09. Juni 2021 Lesezeit: ~13 Minuten

Sich selbst aushalten

Ich treffe Franziska Korries in einem kleinen Zimmer mit großem Schaufenster. Das Zimmer gehört zum Hotel Maison Marsil in Köln, in der Nähe des Neumarkts. An den Wänden hängen ihre Schwarzweißaufnahmen, im Schaufenster steht ihr neuer Bildband.

Wir setzen uns an einen Esstisch, der den Großteil des Raumes einnimmt. Hier essen morgens die Hotelgäste, berichtet mir Franziska. Aber hier hängt auch immer Kunst. Frühstücken zwischen Kunst ist eine gute Idee, findet der Besitzer und stellt regelmäßig Kreativen den Raum zur Verfügung. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Draußen spürt man endlich den Sommer und wir trinken kaltes Wasser, während Menschen an uns vorbeispazieren. Ich stelle meinen kleinen Aufnahmerekorder auf den Holztisch und wir beginnen das Gespräch.

Nackte Frau vor einem Spiegel beugt sich auf einen Schreibtisch

Du lebst bei Koblenz, wie bist Du auf ein Hotel in Köln aufmerksam geworden?

Ich war vor zwei Jahren als Gast bei der Photoszene und als mein Projekt entstanden ist, erinnerte ich mich an das Festival und wollte gern selbst ein Teil davon werden. Es war aber gar nicht so einfach, denn Räumlichkeiten sind nicht so leicht zu finden. Die Empfehlung für das Hotel kam dann über eine Bekannte. Sie wusste, dass hier öfter Ausstellungen stattfinden.

Ich mag den Ort wirklich gern. Es ist irgendwie niedlich und ich bin sehr dankbar, dass ich ihn nutzen darf. Das ist auch meine erste Ausstellung und es ist sehr aufregend. Es gibt nichts Schöneres, als die eigenen Bilder hängen zu sehen.

Du hast für Dein Projekt Menschen nackt vor Spiegeln gesetzt und sie dabei fotografiert. Wie kam es zu der Idee?

Es entstand über einen Umweg. 2019 hatte ich eine Art kreative Blockade und keine Lust mehr. Ich habe meine Kamera ein halbes Jahr lang weggelegt, dann erst langsam wieder begonnen und mich selbst vor einem Spiegel fotografiert.

Es war am Ende sehr seltsam, die entstandenen Bilder zu sehen. Ich habe überlegt, ob es nur schräg ist, weil ich mich mit meinen eigenen Bildern auseinandersetze oder ob es auch für andere schräg ist. Ich habe also eine Freundin gefragt, ob sie das Experiment mit mir machen möchte. Dieses Shooting war noch sehr locker. Wir haben währenddessen geredet und am Ende sagte sie: Oh, ich bin ja richtig schön.

Damit hatte ich nicht gerechnet und fand es erstaunlich, dass sie diesen Prozess brauchte, um das zu erkennen. Es hat mich neugierig gemacht und ich habe weitere Shoots mit anderen Menschen geplant.

Mit jedem Mal habe ich auch mehr Reize abgestellt. Wenn man währenddessen redet oder Musik läuft, ist man ja immer ein Stück weit abgelenkt. Es bleibt dadurch etwas oberflächlich und die Gedanken irgendwie „schön“: „mein Körper ist in Ordnung“, „ich akzeptiere mich so“, „meine Falten sind okay“ – aber mir hat es nicht gereicht, dass die Leute sich nur körperlich betrachten.

Frau betrachtet sich im SpiegelUnscharfes Bild einer Frau vor einem Spiegel

Wir Menschen sind schnell darin, uns mit anderen zu vergleichen, andere Menschen zu verurteilen und zu beurteilen. Man nimmt sich aber so wenig Zeit für sich selbst. Ich habe das Gefühl, wir kennen uns selbst oft gar nicht. Und gleichzeitig kommt gerade der Ruf nach Selbstliebe und so weiter auf. Aber wann macht das eigentlich jemand? Das waren einige der Fragen, die sich für mich aus dem Projekt entwickelten.

