Ein Schwan beugt sich über ein Mädchen und umschließt sie mit seinem langen Hals.
24. August 2016 Lesezeit: ~ 9 Minuten

Der Mythos der Schwanenmädchen

„Viele Künstlerinnen setzten sich mit dem jahrhundertealten tradierten „Bild der Frau“ in der Kunstgeschichte auseinander, um, wie Elisabeth Bronfen es nennt, einen anderen Denkraum zu schaffen, der im kulturellen Imaginären interveniert.“1 Eines dieser Bilder der Frauen ist die mythologische Figur der Leda, deren tragische Geschichte viele Jahrhunderte lang zu einem festen Bestandteil des Kanons der antiken Mythologie gehörte und unzählige Geschichten, Sagen, Gedichte und Werke der Bildenden Kunst beeinflusst hat.

Leda, die Tochter des aitolischen Königs Thestios, war eigentlich mit dem spartanischen König Tyndareos verheiratet. Aber auch Zeus, der in der griechischen Mythologie nicht gerade für eheliche Treue zu seiner Frau Hera bekannt war, fand Gefallen an der schönen Leda, sodass er sie eines nachts in Form eines Schwanes aufsuchte, in ihrem Schoß landete und sie verführte.

Leda gebar daraufhin vier Kinder, von denen das Zwillingspaar Kastor und Klytaimnestra von ihrem Ehemann stammten, die Zwillinge Helena und Ploydeukes aber von Zeus gezeugt wurden. Es gibt verschiedene Versionen des Mythos, manchmal jagt und fängt Zeus Leda, in einigen Sagen legt Leda Eier, in anderen ist es auch gar nicht sie, sondern die göttliche Nemesis, die vom Schwan geschwängert wird, sodass Leda nur die Ziehmutter der Kinder ist.

Auf jeden Fall war das tradierte Bild von Leda und dem Schwan viele Jahrhunderte lang ein erotisches und beliebtes Motiv in Kunst und Literatur und das trotz des Fakts, dass der Zeus-Schwan Leda gegen ihren Willen verführt hatte und bei der Sage, wie auch bei vielen anderen antiken Mythen, durchaus von Vergewaltigung gesprochen werden kann. Das Sujet erlaubte Malern oftmals, eine unbekleidete, attraktive Frau ohne männlichen Gegenpart darzustellen, denn in der Geschichte ist Zeus ja nur in Gestalt des Schwans bei der Zeugung der Kinder anwesend.

Gemälde einer nackten Frau, die von einem weißen Schwan verführt wird.

„Leda mit dem Schwan“ nach Michelangelo Buonarroti um 1530

Das sensible Thema rund um den Geschlechtsakt zwischen Frau und Tier ist des Weiteren lange Zeit eine provokante Fantasie, aber im Zusammenhang durchaus erlaubte Darstellung gewesen. Michelangelo oder Leonardo da Vinci beschäftigten sich künstlerisch mit dem Mythos und schufen ganz eigene Interpretationsansätze und auch Rainer Maria Rilke befasste sich 1907 in seinem wunderschönen Gedicht „Leda“ mit dem Mythos, allerdings aus der Perspektive des verwandelten Schwanen-Zeus.

Als ihn der Gott in seiner Not betrat,
erschrak er fast, den Schwan so schön zu finden;
er ließ sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.
Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,

bevor er noch des unerprobten Seins
Gefühle prüfte. Und die Aufgetane
erkannte schon den Kommenden im Schwane
und wußte schon er bat um Eins,

das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,
nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder
und halsend durch die immer schwächre Hand

ließ sich der Gott in die Geliebte los.
Dann erst empfand er glücklich sein Gefieder
und wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß.2

Das Motiv hat sich bis heute in der Bildenden Kunst gehalten. Für mich ist die zeitgenössische Deutung von Francesca Woodman eine der schönsten, denn, wie Gabriele Schor in ihrem Beitrag in der Feministischen Avantgarde betont: „Woodmans Version lässt zwischen Leda und Zeus, in Gestalt eines Schwans, eine zärtliche Berührung zu“.3

Eine Frau in weißem Kleid strechelt einen weißen Schwan vor ihr über den Kopf.

Francesca Woodman, Untitled, 1975–78 © courtesy George and Betty Woodman

Und das, obwohl die Verführung in den meisten Darstellungen erstens auf den sexuellen und oftmals gewaltsamen Akt reduziert ist und zweitens, einen fordernden Schwan und eine passive Leda wiedergibt. Dieses Bild drehte die Künstlerin um und ließ es zu einem vertrauensvollen und vielversprechenden Akt der Annäherung kommen, bei dem Leda bewusst auf das Tier zugeht und ihre Hand ausstreckt.

Während der Name Leda vom kretischen bzw. lykischen Wort „Lada“, das „Frau“ bedeutet, abstammt – aus derselben Sprachwurzel soll übrigens auch das englische Wort „Lady“ stammen – und als ein tragendes Symbol für Weiblichkeit steht, ist der Schwan seit jeher ein Symbol für Reinheit und Schönheit, für Helligkeit und einen majestätischen Anblick. Die edlen Tiere durften sogar den goldenen Wagen der Venus ziehen.

In vielen Sagen und mittelalterlichen Märchen verwandeln sich Menschen, ähnlich wie Zeus für seine Verführungskünste bei Leda, in weiße Schwäne, um bereinigt zu werden. Auch steht der Schwan für Liebe, Treue und Unschuld, was paradoxerweise genau dem Gegenbild dessen entspricht, was Zeus in der Leda-Sage darstellt, in der er sich untreu und gewaltsam Leda genähert hat.

