematik. Für mich ist die gute gestalterische Umsetzung und handwerkliche Bindung eines Buches beinahe ebenso wichtig wie sein Inhalt, da der Buchkörper nicht bloß Aufbewahrungsort von Fotografien sein sollte, sondern Bestandteil der gesamten Arbeit. Da ich diese Kriterien bei diesem Buch erfüllt sehe, gehört es zu meinen gefunden Schätzen aus dem Jahr 2016. Leider ist es momentan vergriffen.

Buch Art of Burning Man von NK Guy Doppelseite mit geschlossenem Panorama.

Aileen Wessely: „Art of Burning Man“ von NK Guy

Burning Man. Der Kunst des jährlich in der Wüste von Nevada stattfindenden Festivals widmet sich dieser Bildband geradezu ausufernd in Bild und Text. Dieses Buch wird Dich überraschen – egal, ob Du die Veranstaltung unter „große Party“ abgeschrieben hast oder (wie Teile der Redaktion) das Ziel hast, einmal im Leben dabei zu sein.

Für den vorliegenden Band hat der Fotograf NK Guy die besten der ungefähr 65.000 Fotos ausgewählt, die er in 16 Jahren aufgenommen hat. Da er nicht nur Fotograf, sondern auch Autor ist, werden die Bilder von Texten ergänzt, in denen er verschiedene Aspekte des Festivals sowie eigene Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken sehr unterhaltsam, nachdenklich und mitreißend mit den Leser*innen teilt.

Die Kunst, die auf dem Festival zu sehen ist, steht im Mittelpunkt der Fotos: Dort gibt es eine Kultur der Offenheit, die jedem, unabhängig von künstlerischer Ausbildung oder Erfahrung und so weit wie nur möglich entfernt vom bornierten Kunstgaleriebetrieb erlaubt, Kunst zu machen. So irrsinnig idealistisch, dass nicht Wenige dafür unmöglich zu beziffernde Mengen ihrer Ressourcen (Zeit und Geld) aufbringen.

Wer sich für großformatige Bilder von glücklichen, verrückten Menschen oder ihren bunten, verrückten Werken begeistern kann und sich gern in einer Parallelwelt verliert, die einen auf ihrem holprigen Weg zwischen Utopie und Realität immer weiter hineinsaugt, umso mehr man von ihr erfährt – für Euch ist „Art of Burning Man“.

Katja Kemnitz: „Sharon“ von Leon Borensztein

Meinen Fund des Jahres habe ich bereits im Magazin vorgestellt. Ich habe es gewählt, weil mich die Geschichte nicht loslässt. Der alleinerziehenden Vater und Fotograf begleitet das Erwachsenwerden seiner behinderten Tochter in Bildern und Texten. Ich habe selten ein emotionaleres und persönlicheres Buch gesehen.

Und dann sind natürlich noch die wunderschönen Schwarzweißportraits, die auch ohne Hintergrundgeschichte jedes für sich ein kleines Meisterwerk sind. Das Buch ist im Verlag Kehrer erschienen und kostet 39,90 €.

Lisa-Marie Kaspar: „Frauen auf Bäumen“ von Jochen Raiß

Ich habe erst recht spät in diesem Jahr meinen persönlichen „Fotobuchschatz“ entdeckt, nämlich im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse. „Frauen auf Bäumen“ aus der Sammlung Jochen Raiß ist mir am Stand des Verlags Hatje Cantz direkt ins Auge gesprungen, obwohl es eigentlich auf den ersten Blick recht klein und unscheinbar wirkt. Vielleicht lag es auch ein bisschen daran, dass ich schon zuvor irgendwo im Internet kurz von dieser Neuerscheinung gelesen hatte und mir das Konzept des kleinen Bildbandes direkt gefallen hatte.

Zu sehen sind, wie der Titel schon erahnen lässt, Frauen auf Bäumen. Doch sind die Fotografien nicht Teil einer Serie eines Fotografen. Sie wurden allesamt von verschiedenen Menschen aufgenommen und vom Herausgeber Jochen Raiß auf diversen Flohmarktbesuchen gesammelt. Er habe nie gezielt nach diesem Motiv gesucht, es sei ihm aber immer und immer wieder begegnet, sodass es in ihm die Faszination an den Momenten, „die für [andere Menschen] wichtig oder besonders waren“, ausgelöst hat, wie er im Vorwort des Buches schreibt.

Die Frauen auf den Bildern stehen in den Bäumen, sitzen oder liegen, manchmal sind sie zu zweit oder gar zu dritt auf einem Baum. Einige Bilder sind unscharf oder haben kleine Bildfehler, andere sind wiederum wesentlich mehr als nur ein flüchtiger Schnappschuss. Ich bekomme beim Ansehen selbst immer mehr Lust, auf Flohmärkten in alten Fotokisten zu stöbern und meine eigene Sammlung anzulegen. Wer alte Fotografien und Flohmärkte mag, aber auch, wer Inspiration sucht und den Gedanken einfach mal freien Lauf lassen will, dem kann ich dieses Fotobuch nur ans Herz legen. Mein Lieblingsfoto befindet sich übrigens auf Seite 25.

Laura Su Bischoff: „For Every Minute You are Angry You Lose Sixty Seconds of Happiness“ von Julian Germain

In einem Haus im englischen Portsmouth wohnt ein älterer Herr. Sein Name ist Charles. Er züchtet Blumen, liebt seine verstorbene Frau und umgibt sich am liebsten mit bunten Farben. Die Wände seines Hauses sind grün, blau, rot und gelb, so wie die Blüten der Pflanzen, die er für ein paar Pence im Fenster seiner Diele zum Verkauf feilbietet.

Eines Tages geht ein Mann an Charles’ Haus vorbei. Dieser Mann heißt Julian und ist Fotograf. Als er die bunte Fassade des bescheidenen kleinen Hauses sieht, in dem Charles wohnt, ist er auf der Stelle begeistert. Er klopft und Charles bittet ihn freundlich herein. Die beiden unterhalten sich über Charles’ Pflanzen und die Bilder an den Wänden.

Aus dieser alltäglichen, unaufgeregten Begegnung eines interessierten Fotografen und eines älteren Herren entwickelt sich eine jahrelange Freundschaft, die Julian in wunderbar warmen Farben im Bildband „For Every Minute You Are Angry You Lose Sixty Seconds of Happiness“ festhält. Julians Fotografien, die größtenteils mit einer analogen Mittelformatkamera entstanden, führen leise und eindrucksvoll die Schönheit der einfachen Dinge vor Augen. Denn, so sagt der Fotograf am Ende des Buches über Charles: „Ohne es zu wollen, zeigte er mir, dass die wichtigsten Dinge im Leben nichts kosten.“

Zwar mag der Bildband schon 2005 erschienen sein, doch weil ich ihn erst kürzlich entdeckte, ist er mein Fotobuch des Jahres. Ihm gelingt, was ich mir für meine eigenen Bilder wünsche, wenn auch nicht wirklich erreiche: In ihrer augenscheinlichen Einfachheit unübertrefflich komponierte, unaufdringliche Fotografien in warmen, satten Farben, mit sanfter Stimme vorgetragen.

Natürlich sind wir wie immer auch gespannt, welche Fotobücher Eure Entdeckungen des Jahres waren. Vielleicht werden diese ja unsere Schätze für 2017? Stellt sie uns gern in den Kommentaren vor, wir sind gespannt!

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