Ein Stapel Foto-Bücher und Bände sitzen auf einem älteren Sessel.
15. November 2015 Lesezeit: ~9 Minuten

Die 5 Fotobücher des Monats

Liebe Leser*innen, der November ist vorangeschritten und Weihnachten rast förmlich auf uns zu. In den letzten Wochen lagen auf unseren – wir, das sind Martin Gommel (mg) und Tilman Haerdle (th) – Schreibtischen wieder fünf Fotobücher, die sich durchaus auch als Weihnachtsgeschenk eignen. Und bevor wir uns nun im Vorwort verhaspeln, wünschen wir Euch viel Spaß beim Stöbern (und Schenken).

 

Ausschnitt des Covers vom Buch „Radical Love“ von Toni Greaves

Toni Greaves: Radical Love*

Als „Radical Love“ mit seinem Leineneinband auf meinem Tisch lag, war ich skeptisch. Ich blätterte ein wenig im Buch herum und… konnte… nicht anders, als langsam aber sicher zu schmunzeln. In „Radical Love“ dreht sich die Dokumentarfotografin Toni Greaves einmal um die Welt einer jungen Frau, die sich im Alter von 21 Jahren dazu entschieden hat, Nonne zu werden.

So entstanden in den Jahren zwischen 2008 und 2014 beeindrucke Portrait-Aufnahmen, die Greaves ausschließlich in der kleinen Klostergeschmeinschaft in New Jersey aufnahm. Und dabei eine Frau nicht aus dem Auge verlor: Schwester Lauren.

Fotografisch auf allerhöchstem Niveau schafft es die Fotografin, die Spannung von Nähe und Distanz zur Protagonistin nahezu perfekt zu halten. Schwester Lauren wird (fast immer von Herzen lachend) beim Bibelstudium, Bodenwischen und Unkrautjähten so unberührt fotografiert, als wäre die Fotografin unsichtbar.

„Radical Love“ ist ein ungewöhnlich intimes, lebensnahes und schrecklich süßes Büchlein über das Leben einer Frau, die eben dieses in „radikaler Liebe“ einem Ort, einer Gemeinschaft und einem Gott verschrieben hat. (mg)

Informationen zum Buch

Veröffentlichung: 22. September 2015
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Chronicle Books
Größe: 21,6 x 1,9 x 26,7 cm
Preis: 38,18 € 

 

Ausschnitt des Covers Forms Of Japan von Michael Kenna

Michael Kenna: Forms of Japan*

Michael Kenna hat mit „Forms of Japan“ einen ordentliches Brett produziert. Was, Du kennst Michael Kenna noch nicht? Okay. Dieser Mann, der in England geboren wurde, ist einer der bekanntesten Landschaftsfotografen auf internationaler Ebene, arbeitete für Ruth Bernhard, entwickelte seinen eigenen Bearbeitungsstil in der Dunkelkammer und kann auf über 50 Monografien und mehr als 600 Ausstellungen zurückblicken.

Nun publizierte Kenna mit dem Verlag Prestel einen 312-seitigen Fotoband, den die Düsseldorfer Designerin Yvonne Meyer-Lohr gestaltete. Dies mag Fotograf*innen nicht sofort auffallen, jedoch ist gerade dieser Fotoband mehr als nur eine Reihe von abgedruckten Fotografien. Schon vom Design her ist es ein sehr sorgfältig abgestimmtes Gesamtwerk.

Inhaltlich ist „Forms of Japen“ in fünf unterschiedliche Themen eingeteilt: Die See, das Land, Bäume, Geist und Himmel. Diese behandeln japantypische Formen, ohne dabei langweiligen Stereotypen zu verfallen. Denn Michael Kenna ist nicht umsonst ein begnadeter Landschaftsfotograf.

Beinahe alle Fotos bestechen durch ihre Einfachkeit und Reduktion, die wir in dieser Konsquenz im Foto-Internet eher selten zu Gesicht bekommen. Fast alle abgedruckten Aufnahmen sind dank hasselbladschem Mittelformat quadratisch, was die sauber komponierten Aufnahmen in Ruhe und Balance unterstreicht.

