12. September 2016 Lesezeit: ~ 4 Minuten

Die Dunkelkammer als Saftladen

Im Netz stieß ich bei der Suche nach alternativen Filmentwicklern über Artikel zum Entwickeln mit Kaffee, Wein und Tee. Der nächste belichtete Film wurde sofort mit Caffenol-C entwickelt und die Ergebnisse waren klasse. Dann versiegte das Interesse bis zum Tag, an dem ich Abzüge entwickeln wollte und feststellte, dass mein Entwickler mittlerweile eine braune Brühe geworden war.

Die Zutaten für Caffenol-C waren noch im Schrank, also kam mir der Gedanke: „Wenn der Film etwas geworden ist, dann klappt das doch sicher auch mit Papier.“ Und auch dieser Versuch gelang sofort, die Abzüge waren kontrastreich und hatten eine schöne Färbung. Als ich zufällig am nächsten Tag noch einen Bericht über das Entwickeln mit Hühnerbrühe las, verschwanden in meinem Kopf alle bisherigen Grenzen zu diesem Thema.

Am nächsten Tag ging ich in den Supermarkt, um mich langsam an das Thema heranzutasten. Eingekauft wurden Säfte und aus Versehen noch eine scharfe Tomatensuppe im Tetrapack. In der Dunkelkammer angekommen, ging es an die Vorbereitung. Da ich gerade keine Waage hatte, wurden die Mischverhältnisse sehr grob abgeschätzt. Frei nach dem genutzten Caffenol-C-Rezept benutzte ich für 500 ml Entwickler jeweils:

  • 500 ml des entsprechenden Saftes
  • 3 TL trockenes Waschsoda aus dem Drogeriemarkt
  • 1,5 TL Vitamin-C-Pulver aus der Apotheke

Angemischt wurde in zwei Teilen, jeweils 250 ml Saft mit Waschsoda und 250 ml Saft mit Vitamin-C-Pulver. Gut durchgerührt wurden die Teile dann zusammen in die Entwicklerschale geschüttet. Danach kam eine Schale mit Wasser zum Abspülen der „Entwicklerreste“ zum Einsatz, gefolgt vom regulären Stoppbad und normalem Papierfix.

Stacheldraht

Entwicklung mit Rote-Beete-Saft

Den Beginn machte der Rote-Beete-Saft. Die Brühe ist unglaublich dickflüssig und bei Rotlicht praktisch schwarz. Außerdem wurde der für mich ohnehin schon grenzwertige Rote-Beete-Geruch durch das Waschsoda nicht erträglicher. Aufgrund der Dicke der Entwicklerbrühe war es schwer, den Entwicklungsstand des Abzugs zu prüfen, daher wanderte der erste Abzug nach jeder Minute ins Wasserbad.

Nach 10 Minuten war der Abzug so schwach, dass ich das Experiment abbrechen musste. Der neue Versuch wurde bei Offenblende (f/5.6) für volle zehn Sekunden belichtet und landete dann wieder im Entwickler. Nach 7 Minuten konnte dieser Versuch als Erfolg verbucht werden. Trotz Papier mit harter Gradation zwar etwas kontrastarm, aber es war alles auf dem Bild zu erkennen.

Auto

Entwicklung mit Karottensaft

Ein Grabkreuz

Entwicklung mit Traubensaft

Als nächstes kam der Karottensaft zum Einsatz. Hier genügte eine normale Belichtungszeit, der Abzug war nach 6,5 Minuten auf Sicht ausentwickelt. Das Endergebnis war erneut ein weiches Bild, das durch eine starke Körnung und leider matschige Kontraste auffiel.

Als nächster Versuch wurde Traubensaft angerührt. Der Teil mit Waschsoda verfärbte sich sofort zu einem tiefen Grün, der Geruch erinnerte fast schon an Wein. Viel Licht und 7 Minuten Entwicklungszeit brachten ein ansehnliches Ergebnis. Das Bild hatte schön weiche Kontraste und eine zartrote Färbung. Im Nachhinein musste ich allerdings feststellen, dass die Färbung leider in direktem Sonnenlicht ausbleicht.

Eine Hütte aus Zweigen

Modellstadt

Entwicklung mit Tomatensuppe

Zum Abschluss der Reihe wurde dann noch die Tomatensuppe geöffnet. Gewürzt mit Pfeffer und Salz verbreitete sie ein ordentliches Aroma in der Dunkelkammer. Dies änderte sich nach Zugabe des Waschsodas leider schlagartig… Der Abzug brauchte nun wieder weniger Licht, nach 8 Minuten war die Entwicklung vorbei. Im Gegensatz zu den vorherigen Bildern sind die Kontraste relativ hart, die Lichter sind ausgebrannt. Eventuell wäre hier die Kombination mit einem weichen Papier günstiger.

Noch ein bisschen Theorie für diejenigen, die sich fragen, warum das Ganze denn klappt: Die Entwicklung von Fotopapier funktioniert durch die Reduktion von belichteten Kristallen zu metallischem Silber. Dies funktioniert in alkalischer Lösung, daher wird das Waschsoda für den PH-Wert benötigt. Das Vitamin-C-Pulver ist eigentlich Luxus, es verkürzt die Entwicklungszeit. Streng genommen dürfte also jede Flüssigkeit, im richtigen Verhältnis mit Soda und Vitamin C gemischt, entwickeln.

Generell lässt sich sagen, dass ich sehr überrascht war, mit welchen „Haushaltsmitteln“ Papierabzüge entwickelt werden können. Mir geht es nicht darum, einen perfekten Ersatz für Standardentwickler zu finden, sondern um einen spielerischen und entdeckungslustigen Umgang mit dem Thema Fotografie. Haarwasser, Mundspülung, Buttermilch und Tee stehen für Runde 2 bereits im Regal.

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8 Kommentare

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  1. Ja, spannend und animierend für eigene Experimente – danke für den Bericht.

    Mit Caffenol habe ich ziemlich Erfahrung. Funktioniert auch bei Papier. Die Brauntönung muss man aber mögen. Eigentlich sollte doch auch Waschsoda allein mit Vitamin C auch gehen? Um eben den Braunton zu vermeiden. Hast du das schon mal ausprobiert?

    Gruss
    antonio

  2. Nichts gegen Experimente, sei es in Photoshop oder in der Dunkelkammer. Wenn Du einfach Spaß hast in der Dunkelkammer herum zu plantschen ist das schon ok. Der Weg ist das Ziel.

    Geht es aber um Ergebnisse, um fertige Fotografien, dann gibt es einfachere und weniger unappetitliche Methoden um zu so schlechten Abzügen zu kommen. Schade um die Suppe ;-)

  3. Wenn´s nicht September wäre, würde ich auf 1. April tippen.
    Warum um alles in der Welt verwendet ihr nicht einen Standard-Entwickler einer etablierten Herstellerfirma? Wäre doch alles so einfach. Ist wohl zu einfach?
    PS – Lebensmittel dafür zu verschwenden hat ja auch nicht gerade Zukunft.