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08. Juni 2012 Lesezeit: ~ 5 Minuten

Entwickeln mit Wineol

Nach ein paar ersten erfolgreichen Tests im Herbst und Winter will ich es nun wissen. Verschiedene Landweine, diverse Filme und unterschiedliche Entwicklungsarten sollen getestet werden. Nicht im Labor, sondern auf dem Campingplatz direkt am Meer. Also denkbar harte Bedingungen.

Inzwischen ist Caffenol ein alter Hut und gehört zumindest bei mir mittlerweile mehr oder weniger zum Standard. Da ich gehört hatte, dass es auch andere „Haushaltssubstanzen“ mit Entwicklerpotential gibt, wollte ich der Sache einmal nachgehen. Nach Kaffee mit sehr guten Entwicklereigenschaften kommt als nächstes Rotwein in Frage. Urin funktioniert wohl prinzipiell auch, führt aber zu minderwertigen Bildergebnissen. Außerdem sind mir dafür meine Jobodosen zu schade.

Tri-X 400 @ Wineol 60min rotation

So habe ich mich also dem Rotwein angenommen und ihn mit Waschsoda und Vitamin C „frisiert“.

„Wineol“ nenne ich die schwarze Brühe, die von wohlriechendem Wein zu einem eigenartig stinkenden Gebräu veredelt wird. Von der Entwicklung in Küche oder Bad würde ich daher abraten. Dass keine herausragenden Qualitätsweine zum Einsatz kommen, versteht sich sicherlich von selbst, da ich es nicht übers Herz gebracht habe, eine gute Flasche zu opfern.

Die ersten Gehversuche habe ich im Herbst 2011 mit abgelaufenen Filmen und – aus heutiger Sicht eher langer – Rotationsentwicklung (60 Minuten) unternommen, da alle Quellen von der niedrigen Reaktionfähigkeit des Weines berichteten.


Lucky SHD 100, 45min Kippentwicklung

Einige Liter an Erfahrung reicher, verwende ich als Richtwert für Kippentwicklung 45 Minuten und Standentwicklung zwei Stunden. Rotation macht bei den verwendeten Filmen ab mehr als 30 Minuten Sinn.

Inzwischen kann ich ebenso über Erfahrungen mit diversen Filmen und Weinen berichten (Kodak Tri-X 400, Ilford FP4, Ilford Pan F, Lucky SHD, Rollei Pan 25, Mamography Film xx).

Lucky SHD 100, 45min Kippentwicklung

Angefangen habe ich mit dem „guten“ Mazedonier aus dem Hause Albrecht, der nur auf Grund seines Preises in Frage kam. Weitere Panscherei habe ich mit lokalen Landweinen (Cote Azur) unternommen, die teilweise zur gewöhnlichen Verkostung nicht wirklich geeignet scheinen, dafür aber in größeren Gebinden angeboten werden.

Auch wenn man davon ausgehen kann, dass Säuregehalt und Gerbstoffe sowie andere Parameter sicher unterschiedlich sein sollten, konnte ich bislang keine Unterschiede feststellen. Auch der Jahrgang scheint keinen Einfluss auf die Güte im Bezug auf Filmentwicklung zu haben.


links: Rollei 25, 45min Kippentwicklung, rechts: Rollei 25, 2h Standentwicklung

Nun aber zu den Ergebnissen und Vergleichen der diversen Filme. Wineol ist von der Ausprägung eher ein Grobkornentwickler, der mit guter Schärfe und hohen Kontrasten zu überzeugen weiß. Sicherlich ist es keine Brühe für Ausgleichsentwicklung oder Auf-den-Punkt-Ausentwicklung. Zonensystemfreunde werden sicherlich auch keinen Gefallen an dieser Brühe finden.

