Buchrücken Abbildung von The Lost Rolls mit Filmdosen dekoriert auf Holzfußboden
01. August 2016 Lesezeit: ~6 Minuten

Rezension: Ron Haviv – The Lost Rolls 1988–2012

„The Lost Rolls 1988–2012“ ist ein freies Buchprojekt des Fotografen und Fotojournalisten Ron Haviv, der sich überwiegend mit Dokumentar- und Reportage-Fotografie aus Konfliktzonen und wichtigen sozialen und politischen Ereignissen beschäftigt, um diesen die benötigte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Ron Haviv wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter auch bereits zwei Mal der renommierte World Press Photo Award.

Das Buchprojekt, das ich hier vorstellen möchte, ist eine fotografische Sammlung und Zusammenfassung Havivs in Vergessenheit geratener Filme aus über 20 Jahren, die nachträglich entwickelt wurden. Sie eröffnen mannigfaltige Bildwelten, die von der Vergänglichkeit des Filmmaterials als solchem, aber auch von der begrenzten Erinnerungsfähigkeit des Menschen, die Bilder wieder mit dem eigentlichen Ereignis zu verknüpfen, sprechen. Dazu gehört eine Ästhetik, die digital häufig kopiert wurde – jedoch meines Erachtens ohne authentischen Erfolg. Das Buch enthält eine Auswahl von 74 Farb- und Schwarzweiß-Fotografien.

Buch mit dem Titel Lost Rolls Cover Fotografie auf Holzuntergrund

Die Arbeit am Buch wurde herausgegeben von Robert Peacock, auf dessen Seite ihr ein spannendes Video zum Buch findet. Von Dr. Lauren Walsh stammt ein einleitendes Essay und von W. M. Hunt das Vorwort. Ron Haviv selbst schrieb das Nachwort. Das gesamte Buch ist auf Englisch verfasst.

Das Vorwort von W. M. Hunt erinnert uns gleich daran, dass Fotografien in ein gesellschaftliches Gedächtnis eingeschrieben werden können, jedoch sagt er auch: „Memory is a slippery business“, also etwa „Erinnerungen sind eine schwer zu fassende Angelegenheit“ und weist darauf hin, dass die in Havivs Bildern sichtbaren Bildfehler durch schlechte Lagerung hervorgerufen wurden und kein künstlerisches Mittel darstellen.

Es wird thematisiert, dass dieses Hervorholen uralter Filmrollen, die teilweise nie veröffentlichte Bilder aus dem journalistischen Bereich enthalten, auch eine Kritik an der Schnelllebigkeit der journalistischen Fotografie und der hiermit offengelegten Selektion selbiger darstellen kann.

Aufgeschlagenes Buch mit Ansicht einer Fotografie mit Chemieflecken und Text

Aufgeschlagenes Buch mit Bild von einem Fleck auf Fußboden, nebenstehend Text auf der gegenüberliegenden Buchseite.

Im erwähnten Essay von Dr. Lauren Walsh wird sehr schön hervorgehoben, dass es etwas anderes bedeutet, ein Bild zu sehen als ein Bild zu lesen und unterschiedliche Ebenen von Verständnis erreicht werden, je nachdem wie tief wir uns auf alle dem Bild eingeschriebenen Informationen einlassen. In diesem besonderen Fall gehört auch der Prozess des Alterns und der chemischen Veränderungen mit zu dieser Betrachtung. Sie erinnert daran, dass Bilder zusätzliche Sinneseindrücke heraufbeschwören können, jedoch auch in der Lage sind, uns zu verwirren.

Ron Haviv fand auf seinen „Lost Rolls“ diverse Bilder von früheren Auftragsarbeiten aus dem Pressebereich vermischt mit privaten Fotografien vor. Einige Bilder hatten mit der Zeit Bekanntheit erlangt oder die darauf abgebildeten Personen waren Bestandteil des öffentlichen Lebens geworden und somit leicht zu identifizieren. Zeit und Ort waren rekonstruierbar. Schwieriger wurde es, wie er schreibt, bei privaten Aufnahmen, bei denen er teilweise nicht einmal mehr wusste, wer, wann wo abgebildet worden war – waren es entfernte Verwandte? Freunde? Bekannte?