Die Aufnahmen selbst wirken durch die Größe des Buches beinahe mächtig. Der schier unerschöpfliche Ideenreichtum Kennas überzeugt auch dadurch, dass er für jede zu fotografierende Szene eine perfekte Komposition ausbaldowerte. Diese Art des Fotografierens kann tatsächlich meditativ genannt werden. Uneingeschränkte Empfehlung. (mg)

Informationen zum Buch

Veröffentlichung: 28. September 2015
Gebundene Ausgabe: 312 Seiten
Verlag: Prestel
Größe: 28,7 x 3,5 x 29,8 cm
Preis: 65 € 

 

Ausschnitt des Titelfotos des Buches „Über New York“ von George Steinmetz

George Steinmetz: Über New York*

Zugegeben, das leicht übersättigte Titelfoto des neu erschienenen Bandes von George Steinmetz täuscht etwas. Erst auf den zweiten Blick eröffnet sich Betrachtern der volle Umfang und die inhaltliche Tiefe, die der vielprämierte George Steinmetz mit „Über New York“ geschaffen hat.

Dieser setzte sich ein Jahr lang mit einem Piloten in ein Ultraleichtflugzeug, um die Metropole New York City zu allen Jahreszeiten und von allen erdenklichen Perspektiven aus der Vogelperspektive zu fotografieren.

In der Zeit vom 2. Februar bis zum 31. Dezember 2014 umflog Steinmetz die fünf Stadbezirke New York Citys (Manhattan, Queens, Brooklyn, Staten Island und Bronx) und erzielte dabei wahnsinnig detailreiche Ansichten der Stadt, die niemals schläft.

Von sich auf Dachterrassen sonnenden Leuten, Weitwinkelaufnahmen des verschneiten Central-Parks über beeindruckende Gegenlichtaufnahmen des JFK-Flughafens ist alles dabei, was das Herz eines NYC-Fans begehrt. Am beeindruckendsten sind die Perspektiven, die Steinmetz mit dem Teleobjektiv einnahm und somit das Paradoxon „klein und trotzdem groß“ fantastisch in Szene setzte.

Jedoch soll „Über New York“ nicht ohne Kritik davonkommen. Denn allein die Tatsache, dass jede Flugstunde den Amerikaner 500 $ kostete, wird so manche*n Kapitalismuskritiker*in augenrollen lassen. Und ich finde: Zu recht. Dieses Mammutprojekt hat – wie vieles im Leben – zwei Seiten. (mg)

Informationen zum Buch

Veröffentlichung: 12. Oktober 2015
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Knesebeck
Größe: 27,6 x 3,8 x 31,2 cm
Preis: 39,95 € 

 

Ein Fitnessstudio

Johanna Diehl: Ukraine Series: Ehemalige Synagogen in der Ukraine*

2013 besuchte die Künstlerin Johanna Diehl ehemalige Synagogen in der heutigen Ukraine. Während der deutschen Besatzung (siehe dazu auch die letzten fünf Buchempfehlungen) teilweise zerstört, wurden sie unter der sowjetischen Herrschaft völlig zweckentfremdet: Als Autowerkstatt, Essigfabrik, Krankenstation, Kino, Näherei, Sporthalle oder KGB-Gefängnis.

Die umfangreiche Serie von Bildern aus dem Inneren der ehemaligen Synagogen, die im Großformat derzeit in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen ist, liegt nun auch in Buchform vor, erschienen im Verlag Sieveking.

Johanna Diehl präsentiert dem Betrachter ein breites Spektrum der Verwandlung ehemals sakraler Räume in oftmals sehr profane Orte. Beginnend mit Innenansichten verlassener Synagogen, die dem Verfall preisgegeben sind, geht das Buch zunächst über zur Darstellung von Räumen, die offenbar als Rumpelkammer, wenn nicht gar als Sperrmülldeponie genutzt werden.