Heute begegnet uns das Schwanen-Motiv immer noch. Ich habe mich gefragt, inwieweit der Mythos von Leda und dem Schwan in den Köpfen der Fotografinnen und Fotografen noch präsent ist, und ob die früher so beliebte erotische Geschichte auch heute noch Relevanz hat, wenn Mädchen mit Schwänen fotografisch zusammengebracht werden.

Geht es um ein modernes Frauenbild, aber welche Bedeutung hat dann der Schwan? Oder wird hier eine zeitgenössische Leda dargestellt, die mit dem Schwan Frieden geschlossen hat und, ähnlich wie in Woodmans Version, Zärtlichkeit zulässt? Wer ist aktiv, wer passiv oder gibt es sogar ein neutrales Zusammenbringen?

Was mir auffällt, wenn ich mich durch Fotoportale klicke, ist, dass in vielen Mädchen-Schwan-Kombinationen der Schwan meistens durch einen Platzhalter dargestellt wird, ausgestopft oder aus Stoff – was natürlich nachvollziehbar ist, denn wer hat schon einen echten Schwan zuhause?

Manchmal wird der Schwan auch nur angedeutet, indem Federn gestreut werden, die auch eine Stellvertreterfunktion einnehmen, oder aber einen Teil einer Geschichte illustrieren, bei der der Schwan bereits wieder verschwunden ist und nur ein paar Federn bei der Frau hinterlassen hat.

Laura Makabresku hat beispielsweise eine ganze Serie über das Schwanenmotiv gemacht, die allerdings nach eigener Aussage von einem polnischen Märchen inspiriert war.

Es zeigt dennoch Parallelen zum Leda-Mythos und ist deshalb an dieser Stelle interessant, vor allem wenn man den Ausgang der Bildergeschichte betrachtet, in der der Schwan von den beiden Mädchen erst liebevoll umgarnt, dann aber getötet und anschließend gegessen wird. Dieser feministische Kraftakt zeigt eine ganz neue, aktive Seite in der Beziehung von Mädchen und Schwan auf, deren Weg jahrhundertelang von Passivität geprägt war.

Natürlich findet man auch die relativ klassischen Bilder, wie die von Marina Peck, in denen der weibliche Gegenpart traurig, betrübt und unglücklich zu sein scheint, was natürlich zum einen auch mehr der mythologischen Leda entspricht, die gegen ihren Willen verführt wurde, zum anderen auch ganz einfach zur aktuellen Linie passt, niedergeschlagene und sentimentale Mädchen darzustellen.

„Es ging mir dabei um die Kombination aus Fragilität und Anmut, die der Schwan für mich besonders verkörpert. In seiner Statur, der Farbigkeit, der Beschaffenheit des Gefieders und seiner Art der Bewegung.“ sagt Marina Peck über ihre Serie.

Ob dies eine Aussage über das Frauenbild unserer Zeit treffen soll? Ich glaube es kaum. Die Apathie in den Bildern passt aber meiner Meinung nach sehr gut, zumindest wenn man die mythologische Leda im Hinterkopf behält, die sich auch nicht gegen den verwandelten Zeus zu wehren wusste.

Was auch wunderbar funktioniert und ich hier als dritte Möglichkeit aufzeigen möchte, sind Diptycha. Dabei werden Frau und Schwan eher ne­ben­ei­nan­der­ge­stellt, vielleicht auch vergleichend gegenüber, was zum einen zwei eigenständige Bilder ergibt und zum anderen das Herleiten der Gemeinsamkeiten oder Unterschiede möglich macht.

Die Geschichte wird also angedeutet, aber weniger ausführlich erzählt als in einem gemeinsamen Foto, in dem dann auch zwingenderweise das Verhältnis von Tier und Mensch behandelt werden muss.

Inwieweit in den Diptycha überhaupt Bezug auf den Mythos genommen wird, ob in Titel oder im Bild selbst, differenziert auch stark in den Bildbeispielen, die ich finden konnte. Teilweise wird sich sehr abstrakt und kunstvoll dem Thema angenommen, was ich spannend, aber auch als große Denkleistung empfinde.

Ob als direkter Bezug auf den Mythos von Leda und dem Schwan oder als Beschäftigung mit dem Thema Tier und Mensch, ich finde Schwanenmädchen heute wie damals einfach interessant.

Die Schönheit der Tiere, die Verbindung mit dem mutig-starken oder traurig-passiven Mädchen, ein neues „Bild der Frau“ oder doch eine klassische Herangehensweise – es gibt viel zu entdecken und meiner Meinung nach hat selbst ein jahrhundertealtes, tradiertes Motiv noch das Potenzial, heute eine spannende Bildsprache zu finden und die Geschichte neu zu erzählen.

1 Feministische Avantgarde, Hrsg. Gabriele Schor, 2015, S.48
2 Gedichte, Rainer Maria Rilke, Reclam, 1997
3 Feministische Avantgarde, Hrsg. Gabriele Schor, 2015, S.49

Das Titelbild stammt von Laura Makabresku.

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2 Kommentare

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  1. Eine kunsthistorische Betrachtung heutiger Fotografie lag mir bisher mehr als fern. Der Artikel bereichert und inspiriert mich, tradierte Motive zu interpretieren. Gleichwohl werden Betrachter wohl selten so tief in die Hintergründe des Zugrundeliegenden treten, wie die Autorin.