Aufgeschlagenes Buch mit Text und Fotografie einer roten Fahne vor einer Statue

Aufgeschlagenes Buch mit Bild von aufgereihten Schädeln

Die Bilder im Buch stehen größtenteils für sich. Einige werden begleitet von typografisch und optisch ein wenig verwirrend angelegten Notizen, die Hintergrundinformationen zu Zeit, Situation und Ort liefern. Durch das ganze Buch hindurch zieht sich auf den freien Papierflächen die Thematisierung der chemischen Bildfehler, da diese auch neben den Bildern als dekoratives Element auftauchen.

Bei anderen Büchern würde ich vielleicht sagen, dass das übertrieben ist – da dieses Buch aber explizit von der verstrichenen Zeit und der Filmveränderung spricht, finde ich es hier völlig in Ordnung, wirklich auf jeder Seite Chemie und Verfall zu thematisieren. Zumal es eine einmalige Ästhetik ist, die sich immer wieder verändert.

Die Bilder selbst sind nicht geordnet nach Presse oder Privatbildmaterial, sondern durchmischen sich immer wieder. Durch die Alterung ist auf einigen Bildern beinahe nichts mehr zu erkennen und man kann selbst auf Spurensuche gehen.

Aufgeschlagenen Buch mit formatfüllendem Bild einer verschwommenen Frau

Aufgeschlagenes Buch mit zwei Schwarzweiß-Fotografien von einer Mutter mit Kind und einem jungen Mädchen.

Sehr gut gefällt mir, dass man die Möglichkeit hat, bei tieferem Interesse im angefügten Register Bildnamen und Orte (soweit vorhanden) zu suchen und so mehr Hintergrundinformationen zu erhalten. Dort erfährt man auch, dass die Bildwelten, in denen man vorher geblättert hat, international waren. Sarajevo, New York, El Salvador, Moskau und Deutschland, um nur einige der Orte zu nennen. Staatsmänner und Exfreundinnen, zusammengehalten durch die Thematik der Filmalterung.

Schade finde ich, dass das Buch sich leider ständig selbst wieder zuklappt. Es handelt sich um eine Hardcoverbindung mit Verklebung, die leider in sich etwas zu steif geraten ist. Das feste, matte Papier passt zwar sehr gut zu den Bildern, hilft aber leider nicht dabei, das Buch geöffnet zu halten. Aber das ist auch mein einziger Kritikpunkt, der sich explizit auf das Medium Buch bezieht.

Aufgeschlagenes Buch mit Doppelseite voller farbiger Indexfotografien

Aufgeschlagenes Buch mit Bild von einem Mädchen eingewickelt in einer Decke.

Anmerken möchte ich, dass dieses Buch bei blurb gedruckt wurde. Einem Anbieter, den jede*r von uns nutzen kann und der direkt mit einer Software daher kommt, die wir zur Gestaltung unserer Bücher nutzen können. Gut an blurb ist, dass es sich dabei um einen „on demand“-Anbieter handelt, der also auf Nachfrage Bücher druckt, sodass man sich als Autor*in nicht in große Unkosten stürzen muss. Beruhigend (oder beunruhigend?) zu wissen, dass selbst etablierte Fotograf*innen diese Möglichkeiten noch bzw. wieder nutzen.

Das vorgestellte Buch „The Lost Rolls“ ist für 45 $ (ca. 40 €) zzgl. Versand bei blurb erhältlich. Es enthält auf 124 Seiten insgesamt 74 Farb- und Schwarzweiß-Fotografien sowie diverse Chemiefehler-Abbildungen mit hoher Ästhetik. Es ist ein richtig schickes Regalbuch mit bestechendem Cover und viel Inhalt!

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