Synagogen sind und waren immer auch ein Ort der Begegnung, daher wohnt der Nutzung der Versammlungsräume von Synagogen als Kino eine besondere Ironie inne. Aber auch die Umnutzung einzelner Räume in Sporthallen oder Fitnessstudios liefert interessante Ansichten. Manches Interieur wirkt derart selbstverständlich, dass man die aktuelle Inanspruchnahme schon fast als gelungene Säkularisierung betrachten kann.

Gäbe es den traurigen geschichtlichen Hintergrund nicht, wäre die Umwidmung der Synagogen in einer Linie mit den vielen Säkularisierungen von Kirchen in anderen Teilen Europas zu sehen.

Mir gefällt, dass Johanna Diehl in diesem Projekt eine wirklich umfassende Bildersammlung liefert. Der fotografische Stil ist sehr dokumentarisch, die Bilder wirken allein durch ihre Motive. „Ukraine Series“ hat mich beeindruckt und es ist für Liebhaber alter Gebäude wie auch dokumentarischer Fotografie sehr empfehlenswert. (th)

Informationen zum Buch

Veröffentlichung: 1. Oktober 2015
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Sieveking
Größe: 24,1 x 2 x 27,7 cm
Preis: 49,90 €

 

Ausschnitt aus „Bilderkrieger“ von Michael Kamber (Hrsg.), Ankerherz Verlag 2015

Michael Kamber: Bilderkrieger*

Krieg ist in unseren Medien und Köpfen omnipräsent. Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht neue Berichte von Kriegshandlungen irgendwo auf der Welt sehen können. Bilder vom Krieg filtern wir im Kopf so gut weg, dass es kaum noch Szenen gibt, die uns wirklich aufrütteln.

Auf der anderen Seite passiert es nicht erst seit dem Erstarken des IS, dass Fotografen Opfer grauenhafter Exekutionen, Folter oder Anschlägen werden. Der Preis, den Fotografen in Krisengebieten für ihre Arbeit zahlen, ist hoch.

Mike Kamber, selbst seit 25 Jahren Kriegsberichterstatter und Preisträger des World Press Photo Award, veröffentlicht in seinem Buch „Bilderkrieger“ insgesamt 18 Interviews, die er und in der deutschen Ausgabe auch andere Autoren (darunter Stefan Kruecken vom Verlag Ankerherz), mit Kriegsfotografen führten.

„Bilderkrieger“ ist also eher ein Buch über Fotografen und Fotografie als ein Fotobuch. Es würde zu weit gehen, wenn ich behauptete, dass das Buch mir Angst gemacht hat. Aber die Interviews beschreiben die Arbeit der Fotografen sehr anschaulich, teilweise drastisch und sich diese Situationen vorzustellen, ist extrem beunruhigend.

Einerseits entsteht dieses Gefühl des Unwohlseins einfach aufgrund dessen, dass die Fotografen gezielt die Gefahrensituationen suchen. Teilweise gewinnt man den Eindruck, dass sie mehr Risiken auf sich nehmen als die Soldaten, in deren Umfeld sie sich bewegen. Andererseits ist es verstörend und kaum nachvollziehbar, dass manche Fotografen trotz dieser Gefahr immer wieder Kriegsgebiete aufsuchen.

„Bilderkrieger“ portraitiert eine Reihe sehr unterschiedlicher und unterschiedlich motivierter Fotografen und bringt zu jedem Interview ein Foto, das stellvertretend für die Arbeit des Fotografen stehen kann. Die sehr kleine Auswahl an Bildern zwischen den Textseiten sorgt dafür, dass sie stärker wirken als in einem Band, der nur Bilder enthielte.

„Bilderkrieger“ ist kein schönes und gefälliges Buch, aber es ist wichtig und es macht indirekt eindeutig klar, welchen Schrecken Menschen ausgesetzt sind, die in Kriegsgebieten noch leben müssen. Auch das ist in der aktuellen Diskussion um die Motivation von Menschen, ihre Heimat zu verlassen, ein wichtiger Beitrag zur Debatte. (th)

Informationen zum Buch

Veröffentlichung: 1. Juni 2015
Gebundene Ausgabe: 230 Seiten
Verlag: Ankerherz
Größe: 16,9 x 3 x 22,6 cm
Preis: 29,90 €

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