ILFORD Delta 100, 45min Kippentwicklung


Ilford Delta, 30min Kippentwicklung

WINEOL V 0.2 Rezeptur

  • Rotwein 450ml
  • Waschsoda 45g
  • Vitamin C 2g

Reinhold, der Godfather of serious Caffenol, meinte zu meinen ersten Versuchen nur etwas scherzhaft:

… 60 minutes rotation = permanent agitation probably make a developer from everything, be it red wine, dino blood or pebbles :-DD

… 60 Minuten Rotation = ständige Bewegung machen wahrscheinlich aus allem einen Entwickler, sei es Rotwein, Dinosaurierblut oder Geröll :-DD

Hier nun eine Aufstellung an Film-Entwicklungs-Kombinationen, die ich empirisch ermittelt habe. Nicht alle Methoden habe ich bis ins letzte ausgetestet, da das Eintesten sehr aufwendig und kostenintensiv ist. Die Standentwicklung ist eher noch in einem Betastatus. Wahrscheinlich werde ich dafür die Menge an Waschsoda halbieren um die derzeit hohe Schleiherbildung zu reduzieren.

Die mit (-) gekennzeichneten Spalten sind noch nicht getetestet.

Film Rotation Kippentwicklung Stand
Rollei PAN 25 45min 2h
Kodak Tri-x 400 45min 1h
Ilford Delta 100 30min 1,5h
Ilford FP4+ 45min
Lucky SHD 30min 45min
Konica Minolta New CM-H Medical Imaging Film for Mammography 45min 1,5h

Lucky SHD, 30 min, Rotation

So, wie ein schwerer trockener Rotwein gut zu Käse oder Rumsteak und lieblicher Weißwein gut zu süßem Dessert passt, so würde ich auch sagen, dass Wineol besonders gut zu Lucky, Tri-X 400, Ilford FP4, Rollei Pan25 und anderen klassischen Filmen passt.

Flachkristallfilme wie Acros, TMAX und Konsorten – mit Ausnahme des Ilford Delta – würde ich eher in richtige Entwickler werfen, denn das wird ihrem Feinkorncharakter eher gerecht. Der Rollei macht Spaß, ist aber extrem kratzempfindlich, also eher was für den Reinraum und nichts für das Outdoor-Campingplatzlabor, dafür aber reich an Tonwerten!

Rassig körnig und hart im Kontrast kommen dagegen die guten alten Klassiker und natürlich der glückliche Chinese. Der Efke R100 war auch nach 45min Kippentwicklung so dünn, dass ich dem Film weitere Qualen ersparen und ihn als eher ungeeignet bezeichnen möchte.

Ilford FP4+, 45min Kippentwicklung

Ich würde mich freuen, wenn Ihr meinem Beispiel folgen und etwas Wein für die Filmentwicklung der etwas anderen Art aufsparen würdet. Denn nun möchte ich Eure Ergebnisse und Erfahrungen sehen!

~

Á ta santé, mon pote!

Wer mehr Interesse an analoger Schwarzweißfotografie, zum Beispiel mit Lochkameras und Filmentwicklung mit Wineol sowie anderen verrückten Panschereien hat, sollte sich gerne bei mir melden, da ich bald einen Workshop im Raum Köln/Bonn anbieten werde. Dort werden wir eine Menge Spaß beim Baden in diversen Entwicklern haben und vieles mehr. Man darf also gespannt sein!

Ein Artikel über den Mammography Film und eine selbstgebaute Lochkamera folgt auch bald.

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40 Kommentare

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  1. ;-) glücklicher Chinese, Château de la Migraine, > 15°C, stock, 30mn rot.
    Sollte man den Filmen mit auf den Beipackzettel schreiben.

    ( Wobei ich ja annehme, dass man die Basis aus Ascorbinsäure und Soda mit jedem halbwegs trinkbarem Zeugs ausser Cola vermischen kann und es würde funktionieren. )

    À ta santé,
    H

  2. Für mich als Digital Fotograf lustig zu lesen, ich würde es gleich mal mit einem Johnny Walker probieren, Weizenbier, etc. – aber ich hab keine Ahnung von der Analogen Entwicklung und will mir das auch sparen.

    Der Bericht war für mich aber lustig zu lesen und es ist schon das man hier auf andere Art und weise experimentieren kann die Handwerklich definitiv spannender sein dürfte als das zu berechnende Digitale.

    Danke!

    • Das wäre fast auch einen Artikel wert:

      Aber in Kürze.