Ich kam zu dem Schluss, dass eine tiefere Auseinandersetzung nur dann funktioniert, wenn man die Reize wegnimmt. Keine Musik, keine Gespräche. Also wenn man jemanden fast schon dazu zwingt, sich selbst auszuhalten. Das war der Faden, der sich dann durch das Projekt gezogen hat. Es ging weg vom Körperlichen, vom oberflächlichen Betrachten, hin zu tieferen Gefühlen und Geschichten, die währenddessen an die Oberfläche kamen.

Eine Protagonistin sagte mir, sie wurde zu ihrer eigenen Dialogpartnerin, das fand ich sehr spannend. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ein eigentlich so einfacher Aufbau in den Menschen so viel bewirken kann.

Du bist in diesem Aufbau am Ende der letzte Reiz mit Deiner Kamera, wenn ich das richtig verstehe. Wie schaffst Du es, da möglichst unsichtbar zu werden?

Gute Frage, irgendwie hat es geklappt. Ich denke, das Thema Zeit hat dabei sehr geholfen. Wir haben nicht nach fünf oder zehn Minuten aufgehört, sondern die Einheiten waren immer etwa eine Stunde lang. Das hat dazu geführt, dass man mich irgendwann nicht mehr so wahrgenommen hat.

Oft habe ich mich auch etwas entfernt. Ich bin nicht aus dem Zimmer herausgegangen, aber habe einfach Raum gegeben. Besonders am Anfang, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich etwas zurechtzufinden.

Ich habe danach auch immer mit allen geredet und das Geschehene Revue passieren lassen. Dabei wurde oft gesagt, dass sie mich irgendwann nicht mehr wahrgenommen haben. Sie waren so tief drin, dass selbst das Klicken des Auslösers nicht mehr gestört hat.

Spiegel auf einer StaffeleiNackter Mann mit Spiegel in der Hand

Klingt, als hättest Du alles richtig gemacht.

Ja, zum Glück!

Warst Du immer bei den Menschen zuhause? Ich sehe verschiedene Orte hier auf den Bildern an der Wand.

Ganz unterschiedlich. Ich habe bei mir auf dem Hof eine Scheune, da sind einige Bilder entstanden. Einige habe ich auch bei sich zu Hause aufgenommen. Ein Shooting fand in einem Atelier statt. Da habe ich mich nicht festgelegt.

Als ich beschlossen habe, dass es ein Buchprojekt werden soll, hatte ich auch überlegt, ob ich immer denselben Raum brauche. Aber nein, die Situation bleibt ja immer die gleiche. Der Raum ist nicht wichtig.

Detailaufnahme einer Person, die eine Falte am Oberkörper mit den Fingern zieht

Wenn ich jetzt raten würde, wie die Menschen reagiert haben, würde ich sagen: Am Anfang haben sie viel aus Verlegenheit gelacht, als sie vor dem Spiegel saßen, weil sie sich unsicher fühlten. Und nach und nach wurde es intensiver und nachdenklicher.

Ja, der Prozess, was sie gemacht haben, was sie vielleicht auch gefühlt haben, war bei allen gleich. Das war spannend zu beobachten. Am Anfang macht man, was man halt vor einem Spiegel macht. Man betrachtet sich körperlich. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass die Unsicherheit kam und mit ihr das von Dir beschriebene Lachen.

Und das ist das Spannende: Wenn man das Experiment zu Hause machen würde, würde man an dem Punkt aufhören, an dem es unangenehm wird. Aber das konnten die Menschen ja nicht, denn es war ja auch ein Stück weit ein Machtverhältnis. Sie waren abhängig von mir und dass ich sage: „Okay, jetzt reicht es.“

Natürlich hätten alle auch von sich aus abbrechen können, wenn es ihnen zu extrem geworden wäre, aber ich denke, durch diese Zusage an mich, dass sie das Experiment mit mir wagen, war es nicht so leicht, einfach abzubrechen. Man zwingt sich etwas weiter dadurch.

