Ein Mann liegt weinen auf einem Sofa
12. Juni 2014

Die Stärke der Fragilität

Irene Morays Serie „Boys don’t cry“ hat mich bewegt. Und Verwunderung darüber ausgelöst, dass sie mich bewegt. Würde eine Serie mit weinenden Frauen die selben Emotionen in mir auslösen? Eine spannende Auseinandersetzung mit dem Verständnis von „Männlichkeit“ und dem Umgang mit menschlicher Verletzlichkeit.

Seit wir Kinder waren, wurde uns gesagt, dass Jungs stark sein müssen. Sie müssen ihre Geliebten beschützen, sie müssen zäh sein. Keiner hat uns gesagt, dass es auch eine Stärke ist, wenn wir unsere Verletzlichkeit zeigen können.

Hintergrund dieser Serie ist die grundsätzliche Faszination der Fotografin für die Fragilität der Menschen. Auf der Suche nach neuen Wegen, ein Gefühl von Stärke in der Offenbarung von Verletzlichkeit zu vermitteln, entschied sie sich dafür, auf diese Weise sexistischen Vorurteilen zu begegnen, die heutzutage immer noch präsent sind.

Mich hat sie damit zum Nachdenken gebracht. Zum einen über die Geschichten, die hinter ihren Bildern und den Biografien der gezeigten Menschen stecken. Und zum anderen über meine eigenen Masken, hinter denen ich mich in der Öffentlichkeit verberge. Weil man das als Mann eben so macht. Oder auch nicht.

Ein Paar steht vor einer Bahnhofshalle.

Ein Mann steht auf der Straße, ein Radfahrer im Hintergund.

Ein Mann liegt weinend auf einem Sofa.

Ein Paar sitzt in einem Restaurant.

Ein Mann steht vor einem Baum.

Ein Maler sitzt in einem Atelier.

Ein Mädchen und ein Junge stehen auf einem Spielplatz.

Ein Paar auf einem Bett.

Ein Paar in schwarzer Kleidung auf einem Friedhof.

Ein älteres Paar sitzt neben einem Fenster.

Zwei Männer liegen auf einem Bett.

Ein Mann liegt rauchend auf einem Sofa.

Ein Paar sitzt auf einem Sofa.

Ein Mann sitzt mit Popcorn im Kino.

Ein Mann sitzt an einem Bahnsteig.

Ein Paar liegt im Bett.

Ein Paar steht am Strand.

Ein Paar sitzt an einer Wand.

Irenes Bilder konfrontieren mich mit gesellschaftlichen Rollenbildern und führen mir vor Augen, was eigentlich zählt. Die Intimität der Fotos, die den Betrachter scheinbar an sensiblen, fragilen Momenten teilhaben lässt, zeigen eine Dimension des Lebens, in der die Sinnlosigkeit des Masken-Tragens deutlich wird.

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12 Kommentare

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  1. Wow, sehr geil. Ich bin auch sehr überrascht, wie bewegend die Bilder sind. Super Idee, super umgesetzt.

    Interessant finde ich auch, wie lebensbejahend die Bilder auf mich wirken. Durch den Schmerz, den sie ausstrahlen wird mir die Vergänglichkeit bewusst und das macht mir bewusst, dass ich nur hier und jetzt etwas tun kann und alles andere nicht beeinflussen kann. So nach dem Motto: Ohne Tiefen keine Höhen.

  2. Also mich schüttelt es, wenn ich diese Bilder sehe. Zum Einen wirken alle Bilder auf mich vollkommen gestellt und zum Anderen empfinde ich es als unangenehm kokett und exhibitionistisch, wenn Männer (als Modell oder Fotograph) ihre Weichheit oder Verletzlichkeit zu Markte tragen – vermutlich auf die liebe- und verständnisvollen Reaktionen der Mädels schielend. Natürlich dürfen wir heulen, wenn es uns übermannt (!), aber wenn wir das knipsen und veröffentlichen wird etwas etwas ganz anderes daraus – genau wie bei den Mädchen, die Ihre Märchenträume im web ausstellen. Ich stehe dieser rührseligen Innerlichkeit im web – also ausserhalb des Privaten ganz ablehnend gegenüber, weil sie mir so unecht erscheint. Bin ich allein damit ?

    • Nein! Bist Du nicht Andreas.
      Ich sehe das im Grunde ganz genauso wie Du. Ich selber habe kein Problem damit auch mal meine Trauer nach aussen zuntragen, aber das hier passt für mich deshalb nicht, weil es tatsächlich nicht echt wirkt. Ja schön eingefangen und fotografiert, aber es wirkt tatsächlich künstlich.

  3. Eigentlich simples Thema mit spannendem Effekt, wenn man Verletzlichkeit von Männern als etwas Besonderes empfindet. Da bin ich achselzuckend etwas zwiegespalten, halte es aber für durchaus gut, das mal in den Fokus zu stellen.

    Neben der fotografischen Qualität leben die Bilder natürlich von der Schauspielkunst ihrer Protagonisten. Es ist wie im Film völlig legitim, etwas „in unecht zu stellen“ und auch mal geballt in einer Szene (wie es beim Foto eben nur geht). Das ist manchmal besser und manchmal schlechter gelungen.

  4. Es ist vor allem immer noch erstaunlich, welche Reaktionen ausgelöst werden, wenn Männer von einer anderen, als der typischen „Mannseite“ gezeigt werden.
    Da fehlt noch immer ein gutes Stück Normalität. Daher finde ich es gut, wenn dies thematisiert wird. In einigen Bildbeispielen gelingt das gut.

  5. Mdw – Männer dürfen weinen.
    Ja warum nicht, doch auch ich muss sagen, dass mich nur 2 Fotos wirklich bewegt haben.
    Das ist das Paar beim Pizzaessen und der Mann auf dem Bahnhof.
    Alle anderen wirken, wie bereits mehrfach gesagt, doch sehr gestellt.
    Und ob man weinende Männer in der Öffentlichkeit zeigen darf? Hmm, da schwanke ich noch reichlich hin und her …