      Es gibt Graustufen Pigmenttinten, die statt der 6 oder X Farbtinten verwendet werden. Der Drucker muss dazu mit Alkohol durchgespült werden. Oder gleich den neuen Drucker damit betreiben.

      Tinten und gute Anleitungen gibt es z.B. hier: http://shop.farbenwerk.com/schwarzweiss-tinten

      Damit dann auf Fineartpapiere Matt oder Barytoberfläche, mmmhh

      Vielleicht schreib ich auch mal was mehr darüber auf meinem Blog

      Gruß

      Tobias

      • Hi Tobias,

        wäre super mal etwas genaueres darüber zu lesen!
        (wobei HP-Drucker, den habe ich, wohl nicht sehr beliebt für die Modifikationen sind..)

        Gruß,
        Matthias

  3. Bin auch schon seit Jahren analog unterwegs und habe auch diverse Brühen ausprobiert, allerdings den Rotwein trink ich lieber. Es macht aus meiner Sicht auch keinen Sinn. Es gibt hervorrage Film-Entwickler Kombinationen die zu sehr guten Ergebnisse führen. Ich verweise an dieser Stelle an Dr.Beyer (www.fotografie-in-schwarz-weiss.de) oder Moersch Photochemie (www.moersch-photochemie.com).

    • Natürlich gibt es viele gute kommerzielle Entwickler und natürlich auch Spezialisten um Feinkorn oder Pushentwicklung zu betreiben.

      Mit Wineol habe ich keinen FineArt-Anspruch. Es geht und hat einen eigenen unverwechselbaren Charakter.

      Mit Caffenol lassen sich beispielsweise auch fantastische Ergebnisse erziehlen.

      Viele Grüße

      Tobias

  4. Hallo Tobias,
    das hat mich neugierig gemacht, also gleich ausprobieren. Ich kippe gerade einen real,- Schädel-Merlot :-)
    Ich habe eben am Kölner Hbf einen Rollei Retro 400s belichtet, mit dem mache ich gerade 60 Min. Kipp.
    Frage: Hattest Du bei dem Gemisch auch Steinchenbildung? Die kamen so nach und nach beim Rühren, teilweise 2 cm groß. Ich habe das Gebräu durchgesiebt und in meine Paterson-Dose gefüllt. Jetzt bin ich mir nicht sicher, ob sich beim minütlichen 2 x Kippen nicht noch neue Steine bilden, die den Film zerkatzen würden.
    Waschsoda + Vitamin C (jeweils Pulver) habe ich nach Deinen Angaben genommen. Ich bin sehr gespannt :)

    Lieben Gruß,
    Maike

    • Ja ja, das mit den Steinchen passiert einfach. Aber unbedingt aussieben.
      Nach dem Fixierieren gründlich wässern und geg. mit Dest Wasser oder Klärmittel die Fleckenbildung unterbinden bzw. auswaschen.
      Und wie ist das gute Stück geworden. Pack das Ergebnis doch bitte in die Flickrgruppe Wineol!
      Viele Grüße
      Tobias

      • Moin,
        leider war das ein Satz mit x, das Neg. ist komplett schwarz. War 1 Stunde doch viel zu lange für den Rollei Retro 400S? Was meinst Du?
        Normal, z.B. in Rodinal, hat er recht lange Zeiten (1+50 = 22 Min.), daher dachte ich, dass ich ihn mit Wein auch länger entwickel als die meisten anderen. Stop + Fixage + Wässerung habe ich so wie immer gemacht, so wie Du es auch schreibst.
        Schade, das nächste mal nehme ich einen Film von Deiner erprobten Liste, ich habe sicherlich noch einen Lucky, um den wäre es nicht so schade ;-)
        Ich probiere weiter,
        Aber nicht heute, da fotografiere ich auf einem Openair-Jazz-Event, die Bilder sind nicht so einfach wiederholbar.
        Ich bleibe aber am Ball und probiere weiter :-)

        LG, Maike

      • Aileen, nein, die haben sich wirklich erst beim Zusammenmischen nach und nach gebildet. Außerdem sehen die ganz anders als Weinstein aus, hellgrau und leicht porös.
        LG, Maike

      • @Aileen und allen Weinsteinfreunden.