Wenn also dieser Punkt der Unsicherheit überwunden wurde, kam bei den meisten ein Punkt, der sehr emotional, sehr nachdenklich war. Da kamen Geschichten und Erinnerungen auf. Und diese Geschichten bleiben auch bei den Menschen, das ist mir wichtig.

Wenn diese Phase erreicht war, konnte man langsam ausschleichen. Es gab meist nur eine – ich sage mal – Explosion, ein emotionales Chaos und dann war alles wieder in Ordnung.

Kaputter SpiegelFrau versteckt sich

Das Bild hier links von uns deutet ja auch an, dass bei einer dieser Explosionen auch ein Spiegel kaputtgeschlagen wurde.

Ja, genau.

Wie extrem kann es noch werden?

Ja, gar nicht, eigentlich. Das stimmt.

Aber das war mir auch wichtig. Bevor es losging, habe ich allen gesagt, dass sie sich frei fühlen sollen und alles machen dürfen. Es gab kein Drehbuch, keine Erwartungen. Ich bin in kein Shooting rein, mit der Hoffnung, dass jetzt alle losheulen oder was auch immer. Es sollte so unverfälscht wie möglich sein. Und so ist es auch dazu gekommen, dass eben ein Spiegel kaputtging.

Wie wichtig war das Nachgespräch dann für Dich oder auch für die Leute?

Ich denke, das war total wichtig. Es war vor allem wichtig für meine Protagonist*innen. Denn sie hatten auch nicht damit gerechnet, dass da mehr passiert, als sich äußerlich zu betrachten. Zwei der Menschen brauchten danach etwas Zeit und es gab kein Nachgespräch. Dafür kamen ein paar Tage später sehr lange Texte über die Erlebnisse.

Für mich war das Nachgespräch aber auch sehr wichtig. Erstens, um die Leute wieder abzuholen. Mir war wichtig, dass sie wissen, dass ich sie nicht für ein paar Bilder ausgebeutet habe. Ich wollte anbieten, mit mir darüber zu sprechen, etwas bei der Aufarbeitung zu helfen.

Zweitens war es mir aber auch wichtig, um alles besser zu verstehen, was da eigentlich los ist und warum das so ist. Es gab beim Fotografieren Phasen, in denen ich merkte, dass da etwas passiert. Und natürlich wollte ich wissen, was und warum das so war.

Mein großes Ziel war ja zu verstehen, was passiert, wenn man gezwungenermaßen mit sich selbst konfrontiert ist und sich aushalten muss. Und besonders dieses Aushalten finde ich selbst besonders spannend.

Lachende Frau im SpiegelMann liegt mit Spiegel nackt im Bett

Würden die Leute das Experiment noch einmal machen?

Ja, es gibt ein paar, die es noch einmal machen würden. Ich habe ihnen gesagt: Ja, mach doch! Du brauchst mich ja nicht. Aber das macht niemand. Und das ist doch auch wieder spannend.

Ja, weil man allein nicht so konsequent ist und diese Stunde aushält.

Ja, genau.

Hat jemand nach der Erfahrung auch nicht gewollt, dass die Bilder verwendet werden?

Nein.

Hatten die Menschen ein Mitspracherecht, welche Bilder ausgewählt werden?

Nein.

FrauenaktFrau sitzt vor einem Spiegel

Wenn ich mir die Bilder ansehe, sind die meisten Fotos auch bereits durch die Perspektive oder Unschärfe anonymisiert aufgenommen.

Genau. Und was ich allen gesagt habe, ist, dass ich mit dem Buch nicht das Ziel habe, einzelne kleine Geschichten zu erzählen. Das Ziel war nicht zu sagen: Person X hat das so erlebt und Person Y so. Sondern ich wollte den großen Prozess erzählen. Den Prozess des sich Auseinandersetzens mit sich selbst. Ich benutze diese Bilder, um diese große Geschichte zu erzählen.

