Eine Gruppe Rehe steht vor einem modernen Gebäude
13. Februar 2015

Wildwechsel in Nara

„Eines Morgens stand ich an einer leeren Straßenkreuzung in der Stadt Nara. Eine Gruppe Rehe zog schnurstracks über die Kreuzung an mir vorbei“, sagt Yoko Ishii. Die Tatsache, dass die Tiere mitten in der Stadt herumlaufen, beeindruckte die japanische Fotografin zutiefst und war der Grund dafür, dass sie 2011 begann, das Leben der vierbeinigen Stadtbewohner zu dokumentieren.

Das Sika-Wild hat seinen Namen vom japanischen Wort 鹿 („shika“), das soviel wie „Reh“ bedeutet. Eine Population von ihnen lebt im Park der Altstadt von Nara, einer Stadt im Süden der japanischen Hauptinsel Honshu, unweit von Kyoto und Osaka, eine andere lebt in Miyajima nahe Hiroshima.

„Die Tiere sind unglaublich zahm. In meiner Schulzeit unternahmen wir Klassenausflüge zu den Rehen und vergnügten uns damit, sie zu streicheln und zu füttern“, erinnert sich die Fotografin.

In Japan wird das Reh als Bote der Shinto-Götter angesehen und steht als Nationalheiligtum unter Schutz. Diese Wertschätzung steht allerdings im harten Gegensatz zu den Problemen, die eine Überpopulation von Rehen in einigen Gegenden des Landes verursacht. Durch ihr Fressverhalten gefährden die Tiere Land- und Forstwirtschaft.

Aus diesem Grund schaffen örtliche Behörden Jägern Anreize, die Population der Tiere unter Kontrolle zu halten. Über 360.000 Rehen wird in Japan jährlich das Licht ausgeblasen. Es sind überall die gleichen Rehe, doch werden sie völlig unterschiedlich behandelt, je nachdem, wo sie leben.

Yoko Ishiis Bilder zeigen, wie wenig sich das Wild um die Grenzen und Gesetze der Menschen kümmert – ein Stück Natur, das die vom Menschen erschaffenen Strukturen ahnungslos infiltriert. Paradoxerweise ist die Stadt der sicherste Ort für die Tiere.

Welch ein außergewöhnlicher Anblick, wie sie frei über den Asphalt schlendern oder ihre Köpfe in Schaufenster stecken. Den Titel der Serie – „Beyond the border“ – fand die Fotografin, als sie sich vorstellte, wie die Tiere eines Tages einmal eine verlassene Stadt für sich erobern werden. Yoko Ishii träumt: „Müsste ich mir eine Welt vorstellen, von der die Menschen jäh verschwinden, dann würde sie so aussehen.“

Zwei Rehe stehen auf einer Straße und schauen in die Gegend.

Eine Gruppe von Rehen unterquert ein Gebäude.

Eine Ricke säugt zwei Kitze auf einer Straßenkreuzung

Ein Sika-Reh grast vor dem Bild eines Sika-Rehs.

Ein junger Hirsch steht vor einem Eisladen und leckt sich die Schnute.

Ein Hirsch passiert ein geschlossenes Geschäft.

Eine Gruppe Rehe läuft eine Straße entlang.

Wer neugierig darauf ist, was die Stadt-Rehe noch so treiben und wie sie sich ihrem ungewöhnlichen Lebensraum angepasst haben, schaut am besten auf Yokos Webseite oder ihrer Facebook-Seite vorbei.

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13 Kommentare

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  1. Faszinierende beeindruckende Bilder!….Vielden Dank dafür! Dadurch, dass die Tiere ohne Menschen abgelichtet wurden, ensteht wirklich diesr Eindruck von verlassenen Städten.
    Was den Bildaufbau angeht, finde ich vor allem Bild 2 beeindruckend….

  2. Eine interessante Artikel mit fantastischen Aufnahmen wird uns hier präsentiert.

    Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie „Wildtiere“ und Menschen so dicht zusammenleben können. Beispiele dafür gibt es ja weltweit mehr als genug, beeindruckend ist es aber dennoch.

    Gruß, Andreas

  3. Die Fotos überraschen mich … ungewöhnliche Ansichten, so ruhige Eindrücke. Da wir uns auch seit einiger Zeit mit Wildtieren in der Stadt beschäftigen, ist der Artikel sehr interessant für uns! Und die Fotos sind wunderschön!

  4. Ich finde, diese Fotos sind ein Musterbeispiel, wie man es toll machen kann…
    Hier wird ja häufiger über Qualität, Kunst und Trends diskutiert.
    Jetzt habe ich nochmal zurückgeschaut auf einen früheren Beitrag über Polaroid-Fotografie und meinen damals bösen Kommentar, für den ich viel Gegenwind bekam( http://kwerfeldein.de/2014/12/31/polaroidfotografie/ ) . Und ja: Geschmäcker sind verschieden, aber es gibt doch auch objektive Kriterien.
    Polaroid oder welcher trend auch immer kann einem gefallen oder nicht, aber es bleibt dabei: Hipster, die gedankenverloren in am Pola-Objektiv vorbei auf den Boden gucken sind nun mal ein ausgelutschtes Motiv.

    Und ja: das hier ist :
    1. interessant
    2. voll guter Ideen
    3. faszinierend
    4. handwerklich sehr gut umgesetzt
    5. völlig unabhängig von Trends: die fotos sind auch in 10 Jahren noch spannend
    6. (beliebig fortsetzbar)

    Vielleicht gibt es auch Leute, denen diese Fotos geschmacklich nicht zusagen, doch diese sind objektiv gut: das macht die große Qualität aus.

  5. Eine interessante Reportage – aber fotografisch, finde ich, ist das nichts Begeisterndes. Um es klar zu sagen: in meinen Augen sind das „just record shots“, oder böse gesagt: reine Knipsfotos.
    Wenn ich das mal mit Alex Saberis „Wildlife“-Fotos aus Londons Richmond Park vergleiche – genau das Gegenteil. Saberis Fotos sind sehr gut, finde ich, wenn auch leider übermäßig „bearbeitet“.
    http://www.alexsaberi.com/richmondpark/

  6. Nara ist immer eine Reise Wert und nicht nur wegen den Rehen. Ich selber habe noch keine schlechten Erfahrungen mit den Vierbeinern dort gemacht, doch das ein oder andere Hinweisschild erzählt da doch eine etwas andere Geschichte.

    Egal, ich finds spannend durch die Stadt usw. zu laufen und überall treiben sich die Tiere herum.