        Waschsoda löst sich in Rotwein nicht vollständig. Also langsam einrühren! Und Steinchen raussieben… ansosnten klunkerts in der Dose

  5. Hallo Tobias

    Ich wusste gar nicht, dass in Bonn so ein “Irrer frei rumläuft” ;-)

    Auch wenn bei mir nach der Filmentwicklung Schluss mit Analog ist – dann wird der Scanner “angeworfen”: Geiler Artikel!!!

    Grüße aus Bonn/Endenich

    Ralf

    • Wenn Du magst kannst Du dich gerne meine Selbsthilfegruppe anschließen: Workshop im Herbst. “Wineol and beyond-Entwickeln mit Haushaltsmitteln” Geplant ist ein Workshop thematisch passend bei der Weinlese im Ahrtal. Entwicklung mit Rotwein, Paracetamol und Caffenol
      Details und Termine gibt es in den nächsten 14 Tagen. Das gillt auch für alle anderen Verückten.

      Gruß

      Tobias

  6. Statt des Vitamin C ist es vermutlich sinnvoller technische Ascorbinsäure zu verwenden. Das ist chemisch außerhalb des Körpers praktisch gleich. Nur die Stereochemie ist unterschiedlich. Preislich dürfte da aber ein riesiger Unterschied bestehen.

    • Da gebe ich Dir natürlich recht,
      aber Die Idee war ja Ascorbinsäure bzw. Vit.C aus der Drogerie zu nehmen(“Haushaltsmittel”).
      Und die ist auch nicht sonderlich teuer.

      Viel Spass mit Wineol wünscht ich Dir!

  7. @Maike
    Das tut mir total leid,
    mit dem efke r100 bin ich auch total daneben gelegen. der war fast klar.
    Rollei Retro 400S kenne ich ebenso nicht. Vielleicht ist er nix für Wineol!

    • Ja, beim Experimentieren geht halt nicht immer alles glatt, das stört mich nicht, man sammelt eben Erfahrungen :-)
      Ich kippe jetzt erneut den unsäglichen Merlot, diesmal mit einemn glücklichen SHD und 45 Min. Kipp.
      Ich werde berichten.

  8. So, hier ist das heutige Ergebnis, ich hoffe, ich darf hier verlinken.

    http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/28178328

    @ Tobias, ich muss mich bei flickr erst einrichten, dann zeige ich die Ergebnisse auch gerne in der Wineol-Gruppe. Daher vorläufig erst dieser Link. Unter dem Bild (ich bearbeite immer die Kontraste via PS vor´m Veröffentlichen) habe ich auch den Original-Scan verlinkt.

    Jau, das hat immens Spaß gemacht, als ich den Film aus der Spule holte, zuerst dachte, er wäre wieder schwarz, dann aber gegen Licht erkannte, dass die Bilder sehr wohl da sind.

    Dankeschön für diese Anregung :-)
    Maike

    • Das Ergebnis ist doch echt klasse geworden!

      Ich kann mir gut vorstellen, dass der Rollei Retro schon mit ca. 30min “abgefüllt” war. Aber das ist alles aufwendige Probiererei. Du willst nicht wissen wieviel Meter ich schon durch die Suppe gezogen habe.

      Freue mich auf weitere Bilder

      Gruß

      Tobias

      • Du schüttelst ja nicht 45min ohne Unterbrechung. Jede Minute halt mal.

        Aber das gibt sicher guten Muskelaufbau. Da hast Du den Sport auch gleich mit erledigt :-)

        Einen Tennisarm hatte ich bislang aber auch noch nicht.

  9. Blogartikel dazu: Wineol - Alternative SW-Film Enwicklung mit Rotwein - Leica User Forum

  10. Blogartikel dazu: Filmentwicklung mit Rotwein?! | NR Blog

  11. Der Film ist in der “schearzen Brühe”.
    In Wahrheit ist sie dunkelgrün, das ist zugleich ein Beweis für den basischen Zustand.
    Vielleicht kann man den Wein selbst als Indikator nehmen.
    Danke erst mal für das Rezept.
    In wenigen Minuten weiß ich, ob die Bilder geworden sind.

    Bis dann. PS: Teanol habe ich schon erprobt, hat gut geklappt.