Ich denke, dieses Wissen hat ihnen geholfen in der Entscheidung, beim Projekt mitzumachen. Es wäre wahrscheinlich schwieriger geworden, wenn man einzelne Geschichten erzählen wollte. Weil es dann sehr individuell und persönlich wird.

Im Buch erzählst Du vom Prozess des sich Auseinandersetzens auch nur mit den Fotos. Es gibt keine Texte, keine Erklärung oder vielleicht einen Text aus Deiner Perspektive. Warum? Das hat mich, als ich das Buch ohne Vorwissen in den Händen gehalten habe, etwas gestört. Ich bin so neugierig und wollte verstehen, was ich da sehe.

Aber das Projekt ist still.

Spiegel sind ja überall. Hat sich durch das Projekt verändert, wie Du mit Spiegeln umgehst? Schaust Du noch rein oder nimmst Du Dich darin anders war?

Nein, ich denke nicht. Schade, oder? Ich denke aber, es braucht gar keinen Spiegel. Der Spiegel hat ja nur geholfen, sich mit den eigenen Themen mehr auseinanderzusetzen.

Zwei Frauen nackt in einem Bild mit Störelementen

Ich kenne eine WG, die keine Spiegel im Haus hat. Und ich empfand es als wahnsinnig irritierend, dass ich mich beim Händewaschen nicht ansehen kann, sondern nur gegen eine Wand starre.

Aber die Frage ist, schaust Du Dich in einem Badezimmerspiegel richtig an?

Ich denke, ich kontrolliere nur, ob ich gesellschaftsfähig aussehe und so wieder aus dem Zimmer gehen kann.

Also ein oberflächliches Abchecken. Aber mein Projekt ist ja viel mehr. Deshalb verändert der Blick in den Spiegel für mich jetzt auch nicht viel.

Ich habe aus dem Projekt allerdings für mich mitgenommen, dass man sich mehr Zeit für sich selbst und seine eigenen Gedanken nehmen sollte. Es gibt viele verborgene Geschichten und Themen, die man sonst ein wenig verdrängt, die aber eigentlich doch irgendwie wichtig sind.

Und die sollte man annehmen und sich mit ihnen beschäftigen. Und am besten ohne eine Fotografin von außen, die sagt: „Du machst das jetzt.“

Schöner Gedanke. Ich danke Dir herzlich für das Gespräch und wünsche Dir noch ganz viel Erfolg mit der Ausstellung.

 

Infos zur Ausstellung

„Mirare“ von Franziska Korries
Zeit: 22. Mai – 26. Juni 2021
Finissage: 26. Juni, 14–18 Uhr
Ort: Maison Marsil, Marsilstein 25–27, 50676 Köln

 

Infos zum Bildband

„Mirare“ von Franziska Korries
Einband: Hardcover
Seiten: 174 Seiten mit 122 analogen Schwarzweißfotografien
Größe: 30 x 32 cm
Verlag: Eigenverlag
Preis: 70,00 €

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4 Kommentare

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  1. Ja, das ist ein Blick in das tiefe Innere. Sehr spannend und sehr nah. Ich sehe mich nicht im Spiegel an, vielleicht noch das Gesicht. Viele Facetten von dem, was ich hier im Interview gelesen habe, kann ich sehr gut nachvollziehen.

    Grüße
    Wilhelm

  2. Eine wundervolle Idee wundervoll umgesetzt. Chapeau! Etwas ähnliches habe ich mal mit Teenagern gesehen. Hab’s gerade recherchiert, es ist noch online: https://eva.xhbtr.com/spitting_image

    Dazu gibt es auch ein Video. Das finde ich noch intensiver:
    https://vimeo.com/273099333

    Andere Menschen zu betrachten, während in ihnen etwas geschieht ist für mich der größte Hebel, um Emotionen auszulösen. In der Regel ist es nicht die Performance auf der Bühne, die mich in Sendungen wie The Voice catched, sondern der Schnitt ins Publikum, der wie eine Legitimation meiner Gefühle wirkt.

  3. Blogartikel dazu: Fotografie-Links der Woche #28 – blog.kaikutzki.de